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Manuel Hurschmann: Gegen den Strich

Cover Manuel Hurschmann: Gegen den Strich. Sozialpädagogische Lobbyarbeit für Stricher. Tectum-Verlag (Marburg) 2011. 204 Seiten. ISBN 978-3-8288-2609-0. 24,90 EUR, CH: 32,20 sFr.

Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum-Verlag, Reihe Pädagogik - Band 27.
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Thema

Beschreibung möglicher Sozialarbeit mit Strichern in Deutschland und Auswertung von Interviews mit Fachkräften in diesem Bereich.

Entstehungshintergrund

Angeregt durch ein Praktikum in einer Facheinrichtung für Stricher hat der Autor sich in dem vorliegenden Buch insbesondere mit der Bedeutung der Lobbyarbeit für diesen Bereich der Sozialarbeit beschäftigt.

Aufbau

Das Buch selbst gliedert sich in zwei Teile: in gut 100 Seiten Inhalt und einen ähnlich umfangreichen Anhang mit der Darstellung der durchgeführten Interviews. Der inhaltliche Teil ist nach der Einleitung in drei Abschnitte gegliedert:

  1. Soziale Arbeit mit Strichern (Übersicht)
  2. Lobbyarbeit mit Strichern aus theoretischer Perspektive
  3. Lobbyarbeit aus praktischer Perspektive

Inhalt

Im ersten Teil werden als Übersicht wesentliche Grundaspekte der Thematik „Sozialarbeit mit Strichern“ in Deutschland kurz beschrieben. Nach einer Definition werden die Zielgruppe, der Aspekt von Migranten, Orte der Prostitution, Ziele in der Arbeit mit Strichern, Arbeitsansätze und Arbeitsbereiche und Anforderungen an die MitarbeiterInnen vorgestellt.

Nach diesen grundsätzlichen Aspekten wird im nächsten Kapitel des Buches „Sozialpädagogische Lobbyarbeit für Stricher aus theoretischer Perspektive“ aufgegriffen. Dabei wird zunächst die Frage „was meint Lobbyarbeit“ mit einem Exkurs zum Begriff Dienstleistung als übergreifende Klammer thematisiert. Diese Frage wird spezifischer in den nächsten Abschnitten behandelt: politische Arbeit, Öffentlichkeitsarbeit, Multiplikatorenarbeit, Fortbildung anderer Institutionen und eine Vorstellung bestehender Lobbyverbände werden beschrieben und mit einem Fazit abgerundet. Die Lage von Strichern als soziales Problem und die Diskriminierung von Strichern durch Gesetze und Verordnungen (Prostitutionsgesetz, Sperrbezirksregelung, Sozialrechtsreform) sind die Inhalte vor dem Schlussabschnitt. Der letzte Abschnitt befasst sich mit der mehrfachen Tabuisierung und Stigmatisierung konkretisiert an den Inhalten Homosexualität, Prostitution, Drogenkonsum, Delinquenz, Sexually Transmitted Infections und Migration.

Im nächsten Abschnitt werden die Grundlagen der Lobbyarbeit aus praktischer Perspektive beleuchtet, dabei wird die durchgeführte, empirische Untersuchung als Ausgangsbasis und Inhalt des ganzen Abschnittes eingebunden. Die kompletten Antworten der durchgeführten Interviews mit den Fachkräften sind im umfangreichen Anhang nachlesbar. Nach der Vorstellung der Methodik dieser Untersuchung und der Betrachtung gesellschaftlicher und subkultureller Ebenen, werden besonders institutionelle Aspekte als entscheidende Faktoren von Lobbyarbeit in den Blick genommen. Dabei werden thematisiert: Erfahrungen mit MitarbeiterInnen anderer Handlungsfelder, mit Ämtern und Einrichtungen der Gesundheitsversorgung, mit der Justiz, mit Ordnungsdiensten und Polizei, mit PolitikerInnen und mit kirchlichen Einrichtungen. Ein Abschnitt über die Akquise von Finanzen und mögliche Lobbyarbeit von entstehenden Einrichtungen rundet diesen Abschnitt ab. In den weiteren Teilen dieses Kapitels werden Fragen der Medien und Hürden der Lobbyarbeit anhand der Aussagen der Gesprächspartner angeschnitten. Ein Resümee verdichtet die Thematik.

