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Astrid Kaminski: Co-Therapeut Angehöriger?

Rezensiert von Prof. lic. phil. Urs Gerber, 14.11.2011

Cover Astrid Kaminski: Co-Therapeut Angehöriger? ISBN 978-3-86306-744-1

Astrid Kaminski: Co-Therapeut Angehöriger? über die Unterstützung Abhängigkeitserkrankter durch Angehörige. AVM - Akademische Verlagsgemeinschaft München (München) 2011. 144 Seiten. ISBN 978-3-86306-744-1. 39,90 EUR.
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Thema

Die Autorin befasste sich mit der Frage, ob es sinnvoll sei, Angehörige in die stationäre Therapie der Betroffenen einzubeziehen. Die Autorin stellt zudem die Hypothese auf, je mehr Kontakte der Betroffene während der stationären Therapie zu seinen Angehörigen habe, desto seltener beschäftige sich der Betroffene mit dem Gedanken an einen Abbruch der Therapie. Sie untersuchte die Beziehungen zu den Partnerinnen und Partnern, nicht die Angehörigen insgesamt als Gruppe. In ihrem Buch beschreibt sie detailliert das methodische Vorgehen bei ihrer empirischen Untersuchung. Die beiden Hypothesen konnten durch die Studie nicht bestätigt werden.

Entstehungshintergrund

Die Autorin führte die oben erwähnte Untersuchung durch im Rahmen ihrer Diplomarbeiten an der Universität Eichstätt – Ingolstadt in den Fächern Pädagogik und Soziologie.

Untersuchungsanordnung

Es handelt sich um eine Querschnittsuntersuchung im Erhebungszeitraum von Dezember 2008 bis März 2009. Es wurden Hypothesen aufgestellt, welche bestätigt respektive verworfen werden können. Die Befragung der Patienten und Patientinnen erfolgte durch Fragebögen, welche den stationären Kliniken zugeschickt wurden. Die Untersuchung wurde ethisch korrekt durchgeführt beispielsweise bezüglich Gewährleistung der Schweigepflicht und der Anonymität. Die Daten wurden nur zu wissenschaftlichen Zwecken benutzt.

Beschreibung der Stichprobe

Die Grundgesamtheit besteht aus allen stationär behandelten Patienten und Patienten mit einer substanzgebundenen Abhängigkeitserkrankung in Deutschland. Die ausgewählte Stichprobe ist nicht repräsentativ, Resultate sind mit Vorsicht zu interpretieren. Es wurden 3.844 Fragebögen verschickt, beachtliche 911 wurden ausgewertet, die Rücklaufquote betrug 24%.

Inhalt

Zunächst entwickelt die Autoren die Hypothese: Je beständiger die Beziehung des Betroffenen zu seinem Partner /zu seiner Partnerin ist, desto mehr öffnet sich der Betroffene in der Therapie. Zur ihrer Überprüfung verwendet sie folgende Konstrukte:

  1. Beständigkeit der Paarbeziehung
  2. Offenheit in der Therapie
  3. Wahrnehmen von Angehörigenangeboten in der stationären Einrichtung
  4. Zufriedenheit in der Therapie
  5. Kontakthäufigkeit zu Angehörigen während der stationären Therapie

Die Konstrukte werden dann in weitere Kategorien unterteilt. Beständigkeit der Paarbeziehung beispielsweise wird in Dauer der Beziehung, gemeinsame Lebensplanung, gemeinsame Freizeitbeschäftigung, Kontakthäufigkeit. Gemeinsame Lebensplanung wird ihrerseits nochmals in Unterkategorien differenziert: Besteht ein gemeinsamer Haushalt oder die Planung eines solchen, besteht eine Ehe oder oder ist sie geplant, gibt es gemeinsame Kinder oder sind welche geplant. Die Autorin stellt über ihre Operationalisierungen Transparenz her, sie werden nachvollziehbar dargestellt.

Durch die Untersuchung konnten keine Hypothesen bestätigt werden. Auch durch das Zusammenfassen von Unterkategorien konnte keine statistische Signifikanz erreicht werden.

