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Wolfgang Schroeder, Bettina Munimus u.a.: Seniorenpolitik im Wandel

Cover Wolfgang Schroeder, Bettina Munimus, Diana Rüdt: Seniorenpolitik im Wandel. Verbände und Gewerkschaften als Interessenvertreter der älteren Generation. Campus Verlag (Frankfurt) 2010. 515 Seiten. ISBN 978-3-593-39318-6. D: 49,00 EUR, A: 50,40 EUR, CH: 76,90 sFr.
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Thema

Das Leitbild der Generationensolidarität ist für die politische Kultur und das System der Interessenvertretung in Deutschland prägend. Vor dem Hintergrund des demografischen und sozialstaatlichen Wandels gerät die traditionelle generationenübergreifende Institutionenordnung jedoch zunehmend unter Druck. Wird sich daher in Zukunft eine separate und eigenständige Interessenorganisation für Ältere etablieren? Dieser Frage gehen Wolfgang Schroeder, Bettina Munimus und Diana Rüdt in ihrer komparativ angelegten Studie zu zentralen seniorenpolitischen Akteuren in Deutschland nach. Sie richten ihren Fokus dabei auf zwei Organisationstypen: Die Sozialverbände als direkte und die Gewerkschaften als advokatorische Interessenvertreter der älteren Generation. Die Analyse basiert auf einer umfassenden Auswertung von Primärquellen der Sozialverbände und Gewerkschaften (Satzungen, Geschäftsberichte u.ä.) sowie qualitativen, leitfadengestützten Experteninterviews mit Verbands- und Gewerkschaftsfunktionären und Vertretern aus Politik, Verwaltung und Wissenschaft.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in insgesamt sieben Kapitel.

Nach einer Einleitung (Kap. 1) und Ausführungen zum Forschungsdesign (Kap. 2) beschreiben die Autoren zunächst die Ausgangslage, indem sie Chancen und Herausforderungen der demografischen Entwicklung und des Strukturwandels des Alters benennen sowie die Potenziale von Älteren als Organisationsmitglieder, Wähler, Konsumenten und Ehrenamtliche aufzeigen (Kap. 3).

Danach (Kap. 4) erstellen sie Kurzporträts ausgewählter Akteure der Seniorenpolitik in Deutschland (u.a. Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen, Seniorenorganisationen der Parteien, Spitzenverbände der freien Wohlfahrtspflege, Christliche Verbände) und skizzieren die sozialstaatliche Programmatik der Sozialverbände und Gewerkschaften in der Renten-, Pflege- und Gesundheitspolitik. In einem Exkurs informieren sie außerdem über Akteurskonstellationen in anderen Ländern (USA, Italien und Österreich).

Die nächsten beiden Kapitel beinhalten dann ausführliche und systematische Fallstudien zu den drei größten deutschen Sozialverbänden - VdK, SoVD und VS (Kap. 5) - und den drei mitgliederstärksten Einzelgewerkschaften - IG Metall, ver.di und IG BCE - sowie dem DGB als gewerkschaftlichem Dachverband (Kap. 6).

Da die Mitgliedergruppe der Rentner in den Sozialverbänden in den letzten Jahren stetig gewachsen ist, könnte man annehmen, dass sie dabei sind, „sich zu den maßgeblichen Seniorenlobbyisten des 21. Jahrhunderts zu entwickeln“ (Schroeder et al. 2010, S. 95). Schroeder, Munimus und Rüdt zeichnen ihren Organisationswandel von “,aussterbenden Kriegsopferverbänden´ zu umfassenden, mitgliederdynamischen und medial präsenten Sozialverbänden“ (S. 101) nach und kommen zu dem Ergebnis, dass sich die untersuchten drei Verbände trotz ihrer einflussreichen Position im Bereich der Sozialpolitik für Ältere selbst keineswegs „als generationenseparierende, reine Seniorenverbände verstehen“ (S. 281). Sie haben sich, so die Autoren, vielmehr für neue sozialstaatliche Klientelgruppen (z.B. Menschen mit Behinderung, Familien, Patienten und SGB II-Empfänger) geöffnet und verfolgen aufgrund ihrer heterogenen Mitgliederstruktur „insgesamt eine integrativ-befriedende Strategie“ (S. 298).

