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Ronald Dworkin: Was ist Gleichheit?

Cover Ronald Dworkin: Was ist Gleichheit? Suhrkamp Verlag (Berlin) 2011. 288 Seiten. ISBN 978-3-518-29486-4. 11,00 EUR.

Reihe: Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft - 1886.
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Autor

Ronald Dworkin , geb. 1931 in den USA, ist gelernter Jurist und einer der international bekanntesten Sozialphilosophen der Gegenwart. Viel beachtet war sein Buch „Bürgerrechte ernstgenommen“ (engl. 1978, dt. 1984), in welchem er den Rechtspositivismus kritisierte und zivilen Ungehorsam verteidigte. Dworkin lehrte an Universitäten in New York, Yale, Oxford und London.

Rahmen

Freiheit und Gleichheit in einer menschenrechtlichen Bedeutung sind die Hauptideen des politischen Denkens der Moderne. Verbreitet ist die Überzeugung, dass zwischen ihnen ein Konflikt bestehe, der die politischen Gegensätze der vergangenen zwei Jahrhunderte bestimmt hat. So meint John Rawls (1921-2002), der für einen „Vorrang der Freiheit“ eintritt (Eine Theorie der Gerechtigkeit, Frankfurt/M 1975, S.283), dass „eine tiefe Uneinigkeit darüber (besteht), wie die Werte der Freiheit und Gleichheit am besten in der Grundstruktur der Gesellschaft verwirklicht werden.“ (Die Idee des politischen Liberalismus, Frankfurt/M. 1992, S. 260)

Voraussetzungen

Es empfiehlt sich, vor der Inhaltsangabe einen Hinweis auf das zu geben, was Dworkins Buch nicht enthält – eine Einleitung nämlich, in der die Fragestellung erläutert und der Gang der Untersuchung skizziert wird. Da das umfangreiche erste Kapitel eine Konzeption diskutiert, die der Autor ablehnt, kann sich leicht eine gewisse Orientierungslosigkeit einstellen. Es scheint deshalb angemessen, die wichtigsten Anliegen des Buches im Vorhinein zu formulieren.

Für Dworkin besteht das Prinzip der politischen Philosophie darin, Menschen als Gleiche zu behandeln. Eine Gemeinschaft (oder Gesellschaft oder Regierung) muss „jedem mit gleicher Achtung begegnen.“ (198) Das Gleichheitsprinzip muss auch für die Verteilung von Gütern gelten, wenn sie gerecht sein soll. Verteilungsgerechtigkeit ist Verteilungsgleichheit. Diese Grundlagen werden von Dworkin nicht eigens begründet. Das erste Argumentationsziel ist zu zeigen, dass Verteilungsgerechtigkeit nicht die Gleichheit des Wohlergehens bedeutet, wie es z.B. auf utilitaristischer Basis der Fall wäre. Verteilungsgleichheit ist nicht Wohlergehensgleichheit. Die richtige Bestimmung der gerechten Verteilung ist vielmehr die Ressourcengleichheit. Auf Grundlage dieser Verteilungskonzeption löst sich nach Dworkin der Konflikt von Freiheit und Gleichheit auf. Die beiden Prinzipien zeigen sich als „sich gegenseitig widerspiegelnde Aspekte ein und desselben humanistischen Ideals.“ (178) Fundamentale Freiheiten sind vor der Verteilungsprozedur im „Hintergrundsystem“ verankert. Im Kontext deutschen Verfassungsrechts wäre von Freiheitsrechten die Rede, die Grundrechte sind und die wohl eingeschränkt, in ihrem „Wesensgehalt“ aber nicht angetastet werden dürfen. Als deutscher Verfassungsrechtler würde Dworkin den Anspruch erheben, dass sein Konzept der Ressourcengleichheit zu bestimmen vermag, worin dieser Wesensgehalt besteht. In jedem ernsthaften Konflikt zwischen Freiheit und Gleichheit – wenn das Grundprinzip gleicher Achtung verletzt ist – müsste die Freiheit den Kürzeren ziehen.

