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Tatiana Golova: Räume kollektiver Identität

Cover Tatiana Golova: Räume kollektiver Identität. Raumproduktion in der »linken Szene« in Berlin. transcript (Bielefeld) 2011. 396 Seiten. ISBN 978-3-8376-1622-4. 32,80 EUR.

Reihe: Materialitäten - 16.
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Thema

Soziale Bewegungen gehören fest in das Themenspektrum der Soziologie. Unter welchen Bedingungen entstehen sie; wie gelingt ihnen die Mobilisierung von Mitgliedern; wie erreichen sie Öffentlichkeit? Diese und weitere Fragen sind in der politischen Soziologie und der Bewegungsforschung seit Jahrzehnten kanonisiert und wurden breit bearbeitet. Das Buch „Räume kollektiver Identität. Raumproduktion in der ‚linken Szene‘ in Berlin“ verbindet nun das Themenfeld ‚soziale Bewegungen‘ mit raumsoziologischen sowie identitätstheoretischen Überlegungen. Fokussiert wird die kollektive Identität - verstanden als geteilte Wir-Definition in sozialen Bewegungen - die sich (auch) räumlich materialisiert und auf diese Weise theoretisch wie empirisch leichter zugänglich erscheint. Das Ziel ist, „unter Rückgriff auf die Konzepte der Bewegungs- und Raumsoziologie einen theoretischen Entwurf zu formulieren, mit dem räumliche Mechanismen in Prozessen der Wir-Konstitution erfasst werden können“ (S. 10). Mit Hilfe des zu erarbeitenden theoretischen Vorschlags sollen die konkreten Prozesse der Wir-Konstruktion in der Berliner „linken Szene“ untersucht und das Konzept auf diese Weise einem Praxistest zugeführt werden.

Autorin

Tatiana Golova (Jahrgang 1977) ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. Sie studierte Soziologie in St. Petersburg und beschäftigte sich in ihrer Diplomarbeit mit der dortigen Hausbesetzer-Szene. Ihr Forschungsinteresse im Bereich der sozialen Bewegungen und der Raumsoziologie setzte sie mit einer Arbeit zur räumlichen Organisation von Prozessen kollektiver Identität in der Berliner „linken Szene“ fort, mit der sie 2010 an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg promovierte. Diese Dissertation wurde durch das Land Sachsen-Anhalt und die Universität Bielefeld (2004) gefördert und liegt dem hier besprochenen Buch zugrunde.

Entstehungshintergrund

Der Grundstein für das Interesse der Autorin an dem Forschungsthema wurde bereits 1996 gelegt, als ein Praktikum im Rahmen eines deutsch-russischen Austauschprojektes Tatiana Golova nach Berlin führte. Dort wohnte sie in einer Hausgemeinschaft in Kreuzberg und lernte hier Linksradikale und Antifaschisten sowie deren breit gefächerte Infrastruktur mit Infoläden, Wohnprojekten, Kollektivkneipen usw. kennen. Die Faszination an dieser neuen Erfahrung arbeitete sie später zu einem soziologischen Forschungsprojekt aus. Im Rahmen einer theoretischen wie empirischen Studie widmete sie sich der Berliner „linken Szene“, deren Alltagsleben, Orten und den Räumen, die sie kurz- oder langfristig durchsetzt. In einer an der lebensweltlichen Ethnographie (Honer 1993) orientierten Feldforschung erhob die Autorin in den Jahren 2000 bis 2003 ihre Daten in einer nur schwer zugänglichen und als geschlossen zu bezeichnenden Szene. In einer intensiven Teilnahme am Szeneleben, die etwa die Mitwirkung in einer Kollektivkneipe sowie die Teilnahme an Demonstrationen und Informationsveranstaltungen einschloss, erwarb Tatiana Golova umfassende Kenntnisse der linken Lebenswelt und knüpfte Kontakte, die zum Teil auch für Interviews relevant wurden.

