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Karl Gabriel, Willi Jäger u.a. (Hrsg.): Alter und Altern als Herausforderung

Cover Karl Gabriel, Willi Jäger, Gregor Maria Hoff (Hrsg.): Alter und Altern als Herausforderung. Verlag Karl Alber (Freiburg /München) 2011. 337 Seiten. ISBN 978-3-495-48453-1. 29,00 EUR.

Band 35 von „Grenzfragen“, Veröffentlichungen des Instituts der Görres-Gesellschaft für interdisziplinäre Forschung.
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Thema

Alter gewinnt durch Langlebigkeit eine neue Qualität. Mit dem Erreichen des 100. Geburtstags durch nicht mehr ganz wenig Menschen verlängert sich auch die vierte Lebensphase der Alt-Alten. Auch bei chronischen Erkrankungen werden alte Menschen durch die moderne Medizin noch eine ganze Reihe von Jahren als Hochaltrige im Leben gehalten. Aktivitäten im dritten, Jungen Alter sind mit Sport, Jogging, Reisen und Ehrenamt in aller Munde. Die Ratgeber sind nahezu unerschöpflich. Wie wird aber das Alte Alter im vierten Alter gefüllt? Die Frage stellt sich, ob die Entwicklung von den betreuten Alten (1950er Jahre) über die aktiven (1970er Jahre) und produktiven Alten (1990er Jahre) nun zu den sich Sinn stiftenden und Sinn findenden alten Menschen geht: Die transzendierend über sich hinaus weisen – einerseits durch Weitergabe ihrer Erfahrung und Lebensleistung, dann aber auch durch ihr Absehen vom Hier und Heute und durch ein Näher-Kommen ihrer selbst dem Ebenbild Gottes. Hier will der neue, bei Alber/Herder in Freiburg heraus gekommene Band „Alter und Altern als Herausforderung“ zur Klärung beitragen.

Aufbau

Der von Karl Gabriel, Willi Jäger und Gregor Maria Hoff als Veröffentlichung der Görres-Gesellschaft herausgegebene Band von Aufsätzen „Alter und Altern als Herausforderung“ stellt in vier einzel-disziplinären Abschnitten die Problematik und die Chancen der zunehmenden Langlebigkeit zur Diskussion.

Nach der Grundlegung der biologischen und medizinischen Aspekte in drei Arbeiten behandeln zwei Aufsätze die psychologischen Dimensionen.

Drei Beiträge widmen sich gesellschaftlich-kulturellen Faktoren.

Im mit 120 von den 337 Seiten längsten vierten Abschnitt versuchen vier Autoren, philosophische und theologische Deutungsperspektiven zu entwickeln. Der Fokus der insgesamt zwölf Einzelbeiträge liegt nicht so sehr auf den sozialpolitischen Problemen des langen Lebens. Vielmehr werden hauptsächlich die anthropologischen, individuellen Aufgaben von Sinndeutung und Sinnhorizont im verlängerten, späten Lebensabschnitt in den Blick genommen. Religiösen Mustern gilt dabei das Hauptaugenmerk.

Inhalte

Bei den biologisch-medizinischen Grundlagen weist Johannes Dichgans auf die molekularbiologischen und molekulargenetischen Grundlagen für die Länge des menschlichen Lebens. Mit kalorienarmem Fasten und geistigem Training ist die zellulare Reparaturkapazität zu steigern. Nach der Fragestellung, ob die Alzheimer-Demenz eher ein nicht alle treffender Krankheitsprozess oder ein für alle gültiger Alterungsprozess sei, widmet sich Ingo Füsgen der Gesundheitsförderung im Alter, die er der Krankheitsbekämpfung vorzieht.

Unter psychologischen Dimensionen zeigt sich Andreas Kruse dank der Plastizität auch des alten Menschen hoffnungsfroh für eine Mitverantwortung der Alten. Christina Ding-Greiner empfiehlt eine individuelle Transzendenz durch Kundgabe von Erfahrungen und Lebensleistung.

Unter gesellschaftlich-kulturellen Gesichtspunkten sieht Karl Gabriel die Auflösung eines kollektiven Konstrukts „Alter“ in je individuelle Biografien. Ein Aufsatz zum Altern in Schwarzafrika beklagt den dortigen Verlust hergebrachter Traditionen. An der aktuellen Wohnsituation alter Menschen kritisiert Klaus Borchard die Vereinsamung und empfiehlt Impulse zur Intensivierung der Kommunikation.

