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Andreas Brachmann: Re-Institutionalisierung [...] (Behindertenhilfe)

Cover Andreas Brachmann: Re-Institutionalisierung statt De-Institutionalisierung im System der Behindertenhilfe. Neubestimmung der Funktion von Wohneinrichtungen für erwachsene Menschen mit geistiger Behinderung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. 150 Seiten. ISBN 978-3-531-18130-1. 34,95 EUR.
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Autor und Thema

Der Autor, Dr. Andreas Brachmann, leitet den Geschäftsbereich Wohnen für Menschen mit geistiger seelischer Behinderung einer großen Behinderteneinrichtung in Nordhessen. Mit seinem Buch „Re-Institutionalisierung statt De-Institutionalisierung in der Behindertenhilfe“ wendet er sich an Dozierende und Studierende der Sonder-, Heil- und Rehabilitationspädagogik sowie an Führungs- und Leitungskräfte der Behindertenhilfe und Vertretern von Behindertenverbänden. Das Buch befasst sich im Kern mit der Frage, wie sich stationäre Wohneinrichtungen für Menschen mit geistiger Behinderung verändern müssen, um die fachliche Legitimation für ihr Hilfeangebot zurückzugewinnen. Die Prozesse der funktionale Neubestimmung und Neukonzipierung von Wohneinrichtungen werden unter dem Begriff der Re-Institutionalisierung diskutiert, als Alternative zu einer De-Institutionalisierung, d.h. Auflösung der stationären Organisationsformen.

Entstehungshintergrund

Bei der Veröffentlichung handelt es sich um eine Dissertationsschrift, die 2010 vom Fachbereich Rehabilitationspädagogik angenommen wurde. Neben expliziten Bezügen zu sonderpädagogischer Literatur rekurriert der Autor auf Ansätze der neo-institutionalistischen Organisationssoziologie.

Aufbau und Inhalt

Andreas Brachmann hat sein Buch in fünf Kapitel gegliedert.

Im Einleitungsteil arbeitet er die Fragestellung für seine Argumentation heraus. Er beginnt mit der - nicht weiter belegten - Feststellung, dass sich die Lebensbedingungen von Menschen mit geistiger Behinderung, die institutionalisierte Angebote der Behindertenhilfe nutzen, in den letzten fünfzehn Jahren generell verbessert hätten. Ungeachtet dessen - so Brachmann - werde das bundesdeutsche Hilfesystem für Menschen mit geistiger Behinderung durch globale und gesellschaftliche Veränderungsprozesse sowie durch fachliche Kritik an seinen „Leistungen und Institutionalformen“ (S. 13) grundsätzlich in Frage gestellt. Brachmann konstatiert „eine beginnende Legitimationskrise mit dem Verlust gesellschaftlicher Legitimation“ (ebd.). Mit Bezug auf den Hilfebereich Wohnen für erwachsene Menschen mit geistiger Behinderung ist daher von Interesse, was die Gründe der Kritik sind und wie insbesondere vollstationäre Einrichtungen umgestaltet werden können, damit sie den veränderten behindertenpolitischen und fachlichen Anforderungen entsprechen.

Zur Bearbeitung seiner Fragestellung zieht der Autor im zweiten Kapitel neo-institutionalistische Theoriekonzeptionen heran, da er darin einen hohen Erklärungsgehalt für die Bearbeitung von Vermittlungs- und Anpassungsleistungen zwischen Organisationen und ihrem Umfeld erkennt. Nach einer kurzen Einführung in die neo-institutionalistische Begrifflichkeit schließen sich zwei Fachdiskurse an. Zum einen referiert Brachmann die zentralen Elemente der fachlichen und behindertenpolitischen Heimkritik, die. z.T. in der Forderung nach Auflösung der Heime mündet bzw. ihrer Ersetzung durch Offene Hilfen außerhalb von Einrichtungen. Zum zweiten erörtert der Autor, inwieweit sonderpädagogische Leitkonzeptionen wie Normalisierung, Integration und Inklusion sowie Selbstbestimmung geeignet sind, zeitgemäße normative Erwartungen an die Behindertenhilfe konzeptionell zu fassen. Dies ist so Brachmann nur eingeschränkt der Fall, weil die praktische Umsetzung der Prinzipien unzureichend sei.

