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Mark Herkenrath: Die Globalisierung der sozialen Bewegungen

Rezensiert von Prof. Dr. Leonie Wagner, 02.10.2012

Cover Mark Herkenrath: Die Globalisierung der sozialen Bewegungen ISBN 978-3-531-17797-7

Mark Herkenrath: Die Globalisierung der sozialen Bewegungen. Transnationale Zivilgesellschaft und die Suche nach einer gerechten Weltordnung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. 343 Seiten. ISBN 978-3-531-17797-7. 39,95 EUR.

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Thema

Neben der Globalisierung von Wirtschaftsunternehmen und -beziehungen werden in den letzten Jahren Soziale Bewegungen, die sich inter- oder transnational organisieren, öffentlich und wissenschaftlich stärker wahrgenommen. In der Literatur werden hierzu mehrere Spannungsfelder thematisiert, die sich um die Themenbereiche transnationale Zusammenarbeit und nationale/lokale Autonomie, Machtgefälle insbesondere des globalen Nordens gegenüber dem Süden sowie um Fragen der Organisationsformen von Bewegungen und den damit angenommenen Erfolgsaussichten gruppieren.

Mark Herkenrath geht diesen Problemen im Rahmen einer Einzelfallstudie eines linksprogressiven Bewegungszusammenschlusses in Südamerika (Alianza Social Continental) bzw. eines Fallbeispiels (Autoconvocaria No al ALCA in Argentinien) nach. Die in diesem Bereich qualitativ angelegt Studie wird von verschiedenen, in diesem Zusammenhang wichtigen, theoretischen und deskriptiven Rahmungen eingefasst.

Entstehungshintergrund

Mark Herkenrath ist Privatdozent für Soziologie an der Universität Zürich und befasst sich mit Fragen internationaler Entwicklung sowie der Globalisierung von Wirtschaftsunternehmen und Protestbewegungen. Die vorliegende Untersuchung wurde als Habilitationsschrift von der Uni Zürich angenommen.

Aufbau

Herkenrath klärt eingangs zentrale Begriffe (Kap. 2), stellt verschiedene Theorieansätze der Bewegungsforschung (Kap. 3) und Forschungsergebnisse zu „Bewegungskoalitionen“ (Kap.4) sowie makrosoziologische Entwicklungstheorien (Kap.5) vor. Im 6. Kapitel werden Soziale Bewegungen im Kontext von Globalisierungsprozessen thematisiert, anschließend die Ergebnisse einer Befragung des Autors bei den Weltsozialforen 2005 und 2007 zu u.a. Nord-Süd-Differenzen (Kap.7). Die folgenden Kapitel sind der Einzelfallstudie gewidmet: Portrait der „Alianza Social Continental“ (Kap.8), Erfolgsfaktoren (Kap.9), Basisbeteiligung (Kap. 10), Bedeutung der politischen Rahmenbedingungen (Kap. 11). Im 12. Kapitel fasst Herkenrath seine Ergebnisse in acht Thesen zusammen. Die Ausführungen zur methodischen Anlage der qualitativen Untersuchung befinden sich im Anhang.

Inhalt

Im Zuge der stärkeren inter- und transnationalen Zusammenarbeit vor allem in Politik und Wirtschaft haben sich in den letzten Jahren auch Soziale Bewegungen zu unterschiedlichen Themen über nationale Grenzen hinweg vernetzt. Mark Herkenrath untersucht auf der Grundlage eines Fallbeispiels aus dem linksprogressiven südamerikanischen Spektrum die Koalitionsbildungsprozesse und Konfliktpotentiale, die in diesen Kooperationen auftauchen (können). Bei der „Alianza Social Continental“ (ASC) handelt es sich um einen Bewegungszusammenschluss, aus mehreren relativ einflussreichen globalisierungskritischen nationalen Bewegungen, die sich vor allem gegen Freihandelsabkommen richten. Zur Untersuchung der Strukturen, Konflikte und Lösungsmöglichkeiten hat der Autor Interviews mit Vertreter_innen von ASC in Argentinien geführt. Um zudem die Frage der nationalen Partizipation zu klären, wird die von ASC initiierte Kampagne „Autoconvocaria No al ALCA“ in Argentinien genauer betrachtet. Hinzu kommen Interviews mit Teilnehmer_innen der Weltsozialforen von 2005 und 2007, in denen es um die allgemeine Wahrnehmung von Strukturen und Problembereichen geht. Zentraler Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass „die Mitglieder transnationaler Bewegungskoalitionen [.] nicht nur Sprachbarrieren überwinden, sondern den Zusammenstoss unterschiedlicher Denkmuster bewältigen und Strategien für den konstruktiven Umgang mit unterschiedlichen politischen Voraussetzungen und Herkunftsbedingungen entwickeln [müssen]“ (S.19).