Aufbau

Das Buch ist einschließlich Einleitung und Schlussbemerkung in acht Kapitel gegliedert. Zunächst wird in einem im Verhältnis zum Gesamttext recht kurzen Aufriss die Fragestellung der Arbeit skizziert (S. 9-19). Die mit Kapitel eins und zwei überschriebenen Teile (S. 21-149) widmen sich sodann der kollektiven Identität in sozialen Bewegungen sowie einem gesellschaftszentrierten Raumkonzept. Das dritte Kapitel formuliert die notwendigen methodischen Hinweise zur Feldstudie (S. 151-172). In den Kapiteln vier bis sechs werden die empirischen Ergebnisse in Beziehung zu dem erarbeiteten theoretischen Konzept gesetzt:

  • Kapitel vier stellt die „linke Kneipe“ als einen zu konstruierenden und zu verteidigenden Raum vor (S. 173-222).
  • Kapitel fünf thematisiert „Szeneläden als Ressourcen kollektiver Identität“ (S. 223-281).
  • Kapitel sechs geht auf „Symbolische Räume der linken Szene“ ein, wie sie z.B. bei Demonstrationen erzeugt werden (S.283-348).

Die Schlussfolgerungen (S. 349-364) fassen die Ergebnisse der einzelnen Kapitel zusammen und resümieren den Forschungsprozess.

Inhalt

Die Arbeit will bewegungs- und raumsoziologische Konzepte verknüpfen und daraus ein theoretisches Modell entwickeln, das die räumlichen Aspekte kollektiver Identität erfasst. Mit diesem Entwurf wird anschließend die Berliner „linke Szene“ im Hinblick auf deren Raumkonzeption untersucht.

Das erste Kapitel macht deutlich, dass zwischen individueller und kollektiver Identität zu unterscheiden ist. Kollektive Identität wird unter Rückgriff auf den Bewegungsforscher Alberto Melucci als eine interaktive und geteilte Wir-Definition verstanden, die die Orientierungen, Gelegenheiten und Einschränkungen des gemeinsamen Handelns der Individuen betrifft (S. 28f.). Identität wird hier als ein Prozess begriffen, der auf (Re-)Produktion und Aushandlung durch kollektive Akteure angewiesen ist. Mit dem bewegungssoziologischen Frames-Konzept werden die kognitiven Elemente des kollektiven Bewusstseins analysiert. Das „Wir“ wird zum einem durch geteilte Verhaltens-, Denk- und Erlebensmuster konstruiert, die im Alltag reproduziert werden, zum anderen wird es durch die Abgrenzung von einem „Anderen“ geformt, die eine gemeinsame symbolische Sinnwelt erst zur Grundlage des solidarischen Handelns macht. Mit dem Begriff der Szene orientiert sich die Autorin an der jugendsoziologischen Konzeption von Ronald Hitzler et al. (2005) und begreift die Berliner linke Szene als ein Bewegungsnetzwerk, dessen themenübergreifendes „Wir“ als „linksradikal“ beschrieben werden kann. Für die Stabilisierung der Szene und für das Wir-Bewusstsein sind ihre Treffpunkte relevant, weshalb den raumbezogenen Prozessen kollektiver Identität weiter nachgegangen wird.

Das zweite Kapitel fokussiert in einer theoretischen Analyse den Konnex von Räumen und kollektiver Identität. Es wird ein gesellschaftszentriertes Raumkonzept aufgegriffen, das ein „Behälter-Raum-Konzept“ kritisiert und eine relationale Raumauffassung nahe legt. Raum wird hier unter Rückgriff auf Martina Löw (2001) als relationale Anordnungen von Menschen und sozialen Gütern verstanden, die in der gesellschaftlichen Praxis reproduziert werden. Mit der Produktion von Räumen werden zugleich symbolische Ordnungen durchgesetzt, die das soziale Verhalten regeln. Räume strukturieren also rekursiv das Handeln, in dem auch identitäre, symbolische Strukturen rekursiv (re-)produziert werden. Es schwingt hier Anthony Giddens' Strukturationstheorie mit, wenn erklärt wird, wie sich die räumliche Organisation der Prozesse kollektiver Identität zeigt.

