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Karin Böllert, Catrin Heite (Hrsg.): Sozialpolitik als Geschlechterpolitik

Cover Karin Böllert, Catrin Heite (Hrsg.): Sozialpolitik als Geschlechterpolitik. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. 150 Seiten. ISBN 978-3-531-17140-1. 24,95 EUR.
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Thema

Sozialpolitik ist immer auch Geschlechterpolitik und hat in vielerlei Weise Einfluss auf Geschlechterrollen, Geschlechteridentitäten und die Gestaltung von Lebensverhältnissen für Männer und Frauen. Gleichzeitig eröffnet Sozialpolitik auch eine Vielzahl von Optionen, nachhaltig Geschlechtergerechtigkeit herzustellen und zu wahren. In welcher Weise dies möglich ist, wird in diesem Band sowohl auf der nationalen wie auch der europäisch vergleichenden Ebene diskutiert.

Entstehungshintergrund

Entstanden ist der Band aus einer Ringvorlesung an der Westfälischen Wilhelms-Universtität Münster, an der die beiden Herausgeberinnen Karin Böllert und Catrin Heite im Fach Erziehungswissenschaft auch tätig sind.

Aufbau und Inhalt

Das Buch enthält acht einzelne Beiträge, wobei der erste Beitrag von Karin Böllert und Catrin Heite zugleich die Einleitung darstellt. Hier machen die beiden Herausgeberinnen deutlich, dass die Komplexität der geschlechterpolitischen Debatte in der Sozialpolitik sowohl von unterschiedlichen Konzepten des Geschlechts wie auch von verschiedenen Vorstellungen der Geschlechtergerechtigkeit geleitet werden. Konsens im vorliegenden Sammelband ist allerdings die Überzeugung, „dass Geschlechterpolitiken sich stets auf das Soziale beziehen und Sozialpolitiken stets eine geschlechterpolitische Dimension haben“ (S. 9).

Der erste Beitrag von Karin Böllert nimmt unter dem Titel „Sozialpolitik als Geschlechterpolitik“ zunächst einmal die grundlegenden Mechanismen und Funktionsweisen des deutschen Sozialstaats in den Blick, um deren Einfluss auf die Geschlechterverhältnisse und die Konstituierung von Geschlechterrollen zu untersuchen. Dabei ist v.a. die Erwerbsarbeit- und Ehezentrierung hervorzuheben, die von herausragender Relevanz für die geschlechterpolitische Analyse ist. Hier setzt auch die von der Autorin referierte feministische Wohlfahrtsstaatkritik in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts an. Mittlerweile hat sich die feministische Wohlfahrtsstaatskritik ausdifferenziert und hat neben der Analyse einzelner Sozialversicherungszweige, der Armutsanalyse sowie der Frage nach der Vereinbarkeit von Familie und Beruf und der Anerkennung von Care-Leistungen auch die Auswirkungen wohlfahrtsstaatlichen Wandels auf die Konstituierung von Geschlechterrollen und -stereotypen in den Blick genommen. Mit Blick auf vergleichende Ebene im europäischen Vergleich zeigt sich, dass die von Esping-Andersen eingeführten Wohlfahrtsregime die Geschlechterperspektive ausgeblendet haben und erst die feministische Wohlfahrtsstaatskritik deutlich gemacht hat, dass bei Einbezug der Gender-Perspektive grundlegende Korrekturen an den Typologisierungen vorgenommen werden müssen. Auch die EU-Ebene zeigt sich in geschlechterpolitischer Hinsicht als nicht unproblematisch, stellt sich dort doch Geschlechtergerechtigkeit lediglich als nützliches Vehikel auf dem Weg zu einem wettbewerbsfähigen Europa dar. Diese „Ökonomisierung von Geschlechterfragen“ (S. 18) lässt sich, auch auf nationaler Ebene unter der Begrifflichkeit des Aktivbürgers bzw. der Aktivbürgerin erkennen. Hier sieht die Autorin vor allem vor dem Hintergrund der zunehmenden Prekarisierung von Beschäftigungsverhältnissen die Gefahr, dass Sozialpolitik nicht zu mehr Geschlechtergerechtigkeit beitragen kann.

Der zweite Beitrag von Catrin Heite dreht unter dem Titel „Geschlechterpolitik als Sozialpolitik“ das Begriffspaar um und setzt zunächst an geschlechtertheoretischen Konzepten an, um dann in einer historischen Rekonstruktion die Verwobenheit von Geschlechter- und Sozialpolitik zu diskutieren. Dabei diskutiert sie im ersten Teil ihres Beitrages die Problematik der Kategorien Männlichkeit – Weiblichkeit sowie die verschiedenen Ansätze zum Sex-Gender-Konzept. Der zweite Teil widmet sich dem Überschneidungsbereich zwischen Geschlechter- und Sozialpolitik, der sich besonders deutlich an der Entstehung der Sozialen Arbeit manifestiert. Diese Verwobenheit ist noch heute in der Profession Sozialer Arbeit unverkennbar und „hier stellt sich die Frage nach geschlechtergerechter Wohlfahrtsstaatlichkeit“ (S. 30).

Der dritte Beitrag von Barbara Stiegler stellt unter dem Titel „Vorsorgender Sozialstaat aus Geschlechterperspektive“ zunächst die verschiedenen Facetten einer geschlechterpolitischen Perspektive in der Sozialstaatsdiskussion dar. Dabei geht es ihr zunächst um eine Bestandsaufnahme, bevor dann das Konzept eines vorsorgenden Sozialstaats entwickelt wird. Hieraus lassen sich geschlechterpolitische Ziele formulieren, die zu einer größeren Geschlechtergerechtigkeit beitragen. Schließlich wendet sich Barbara Stiegler dem Stellenwert der Care Arbeit in einem vorsorgenden Sozialstaat zu. Dieser Beitrag ist mit einer Vielzahl von Grafiken ausgestattet, die leider durch ein nicht gut gestaltetes Design nicht wirklich zum besseren Verständnis der Argumentation beitragen und auf die zumindest zum Teil hätte verzichtet werden können.

