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Marisol Sandoval, Sebastian Sevignani u.a. (Hrsg.): Bildung MACHT Gesellschaft

Cover Marisol Sandoval, Sebastian Sevignani, Alexander Rehbogen, Thomas Allmer, Matthias Hager, Verena Kreilinger (Hrsg.): Bildung MACHT Gesellschaft. Verlag Westfälisches Dampfboot (Münster) 2011. 257 Seiten. ISBN 978-3-89691-876-5. 29,90 EUR.
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Thema

Die Umsetzung des Bologna-Prozesses hat eine Reihe von Debatten und Protesten ausgelöst, die verschiedene Aspekte der Reformen aufgegriffen haben und durchaus kein national beschränktes Phänomen darstellen. Der Band versteht sich so auch als Fortsetzung speziell der von Österreich ausgehenden „Unibrennt„-Protestbewegung und greift dort thematisierte Kritikpunkte wie mangelnde Finanzierung der Hochschulen, Fremdbestimmung und Ökonomisierung der Lehre auf und sorgt für allem für eine Theorie- und Recherchebasis. Künftige Proteste erhalten so Rückenwind und eine Argumentationshilfe. Konkret aufgegriffen werden nicht nur der Bologna-Prozess, sondern auch verwandte Phänomene innerhalb und außerhalb der Hochschulpolitik.

Aufbau

Nach einem Vorwort von Alex Demirović und einer Einleitung der Herausgeber folgen drei Teile, die thematisch gegliedert sind nach einer grundsätzlich-philosophischen Betrachtung im ersten Teil, einem zweiten Teil, der den Transfer auf die aktuell gegebene bildungspolitische Situation leistet, und einem dritten Teil, der sich speziell mit der Protestperformanz beschäftigt. Im folgenden soll nun eine Auswahl der Sammelbandsbeiträge skizziert werden.

I. Bildungsbegriffe

Die letzte Aufgabe unseres Daseins. Über Bildung und ihre Deformation im Zeitalter des Wissens (Konrad Paul Liessmann) Am Beispiel des Schlagwortes der „Wissensgesellschaft“ verdeutlicht Liessmann die mit einer zunehmenden Ökonomisierung einhergehende Entwertung des humanistischen Bildungskonzeptes. In der Auseinandersetzung mit dem Bildungsbegriffs Humboldts stellt er eine Gegenthese zur Disposition, die sich an der Kritik Nietzsches und später Adornos an den damaligen Bildungssystemen bricht. Der „Theorie der Halbbildung“ Adornos stellt Liessmann schließlich seine eigene „Theorie der Unbildung“ gegenüber, nach der sich die gegenwärtige „Wissensgesellschaft“ gar nicht mehr als Inflation von Halbbildung begreifen lässt, sondern vielmehr als „selbstbewusst gewordene Bildungslosigkeit“ (50).

Humboldts Licht und Bolognas Schatten auf der Wissensgesellschaft (Jürgen Mittelstraß) Mittelstraß greift nun den Begriff der „Wissensgesellschaft“ in anderer Weise auf als Liessmann. Für ihn birgt er auch die Chance auf eine Wissensgesellschaft, die Wissen nicht als bloße Information versteht. Leitet man Wissen von Wissenschaft ab, so ließe sich „Wissensgesellschaft“ auch anders als auf bloßer Informationsproduktion basierend verstehen. Hierzu, so lässt sich die These Mittelstraß“ pointiert zusammenfassen, ist aber eine Besinnung auf die humboldtschen Ideale vonnöten, die im Zuge des Bologna-Prozesses zunehmend ins Abseits geraten.