Im dritten Kapitel findet sich eine Einführung in die aktuelle sonderpädagogische Diskussion, die durch sehr breit angelegte gesellschaftstheoretische und makroökonomische Ausführungen gerahmt ist. Bezüge werden u.a. hergestellt zu Globalisierungsentwicklungen, neoliberalen Transformationsprozessen, Individualisierung und Pluralisierung durch gesellschaftliche Differenzierung sowie zu Modernisierungstheorien. Insbesondere aus gesellschaftlichen Individualisierungstendenzen ergeben sich - so die Argumentation - veränderte Anforderungen an die Angebote stationärer Wohneinrichtungen für Menschen mit geistiger Behinderung. Sie müssen, um Legitimation zu gewinnen, sich grundlegend verändern und Unterstützungsangebote für eine „eigenständige, selbstbestimmte Lebensgestaltung unter nachmodernen Bedingungen des Wandels der Normalbiographie“ entwickeln (S. 148).

Das vierte Kapitel 173ff.) ist überschrieben mit „Lösungsansätze zur Re-Institutionalisierung“. Andreas Brachmann führt darin aus, dass die zentrale Zielstellung für eine funktionale Neubestimmung für stationäre Wohneinrichtungen darin besteht, für Menschen mit geistiger Behinderung einen „Lebensraum“ zu schaffen, der modernen Anforderungen an privates Wohnen zusammen mit individueller Hilfe sicherstellt. Brachmann spricht hier von „Enabling-Räumen“, die gleichzeitig auch sonderpädagogisch gestaltete „Lernräume“ sein sollen (S. 183). Dabei plädiert er für die Institutionalisierung des Begriffs der „Anerkennung“ (Axel Honneth) als zentrales Prinzip der Behindertenhilfe. Nach differenzierten Begründungen hierzu folgen Überlegungen zur Frage, wie die vom Autor eingeforderte grundlegende Neubestimmung der Funktion stationärer Wohneinrichtungen in der Praxis realisiert werden kann. Dazu greift Brachmann wiederum v.a. auf neo-institutionalistisch gestützte Ansätze zur Erklärung institutionellen Wandels zurück und beschreibt das Drei-Ebenen-Modell von Monika Csigo (2006), das institutionelle Veränderung als Lernaufgabe von Organisationen versteht. Aus diesem Modell heraus - so Brachmann - lässt sich eine Veränderungsstrategie auch für Wohneinrichtungen für geistig behinderte Menschen entwickeln. Konkret schlägt er vor, für die Institutionalisierung von entsprechenden Veränderungsprozessen das EFQM-Modell als Instrument zu nutzen, das in der Diskussion um Total Quality Management eine breite Anerkennung gefunden hat. Die praktischen Ausführungen dazu bleiben etwas additiv.

Im fünften Kapitel (s. 301ff.) fasst Andreas Brachmann seine Argumentation für die Notwendigkeit einer funktionalen Neubestimmung von stationären Wohneinrichtungen zusammen. Dazu formuliert er eine lange Liste von sonderpädagogischen Zielen und strukturellen Anforderungen, die Wohneinrichtungen erfüllen müssen, um über Re-Institutionalisierungsprozesse die notwendige gesellschaftliche Legitimation wiederzuerlangen. Wenn die damit verbundenen Veränderungsaufgaben z.B. über Prozesse des Qualitätsmanagements ernsthaft angegangen werden, so der Autor in seinen Schlussbemerkungen - kann die De-Institutionalisierungsdebatte, die die radikale Auflösung von stationären Wohneinrichtungen fordert, beendet werden.

Diskussion

Um es gleich zu sagen: Andreas Brachmann hat den Autor dieser Rezension ausführlich rezipiert und dagegen ist nichts zu sagen. Mehr als irritierend ist allerdings, dass der von Brachmann für sein Buch gewählte Titel nahezu identisch mit einem Fachartikel ist, der von mir 2004 veröffentlicht wurde unter dem Titel „Re-Institutionalisierung statt De-Institutionalisierung! Implementationsstrategien für Offene Hilfen für Menschen mit geistiger Behinderung“. In: Geistige Behinderung, Jg. 42, Nr. 1, S. 15-36.

