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Heinz-Günter Micheel: Quantitative empirische Sozialforschung

Rezensiert von Dipl. Sozialpädagogin Christina K. Göttgens, 07.11.2011

Cover Heinz-Günter Micheel: Quantitative empirische Sozialforschung ISBN 978-3-8252-8439-8

Heinz-Günter Micheel: Quantitative empirische Sozialforschung. UTB (Stuttgart) 2010. 188 Seiten. ISBN 978-3-8252-8439-8. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR.
Reihe: UTB - 8439. Studienbücher für soziale Berufe - 10
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Thema

Zweifelsohne gewinnt die Forschungstätigkeit innerhalb der Sozialen Arbeit und allgemein in den Sozialwissenschaften mehr und mehr an Bedeutung. Gemessen werden kann dies etwa an der wachsenden Zahl empirischer Studien, die Befunde zu unterschiedlichsten sozialwissenschaftlichen Forschungsfragen liefern wollen. Um diese Fragestellungen zu untersuchen, kann dabei prinzipiell auf zwei methodologisch sehr unterschiedliche Theorienschulen Bezug genommen werden: Einerseits gibt es die qualitative und andererseits die quantitative empirische Sozialforschung. Des Weiteren kann differenziert werden zwischen soziologisch und psychologisch verorteten Methoden. Im hier vorgestellten Buch werden die für quantitative Studiendesigns erforderlichen methodologischen und methodischen Grundkenntnisse vermittelt. In Anlehnung an die soziologisch geprägte empirische Sozialforschung geht der Autor in diesem Buch von einem allgemeinen Erkenntnisinteresse innerhalb der empirischen Sozialforschung aus, welches sich auf die Untersuchung sozialer Sachverhalte auf der Ebene von Systemen („Untersuchung von Aggregaten“) bezieht. Eine Unterscheidung erkenntnisleitender Interessen der einzelner Professionen (hier Soziologie, Erziehungswissenschaften, Soziale Arbeit) lässt sich demnach lediglich an den unterschiedlichen Forschungsfeldern ablesen.

Autor

Dr. Heinz-Günter Micheel arbeitet als Privatdozent an der Fakultät für Erziehungswissenschaft der Universität Bielefeld, hatte eine Vertretungsprofessur an der Helmut-Schmidt Universität inne und wirkt am Institut für Soziologie der Universität Marburg. Arbeitsschwerpunkte von Dr. Micheel sind u.a. die Jugendhilfeforschung und die evidenzbasierte Praxis in der Sozialen Arbeit sowie die Methoden und Techniken der empirischen Sozialforschung.

Entstehungshintergrund

Micheel bemerkt im Vorwort des Buches die vorhandenen Mängel in Bezug auf ausreichende Kenntnis und sicheren Umgang mit quantitativen Methoden empirischer Sozialforschung – insbesondere bei empirisch Forschenden des Fachbereichs Sozialer Arbeit. Mit seiner hier vorgestellten Veröffentlichung bietet er „Studierenden der Sozialen Arbeit, der Erziehungs- und Sozialwissenschaften und Praktikern in sozialen Berufen die notwendigen Grundkenntnisse, um empirische Forschung zu verstehen und selbst anwenden zu können“ (s. Vorwort).

Aufbau und Inhalt

Der Autor skizziert den Ablauf quantitativer empirischer Sozialforschung und legt dabei den Schwerpunkt auf die Forschungsphasen der Datenerhebung und -auswertung. So werden insbesondere statistische Grundkenntnisse und verschiedene Datenanalyseverfahren vorgestellt und erläutert. Hierneben vermittelt Micheel methodologische Grundlagenkenntnisse.

Dem Vorwort folgen insgesamt 13 Kapitel, die das 188 Seiten umfassende Buch gliedern. Zahlreiche Abbildungen und Tabellen ergänzen die Ausführungen des Verfassers. Anm.: Die fett abgedruckten Worte der nachfolgenden Inhaltszusammenfassung entsprechen den jeweiligen Kapitelüberschriften des hier vorgestellten Lehrbuches (Beispiel: Kapitel 1 Ziel und Forschungsprozess).

Kapitel 1 skizziert auf acht Buchseiten das Ziel empirischer Sozialforschung und die einzelnen Phasen im Forschungsprozess.

Kapitel 2 beschäftigt sich, zusammengefasst auf sieben Seiten, mit den Grundlagen von Wissenschaft. So wird das übergeordnete Ziel empirische Sozialforschung, in Anlehnung an den amerikanischen Soziologen Earl Babbie, anhand der Untersuchung aggregiertem Verhaltens (im Gegensatz zu individuellem Verhalten) definiert. Es gilt demnach, Systeme zu untersuchen (im Gegensatz zur Erklärung von Individuen). Die Elemente in diesen Systemen sind Variablen (im Gegensatz zu Individuen). Im Fokus stehen somit die Untersuchung von Variablen und deren Verhältnis zueinander.

