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Christian Deindl: Finanzielle Transfers zwischen Generationen in Europa

Cover Christian Deindl: Finanzielle Transfers zwischen Generationen in Europa. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. 182 Seiten. ISBN 978-3-531-17912-4. 34,95 EUR.

Reihe: Alter(n) und Gesellschaft - Band 22.
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Thema

Vor dem angeblich drohenden makroökonomischen Generationenkrieg wird gern mit mikroökonomischen Transfers innerhalb der Familien Entwarnung gegeben. Auch bei äußerer lokaler Distanz der Generationen bleibt zumeist nicht nur die innere emotionale Nähe bestehen. Sondern Jung und Alt stehen sich auch finanziell bei. In welche Richtung solche privaten, generationsübergreifenden Transfers laufen, von Alt zu Jung und/oder von Jung zu Alt, und aus welchen Motiven heraus sie geschehen, untersuchte Christian Deindl auf der Grundlage des europäischen Surveys SHARE in einer an der Universität Zürich vorgelegten Dissertation, die im VS-Verlag für Sozialwissenschaften in überarbeiteter Form als Buch im Umfang von 182 Seiten erschienen ist.

Autor

Christian Deindl ist als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Forschungsinstitut an der Universität zu Köln tätig.

Überblick

Die Untersuchung zu den generationsübergreifenden Privat-Transfers in elf europäischen Ländern birgt die wesentliche Erkenntnis, dass sozialpolitisch veranlasste, nachhaltige kollektive Transfers nicht unbedingt die privaten Übertragungen überflüssig machen. Im Gegenteil: Gerade in der Richtung von Alt zu Jung fließen umso höhere Zuwendungen, je höher die Alterseinkünfte sind. Eine Entlastung der Jüngeren in der Finanzierung der Alterssicherung würde also auf diese zurück fallen, weil sie dann weniger von ihren Eltern zugewendet erhielten. Eine gute Alterssicherung ist mithin familienfördernd. Anders stellt sich die Situation bei Übertragungen von Jung zu Alt dar. Sie fallen ohnehin geringer aus und wachsen auch nicht durch eine erhöhte Familienförderung. Diese Hilfen durch die Jungen an die Alten werden aus der Bedarfssituation der Älteren motiviert.

Inhalte im einzelnen

Der Autor legt seine Erkenntnisse in fünf Abschnitten vor.

Eingangs grenzt Christian Deindl die finanziellen Transfers von den praktischen Hilfen ab. Bei niederem Sozialstatus fließen eher praktische Hilfen einander zu, bei höherem Status eher Finanzmittel.

Sodann wird der Generationsbegriff entfaltet und in eine Motiv-Typologie eingebettet. Innerfamiliale Zuwendungen werden gegeben aus Altruismus, Reziprozität, normativer und/oder wertbesetzter Solidarität oder aber einfach aus Freude am Geben. Das Kaskadenprinzip besagt, dass der stärkere Zuwendungsstrom von Alt zu Jung als von Jung zu Alt erfolgt: Laufend fließen in 14 % Fällen Mittel zur jüngeren Generation, aber nur in 1 % bis 2 % Fällen von der jüngeren zur älteren Generation. Anhand Gösta Esping-Andersens Wohlfahrtsstaats-Typologie wird festgestellt, dass in den sozialdemokratischen, nordeuropäischen Staaten die Zuwendungs-Richtung von Alt zu Jung stärker ausgeprägt ist als in den familistisch orientierten südeuropäischen Gesellschaften. Starke öffentliche Transfers können private Übertragungen verringern (Crowding out), aber auch stärken (Crowding in), eventuell aber auch spezialisieren: Private emotionale Stützung bei zureichender öffentlicher finanzieller Absicherung.

Die Datengewinnung wird im dritten Kapitel anhand des europäischen SHARE-Surveys erläutert – Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe. Neben der Eltern-Kind-Dyade spielen bei der Betrachtung in den Mehrebenen-Analysen eine Rolle noch Kontaktbeziehungen, Familienstruktur, Altersgefüge und Ländervergleiche mit kulturellem Kontext.

Die Familienstrukturen werden im vierten Kapitel noch vertiefend beleuchtet unter Einbeziehung der Entfernung der Lebensräume der Generationen, des Personeninventars, der Kontakthäufigkeit und der familialen Werte und Normen. Die europäischen Länder gleichen sich in der Kinderzahl zunehmend an. Durchweg ist die Vier-Generationen-Familie im Aufkommen.