Trotzdem ergaben sich verschiedene interessante Resultate: Beispielsweise sprechen die Abhängigen ungern über Konflikte in der Partnerschaft und schätzen sich als verschlossener ein bei diesem Thema als bei anderen Themen. Dies zeigte sich für die Einzelgespräche und tendenziell verstärkt auch in den Gruppengesprächen. Beachtlich ist ferner, dass 36% der Befragten angeben, täglich mit den Angehörigen zu telefonieren. Bei 24% der Patienten und Patientinnen wurden Angehörigengespräche durchgeführt, mehr als doppelt so viele, nämlich 57%, wünschten sich diese Form der Behandlung.

Diskussion

Die Autorin schliesst aus ihrer Untersuchung folgerichtig, die Therapeutinnen und Therapeuten müssten die Erkrankten besser über die Bedeutung und Wichtigkeit des Einbezuges der Angehörigen informieren.

Die Arbeit geht nicht darauf ein, dass die Betroffenen von den Angehörigen direkt oder indirekt an ihre Schattenseiten erinnert werden. Dies löst bei den Abhängigen meist grosse Schuld- und Schamgefühle aus. Diese Gefühle müssen mit den Erkrankten zuerst bearbeitet werden, wenn die therapeutische Arbeit mit Angehörigen fruchtbar werden sollte. Deshalb sollte in der Mehrzahl der Fälle zuerst in der Klinik eine Motivation geschaffen werden für eine nachstationäre, ambulante und vor Ort stattfindende, systemische Beratung. Angehörigenberatungen sollten über einen längeren Zeitraum stattfinden. Sinnvollerweise finden Angehörigengespräche vor allem dann statt wenn sich der Betroffene in seinem Lebensraum und nicht mehr in der Klinik befindet. Dies wäre ein beachtlicher Beitrag zur Rückfallprophylaxe und zur Förderung der Lebensqualität der Betroffenen. Grundsätzlich stellt sich die Frage, ob das Konzept, die Abhängigen fern von ihrer gewohnten Lebenswelt zu therapieren, für die Mehrzahl der Betroffenen nicht veraltet ist.

Die klinische Erfahrung zeigt, dass alles letztlich eine Frage des richtigen Timings ist. Zu welchem Zeitpunkt sind Angehörigengespräche produktiv? Sind zuerst Informationen das Richtige, die Motivation zur Einzel-, Paar- oder Familientherapie oder der sofortige Einstieg mit der Therapie? Richtig und wichtig ist die Bemerkung der Autorin, eine Längsschnittuntersuchung mit qualitativen Interviews würde wahrscheinlich zu einem grösseren Erkenntnisgewinn beitragen. Dies erfordert eine aufwendigere Studie, die den Rahmen einer Diplomarbeit allerdings sprengen würde.

Fazit

Studierende der Sozialwissenschaften, die sich mit der Komplexität beim Verfassen von empirischen Arbeiten auseinandersetzen möchten und sich zusätzlich für den Suchtbereich interessieren, finden in dieser Untersuchung hilfreiche Hinweise für die Konzeption einer eigenen quantitativen Studie. Alle relevanten Fragestellungen, die es zu beachten gibt, werden thematisiert. Obwohl die Eingangshypothese nicht bestätigt werden konnte, resultieren interessante Resultate wie beispielsweise, dass die Abhängigen verschlossener beim Thema Angehörige sind als im Vergleich zu anderen Themen. Bemerkenswert ist auch der hohe Anteil der Patienten und Patientinnen von 36%, die täglich telefonisch Kontakt haben zu Ihren Angehörigen. 57% der Befragten geben an, dass sie Angehörigengespräche wünschen, aber nur 24% hatten tatsächlich welche. Was das für die stationäre Behandlung bedeutet und welche Folgerungen wir daraus zu ziehen haben, müsste weiter vertieft diskutiert und erforscht werden. Die Autorin hat dazu wertvolle Vorarbeit geleistet.

Rezension von
Prof. lic. phil. Urs Gerber
Fachhochschule Nordwestschweiz, Hochschule für Soziale Arbeit, Olten
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Es gibt 11 Rezensionen von Urs Gerber.

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Zitiervorschlag
Urs Gerber. Rezension vom 14.11.2011 zu: Astrid Kaminski: Co-Therapeut Angehöriger? über die Unterstützung Abhängigkeitserkrankter durch Angehörige. AVM - Akademische Verlagsgemeinschaft München (München) 2011. ISBN 978-3-86306-744-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11604.php, Datum des Zugriffs 15.08.2022.


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