Im dritten Kapitel wird das methodische Vorgehen beschrieben. Die Autorin entschied sich für die beobachtende Teilnahme im Feld der „linken Szene“ als Zugang zum Interaktionsgeschehen und zu Spuren kollektiver Identität. Die daraus entstandenen Beobachtungsprotokolle und Feldnotizen wurden um zehn leitfadengestützte Interviews mit Mitgliedern der „linken Szene“ sowie um zu analysierende Bewegungs- und Mobilisierungstexte ergänzt, so dass die Methoden trianguliert werden konnten.

Das vierte Kapitel präsentiert das Beispiel einer linken Kneipe, die von den Akteuren eines Kneipenkollektivs unter schwierigen Bedingungen aufgebaut und mit politischem Charakter versehen wurde und die aufgrund eines Konflikts mit dem Hauseigentümer wieder aufgegeben werden musste. Cafés, Kneipen, Buchläden u.Ä. sind häufig gewählte sozialräumliche Institutionen von Bewegungsmilieus, die auch als Freiräume bezeichnet werden und einen gewissen Schutz vor Repressionen bieten sollen. Anhand der umkämpften Kneipe und des angeschlossenen Kulturprojekts wird in diesem Kapitel die Rolle des Raumes bei der Identitätskonstruktion beschrieben. Die Autorin ergänzt ihr theoretisches Modell aufgrund der empirischen Daten um das Konzept der emotional-körperlichen Raumsynthese. Ein einheitliches „Wir“ - so zeigte sich bei der polizeilichen Räumung des Projekts - kann auch durch eine geteilte Körperlichkeit von zusammenrückenden Menschen auf einer symbolischen und materiellen Ebene geschaffen werden. Emotional aufgeladene Erlebnisse sind für die Konstruktion von Wir-Identitäten besonders förderlich.

Im fünften Kapitel nimmt die Autorin Szeneläden und linke Kneipen noch einmal im Hinblick auf deren Bedeutung als Identitätsressource unter die Lupe und geht der Frage nach, wie hier eigentlich Raum in einem sozialen Prozess hergestellt wird. Die Ausgestaltung der Kneipe folgt der typischen Häuserkneipe-Ästhetik, nämlich der einer „gepflegten Schmuddeligkeit“ (S. 238), die durchaus auch als Kampfstrategie gegen „die Yuppies“ interpretiert werden kann. Eine zentrale Bedeutung entfaltet die linke Kneipe als Anschlussort und als Angebot zur Kommunikation. Tatiana Golova arbeitet in diesem Kapitel heraus, dass es eigentlich um soziale Beziehungen geht: Kneipen sind Treff- und Anlaufpunkte, an denen die Akteure einander begegnen und zugleich ihre soziale Identität als Angehörige der „linken Szene“ einerseits sowie die kollektive Identität der „linken Szene“ andererseits reproduzieren können.

Das sechste Kapitel widmet sich symbolischen Räumen der linken Szene und geht hier insbesondere auf die Gegnerschaft gegen einen Dritten ein („Wir gegen Sie“), die für die Vergemeinschaftung der linken Szene und für die Produktion einer kollektiven Identität von zentraler Bedeutung ist. Die Autorin stellt das „Freiräume“-Konzept vor, das Teil eines raumbezogenen ideologischen Diskurses der „linken Szene“ ist. Anschließend thematisiert sie Demonstrationen, bei denen sie sich vorrangig für die räumlichen Anordnungen interessiert. Hier erweist sich - wie in den vorhergehenden beiden Kapiteln auch - der Begriff des „sozialen Geschehens“ als hilfreich, der die Produktion von Räumen ebenso beschreibbar macht wie die Produktion einer Szene-Gemeinschaft.