Der vierte Beitrag von Hannelore Faulstich-Wieland befasst sich mit der Geschlechtergerechtigkeit in der Schule, wobei hier vier der in diesem Zusammenhang geführten Diskurse dargestellt und diskutiert werden. Dabei werden Ergebnisse einer empirischen Untersuchung aus den Jahren 2005 und 2006 vorgestellt, in der Interviews mit Lehrkräften und SchülerInnen in einer österreichischen Schule geführt wurden. Dabei gelingt es der Autorin, die Stereotypisierungen von drei Diskursen – dem Diskurs der Mädchenparteilichkeit, dem der Gleichberechtigung sowie dem der Förderung von Jungen – darzulegen. Den Schlussstein bildet die Erläuterung des Diversity-Diskurses, der als gangbarer Weg für die Realisierung eines größeren Ausmaßes an Geschlechtergerechtigkeit in der Schule am ehesten überzeugen kann.

De fünfte Beitrag von Dorothee Frings nimmt die sexistisch-ethnische Segregation der Pflege- und Hausarbeit im Zuge der EU-Erweiterung in den Blick. Dabei beleuchtet die Autorin zunächst den Hintergrund der sozialstaatlichen Wandlungsprozesse, die zum Ausbau haushaltsnaher Dienstleistungen geführt haben. Vor diesem Hintergrund diskutiert sie die Rahmenbedingungen in der erweiterten Europäischen Union sowie die rechtliche Ausgestaltung haushaltsnaher Dienstleistungen für Angehörige der neuen EU-Mitgliedsländer. Weiterhin diskutiert die Autorin die Auswirkungen der genannten Wandlungsprozesse für die Pflegepolitik für Europa und gibt abschließend einen Ausblick auf die künftige Entwicklung des Arbeitsmarktsektors in Privathaushalten, der ohne Migrantinnen nicht auskommt.

Im sechsten Beitrag von Margrit Brückner wird die Care-Diskussion dargestellt, wobei der Schwerpunkt hier auf eine kritische Zusammenfassung der bisherigen Diskussionsstränge liegt und abschließend einige Perspektiven für die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem Care-Ansatz diskutiert werden. Dabei sieht die Autorin es als unabdingbar an, die gerechtigkeitstheoretischen sowie anerkennungstheoretischen Facetten der aktuellen ethischen Diskurse noch intensiver in die Care-Debatte mit einzubeziehen.

Der abschließende, siebte Beitrag in diesem Band von Susanne Maurer befasst sich mit dem Verhältnis von Profession und Geschlecht im Kontext Sozialer Arbeit. Dabei greift sie den in diesem Zusammenhang etablierten Topos des Verdeckungszusammenhangs auf und problematisiert in diesem Zusammenhang die Schwierigkeit, zu einem kritischen Professionsverständnis zu gelangen. Dabei macht sie sich für die Perspektive stark, Gerechtigkeit und Fürsorglichkeit in demokratietheoretischer Weise zusammenzudenken und so zu einer tiefgreifenden Veränderung der Geschlechterordnung zu gelangen. Hier greift sie u.a. den Ansatz Joan Trontos und eigene Vorarbeiten auf, wobei hier die besonders wichtige Bedeutung eines demokratietheoretischen Zugangs zur Care-Debatte darin zu sehen ist, dass hier der Tendenz entgegengewirkt werden kann, Fürsorgetätigkeiten in den Bereich des Privaten verschwinden zu lassen. Die Anerkennung von Fürsorgetätigkeiten hängt in erheblichen Maß von ihrer Konzeptualisierung als gesellschaftliche Arbeit an – und ist daher auch für das professionspolitische Verständnis Sozialer Arbeit von höchster Bedeutung.

Haupterkenntnisse

Das Buch thematisiert aus verschiedenen Perspektiven und Disziplinen die Verschränkung von Sozialpolitik und Geschlechterpolitik und zeigt auf, dass die Diskussion um die Gestaltung einer geschlechtergerechten Gesellschaft ohne eine intensive Auseinandersetzung mit sozialstaatlichen Debatten nicht zu führen ist.

Zielgruppen

Das Buch ist sowohl für SozialstaatsexpertInnen als auch für GenderforscherInnen relevant, wobei die Vertrautheit mit den jeweiligen Fachdiskussionen für eine gewinnbringende Lektüre vorausgesetzt ist. Aber auch für Studierende in höheren Semestern in verschiedenen sozialwissenschaftlichen Disziplinen stellen die Beiträge eine geeignete Seminarlektüre dar.

Fazit

Für die oben genannten Zielgruppen stellt das Buch eine anregende Lektüre dar, wobei ein zusammenfassender Schlussbeitrag mit einer Zusammenstellung der Haupterkenntnisse und wichtigsten Forschungsdesiderate wünschenswert gewesen wäre.


Rezensentin
Prof. Dr. Marion Möhle
Hochschule Esslingen, Fakultät Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege
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Zitiervorschlag
Marion Möhle. Rezension vom 16.04.2012 zu: Karin Böllert, Catrin Heite (Hrsg.): Sozialpolitik als Geschlechterpolitik. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. ISBN 978-3-531-17140-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11579.php, Datum des Zugriffs 20.09.2019.


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