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Michael Günter: Gewalt entsteht im Kopf

Cover Michael Günter: Gewalt entsteht im Kopf. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2011. 170 Seiten. ISBN 978-3-608-94677-2. 14,95 EUR, CH: 22,90 sFr.
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Autor

Prof. Dr. med. Michael Günter ist kommissarischer ärztlicher Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Universität Tübingen. Er arbeitet selbst seit vielen Jahren mit jugendlichen Gewalttätern und schöpft in diesem Buch u.a. auch aus seiner Praxis.

Aufbau

Der Autor befasst sich in 10 Kapiteln mit dem Phänomen der Gewalt. Dabei ist es ihm ein wichtiges Anliegen, dass sein Buch trotz des schwierigen und komplexen Themas nicht zu trocken zu lesen ist. Er reichert es deshalb mit populären Filmen an, anhand derer die wichtigsten Gewaltmechanismen aus psychoanalytischer Perspektive dargestellt und erläutert werden. Zusätzlich bedient er sich Beispielen aus der Literatur und Mystik sowie eigener Fallbeispiele, die seine Analysen illustrieren. Daraus leitet er Überlegungen zum Umgang mit Gewalt ab.

Inhalt

Wie kommen Menschen dazu, Gewalt auszuüben? Weshalb spielt sie in ihrer Phantasie eine Rolle, weshalb prügeln sie einfach andere zu Tode, verprügeln oder quälen sie? Dieser Frage geht Michael Günter in seinem Buch nach. Durch eine verständliche Auseinandersetzung mit dem allgegenwärtigen Phänomen der Gewalt und den zugrundeliegenden psychischen Mechanismen sollen die LeserInnen in die Lage versetzt werden, zu einer rationaleren, weniger emotional aufgeladenen Diskussion in der Öffentlichkeit beizutragen.

In der Einleitung Gewalt – ein menschliches Grundphänomen befasst sich der Autor zunächst mit der Bedeutung von Filmen, ihrer Wirkung auf Menschen allgemein sowie der Beeinflussung von Kindern und Jugendlichen. Er vertritt die Position, dass Menschen ein aggressives, für ihre Entwicklung wichtiges Potential in sich tragen, das dann in Destruktivität entgleist, wenn sie traumatisiert wurden. In der für eine Einleitung gebotenen Kürze diskutiert er unterschiedliche Sichtweisen zum Konsum von Gewalt in Bildmedien, Filmen und Computerspielen, wobei er abschließend festhält, dass gewalthaltige Videospiele dann einen kausalen Risikofaktor für die Zunahme aggressiven Verhaltens, aggressiver Gedanken und Affekte darstellt, wenn die Personen sich immer mehr aus ihrer sozialen Realität zurückziehen.

Danach geht er in 10 Kapiteln Fragen der Gewalt und was wir dagegen tun können nach:

1. Gewalt aus Leidenschaft oder was Gewalt mit Schamgefühl zu tun hat. Am Beispiel einer Sequenz aus dem Film „Spiel mir das Lied vom Tod“ werden zwei Aspekte von Gewalt thematisiert: sadistische, auf zynisch kalter Berechnung und Machtstreben beruhende Gewalt, die das „Böse“ verkörpert und ein weitaus häufigerer Mechanismus der Gewalt aus Rachephantasien, die aus absoluter Hilflosigkeit und Ohnmacht entsteht. Für diese zweite Form der Gewalt führt er das Beispiel eines Mädchens an, das versucht, seinen Bruder zu erschießen, der es jahrelang sexuell missbraucht hat. Ohne Gewalt dadurch rechtfertigen zu wollen, plädiert er für ein Verständnis für die Motive der TäterInnen, um gewalttätige junge Menschen genau auf dieser Ebene erreichen zu können.

2. Faszinosum Gewalt oder Macht und magische Kräfte. Anhand des Films „Krabat“ nach dem Buch von Otfried Preußler werden im 2. Kapitel Überlegungen zur magisch omnipotenten Macht entfaltet, bei der alles unter Kontrolle gehalten werden muss, um eigene schwache, verletzliche und anlehnungsbedürftige Seiten nicht spüren zu müssen. Durch Konfrontation der Mächtigen mit den schwachen Seiten, so der Autor könnte es gelingen, den Machtzirkel zu durchbrechen.

