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Johanna Klatt, Franz Walter: Entbehrliche der Bürgergesellschaft?

Cover Johanna Klatt, Franz Walter: Entbehrliche der Bürgergesellschaft? Sozial Benachteiligte und Engagement. transcript (Bielefeld) 2011. 250 Seiten. ISBN 978-3-8376-1789-4. 29,90 EUR.

Reihe: Gesellschaft der Unterschiede - Band 3.
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Thema

Einschlägige Studien, wie der Freiwilligensurvey (Infratest Sozialforschung 2010, im Auftrag des BMFSFJ), zeigen einen zunehmenden Trend in Bezug auf das freiwillige Engagement in Deutschland. Die Engagementquote ist demnach zwischen 1999 und 2009 von 34% auf 36% gestiegen und die Mehrheit der Bevölkerung (71%) ist, wie es der Freiwilligensurvey bezeichnet, „teilnehmend aktiv“. Damit sind alle Aktivitäten gemeint, die im so genannten dritten Sektor, bzw. der Infrastruktur der Zivilgesellschaft angesiedelt sind, also auch in Vereinen, Verbänden, Gruppen und öffentlichen Einrichtungen. Die stärksten Zuwächse zeigen sich dabei im erfassten 10-Jahres-Zeitraum bei den so genannten „jungen Alten“.

Gleichzeitig weist aber der Freiwilligensurvey mit den Daten von 2009, ebenso wie auch schon die Vorgängerberichte von 2004 und 1999, eindeutig nach, dass Menschen, die arbeitslos sind oder ein geringes Einkommens- und Bildungsniveau haben sowie Menschen mit Migrationshintergrund, sich deutlich weniger freiwillig engagieren als der Durchschnitt der Bevölkerung. Hier knüpft die Publikation von Johanna Klatt und Franz Walter an, die die provokante Fragestellung verfolgt, ob es sich bei der Bevölkerungsgruppe, die in der soziologischen Terminologie auch als das „abgehängte Prekariat“ bezeichnet wird, um „Entbehrliche der Bürgergesellschaft“ handelt, beziehungsweise welche Maßnahmen und Interventionen hier angezeigt wären, um das zu verändern.

Autorin und Autor

Johanna Klatt ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Göttinger Institut für Demokratieforschung. Sie arbeitet in einem Projekt zur Zivilgesellschaft in Deutschland, Österreich und den Niederlanden und promoviert zu sozialer Ungleichheit in der modernen Bürgergesellschaft.

Prof. Dr. Franz Walter, lehrt Politikwissenschaft an der Georg-August-Universität in Göttingen und ist Direktor des Göttinger Instituts für Demokratieforschung.

Entstehungshintergrund

Eine Forschergruppe am Göttinger Institut für Demokratieforschung führte in den Jahren 2009 und 2010 eine qualitative Studie in sozial unterprivilegierten Bevölkerungsmilieus durch, in deren Rahmen die dort erkennbaren Einstellungen und Haltungen zur modernen Bürgergesellschaft sowie entsprechende Aktivitäten und mögliche Beteiligungen erhoben wurden. Ziel war es auch, aus den gewonnenen Ergebnissen und Erkenntnissen neue Handlungsempfehlungen für die Engagementpolitik und -förderung zu formulieren.

Aufbau und Inhalt

Einleitend erfolgt in dem Buch eine historisch-theoretische Einführung durch Franz Walter, der die Entwicklung von der Entstehung einer organisierten Arbeiterbewegung, Mitte des 19. Jahrhunderts, bis heute skizziert. Er zeigt auf, wie sich das Milieu der Arbeiterklasse, mit dem Prototyp des „Malochers“ der ausgestattet ist „(…) mit starken Muskeln und hohem Klassenbewusstsein, mit gewerkschaftlichem Engagement und gut geschulter sozialistischer Gesinnung“ (S. 11) in den 70er-Jahren aufspaltet. Es entsteht die eine Gruppe, die die Bildungsreformen dieser Zeit nutzt, um für sich und die eigenen Kinder den sozialen Aufstieg zu schaffen. Auf der anderen Seite entsteht auch eine Gruppe der „…Verlierer, die zunehmend atomisierten, resignierten und zur Apathie neigten.“ (S.11). Er zeigt auf, was in der weiteren Entwicklung die Abwanderung der sozialen Aufsteiger aus den klassischen Arbeiterquartieren für diese Quartiere bedeutet und welche sozialen Entwicklungen bis heute damit verbunden sind. Abschließend stellt er fest, dass das Prekariat in Deutschland „(…) sozial und kulturell verwaist (…) in dieser Beziehung buchstäblich obdachlos (…)“ (S. 30) geworden ist. Weiter stellt er die Frage, ob die Zivilgesellschaft die Reintegration dieser Bevölkerungsgruppe einerseits tatsächlich will und andererseits für die Einbeziehung des unteren gesellschaftlichen Fünftels überhaupt tauglich ist.

Daran anschließend wird in insgesamt 9 Kapiteln die Studie vorgestellt, die im Mittelpunkt der Publikation steht, wobei die Vorstellung der Ergebnisse auch mit Exkursen zu zentralen Themen verknüpft wird. Unter der Federführung von Johanna Klatt werden hier insgesamt 7 weitere Mitglieder der Forschungsgruppe als AutorInnen genannt.

In Kapitel 1 wird das Forschungsvorhaben detailliert beschrieben. Neben einer theoretischen Fundierung und der Darlegung des Forschungsstands, erfolgen auch begriffliche Klärungen und eine klare Beschreibung des Forschungsziels.