Im philosophisch-theologischen Teil akzentuiert Eva Birkenstock individuelle Authentizität und appelliert angesichts der Angst vor Tod und Nichts an die Solidarität. Diese fordert auch Ludger Honnefelder zur Aufrechterhaltung der Autonomie ein. Ulrich Feeser-Lichterfeld will die Theologie in den gerontologischen Diskursen aufgewertet wissen, weil er Erik Eriksons Entwicklungsphasen in Richtung auf eine neunte Stufe mit Transzendenz und kosmischer Weltsicht verlängert sieht. In scholastischer Tradition empfiehlt Eberhard Schockenhoff die Glaubens-Bewährung als Vorwegnahme göttlicher, eschatologischer Glücksvollendung im Jenseits schon im Diesseits zur Liebesbefähigung und zum Loslassen bereits am Ende des Erdenlebens.

Diskussion

Verdienstvoll am vorgestellten Sammelband „Alter und Altern als Herausforderung“ ist, dass er auch nach dem Lebenssinn für die sich verlängernde vierte Lebensphase der Alt-Alten fragt. Dass sich die Beiträge der vier bemühten disziplinären Denkstrukturen Bio-Medizin, Psychologie, Gesellschafts-/Kulturwissenschaften und Philosophie/Theologie teilweise überschneiden, ist gerontologischer Interdisziplinarität geschuldet und darum nicht nachteilig. So hätte Christina Ding-Greiners Aufsatz zur Lebensvollendung im Psychologie-Teil gut den philosophisch-theologischen Schlussabschnitt bereichert, in dem mit Ulrich Feeser-Lichterfelds Arbeit zu den Lebensphasen ja auch entwicklungspsychologische Momente thematisiert wurden; beim extrapolierten neunten Entwicklungsdual hätte auch Naomi Feils Verarbeiten versus Vegetieren erwähnt werden sollen. Wie die Autoren überhaupt den Ausstieg Dementer aus der Rationalität als individuelle Lösung hätten thematisieren können.

Bei der Behandlung der Wohnsituation hätte etwas zu technischem Support und sensorischen Assistenzsystemen ausgeführt werden sollen. Die Empfehlungen im theologischen Teil des Bandes wurzeln legitimerweise stark in der katholischen Moraltheologie. Ob Eberhard Schockenhoff mit 30 Seiten zwei Drittel seines Beitrags der scholastisch-thomistischen Aristoteles-Rezeption widmen musste, steht dahin. Der gerontologische Erkenntnisgewinn scheint bei dieser langen Herleitung eher gering. Die Schlussfolgerung einer hilfreichen und versöhnlichen Haltung am Lebensende aus dem Glauben hätte direkter gezogen werden können. Da kommt die Frage auf, ob der mündige, selbstbewusste und selbstständige, sich selbst deutende und einbringende alte Mensch nicht eher eine „evangelische“ Figur ist, wie es der Göttinger Professor für protestantische Praktische Theologie, Jan Hermelink, kürzlich in einem Interview andeutete („Zeitzeichen“ 3/2011, 32 ff.).

Der zur Diskussion über den Sinn des Lebensendes hilfreiche Band hätte Angaben zur Vita der Autoren beisteuern können, die leider unterblieben sind. Zitate sind erschwerenderweise sehr klein gedruckt worden.

Fazit

Mit „Alter und Altern als Herausforderung“ wird ein erfreulich vielseitiger und reichhaltiger Band zu Sinn und Horizont des Lebens der Hochaltrigen vorgelegt. Wenn auch die katholische Moraltheologie in vielen Beiträgen erkenntnisleitend ist, so ergeben sich für die praktische Arbeit auch für kirchenferne Akteure wichtige anthropologische Fingerzeige.


Rezensent
Prof. Kurt Witterstätter
Dipl.-Sozialwirt, lehrte bis zur Emeritierung 2004 Soziologie, Sozialpolitik und Gerontologie an der Evangelischen Fachhochschule Ludwigshafen - Hochschule für Sozial- und Gesundheitswesen; er betreute zwischenzeitlich den Master-Weiterbildungsstudiengang Sozialgerontologie der EFH Ludwigshafen
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Zitiervorschlag
Kurt Witterstätter. Rezension vom 20.06.2011 zu: Karl Gabriel, Willi Jäger, Gregor Maria Hoff (Hrsg.): Alter und Altern als Herausforderung. Verlag Karl Alber (Freiburg /München) 2011. ISBN 978-3-495-48453-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11607.php, Datum des Zugriffs 16.10.2019.


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ISSN 2190-9245

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