Inhalt

Das erste Kapitel (S. 7 – 80) beschäftigt sich, wie bereits erwähnt, mit der Konzeption von Verteilungsgleichheit als Wohlergehensgleichheit. Von ihr werden wiederum drei Varianten geschildert: Erfolgsgleichheit (die Ressourcen müssen so verteilt sein, dass der Gesamterfolg des Lebens bei allen als gleich gelten kann, wobei der biographische Erfolg sich an den Zielen bemisst), Vergnügungsgleichheit (das Wohlergehen bemisst sich am subjektiv erlebten Zustand) sowie objektive Theorien des Wohlergehens, die vermeiden wollen, dass jemand mit kostspieligen Vorlieben mehr erhält als andere. Dworkins Gegenargument besteht im ersten Fall darin, dass es keinen Test oder keinen Maßstab zur Messung des biographischen Gesamterfolgs geben kann, im zweiten Fall macht Dworkin geltend, dass Wert und Vergnügen nicht immer zusammen fallen: mitunter sind Menschen Ziele wichtig, auch wenn es kein Vergnügen bereitet, sie zu verwirklichen und zu erreichen. Objektive Theorien schließlich seien entweder inkonsistent oder nähmen stillschweigend ein anderes Verteilungsprinzip in Anspruch, vornehmlich das der Ressourcengleichheit.

Der Ausarbeitung des Konzepts der Ressourcengleichheit ist das zweite Kapitel (S.81 – 157) gewidmet. Auch in den Konzepten der Wohlergehensgleichheit geht es um die Verteilung von Ressourcen. Die Gleichheit soll jedoch am Ergebnis des Einsatzes der Ressourcen gemessen werden. Dem gegenüber geht es in dem von Dworkin bevorzugten Konzept allein um die Gleichheit der Ressourcen. Um ein entsprechendes Verfahrens zu entwerfen, wird ein Ausgangszustand vorgestellt, der nicht weniger irreal ist als der Urzustand bei John Rawls. Ressourcen, die im Überfluss vorhanden sind, sollen an Individuen verteilt werden, die alle noch nichts besitzen. Im erste Schritt erhält jeder die gleiche Menge eines an sich wertlosen Rechengeldes. Im zweiten Schritt können die Individuen, je nach ihren Präferenzen, einen Anteil an den mannigfachen Ressourcen ersteigern. Die Verteilung ist also eine Auktion, ein spezifischer Marktmechanismus. Nur ein Markt könne erreichen, „dass das wahre Maß der sozialen Ressourcen, die dem Leben einer Person gewidmet werden, dadurch festgelegt wird, wie wichtig diese Ressource den anderen faktisch ist.“(88) – Natürlich bedarf die Ausgestaltung des Modells und seine Anwendung auf „eine dynamische Volkswirtschaft mit einem Arbeitsmarkt, Investitionen und Handel“ (89) einigen Aufwands, wobei ein „Neidtest“ und die „Idee eines hypothetischen Versicherungsmarktes“ ins Spiel gebracht werden.

Das dritte Kapitel (158-248) beschäftigt sich mit dem „Platz der Freiheit“. Es geht um den Zusammenhang von Freiheit und Verteilungsgerechtigkeit, ihre Untrennbarkeit. „Wenn wir akzeptieren, dass Ressourcengleichheit die beste Konzeption von Verteilungsgleichheit ist, wird Freiheit zu einem Aspekt von Gleichheit.“ (159) Freiheit ist für Gleichheit unerlässlich, denn nur ungezwungene und koordinierte, rationale und authentische Entscheidungen können zu einer wirklichen Gleichheit führen. (161) Freiheit ist kein Gut in der Auktion, sondern Voraussetzung ihres sinngemäßen Funktionierens. Sie gehört zum „Hintergrundsystem“ der Verteilungsgleichheit. (192) Andererseits können bestimmte Freiheiten eingeschränkt werden, wenn dies die Ressourcengleichheit tatsächlich verbessern würde. Beispiele sind die Beschränkung von Wahlkampfspenden im politischen Prozess, der Umfang der Privatwirtschaft in der Gesundheitsversorgung oder die Festlegung von Mindestlohn und Arbeitszeitbegrenzung. Solche Konflikte treten in unserer „realen Wirklichkeit“ auf, während die Vorstellung „umfassender und nahezu ewig andauernder Auktion“(233) eine „ideale Wirklichkeit“ darstellt.