3. Die Lust an der Macht und die Herrschaft des Schreckens. Am Beispiel des Films „Uhrwerk Orange“ wird die Illusion thematisiert, dass sowohl der Mensch als auch Gewalt kontrollierbar seien. Der gängigen Behauptung, Macht sei erforderlich, um Gewalt und Verbrechen wirkungsvoll zu kontrollieren, setzt er entgegen, dass es jenseits dieser legitimierenden Argumentation immer auch um die Sicherung der eigenen Macht ginge.

4. Gewalt als letzter Ausweg in der Not. Um den Verlust eines wichtigen Menschen bzw. einer tragenden Beziehung als Auslöser von Gewalt zu erklären bedient sich Michael Günter des Films „Batman – The Dark Knight“. Gewalt hat hier die Funktion, die Lücke, die ein verlorener Mensch hinterlassen hat zu schließen und aus dem hilflosen Opferdasein in die Position des handelnden Individuums zu gelangen. Am Beispiel dieses Gewaltmechanismus wird die hochaktuelle Thematik von Bindung und Trennung entfaltet und u.a. Folgerungen zur Betreuung in Kinderkrippen abgeleitet.

5. Drei Gesichter der Gewalt. Am Beispiel der drei Protagonisten des Films „Batman – The Dark Knight“ werden in diesem Kapitel darüber hinaus drei Verarbeitungsformen der Fixierung auf Gewalt im Zuge des Verlustes eines guten Objektes bzw. drei Organisationsniveaus der Persönlichkeit thematisiert: eine narzisstische Selbstüberhöhung als fassadenhafte Organisation der Persönlichkeit, eine tiefgreifende Spaltung der Persönlichkeit (Borderline-Störung) und eine Zersplitterung der Persönlichkeit im Sinne einer psychotischen Organisation.

6. Der Zusammenhang von Angst, Aggressivität und Sexualität ist Thema dieses Kapitels.Sexuelle und aggressive Impulse in der Adoleszenz sind normale Erscheinungen, die die Jugendlichen dennoch ängstigen können. Aufgabe ist es, diese in das Erleben und Handeln der Persönlichkeit zu integrieren, wobei die Neigung zu Gewalt oder delinquenten Handlungen als Abwehr von Angst und somit entwicklungsfördernd verstanden werden kann. Diese „bis zu einem gewissen Grad als normal“ anzusehende Form der Gewalt wird am Beispiel des Films „Terminator“ erörtert.

7. Gewalt und Entwicklung, die im letzten Kapitel bereits angesprochen wurde, wird hier noch einmal dezidiert aufgegriffen und im Spannungsfeld von flexibler und fixierter Gewaltidentifikation diskutiert. Am Beispiel des Films „Sleepers“ wird noch einmal betont, dass Regelverstöße in einem gewissen Rahmen im Jugendalter normal seien und v.a. bei benachteiligten Jugendlichen zur Stabilisierung ihrer (Gruppen)identität beitragen können. Problematisiert werden dagegen gewalttätige Erziehungspraktiken in Jugendgefängnissen, denen die Jugendlichen nach ihrem regelwidrigen Verhalten ausgesetzt waren und die bei den Jugendlichen zu Gewaltfixierungen führten.

8. Wie Männer und Frauen mit Gewalt umgehen behandelt geschlechtsspezifische Umgangsformen mit Gewalt. Nachdem die vorangegangenen Kapitel die Ursachen und Mechanismen der Entstehung von Gewalt anhand von Filmbeispielen zum Inhalt hatten, wird hier explizit der unterschiedliche Umgang mit Gewalt von Männern und Frauen thematisiert. Auch wenn die psychischen Mechanismen, die zur Entstehung von Gewalt führen, bei beiden Geschlechtern durchaus ähnlich sind, so richten Jungen und Männer ihre Aggressionen und gewalttätiges Verhalten eher nach außen und Mädchen und Frauen – wenn auch heute nicht mehr durchgängig – eher gegen sich selbst, ihren eigenen Körper oder ihre psychischen Funktionen.