II. Bildungsrealitäten

„Wieso, weshalb, warum macht die Schule dumm?“ Oder: Über die Erziehung zum tauglichen Konkurrenzsubjekt (Freerk Huisken) Huisken legt seiner Abhandlung zur Herstellung von Dummheit durch das Bildungssystem die Annahme zu Grunde, dass diese sowohl durch das, was Gelernt wird, als auch durch das, was nicht an Schüler herangetragen wird, in die Wege geleitet wird. Inhalte an Schulen implizieren die Affirmation bestehender Ungerechtigkeiten, ohne dies zwangsläufig offen auszudrücken, während kritische Inhalte vermieden werden. Zudem ist das Prinzip der Normalverteilung bei der Notenvergabe dazu geeignet, die Verinnerlichung des Konkurrenzprinzips zu erreichen und die damit verbundene Ungerechtigkeit als Prinzip individueller Anstrengung und Leistung zu tarnen. Sichergestellt wird so die Rekrutierung von Funktionsträgern im kapitalistischen System auf dem Arbeitsmarkt, die notwendig auch Personen ausschließen oder auf niedere Plätze verweisen muss. Dabei ist nicht von einer bewussten Manipulation zu sprechen, sondern von einer unbewusst-latenten Weitergabe verinnerlichter systemkonformer Überzeugungen.

Hochschule und Demokratie - ein Dauerkonflikt (Torsten Bultmann) Demokratische Werte liegen quer zu den Prinzipien der Wissenschaft, dieser Sachverhalt wird oft dazu instrumentalisiert, demokratische Strukturen an Hochschulen als inadäquat und ineffektiv zu diskreditieren. Bultmann legt jedoch dar, dass Demokratie gleichwohl Bedingung von Wissenschaft ist. Er setzt sich damit auseinander, wie die Durchsetzungen von Managementprinzipien an Hochschulen dazu führt, dass durch eine Machtkonzentration bei der Hochschulleitung demokratische Prinzipien untergraben werden. Dies macht es sehr schwer Fehlentscheidungen zu korrigieren und führt zu einer mangelnden Transparenz der Entscheidungsprozesse.

Leistung oder „Matthäus-Prinzip“? - Die hierarchische Differenzierung der deutschen Universitäten durch die Exzellenzinitiative (Michael Hartmann) Trotz anders lautender Bekundungen der Initiatoren hat die Exzellenzinitiative eine Marginalisierung der Sozial- und Geisteswissenschaften zur Folge, bzw. treibt diese voran. Der Autor macht dies anhand der Zahl erfolgreicher Anträge deutlich. Daneben wird die Tendenz eines Zweiklassensystems der Hochschulen und einer Elitebildung nach dem Vorbild der USA manifest. Das dortige Prinzip beruht weniger auf einer tatsächlich exzellenten Ausbildung an den Spitzenuniversitäten, als auf einer pfadabhängigen, damit kaum reversiblem und sich selbst reproduzierenden Zuschreibungspraxis bezüglich der Wertigkeit der Abschlüsse. Das US-System nachahmend konzentrieren sich die leistungsbezogen verteilten Gelder im Zuge der Exzellenzinitiative auf wenige Hochschulen, während die übrigen abrutschen und immer weniger Forschungskapazitäten zur Verfügung haben. Schließlich kann dies sogar zur Herausbildung reiner Lehrhochschulen führen. Die Anwendung marktwirtschaftlicher Prinzipien und des Konkurrenzsystems auf den Bereich der tertiären Bildung führt schließlich zu Problemen der Unterfinanzierung der „Verlierer“ ohne dass die deutschen Spitzenuniversitäten das wirtschaftliche Niveau der „Ivy League“ erreichen könnten.

Überlegungen zur Zukunft von Forschung und Lehre an der Universität vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklungen (Ilse Schrittesser) Von Schrittesser wird der Blick nun auf die Professionalisierung in der Wissenschaft gelenkt. Dabei bezieht sie sich auf die Professionalisierungstheorie von Oevermann, nach der sich die Profession der Wissenschaft der stellvertretenden Krisenbewältigung zu widmen habe, die sich anders als andere Professionen nicht auf einzelne Personen als Klienten, sondern auf die Gesellschaft richtet. Im Widerspruch von Forschungsfallibilismus und nicht-standardisierbaren Anteilen konstituiert sich wissenschaftliches Handeln. Wesentlich ist, dass Studierende hierbei nicht als Schüler, sondern als an ebendiesem Handeln zu beteiligende Kollegen auftreten. Schrittesser tritt für die Besinnung auf ebendiesen genuin wissenschaftlichen Aufgabenbereich und Handlungsmodus ein, um so der Hochschulreform eine andere Wendung zu geben. Es gilt zudem die günstigste Mischform der in Anschluss an Stichweh explizierten Hochschulformen (College- bzw. Tutorialtyp mit enger Betreuung und freierer, disziplinär orientierter Typ) zu finden.

