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Ursula Hochuli Freund, Walter Stotz: Kooperative Prozessgestaltung in der sozialen Arbeit

Cover Ursula Hochuli Freund, Walter Stotz: Kooperative Prozessgestaltung in der sozialen Arbeit. Ein methodenintegratives Lehrbuch. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2011. 335 Seiten. ISBN 978-3-17-021214-5. 29,90 EUR.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-17-028656-6 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
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Thema

Lehrbücher zur Methodik der Sozialen Arbeit gibt es schon einige, doch nur wenige können wirklich befriedigen. Mit dem vorliegenden Band versuchen die Autorin und der Autor verdienstvollerweise, über alle Handlungsfelder und Konzepte der Sozialen Arbeit hinweg einen Grundbestand an methodischem Wissen darzustellen. Das Gemeinsame finden sie im Aufbau und der Gestaltung des Unterstützungsprozesses.

Autorin und Autor

Die Autorin und der Autor lehren an der Fachhochschule Nordwestschweiz.

Aufbau und Inhalt

Der Band ist in zwei Teile gegliedert. Jedem Kapitel ist eine Zusammenfassung beigefügt: bei den Theoriekapiteln heißt diese „Zusammenfassung der Erkenntnisse“, bei den Methodik-Kapiteln „Übersicht Prozessschritt“.

Im ersten Teil, bestehend aus 6 Kapiteln, positionieren sich die Autorin und der Autor zu Fragen des Gegenstands und Auftrags der Sozialen Arbeit, zu den professionstheoretischen, den ethischen und rechtlichen Grundlagen. Fragen der Kooperation, der Methoden und Haltungen werden ebenfalls vorerst auf einer theoretischen Basis abgehandelt. Dabei referieren sie unterschiedliche Positionen aus dem historischen und aktuellen Fachdiskurs, wobei fast ausschließlich Vertreter der Traditionslinie der deutschen Sozialpädagogik rezipiert werden.

In den Kapiteln gelingt es, die wichtigsten Prinzipien und Grundfragen der Sozialen Arbeit kompakt darzulegen. Exemplarisch sei dies am Kapitel 5 (Kooperation) dargestellt. In zwei Unterkapiteln werden die Arbeitsbeziehungen mit den KlientInnen bzw. die Kooperationen auf Fachebene thematisiert.

Zuerst lesen wir über die Rahmenbedingungen der Beziehungsgestaltung mit KlientInnen. Freiwilligkeit, Dauer und Verbindlichkeit der Beziehungen seien von institutionellen Vorgaben abhängig und in den verschiedenen Arbeitsbereichen sehr unterschiedlich. Ebenso variabel gestaltet sich das Enstehen von Arbeitsbeziehungen. Schließlich werden noch die Aufgabenorientierung und die Begrenzung der Arbeitsbeziehungen diskutiert. Dann werden verschiedene Beziehungskonzepte vorgestellt. Herman Nohl und Hermann Giesecke stehen für pädagogische Konzepte. Die (historisch) einflussreichen psychoanalytisch inspirierten Konzepte werden in der Darstellung der AutorInnen durch August Aichhorn, Siegfried Bernfeld, Florence Hollis und Ulrich Oevermann repräsentiert, deren Zugänge jeweils kurz referiert und diskutiert werden. In einem weiteren Abschnitt werden Beziehungskonzepte vorgestellt, die nicht diesen beiden Richtungen zuzuordnen sind. Hier kommen Ruth Bang, Burkhard Müller, Maja Heiner und Cornelia Schäfter mit ihren Konzeptualisierungen zu Wort.

Ein verhältnismäßig kurzes Subkapitel beschäftigt sich dann noch mit der intraprofessionellen Kooperation in Form von Teams oder fallbezogener Zusammenarbeit sowie mit der interprofessionellen Kooperation. Bei letzteren wird auf Statusunterschiede und Probleme wie Chancen, die sich aus dem wenig abgrenzbaren Aufgabenfeld der Sozialen Arbeit ergeben, eingegangen.

Die abschließende „Zusammenfassung der Erkenntnisse“ bringt dann tatsächlich so etwas wie eine Essenz aus den Ausführungen und Literaturbezügen des vorangegangenen Kapitels, die die Position der Autorin / des Autors deutlich macht.

Die anderen Theoriekapitel sind analog aufgebaut und von ihnen ist ähnlicher Gewinn zu erwarten.

Im zweiten Teil wird schließlich das Prozessmodell dargelegt und jedem Prozessschritt ein ausführliches Kapitel gewidmet. Das Modell ähnelt anderen bekannten Prozessmodellen, die hier tw. auch referiert werden.

Prozessschritte

  • Situationserfassung
  • Analyse
  • Diagnose
  • Zielsetzung
  • Interventionsplanung
  • Interventionsdurchführung
  • Evaluation

In der grafischen Darstellung ist das ein Zirkel, und es fehlen nicht die Hinweise, dass in der Praxis die Schritte nicht immer fein säuberlich getrennt aufeinander folgen.

Jedes Kapitel beginnt mit einer Skizzierung der spezifischen Aufgabenstellung in diesem Prozessschritt, dann werden jeweils Techniken (oder „Methoden“ oder Verfahren - die Terminologie ist nicht immer ganz eindeutig) zugeordnet, die kurz vorgestellt und diskutiert werden. Die Kapitel schließen mit Leitfragen zur Evaluation des Schritts und mit einer kurzen Übersicht.