Im ausführlichen, fünften Auswertungs-Kapitel werden die finanziellen Transfers in den Gesamtrahmen der ökonomischen Ressourcen-Übertragung eingeordnet. Schlussfolgerungen für die wohlfahrtsstaatliche Ausgestaltung werden gezogen. Die Entlastung der mittleren Generation von negativen Sozialtransfers für die Alterssicherung würde auf diese entlastete jüngere Generation zurück fallen, weil die Eltern ihr bei beschnittenen Einkünften nurmehr geringere Zuwendungen machen könnten. Immerhin haben die Survey-Befragten innerhalb der letzten zwölf Monate zu 28 % finanzielle Zuwendungen geleistet. Davon gingen an Kinder 60 %, an Enkel auch noch 13 %, aber an Eltern nur etwa 3 %. Selbst Freunde und weitere Verwandte finden sich noch unter den Bedachten. Der durchschnittliche Transfer-Betrag von rund 3.500 € unterliegt einer starken Streuung nach Ländern (Belgien 8.000 €, Schweden 1.200 € im Mittel) und nach Haushalten (der Betrag liegt bei 25 % Haushalten unter 500 €, bei 50 % bei bis 1.000 € und bei 75 % bei bis 3.000 €). Anlässe für Zuwendungen von Alt zu Jung sind zuerst Hilfen zum Unterhalt (vor allem bei Ausbildung oder Arbeitslosigkeit der Jüngeren), zum zweiten ohne besonderen Anlass, zum dritten Hilfen zu Haus-/Wohnungs-Kauf und viertens und fünftens als Zuwendungen zu einem Familienfest und einer Anschaffung. Die Gebetshäufigkeit bestätigt sich als prosoziale Transfer-Haltung nicht: Regelmäßig Betende transferieren nicht mehr als selten Betende. Mit zunehmendem Alter der Geber nimmt die Höhe der Finanzhilfe ab. Zuwendungen von Jung zu Alt ergaben sich nur bei 1 % bis 6 % der Befragten und waren zu rund 12 % gesetzlichen Verpflichtungen geschuldet.

Diskussion

Wichtig ist die Erkenntnis, dass staatliche Übertragungen nicht die privaten innerfamilialen Transfers von Alt zu Jung erlahmen lassen, allenfalls diejenigen von Jung zu Alt. Die empirischen Befunde werden ausführlich anhand vorgefundener Literatur diskutiert. Terminologisch hätte klarer von positiven und negativen Transfers gesprochen werden können. In der Interpretation von Teil fünf der Veröffentlichung hätten die Transfers von Alt zu Jung direkter mit jenen von Jung zu Alt verglichen werden können, anstatt sie nacheinander abzuhandeln. Bei der Generationen-Typologie hätte die gesellschaftliche Generation durchaus auch im Text als Kohorte bezeichnet werden können, wie lediglich in einer Fußnote geschehen. Etwas problematisch ist, dass auf die bei SHARE nicht erhobene individuelle Einkommenslage der Befragten über die Erbschaftserwartungen der Angehörigen rück geschlossen wird. Die Mitteilungen zum Forschungsapparat halten sich erfreulich in Grenzen. Die 38 Abbildungen sind instruktiv.

Fazit

Die Veröffentlichung wird angesichts sich schmälernder öffentlicher Alterssicherungen auf breites Interesse stoßen. Die eingängig aufbereiteten Transfer-Daten zeigen die Vielschichtigkeit privaten Übertragungs-Geschehens auf nationaler wie zwischenstaatlicher Ebene an. Dass privat Solidarität geübt wird, stimmt hoffnungsfroh.


Rezensent
Prof. Kurt Witterstätter
Dipl.-Sozialwirt, lehrte bis zur Emeritierung 2004 Soziologie, Sozialpolitik und Gerontologie an der Evangelischen Fachhochschule Ludwigshafen - Hochschule für Sozial- und Gesundheitswesen; er betreute zwischenzeitlich den Master-Weiterbildungsstudiengang Sozialgerontologie der EFH Ludwigshafen
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Zitiervorschlag
Kurt Witterstätter. Rezension vom 29.06.2011 zu: Christian Deindl: Finanzielle Transfers zwischen Generationen in Europa. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. ISBN 978-3-531-17912-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11609.php, Datum des Zugriffs 14.10.2019.


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