Gerahmt wird die Analyse der Befragung durch unterschiedliche Begriffs- und Theoriekonzepte, die Mark Herkenrath jeweils bezüglich ihrer Bedeutung für sein Thema einordnet. Neben Begriffsdefinitionen sind hierbei vor allem die Kapitel „Theorieansätze der Bewegungsforschung“ und „Soziale Bewegungen im Spiegel der Makrosoziologie“ hervorzuheben.

Herkenrath schätzt die Chancen für transnationale Soziale Bewegungen derzeit als gut ein, da durch politische Blockverschiebungen und dem Vertrauensverlust in Politik und Wirtschaft Bewegungen und Nichtregierungsorganisationen (NGOs) einen Vertrauensgewinn verbuchen und die gegenwärtigen Kommunikationsmedien trotz finanzieller Voraussetzungen und der Gefahr der Überwachung neue Möglichkeiten der Vernetzung darstellen. Dennoch sind face-to-face-Kontakte für neue Beziehungen und Vernetzungen zentral und haben nicht zuletzt eine hohe kulturelle Bedeutung für z.B. die Möglichkeit der Entstehung einer kollektiven Identität. Aufgrund der Expertise der Bewegungen bzw. deren Organisationen können diese auch z.B. bei internationalen (Staaten-)Konferenzen Einfluss nehmen, wenngleich hierbei die radikaleren Bewegungen eher weniger Möglichkeit haben. Im Unterschied zu häufig auf der internationalen Ebene agierenden NGOs haben die Bewegungen aber zudem die Aufgabe, Basis- und Mobilisierungsarbeit vor Ort zu leisten und möglichst größere Teile der Bevölkerung zu gewinnen.

Das Problem des Nord-Süd-Gefälles untersucht Herkenrath auf der Grundlage von Befragungen auf den Weltsozialforen 2005 in Porto Alegre und 2007 in Nairobi. Entgegen der bisherigen Annahme, dass dieses Gefälle einen erheblichen Einfluss hat, stellt der Autor fest, „dass es kaum robuste Nord-Süd-Differenzen in den Antwortmustern gibt“ (S.161). Weitaus signifikanter sind Differenzen zwischen Organisationstypen (Basisorganisationen, NGOs), wobei auch hier häufig heterogene Positionen vertreten werden. Herkenraths Untersuchung weist damit auf die Vorteile und Chancen hin, die heterogene Ansätze und Konzepte gegenüber stark identitätsgebundenen aufweisen.

Der Hauptteil der Untersuchung ist dann den Aktivitäten und Problemlösungsstrategien der „Alianza Social Continental“ gewidmet, die als „Koalition von Koalitionen“ (S.183) seit Ende der 1990er Jahre gegen den Freihandel und für die Stärkung der progressiven Kräfte der Zivilgesellschaft eintritt. Herkenrath schreibt der ASC u.a. zu, dass das geplante FTAA/ALCA-Abkommen über eine gesamtamerikanische Freihandelszone (ausgenommen Kuba) bislang nicht zustande gekommen ist und dass es der Bewegung gelungen ist, sowohl Akteure des Nordens als auch des Südens und aus Gewerkschaften und Bewegungen zu vereinen. Die zentrale Frage ist dann, welche Faktoren zu den letzteren Erfolgen beigetragen haben. Hierzu stellt der Autor fest, „dass es auf diese Frage keine einfache Antwort gibt“ (S.193). Vielmehr sei es ein Geflecht aus externen und internen Faktoren, die sich funktional ergänzen. Betont wird von den befragten Akteur_innen vielmehr vor allem die „Einheit in der Vielfalt“, die sowohl als Erfolgsfaktor als auch als Innovationskraft gekennzeichnet wird. Grundlage der Einheit trotz Diversität sei die „gemeinsame Geschichte des Grauens und des Widerstandes“ (S.196) der Völker Lateinamerikas, mittels derer eine regionale kollektive Identität konstruiert wird. Zudem ist die Organisation durch sowohl Zentralisierung als auch lokale Autonomie und konsensorientierte Deliberation gekennzeichnet, was Herkenrath an der „Campaña Continental contra el ALCA“ verdeutlicht. Für diese Kampagne wurden gemeinsame Logos und Slogans, gleichzeitig aber regional unterschiedliche Formen genutzt. Dies ermöglichte z.B. einigen Gruppierungen, sich zu beteiligen, ohne aber eine formale Mitgliedschaft einzugehen. Andererseits sind die langjährigen und teils persönlich engen Beziehungen zwischen den Akteur_innen sowie deren hohe interkulturelle Kompetenzen und die geringe Fluktuation in den Gremien Erfolgsfaktoren. Hinzu kommt, dass die Beteiligung der Basis ein festes Prinzip ist – wenngleich hier noch Defizite in der Berücksichtigung ländlicher Regionen bestehen.