Im Anhang werden alle fünf Interwies im Wortlaut vorgestellt sowie die Projekte für Stricher in Deutschland benannt.

Diskussion

Die Thematik der Sozialarbeit mit männlichen Prostituierten ist bisher in deutschen Fachpublikationen kaum aufgegriffen worden, entsprechend verdienstvoll finde ich die Absicht des Autors, dieses notwendige Handlungsfeld in seinen Grundlagen zu beschreiben. Dabei gelingt es, gestützt auf die durchgeführten Interviews, ein realistisches Bild der aktuellen Praxis in Deutschland zu zeichnen. Besonders sinnvoll finde ich dabei, den Aspekt der Lobbyarbeit als inhaltlichen Schwerpunkt zu setzen, da dies die Basis für die weitere Arbeit legt und gerade in diesem Bereich besonders wichtig ist. Die besonderen Schwierigkeiten in diesem Arbeitsbereich werden insbesondere durch die Abschnitte zu Tabuisierung und Stigmatisierung klar herausgearbeitet. Die Thematik der Sozialarbeit mit männlichen Prostituierten ist im europäischen Kontext gut beforscht und es liegen ausgefeilte Handlungskonzepte mit regionalen Akzentsetzungen vor, die auch im europäischen Raum in der Praxis umgesetzt werden und dieses Arbeitsfeld im europäischen Kontext als ziemlich einzigartig erscheinen lassen, da sich hier auf fachliche und methodische Standards geeinigt wurde, was in den meisten anderen Arbeitsfeldern der Sozialarbeit völlig undenkbar scheint. Hier machen die lesenswerten Interviews des Buches deutlich, welch erschreckenden Qualitätsunterschied die Praxis in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern (z.B. zu den Ansätzen in den Niederlanden, der Schweiz oder Polen) aufweist und welcher methodische Stillstand seit Jahren in Deutschland in diesem Arbeitsfeld vorhanden ist. Diese fachliche, deutsche „Abschottung“ ist leider auch in anderen Bereichen der Sozialarbeit in Deutschland zu beklagen. Besonders deutlich wird dies auch in dem Buch in den knappen Ausführungen zur Sozialarbeit mit Migranten, die gerade in diesem Bereich einen wichtigen Anteil des Klientels stellen. Hier wäre eine differenzierte Sichtweise für die einzelnen Arbeitsbereiche zwingend notwendig, um auch angemessene Lobbyarbeit betreiben zu können und überhaupt Zugang zum Klientel zu finden. Insgesamt bietet das Buch einen realistischen und guten Einblick in die Praxis der Sozialarbeit in Deutschland in diesem Bereich. Gleichzeitig hätte man sich gewünscht, dass zumindest Verweise auf die erheblich innovativere Praxis (allein die Internetprojekte aus der Schweiz wären als Hinweis nützlich gewesen) im europäischen Umfeld aufgeführt worden wären.

Fazit

Das Buch bietet einen guten Einblick in die besonderen Schwierigkeiten in der Sozialarbeit mit Strichern in Deutschland. Daher eignet es sich gut beispielsweise an Fachhochschulen als Grundlagenliteratur in den ersten Semestern, um dieses schwierige Arbeitsfeld vorzustellen und die Bedeutung der Lobbyarbeit gerade für diesen Bereich herauszuarbeiten.


Rezension von
Prof. Ulrich Paetzold
Professor für Psychologie an der Hochschule Lausitz, Fachbereich Sozialwesen in Cottbus. Neben interkulturellen Fragen sind Schwerpunkte in der Lehre: sexueller Missbrauch, Klinische Psychologie, Beratung. Zusatzqualifikationen: Approbation zum Psychologischen Psychotherapeuten sowie verschiedene kognitive Therapieverfahren.
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Zitiervorschlag
Ulrich Paetzold. Rezension vom 11.08.2011 zu: Manuel Hurschmann: Gegen den Strich. Sozialpädagogische Lobbyarbeit für Stricher. Tectum-Verlag (Marburg) 2011. ISBN 978-3-8288-2609-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11612.php, Datum des Zugriffs 25.02.2020.


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