Wieder sei ein Kapitel herausgegriffen, um die Vorgehensweise zu verdeutlichen. Die Zielsetzung wird einleitend als wichtiger, aber herausforderungsreicher Schritt dargestellt. Unter der Überschrift „Herangehensweise“ werden dann verschiedene Varianten der Zielplanung metaphorisch vorgestellt: die „Wikinger-Methode“, die „Titanic-Methode“ und die „Kolumbus-Methode“, wobei letztere (aus gutem Grund) empfohlen wird. Sie besteht als Methode flexibler Zielplanung in der Bestimmung eines globalen Ziels und der Ausrüstung mit hinreichend Werkzeug, um zu erwartenden Fährnissen auf dem Weg dorthin begegnen zu können.

Dann werden „Lösungsorientiertes Arbeiten“, verschiedene Varianten verständigungsorientierter Zielsetzung - mit wenig motivierten Klienten; dialogisches Aushandeln - vorgestellt. Ein ausführliches Unterkapitel befasst sich mit der Formulierung von Zielen unter Zuhilfenahme des Modells der Zielhierarchie. Dieses wird relativ ausführlich erläutert und mit Beispielen unterfüttert.

Zum Abschluss des Kapitels werden noch einmal Kriterien für die Methodenreflexion benannt und Evaluationsfragen vorgeschlagen. Mit einer bündigen Übersicht findet es seinen Abschluss.

Wiederum ähnlich aufgebaut sind die Kapitel zu den anderen Prozessschritten. Sie bieten auch Hinweise auf Verfahren, die bei dem jeweiligen Schritt hilfreich sind.

Diskussion

Der Band bemüht sich um eine schlüssige Vorstellung eines methodischen Konzepts und hat spürbar die Anforderungen an ein Lehrbuch im Blick. Die LeserInnen sollen ein zusammenhängendes Arbeitsmodell vorgestellt bekommen, das ihnen bei der Prozessgestaltung behilflich ist, gleichzeitig werden sie zumindest andeutungsweise auf den historischen und aktuellen Diskurskontext hingewiesen und mit ihm ansatzweise bekanntgemacht. Das Modell selbst ähnelt anderen Phasenmodellen.

Der Anspruch, für die ganze Breite der Sozialen Arbeit ein gültiges Modell zu liefern, ist allerdings sehr hoch gegriffen und nur bedingt einlösbar. Die Dynamik von Unterstützungsprozessen ist in hier häufig angesprochenen stationären Einrichtungen, wo auch die Aufgabe der Alltagsgestaltung besteht, doch eine andere, als in ambulanten Settings mit Problem- und Beratungsfokus. Trotz der zahlreichen Bezüge auf die pädagogische Literatur wird der Nutzen des Buches doch für die letzteren Settings größer sein.

Die Auswahl der vorgestellten Verfahren („Methoden“, „methodischen Hilfsmitteln“ etc.) ist nachvollziehbar, jedoch selten begründet, Hinweise auf weitere fehlen weitgehend.

Die theoretischen Bezüge werden auf Basis relativ weniger AutorInnen herausgearbeitet, einzelne der vorgestellten Ansätze überhaupt nur oder vorwiegend auf Basis von Sekundärliteratur vorgestellt.

Nun - das ist insofern nachvollziehbar, als zu jedem einzelnen der Themen (z.B. dem Beziehungsthema) eine unüberschaubare Literatur zur Verfügung steht und notwendigerweise eine Auswahl getroffen werden muss. Wieso aber z.B. die reichlich vorhandene Literatur aus der Traditionslinie der Sozialarbeit - vor allem der amerikanischen - kaum eine Beachtung findet, ist nicht ganz verständlich.

Etwas irritierend ist es auch, dass die hier synonym gesetzten Begriffe „Sozialpädagoge“ und „Sozialarbeiter“ abwechselnd verwendet werden - und eben keinen Unterschied markieren.

Fazit

Der vorliegende Band ist ein guter Einstieg in ein prozessorientiertes Verständnis von Unterstützungsprozessen in der Sozialen Arbeit. Er benennt die Herausforderungen und die auszuhaltenden (oder, wie es hier oft heißt: zu balancierenden) Widersprüche der professionellen Prozessgestaltung und bietet Hinweise auf hilfreiche Instrumente. Um sich ein Gesamtverständnis zu erwerben, um Kriterien für die (Selbst-) Evaluation bzw. Selbstbefragung zu finden, gehört es bei weitem zum Besten, was in den letzten Jahren publiziert worden ist.

Die vielen vorgestellten Verfahren und Techniken wird man allerdings anhand dieses Buches nur oberflächlich kennenlernen. Da empfiehlt sich doch der Rückgriff auf einschlägige ausführlichere Literatur. Mithilfe des vorliegenden Bandes als Wegweiser wird man dann wohl noch anderes entdecken und trotzdem richtig einordnen können.


Rezensent
Prof. Mag. Dr. Peter Pantuček-Eisenbacher
Diplomsozialarbeiter, Soziologe, Supervisor (ÖVS)
Leiter Department Soziale Arbeit, Master-Stdgg. Soziale Arbeit
Fachhochschule St.Pölten GmbH University of Applied Sciences
Homepage pantucek.com


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Zitiervorschlag
Peter Pantuček-Eisenbacher. Rezension vom 26.08.2011 zu: Ursula Hochuli Freund, Walter Stotz: Kooperative Prozessgestaltung in der sozialen Arbeit. Ein methodenintegratives Lehrbuch. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2011. ISBN 978-3-17-021214-5.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-17-028656-6 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11617.php, Datum des Zugriffs 17.11.2018.


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