Als einen zentralen externen Faktor untersucht Herkenrath die Bedeutung des „Linksrucks“ in vielen lateinamerikanischen Ländern. Dieser hat für die Sozialen Bewegungen nicht zu einem „politischen Höhenflug“ (S.242) geführt, sondern zu internen Spannungen und Lähmungserscheinungen, da ihnen der Mobilisierungsanlass entzogen oder auch ein klares Feindbild entzogen werden kann.

Abschließend fasst der Autor seine Ergebnisse bezogen auf „Chancen und Probleme Transnationaler Koalitionsbildung“ (S.269) in acht Thesen zusammen:

  1. Deregulierung erhöht die Ungleichheit
  2. Notwendigkeit einer Mehrebenen-Strategie für die Zivilgesellschaft
  3. Vorteile transnationaler Koalitionsbildungen
  4. Erfolgsfaktoren transnationaler Koalitionsarbeit: vielfältig und voraussetzungsreich
  5. Koalitionsinterne Ungleichgewichte, ja – aber: kein zwingendes Demokratiedefizit
  6. Nord-Süd-Gegensätze: nicht immer und überall
  7. Das Hauptproblem: mangelhafte Partizipationsmöglichkeiten auf der nationalen Ebene
  8. Die Prognose für eine emanzipatorische Weltpolitik: heiter bis durchzogen

Diskussion

Mark Herkenrath verfolgt in seiner Untersuchung ein ambitioniertes Projekt, in dem gleich mehrere Fragen und Perspektiven geklärt werden sollen: Die Reichweite der bisher existierenden Theorieansätze zu Sozialen Bewegungen bzw. Entwicklungstheorien, die Existenz von Konfliktlinien (v.a. Nord-Süd-Gefälle), die externen und internen Erfolgsfaktoren für Koalitionen sowie die Partizipationsmöglichkeiten an der Basis. Letztlich gibt der Autor in alle diese Bereiche Einblicke und zeigt Möglichkeiten des Umgangs auf. Trotz der ungeklärten Frage der Generalisierbarkeit der Einzelfalluntersuchung (Herkenrath selbst thematisiert dieses Problem – allerdings im Wesentlichen in einer Fußnote – sieht die Einschränkungen aber vor allem durch die Auswahl des linksprogressiven Spektrums und des südamerikanischen Kontinents gegeben), gibt die Untersuchung aber wichtige und interessante Hinweise auf notwendige Ergänzungen vieler bislang existierender Annahmen (und Theorien) zur Politik Sozialer Bewegungen. Erstaunlich ist, dass einerseits historisch verankerte Identitätskonstruktionen nach wie vor wichtig erscheinen, während andererseits die Nutzung und Anerkennung von Diversität als Ressource und Organisationsprinzip zu einem zentralen Erfolgsfaktor werden. Der Absicherung durch eine vermeintlich geteilte Geschichte scheint insofern notwendige Basis trotz oder neben den gemeinsam geteilten politischen Interessen und Strategien bzw. über die Differenzen in diesen hinweg vermitteln zu können. Gleichzeitig erscheint Diversität Voraussetzung für das Gelingen von Koalitionen – und nicht zuletzt auch der persönliche Bezug trotz der Vorteile, die aktuelle Kommunikationsmedien in der Überbrückung langer Distanzen bieten. Mark Herkenrath stellt insofern interessante Einblicke in verschiedene Bereiche und Ebenen der Bewegungsforschung, die verschiedene Perspektiven empiriegestützt erweitern und vertiefen.

Fazit

„Die Globalisierung der sozialen Bewegungen. Transnationale Zivilgesellschaft und die Suche nach einer gerechten Weltordnung“ ist eine Mogelpackung. Tatsächlich geht es um ausgewählte Fallbeispiele. Die Irritation, die diese Titelgebung hervorruft, sollte aber nicht davon abhalten, eine interessante Einzelfallstudie zur Kenntnis zu nehmen, die durchaus auch auf andere Zusammenhänge übertragbare theoretische und politische Perspektiven beinhaltet.

Rezension von
Prof. Dr. Leonie Wagner
Professorin für Pädagogik und Soziale Arbeit an der HAWK Holzminden
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Es gibt 14 Rezensionen von Leonie Wagner.

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Zitiervorschlag
Leonie Wagner. Rezension vom 02.10.2012 zu: Mark Herkenrath: Die Globalisierung der sozialen Bewegungen. Transnationale Zivilgesellschaft und die Suche nach einer gerechten Weltordnung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. ISBN 978-3-531-17797-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11574.php, Datum des Zugriffs 27.01.2023.


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