Diskussion

Das Buch gibt interessante Einblicke in eine geschlossene Szene, die sich für eine sozialwissenschaftliche Forschung als schwer zugänglich zeigt. Die aufwändige Feldstudie, die dieser Arbeit zugrunde liegt, führt nicht nur zu aufschlussreichen Beschreibungen der „linken Szene“, sondern auch erst zu der klugen theoretischen Fragestellung der Autorin. Den Leser und die Leserin erwartet in diesem Buch kein Szeneporträt, denn die Autorin interessiert etwas anderes; nämlich der Zusammenhang von Raum und kollektiver Identität. Das theoretische Modell wird konsequent auf das empirische Material angewendet und um die notwendigen Konzepte erweitert. Für Raumsoziologen und Forschende im Bereich sozialer Bewegungen sind die Einsichten dieses Buches spannend; im Themenfeld Identität führt das Buch bestehende Diskurse nicht weiter.

Die Erkenntnisse dieser Arbeit gestalten sich hin und wieder als etwas schwer zugänglich, denn das Buch ist mit 393 Seiten nicht nur recht lang, sondern es enthält auch Redundanzen und Überflüssiges. So wird z.B. im ersten Kapitel zunächst der Szene-Begriff bei Gerhard Schulze geklärt, um dieses Konzept zu verwerfen und auf jenes von Ronald Hitzler und Kollegen zurückzugreifen. Immer wieder werden schon genannte und erklärte Sachverhalte noch einmal in verknappter Form wiederholt. Auf Zwischenfazits folgen nach jedem Kapitel abschließende Bemerkungen, so dass sich schon Bekanntes abermals im Text findet.

Für die Leserin und den Leser, die keine intensiven Kenntnisse der „linken Szene“ haben, ist vielleicht bedauerlich, dass das empirische Material mitunter hinter der intensiven theoretischen Reflexion verblasst. Die Kennerschaft der Autorin und der zeitliche Abstand zwischen Feldphase und Datenanalyse sowie Textlegung führen dazu, dass zwar die Autorin das empirische Material durchdrungen hat und auf einem abstrakteren Niveau darstellen kann, aber die Einsichten in das Material und dessen Interpretation bleiben auf bedauerliche Weise farblos.

Fazit

Das Buch verbindet am spannenden Beispiel der Berliner „linken Szene“ raumsoziologische und identitätstheoretische Überlegungen mit dem Themenfeld der sozialen Bewegungen. Es entwickelt ein überzeugendes theoretisches Modell und ergänzt dieses im empirischen „Praxistest“ um die Kategorien Körper und Emotionen. Ein Szeneporträt liefert es nicht, wohl aber eine theoretische Reflexion auf der Grundlage einer ethnographischen Studie. Wegen des (mitunter zu) großen Textumfangs seien dem eiligen Leser die abschließenden Bemerkungen eines jeden Kapitels sowie die Schlussbemerkungen empfohlen.

Literatur

  • Löw, Martina (2001): Raumsoziologie. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
  • Hitzler, Ronald/Bucher, Thomas/Niederbacher, Arne (2005 [2001]): Leben in Szenen. Formen jugendlicher Vergemeinschaftung heute. Wiesbaden: VS Verlag.
  • Honer, Anne (1993): Lebensweltliche Ethnographie. Ein explorativ-interpretativer Forschungsansatz am Beispiel von Heimwerker-Wissen. Wiesbaden: Deutscher UniversitätsVerlag.

Rezension von
Dr. Yvonne Niekrenz
Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie und Demographie der Universität Rostock
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Zitiervorschlag
Yvonne Niekrenz. Rezension vom 31.08.2011 zu: Tatiana Golova: Räume kollektiver Identität. Raumproduktion in der »linken Szene« in Berlin. transcript (Bielefeld) 2011. ISBN 978-3-8376-1622-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11552.php, Datum des Zugriffs 11.04.2021.


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