9. Gewalt als soziales Ereignis - Wie gesellschaftliche Rahmenbedingungen Gewalt auslösen wird schließlich in diesem Kapitel aufgegriffen. Hier wird die individuell psychische Ebene verlassen und Gewalt sozialpsychologisch anhand der Experimente von Milgram und Zimbardo erörtert. Der Autor plädiert für die Analyse von Gewaltprozessen für eine mehrdimensionale Perspektive, in der neben persönlichen Faktoren auch soziale Faktoren eine entscheidende Rolle spielen. „… Gewaltexzesse entspringen nicht zwangsläufig „kranken Gehirnen“, sondern Beispiele wie der Holocaust „haben gezeigt, dass völlig normale Menschen unter dem Einfluss entsprechender Rahmenbedingungen zu entsetzlichen Brutalitäten fähig sein können.“ (151)

10. Im letzten Kapitel wird die Frage “Warum wir gewalttätig werden und was wir dagegen tun können?“ die auch in den vorausgegangenen Kapiteln kurz aufgegriffen wurde, noch einmal zusammenfassend behandelt und mit der eingangs zitierten Position des Autors verknüpft: Gewalt und Destruktivität sind wie libidinöse beziehungssuchende Strebungen anthropologische Grundkonstanten. Wenn es zu Gewaltfixierungen kommt, liegen Traumatisierungen, Vernachlässigung oder eine Missachtung der persönlichen Integrität zugrunde. Die unterschiedlichen Funktionen von Gewaltfixierungen werden hier noch einmal zusammenfassend behandelt, was wir dagegen tun können dagegen sehr knapp.

Diskussion

Gewalt anhand von Filmen zu analysieren ist vielleicht eine originelle Idee, um ein breiteres Publikum zu erreichen, da Filme uns allgemein auch emotional ergreifen und Filme mit Gewaltinhalten eine gewisse Anziehungskraft besitzen. Wenn aber genau diese Filme nicht zum bevorzugten Genre der Leserin/des Lesers zählen, kann es schwierig werden, sich die aus dem Zusammenhang gerissenen Szenen vorzustellen, sich hineinzudenken und die daran gewonnenen tiefenpsychologischen Analysen, die eine gewisse Vertrautheit mit psychoanalytischen Termini erfordern, nachzuvollziehen. Mehr Gewinn und mehr emotionaler Gehalt kann m.E. aus einer Beschäftigung mit den Fallbeispielen gezogen werden.

Der größte Teil des Buches befasst sich mit individualpsychologischen Erklärungen für Gewalt, sozialpsychologische Erklärungsansätze, die gesellschaftliche Strukturen und Prozesse einbeziehen, kommen dabei in nur einem späten Kapitel des Buches vor. Ohne diese können aber Unruhen und Gewaltexzesse, wie der Autor selbst anmerkt nicht hinreichend analysiert werden. Dennoch kann man aus Michael Günters Analysen durchaus differenzierte Erklärungen für die Gewaltbereitschaft von SchülerInnen und jungen Menschen, wie wir sie bei den Krawallen in England jüngst erlebt haben, finden. Sein Fazit, dass die beste Prävention von Gewalt darin besteht, Kinder und Familien frühzeitig zu unterstützen und ihnen „gute Perspektiven der Teilhabe am sozialen Leben, an Bildung, Beruf, sozialer Anerkennung und materieller Sicherung zu eröffnen“ (S.166) ist sehr allgemein und könnte auch ohne das Lesen des Buches gezogen werden.

Fazit

Es ist ein nicht ganz einfaches Unterfangen, sich in einem relativ kurzen Band, der sich an eine breite Leserschaft richtet, mit dem vielschichtigen Phänomen der Gewalt zu beschäftigen, und das mit dem Ziel, zu einer weniger aufgeladenen Diskussion in der Öffentlichkeit beizutragen. Das Vorgehen, anhand populärer Filmbeispiele Ursachen und Mechanismen von Gewalt zu analysieren und zu erklären, ist für Leserinnen und Leser, die die Leidenschaft für Filme mit Gewaltinhalten teilen und psychoanalytische Termini einigermaßen kennen, sicher spannend und aufschlussreich. Ob fiktive Geschichten und konstruierte Handlungen jedoch zu mehr Verständnis für Gewaltbereitschaft in der Öffentlichkeit beitragen, wage ich zu bezweifeln. Für alle anderen Leserinnen und Leser wären deshalb mehr reale Beispiele aus der Praxis des Autors und eine differenzierte Auseinandersetzung damit spannender und aufschlussreicher.


Rezension von
Prof. Dr. Luise Behringer
Professorin für Psychologie in der Sozialen Arbeit an der Katholischen Stiftungsfachhochschule München, Abt. Beneiktbeuern

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Zitiervorschlag
Luise Behringer. Rezension vom 15.11.2011 zu: Michael Günter: Gewalt entsteht im Kopf. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2011. ISBN 978-3-608-94677-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11564.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


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