Unabhängig davon ist an der Publikation positiv, dass der Autor einen weiteren Beitrag dazu leistet, die Ansätze neo-institutionalistischer Theoriebildung in der Heil- und Sonderpädagogik weiterzuentwickeln. Gerade in einer Situation, in der die Behindertenhilfe durch Veränderungserwartungen gekennzeichnet ist und auch traditionelle Wohneinrichtungen sich vorsichtig die Frage stellen, ob sie eigentlich noch fachlichen Standards genügen sind, ist der neo-institutionalistische Erklärungszusammenhang von Stabilität und Wandel sehr bedeutsam. Mit Gewinn liest sich auch die Darstellung der historischen und aktuellen Heimkritik und ihrer Argumente. Fragwürdig erscheint dabei aber die Aufteilung der Kritiker in drei Gruppen: in die radikalen Ideologen, die Gemäßigten und davon abgegrenzt die Vernünftigen, die sich auf praktische Erfahrungen stützen (S.42ff.). Kennt man die angesprochen Personen, dann wird rasch deutlich, dass der Vorwurf der Praxisferne hier nicht greift. Vielmehr entsteht der Eindruck, dass Brachmann als Einrichtungsvertreter selbst recht interessengeleitet argumentiert, vielleicht auch etwas selbstgefällig, denn zwischen den Zeilen wird klar, wo er sich bei der Gruppeneinteilung selber zurechnet. Dazu passt auch, dass gleich zu Beginn deutlich wird, dass es bei dem Buch um die Verteidigung bzw. um die Rettung stationärer Wohneinrichtungen geht. Mit einer Re-Institutionalisierung soll der von den Kritikern - wie im Buch selbst gezeigt wird - gut begründeten Forderung nach Auflösung stationärer Einrichtungen entgegen getreten werden. Auch nach Lektüre des Buches bleibt unklar, was genau Brachmann unter Re-Institutionalisierung in Wohneinrichtungen versteht, konkret, welche institutionalisierten Regeln wie verändert werden sollen, wie das neue Dienstleistungsmodell erreicht werden kann und vor allem, warum dazu stationäre Wohneinrichtungen gebraucht werden. Hier stellt sich die Frage, ob der Autor die Rezeption neo-institutionalistischer Theoriekonzeptionen nicht viel zu engführend gestaltet.

Im Wesentlichen scheint es Brachmann letztlich um Modernisierungen zu gehen, die innerhalb der Einrichtungsgrenzen bleiben. Er will die Wohneinrichtung als Hilfemodell vor der Auflösung bzw. vor Bedrohungen durch äußere Gefahren retten. Verweise auf makrostrukturelle Veränderungen oder auf Prozesse der Ökonomisierung in der Behindertenhilfe sind sicherlich von Interesse, aber der Autor scheint zu übersehen, dass im heil- bzw. sozialpädagogischen Diskurs neues fachliches Wissen über gute Unterstützung von Menschen mit sogenannter geistiger Behinderung vorliegt, welches mit der alten Logik der stationären Einrichtung notwendigerweise bricht. Schwer nachvollziehbar ist auch sein Versuch, das alte sonderpädagogische Schonraumprinzip zu retten, dessen Übergriffigkeit und Diskriminierungspotential sich auch mit neuen Begriffen wie „Enabling-Räume“ nicht ausräumen lässt. Prinzipiell ist auch gegen ein fachlich orientiertes Qualitätsmanagement (QM) nichts einzuwenden, aber die QM-Debatte der 1990er Jahre hat gezeigt, dass die Einführung von QM-Systemen in der Behindertenhilfe nicht zu strukturellen Innovationen geführt hat, sondern zu Stabilisierung der gegeben stationären Dominanz. Brachmann bleibt seinerseits den empirischen Beweis schuldig, dass stationäre Wohneinrichtungen nicht durch offene Hilfen zum Wohnen ersetzt werden können und sogar müssen, wenn man Art 19 der UN-Behindertenrechtskonvention ernst nimmt.

Fazit

Ausgehend von der These, dass stationäre Wohneinrichtungen für Menschen mit geistiger Behinderung zwar schon seit langem in der Kritik stehen, nun aber sich diese Kritik zu einer ernsthaften Legitimationskrise zuspitzen könnte, die wohl u.U. auch Finanzierungseinschränkungen zur Folge haben könnte, arbeitet der Autor daran, Lösungsansätze für die prinzipiell kritisierten Einrichtungen zu entwickeln. Dieser Rettungsversuch stützt sich sehr stark auf sonderpädagogisch begründete Konzeptionen, die aus Theorien der Anerkennung oder des institutionalisierten Lernens entwickelt wurden. Deutlich aufgezeigt wird der außerordentliche Veränderungsbedarf, der sich aus einer grundlegenden Neubestimmung für Wohneinrichtungen ergibt. Nicht geleistet wird der empirische Beleg dafür, dass eine solche Veränderung möglich ist, ohne stationäre Einrichtung aufzugeben.


Rezension von
Prof. Dr. Johannes Schädler
Zentrum für Planung und Evaluation Sozialer Dienste (ZPE), Uni Siegen
Homepage www.zpe.uni-siegen.de
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Zitiervorschlag
Johannes Schädler. Rezension vom 05.09.2011 zu: Andreas Brachmann: Re-Institutionalisierung statt De-Institutionalisierung im System der Behindertenhilfe. Neubestimmung der Funktion von Wohneinrichtungen für erwachsene Menschen mit geistiger Behinderung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. ISBN 978-3-531-18130-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11587.php, Datum des Zugriffs 02.07.2020.


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