In Kapitel 2 wird das methodische Vorgehen begründet und erläutert. Die Erhebungsmethoden sowie das Vorgehen bei der Datenerhebung, inklusive der Auswahl des Teilnehmerkreises der Befragten werden detailliert beschrieben.

Kapitel 3 gibt Auskunft über die Erhebungsorte sowie die Auswahl der Stadtteile, in denen die Befragten für die Datenerhebung gewonnen wurden. Es handelt sich in Göttingen um den Stadtteil Grone-Süd, in Kassel um die Quartiere Wesertor und Brückenhof und in Leipzig um den Stadtteil Grünau. Diese Stadtteile werden beschrieben und kurz charakterisiert.

Das sehr umfangreiche Kapitel 4 widmet sich den Ergebnissen der Fokusgruppen und Einzelinterviews in Bezug auf Einstellungen und Handlungslogiken. Vor dem Hintergrund der ausgewählten Städte und Quartiere thematisiert ein kurzer Exkurs auch die spezifischen Befunde für die alten und neuen Bundesländer.

Auf der Basis von Ankerbeispielen aus den qualitativen Daten, arbeiten die Autoren im Kapitel 5 die Unterschiede zwischen der „klassischen“ und der „modernen“ Bürgergesellschaft heraus und definieren Zugänge und Barrieren für die Partizipation in zivilgesellschaftlichen Strukturen.

Ein umfangreicherer Exkurs I greift im Kapitel 6 die unterschiedlichen Bedingungen und Einflussfaktoren auf bürgerschaftliche Beteiligung in traditionellen Arbeitervierteln und in Trabantenstädten/ Großwohnsiedlungen auf.

In Kapitel 7 erfolgt in einem Exkurs II eine vergleichende Gegenüberstellung der Bewohner mit und ohne Migrationshintergrund. Thematisiert werden die Phänomene der Segregation, im Sinne einer gemeinsamen Identifikation bestimmter ausländischer Gruppen, aber auch die Auswirkungen dieser Parallelgesellschaften sowie der auch identifizierbare Wunsch nach größerer Mischung der Bewohnerstrukturen.

Im Kapitel 8 werden eine Typologie von Bewohnern sowie ihre Charakterisierung vorgenommen. Das Spektrum umfasst die Typen „Viertelkinder“, „Aufstiegsorientierte“, „Isolierte“, „Junge Männer“, „Jüngere Frauen und Mütter“ und die „Viertelgestalter“.

Im abschließenden Kapitel 9 werden die Erkenntnisse des Forschungsprojekts zusammengefasst und es werden daraus konkrete Handlungsempfehlungen abgeleitet. Dabei wird auch auf die in Kapitel 8 vorgestellten Typologien Bezug genommen.

Zielgruppe

Mit dem Buch wird eine breite Zielgruppe angesprochen. Seine Lektüre ist fast ein Muss für Professionelle in der Sozialen Arbeit, die in der Gemeinwesenarbeit oder Quartiersarbeit tätig sind oder werden wollen sowie für alle die mit sozial Benachteiligten arbeiten. Es spricht aber auch Studierende und Dozierende der Politik- und Sozialwissenschaften an und es richtet sich an politisch Verantwortliche sowie an Organisationen des Dritten Sektors.

Diskussion

Die Autoren stellen im Rahmen ihrer Publikation eine Studie vor, die überzeugend theoretisch entwickelt und wissenschaftlich fundiert durchgeführt wurde. Sie greifen mit der Frage, ob und wie sozial Benachteiligte in bürgerschaftliches Engagement eingebunden werden können, ein wichtiges Thema auf, das in der Debatte um die Schaffung einer Bürgergesellschaft sonst weitgehend ausgeblendet wird. Es gelingt mit der Forschungsstudie sehr überzeugend den Finger in die Wunde zu legen und aufzuzeigen, wo in der öffentlichen Debatte um Engagementförderung dringend neue Akzente gesetzt werden müssen. Die Handlungsempfehlungen zeigen auf, wie und wo Engagementpolitik gegensteuern muss, wenn sie auch benachteiligte Bevölkerungsgruppen erreichen will.

Fazit

Die Publikation von Johanna Klatt und Franz Walter ist ein Gewinn in der inzwischen vielfältigen und breiten Landschaft der Veröffentlichungen zum Thema Bürgergesellschaft, die einen eigenen Akzent setzt. Eine lohnenswerte Lektüre für alle, die sich mit Freiwilligenarbeit und Bürgerengagement beschäftigen.


Rezensentin
Prof. Dr. Cornelia Kricheldorff
Katholische Hochschule Freiburg,
Prorektorin für Forschung und Weiterbildung, Professorin für Soziale Gerontologie und Soziale Arbeit im Gesundheitswesen;
Leitung des Instituts für Angewandte Forschung, Entwicklung und Weiterbildung;
Sprecherin des Forschungsschwerpunkts „Versorgungsforschung in Gerontologie, Pflege und Gesundheitswesen“
Homepage www.kh-freiburg.de
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Zitiervorschlag
Cornelia Kricheldorff. Rezension vom 15.09.2011 zu: Johanna Klatt, Franz Walter: Entbehrliche der Bürgergesellschaft? Sozial Benachteiligte und Engagement. transcript (Bielefeld) 2011. ISBN 978-3-8376-1789-4. Reihe: Gesellschaft der Unterschiede - Band 3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11599.php, Datum des Zugriffs 18.02.2019.


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