Das letzte Kapitel (249 – 285) behandelt die Frage: „Über welche politischen Institutionen und Prozesse sollte eine egalitaristische Gemeinschaft verfügen?“ (249) Natürlich müssen sie demokratisch sein (252), aber es gibt verschiedene Konzeptionen von Demokratie. Dworkin plädiert für einen Demokratiebegriff, der die Gleichheit der Einwirkung sichert (im Wahlrecht und in der Wahlkreiseinteilung), aber nicht auf der Gleichheit des Einflusses besteht, wenn dieser aufgrund von Unterschieden in Interesse, Hingabe, Ausbildung und Ansehen unterschiedlich groß sein sollte. (266) Abgelehnt wird die auf den großen Unterschieden des Reichtums beruhende Ungleichheit der politischen Macht wie sie in unserer nicht-idealen, eher plutokratischen Wirklichkeit besteht.

Diskussion

Die Hauptschwierigkeit von Dworkins Entwurf liegt weder auf der Ebene der Grundkonzeption noch auf der konkreter politischer Vorschläge, sondern auf der Ebene der „idealen Wirklichkeit“. Der Eindruck ist zwiespältig. Einerseits imponiert der Versuch, der bestehenden Ungleichheit etwas entgegen zu setzen und der positivistischen Ideologie der Alternativlosigkeit die Anerkennung zu verweigern. Andererseits irritiert die Selbstverständlichkeit, mit der Privateigentum in allen Formen, Güter- und Arbeitsmärkte, Versicherungen und „Wirtschaftsdynamik“ als unhintergehbar affirmiert und idealisiert werden. Das Grundproblem liegt darin, dass Dworkins Alternativentwurf durch keine kritische Analyse der Prozesse und Institutionen vermittelt ist, in denen Ungleichheit produziert und verschärft wird. Das paradoxe Ergebnis ist die Ökonomisierung gerade jener Konzeption, die nichtökonomische Werte wie gleiche Würde und Selbstbestimmung anstrebt, indem die Verwirklichung der Gleichheit zu einer Rechenübung wird, wie sie bei der Versteigerung von Kunstwerken oder Grundstücken vollzogen werden muss. Früher, als man noch meinte, sich auf radikale Bewegungen berufen zu können, wäre Dworkins Entwurf als abstrakte Utopie bezeichnet worden. Sein Wille zur Konstruktion idealer Wirklichkeit führt zu scheinbar recht konkreten Fragen: Wie halten wir es mit Menschen, die statt des üblichen Hühnerprodukts Regenpfeifereier bevorzugen? Oder die einen ungewöhnlich großen Appetit auf Sex haben? Die sich wünschen, das Leben der Werbefiguren aus dem New York Magazine zu führen? Oder die nichts lieber tun, als unablässig hart für andere zu arbeiten? So sehen die Probleme aus, wenn man nicht an die Wurzel der bestehenden Ungleichheit gehen will.

Fazit

Dworkins Versuch, den Begriff der Verteilungsgleichheit zu profilieren und den konventionellen Gegensatz von Freiheit und Gleichheit aufzulösen, verdient die Aufmerksamkeit derer, die an einer strukturellen Auflösung des gesellschaftlichen Unrechts interessiert sind. Leider verstrickt sich der Autor in eine Dialektik von Utopismus und Affirmation und erwartet von einem idealisierten Markt Lösungen, die nur aus einer gemeinsamen kulturellen Orientierung stammen können, die sich im Kampf der Interessen durchzusetzen vermag.


Rezensent
Prof.em. Dr. Hans-Ernst Schiller
Vormals Professor für Sozialphilosophie und -ethik
Fachhochschule Düsseldorf, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
Homepage www.philosophie-schiller.de
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Zitiervorschlag
Hans-Ernst Schiller. Rezension vom 08.03.2012 zu: Ronald Dworkin: Was ist Gleichheit? Suhrkamp Verlag (Berlin) 2011. ISBN 978-3-518-29486-4. Reihe: Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft - 1886. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11576.php, Datum des Zugriffs 18.01.2019.


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