III. Bildungsproteste

Das Realismusproblem von Gesellschaftskritik in der Mediengesellschaft Am Beispiel der Studierendenbewegung „Unibrennt“ (Sebastian Sevignani / Marisol Sandoval) Dieser Beitrag setzt sich kritisch mit der Studierendenbewegung „Unibrennt“ auseinander und fokussiert hier insbesondere die mediale Kommunikation der Protestbewegung. Es wird dabei unterschieden zwischen selbstbestimmten und fremdbestimmten medialen Kommunikationsformen. Die selbstbestimmte mediale Kommunikation von „Unibrennt“, die überwiegend durch dessen Webpräsenz realisiert wurde, zeigte eine starke Anpassung an kommerzielle Massenmedien mit dem Ziel, deren Aufmerksamkeit zu erlangen. Die Ausgestaltung des Protestes war wiederum stark ausgerichtet an der fremdbestimmten medialen Kommunikation. Dies führte zu medienwirksamen Inszenierungen, aber auch zur Unterdrückung von radikaler Kritik in der Bewegung „Unibrennt“. In einem Gegenentwurf wird vorgeschlagen, Akteur/innen von Protestbewegungen zumindest punktuelle Erfahrungen, die frei von Verwertungszusammenhängen sind, zu ermöglichen, um dem Realismusproblem, nach dem solches schnell von vorneherein für unmöglich erklärt wird, entgegenzutreten. Weiterhin wird für eine nachhaltige Etablierung Kritischer Wissenschaft an Universitäten plädiert, einen wirksamen Angriff auf kritisierte Institutionen (etwa durch konsequente Hörsaalbesetzungen) und für eine Vermeidung von antiutopistischer Selbstbeschränkungen bei der medialen Kommunikation.

Diskussion

Mit der Erkenntnis, dass es kein Zurück mehr gibt, ist fundamentale Kritik am Bologna-Prozess seltener geworden. Zwar wird noch an der Feinjustierung gearbeitet, die grundsätzliche Stoßrichtung scheint jedoch zunehmend akzeptiert zu werden. Der vorliegende Sammelband stellt hier jedoch eine Ausnahme dar. Die meisten Autorinnen und Autoren scheuen sich nicht, auch apodiktisch geäußerte Tatsachenbehauptungen in Frage zu stellen. Die Beiträge werden dabei nicht nur bildungsphilosophisch fundiert, sondern auch, wie im Beitrag von Himpele „Krise der Bildung - Krise der Sozialdemokratie“, in einen gesamtpolitischen Zusammenhang gestellt. Gerade die grundsätzliche Neubetrachtung des Bologna-Prozesses und anderer hochschulpolitischer Ereignisse wie der Exzellenzinitiative stellt vor dem Hintergrund einer problematischen Aushöhlung des Bildungsbegriffs und der Gefahr eines Demokratiedefizits in der Hochschulpolitik und internen Hochschulverwaltung einen wichtigen Eingriff dar, der hoffentlich nicht ganz folgenlos bleiben wird. Zwar gleiten einige Beiträge des Bandes gelegentlich ein wenig ins Pauschalisierende und ins Polemische ab, jedoch zeigt sich im Gesamten eine wohlfundierte Neubetrachtung des Gegenstandes, deren Stärke gerade in der durch die Autorenvielfalt gegebenen Multiperspektivität liegt, die nichtsdestotrotz ein konsistentes Gesamtbild liefert.

Fazit

Das Buch ist für alle diejenigen empfehlenswert, die sich nicht mit einer nur vordergründigen Analyse aktueller Hochschulpolitik zufrieden geben wollen.


Rezension von
Dr. Lena Becker
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Zitiervorschlag
Lena Becker. Rezension vom 30.09.2011 zu: Marisol Sandoval, Sebastian Sevignani, Alexander Rehbogen, Thomas Allmer, Matthias Hager, Verena Kreilinger (Hrsg.): Bildung MACHT Gesellschaft. Verlag Westfälisches Dampfboot (Münster) 2011. ISBN 978-3-89691-876-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11558.php, Datum des Zugriffs 08.07.2020.


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