Auch der DGB und seine Einzelgewerkschaften sehen sich durch den Alterungs- und Schrumpfungsprozess sowie den tendenziell gestiegenen Partizipationserwartungen auf Seiten der aktiven Gewerkschaftssenioren seit Längerem mit der „Seniorenfrage“ konfrontiert. Diese wird - wie die Einzelfallstudien zeigen - kontrovers diskutiert. Einerseits wird befürchtet, eine zu starke innerorganisatorische Einbindung der Senioren könne die Kernfunktion der Gewerkschaften - die Interessenvertretung der aktiv Erwerbstätigen - gefährden. Andererseits richtet sich die Aufmerksamkeit vermehrt auf das „soziale Kapital“ der Mitglieder im Ruhestand und es wird überlegt, wie ihre Engagement- und Zeitpotenziale als Organisationsressource genutzt werden können. Insgesamt aber betonen die untersuchten Gewerkschaften - trotz ihrer teilweise unterschiedlichen Positionen und Praktiken hinsichtlich der Beteiligung Älterer - nach wie vor die Bedeutung einer Interessenvertretung aller Generationen. Die Frage, wie und in welcher Form die Ruheständler angemessen integriert werden können, ist also noch nicht gelöst.

Schroeder, Munimus und Rüdt fassen in ihrem letzten Kapitel (Kap. 7) die Ergebnisse ihrer Studie zusammen und ziehen die Schlussfolgerung, dass „das generationenübergreifende Integrationsmodell“ (S. 444) weiterhin Bestand zu haben scheint. Wie lange noch, ist nach Ansicht der Autoren jedoch offen.

Diskussion

Die durch die Hans-Böckler-Stiftung geförderte Publikation ist als fundierter wissenschaftlicher Beitrag zur Erforschung der Interessenpolitik für Ältere zu werten. Sie stellt den Wandel der Sozialverbände und Gewerkschaften in ihrer Rolle als Interessenvertreter älterer Menschen differenziert dar und bietet weitreichende Einblicke in die Organisations- und Mitgliederstruktur sowie die Partizipationsmöglichkeiten der Älteren. Allerdings wären aus Gründen der Transparenz und Nachvollziehbarkeit mehr Hinweise zur Methodik (z.B. Anzahl und Auswahl der Experten, Interviewleitfaden, Auswertung des Datenmaterials) wünschenswert gewesen. Die systematische Bearbeitung und strukturierte Darstellung ermöglichen dem/der Leser/in dennoch einen aktuellen und praxisnahen Überblick über die seniorenpolitische Akteurskonstellation in Deutschland - wobei kritisch zu hinterfragen ist, ob die von den Autoren untersuchten Organisationen tatsächlich „zu den Hauptakteuren in der Seniorenpolitik zählen“ (S. 33).

Fazit

Das Buch liefert in jedem Fall Diskussionsstoff zum generellen Umgang mit der „Seniorenfrage“. Es eignet sich daher für Politik- und Sozialwissenschaftler, gewerkschaftliche Akteure und Vertreter der Verbände sowie - auch aufgrund der guten Verständlichkeit - für alle anderen Interessierten.


Rezensentin
Britta Bertermann
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Zitiervorschlag
Britta Bertermann. Rezension vom 29.07.2011 zu: Wolfgang Schroeder, Bettina Munimus, Diana Rüdt: Seniorenpolitik im Wandel. Verbände und Gewerkschaften als Interessenvertreter der älteren Generation. Campus Verlag (Frankfurt) 2010. ISBN 978-3-593-39318-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11588.php, Datum des Zugriffs 20.09.2019.


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