Kapitel 3 erklärt auf den folgenden sieben Seiten wissenschaftstheoretische Grundbegriffe. Micheel verdeutlicht beispielsweise die Begriffe idiographisches Verstehen und nomothetische Erklärung anhand deren wissenschaftlicher Zielsetzungen. Das Kapitel endet mit einer Beschreibung des nomothetisch-deduktiven Ansatzes als methodologische Theorieunterfütterung quantitativer Sozialforschung.

Kapitel 4 fasst unter der Überschrift Theorien und Paradigmen auf insgesamt vier Seiten das Abstraktionsniveau und die Reichweite von Mikro- und Makro-Theorien, der Sozialstrukturanalyse und der Rational-Choice-Theorie zusammen. Darüber hinaus werden zwei innerhalb der empirischen Sozialforschung Anwendung findenden und grundsätzlich unterschiedlichen wissenschaftlichen Denkweisen (Paradigmen) vorgestellt: das interpretative und subjektorientierte Forschen (qualitativ orientierte Forschung) und das normative und auf die Regelmäßigkeiten von sozialen Sachverhalten auf der Ebene von Aggregaten hin untersuchende Forschen (quantitativ orientierte Forschung).

Kapitel 5 beschreibt die Phasen der Konzeptualisierung und Operationalisierung im empirischen Forschungsprozess. Micheel legt den Fokus an dieser Stelle auf das Messen sozialer Sachverhalte, sprich auf einen Teilaspekt der Datenerhebung. In diesem Kapitel werden durch Tabellendarstellungen u.a. das Messen von beobachtbaren Sachverhalten (s. Tab.2) und die verschiedenen Skalenniveaus (s. Tab.3) veranschaulicht.

Kapitel 6 trägt die Überschrift Dimensionierung und Typisierung von Merkmalen. Hier wird auf insgesamt sieben Seiten auf die Indexbildung, Skalierungsverfahren und Typologien eingegangen. So wird beispielsweise der Vorgang des Zusammenfassens mehrerer Variablen (Items, Indikatoren) anhand verschiedener Verfahren (gewichtete additive und multiplikative Indizes) sowie die Bildung einer theoretisch begründeten Typenbildung expliziert.

Kapitel 7 behandelt die Thematik Untersuchungseinheiten und -design. Neben den Fragen „Wer oder was soll untersucht werden?“ geht der Autor auch auf die Möglichkeit der Nutzung von Sekundärdaten ein, unterscheidet Quer- und Längsschnittstudien und stellt Beispiele für Trend-, Panel- und Kohortenstudien vor.

Kapitel 8 beinhaltet die Erläuterung gängiger Auswahlverfahren, die in quantitativen Studien Anwendung finden können. Gemäß der Gewichtung durch den Autor ist die Stichprobenauswahl und -ziehung demnach eine der elementarsten Entscheidungen im Forschungsprozess. Micheel wählt die Kategorisierung in zufallsgesteuerte und nicht zufallsgesteuerte Auswahlverfahren und beschreibt auf 13 Buchseiten verschiedene Möglichkeiten der Stichprobenbildung (und wählt zur Veranschaulichung die ALLBUS-Studien). Auch geht er auf Vor- und Nachteile der vorgestellten Auswahlverfahren ein.

Kapitel 9 gibt einen Einblick in die standardisierte Erhebung sozialer Daten. Neben dem Basisinstrument der quantitativen empirischen Sozialforschung – das standardisierte Interview – zeigt der Autor auch die Möglichkeit der direkten Beobachtung auf. Der Schwerpunkt in diesem Kapitel liegt jedoch auf der Durchführung von standardisierten Befragungen. Anhand diverser Abbildungen erläutert Micheel den Unterschied etwa zwischen Alternativ-, Skalen-, Katalog- und Hybridfragen. Auch werden u.a. Faustregeln für die Frageformulierungen und Fallstricke bei der Fragebogenkonstruktion vor Augen geführt. Ein Exkurs, in dem die quantitative Inhaltsanalyse vorgestellt wird, beendet dieses Kapitel.

Kapitel 10 behandelt den Themenkreis Evaluation, Wirkungsforschung, Experimente und Quasi-Experimente. Dabei werden v.a. die Kontrollexperimente als der „Königsweg“ der Evaluationsforschung kritisch von Micheel hinterfragt. Gleichzeitig benennt er als Alternative die realistische Wirkungsevaluation, die auf Quasi-Experimenten basiert und multiperspektivisch verschiedene Ebenen von Wirkungsfaktoren und -voraussetzungen berücksichtigt.

Kapitel 11 beschäftigt sich mit Fragen nach ethischen Kriterien, die im Zusammenhang mit der Durchführung empirischer Sozialforschung beachtet werden sollten.

Kapitel 12, das umfassendste Kapitel mit insgesamt siebenundvierzig Seiten, bildet das Herzstück des Buches und beschreibt wichtige Elemente der Datenanalyse. So werden zu Beginn des Kapitels die Datenaufbereitung und -bereinigung sowie stichpunktartig Begriffe der Statistik erläutert. Hiernach werden univariate und bivariate Statistikberechnungen und Signifikanztests anhand von Beispielen exemplarisch durchgeführt und interpretiert. Zuletzt geht Micheel noch auf multivariate statistische Verfahren ein; hier bildet er das Gegensatzpaar strukturentdeckende vs. strukturprüfende Verfahren.

Kapitel 13 bietet zur Prüfungsvorbereitung Übungen in Form von Lernkontrollfragen an. So werden Multiple-Choice-Fragen aus im Buch behandelten Themenbereichen und darüber hinaus Aufgaben für deskriptive Statistik gestellt. Am Ende des Kapitels sind die entsprechenden Lösungen dieser Aufgaben abgedruckt.

Diskussion

Generell kann man geteilter Meinung sein, ob eine rigide Trennung quantitativer und qualitativer Methodenschulen heute noch aufrechterhalten werden sollte. Diese Diskussion ist jedoch nicht Thema der vorliegenden Publikation. Wird das Lehrbuch alleine aus dem Aspekt der vom Autor anvisierten Zielgruppe und -formulierung heraus betrachtet, bietet es genau das, was auf dem Klappentext angepriesen wird: Es richtet sich an Studierende der Sozialen Arbeit, der Erziehungs- und Sozialwissenschaften und bietet die Vermittlung von prüfungsrelevanten Inhalten – und das alles übersichtlich und verständlich aufbereitet. Micheel setzt den Schwerpunkt dabei auf die Anwendung von statistischen Formeln und bietet somit tatsächlich eine große Hilfe für die Vorbereitung auf anstehende Statistikprüfungen an. Die Gliederung ist für meinen Geschmack ein wenig zu kleinschrittig; hier könnten vielleicht einige der (teilweise lediglich 4-8 Seiten umfassenden) Kapitel gebündelt werden. Dennoch, und das ist wohl der wesentliche Aspekt für ein Lehrbuch: Es ist gut lesbar und in (fast) allen Ausführungen nachvollziehbar. Dabei erleichtern die konstruierten Beispiele den Transfer von der abstrakten Statistikformel über die Berechnung bis hin zur Interpretation dieser Rechenergebnisse. Leider haben sich bei den Berechnungsbeispielen m.E. einige Fehler eingeschlichen, die u.U. beim Nachvollzug der mathematischen Operationen verunsichern können. Meine Empfehlung deshalb an dieser Stelle: Bei einer Neuauflage sollten diese Fehler bereinigt werden. Dennoch: Dieses Buch ist m.E. ein „Muss“ für alle angehenden SozialforscherInnen! Erwähnenswert sind auch die in Kapitel 13 angebotenen Übungen: Nützlich sind diese sowohl für die auf Prüfungsklausuren hin lernenden Studierenden als auch für interessierte LeserInnen zur Kontrolle dessen, ob der Wissenstransfers gelungen ist. Gerade für Studierende und Autodidakten wäre es jedoch wünschenswert, wenn die Lösungen zu den Übungen der deskriptiven Statistik nicht nur die Lösung sondern auch den Lösungsweg beinhalten würden.

Fazit

Insgesamt bietet das Lehrbuch durch die Darstellung und den Aufbau vor allem für „Anfänger“ in Sachen quantitativer empirischer Forschung und Studierende der Sozialwissenschaften einiges. So werden etwa die Begriffe „gewichtete additive Indizes, Klumpenstichprobe und Validität“ verständlich erklärt. Auch die (für den einen oder anderen Leser hochkomplex aussehenden und deshalb vielleicht abschreckend wirkenden) Formeln, die zur Errechnung von Varianz, Standardabweichung, Koeffizienten Kendalls Tau-b, Cramer´s V, Chi-Quadrat usw. benötigt werden, sind durch die transparente Anwendung anhand einfacher Beispiele einleuchtend erklärt. Nach dem Durcharbeiten des Buches wird der Umgang mit statistischen Formeln und die Interpretation der Rechenoperationen u.a. gelingen und dank der im Anhang beigefügten Lösungen der Übungen aus Kapitel 13 werden Studierende gut vorbereitet in die Statistikprüfung gehen können.

Rezension von
Dipl. Sozialpädagogin Christina K. Göttgens
Promoviert zurzeit zum Thema „Evaluation von präventiven Hilfen für Kinder psychisch kranker Eltern: Grundpositionen, Diskurse und Konzepte. Eine sozialpädagogische Analyse.“ Diese Dissertation wird an der Fakultät für Bildungswissenschaften der Universität Duisburg-Essen bearbeitet und betreut.
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Es gibt 13 Rezensionen von Christina K. Göttgens.

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Zitiervorschlag
Christina K. Göttgens. Rezension vom 07.11.2011 zu: Heinz-Günter Micheel: Quantitative empirische Sozialforschung. UTB (Stuttgart) 2010. ISBN 978-3-8252-8439-8. Reihe: UTB - 8439. Studienbücher für soziale Berufe - 10. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11554.php, Datum des Zugriffs 26.11.2022.


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