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René Bloch, Simone Haeberli u.a. (Hrsg.): Fremdbilder - Selbstbilder

Cover René Bloch, Simone Haeberli, Rainer Christoph Schwinges (Hrsg.): Fremdbilder - Selbstbilder. Imaginationen des Judentums von der Antike bis in die Neuzeit. Schwabe Verlag (Basel) 2010. 272 Seiten. ISBN 978-3-7965-2681-7. D: 40,50 EUR, A: 42,00 EUR, CH: 58,00 sFr.

Eine Publikation der Interfakultären Forschungsstelle für Judaistik der Universität Bern.
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Herausgeber und Herausgeberin

Die Publikation der Interfakultären Forschungsstelle für Judaistik der Universität Bern wurde von René Bloch vom Institut für Judaistik der Universitär Bern, Simone Haeberli von der interfakultären Forschungsstelle für Judaistik, der Universität Bern und Rainer Christoph Schwinges vom Repertorium Academicum Germanicum des Historischen Instituts der Universität Bern herausgegeben.

Thema und Hintergrund

Der Sammelband ist ein Ergebnis der gleichnamigen Ringvorlesung „Fremdbilder – Selbstbilder“, von der interfakultären Forschungsstelle für Judaistik an der Universität Bern im Sommersemester 2007. Die interfakultären Forschungsstelle für Judaistik, die zwischen der Theologischen und Philosophischen Fakultät der Universität Bern angesiedelt ist, trägt seit 2005 zur Erforschung des Judentums insbesondere in Antike und Mittelalter bei. Gelungenes Ziel der zehn Beiträge des Sammelbandes ist die interdisziplinäre Darstellung von Entwicklung und Auswirkung von Fremdbildern und Selbstbildern, bzw. Fremdwahrnehmung und Selbstwahrnehmung von Jüdinnen und Juden von der Antike bis zur Neuzeit.

Aufbau und Inhalt

Im Artikel „Polytheismus und Monotheismus in der Antike“ beschäftigt sich René Bloch mit Jan Assmanns Monotheismuskritik und hält dessen Ansicht, dass im jüdischen Monotheismus der Ursprung religiöser Gewalt zu sehen ist, für unzulässig. Auch die Verbindung von biblisch angedrohten Strafgerichten mit den geschehenen Gräueltaten in Auschwitz lehnt Bloch vehement ab.

Dem Wandel des Juden Paulus zum Apostel Paulus ist Thema des Artikels von Matthias Konradt „Mein Wandel einst im 'Joudaismos'“. Vor allem das Selbstbild Paulus und sein Bild des Judentums zeichnet Konradt nach. Das Bild des Judentums von Paulus ist Spiegelbild seiner eigenen christlichen Identität. Für Konradt ist es wichtig, Paulus' Bild vom Judentum in Zusammenhang mit Paulus' spezifischem Lebensweg zu sehen; letztlich könnten dadurch Zerrbilder vom Judentum, zu denen die Rezeption paulinischer Texte beigetragen hat, überwunden werden.

Ob Frauen in der rabbinischen Wahrnehmung als jüdische Personen gelten, geht Tal Ilan nach. Ausgehend von der uneinheitlichen Verwendung des hebräischen Begriffes Adam (= Mensch), zeigt die Autorin, dass viele Gesetze seitens der Rabbiner nur auf Männer bezogen wurden, obwohl die Textformulierungen das Geschlecht offen lassen. Beim Vergleich der frühesten rabbinischen Texte hält Tal Ilan die Tosefta frauenfreundlicher als die Mischna. Ilan schlussfolgert aus ihren Textanalysen, dass in Genesis 1 Männer und Frauen als Teil der Menschheit dargestellt werden, während in Genesis 2-3, an der sich die Rabbiner jedoch die meiste Zeit orientieren, Frauen im Nachhinein erschaffen, dem Mann untertan sind und daher als zweitrangig gelten.

Simone Haeberli beschreibt in ihrem Artikel „Zwischen wîsheit und zouberei“ die Rezeption jüdischer Gelehrter in der mittelhochdeutschen Literatur, die zeitlich abhängig sehr unterschiedlich dargestellt werden. Handelt es sich um jüdische Gelehrte in vorchristlicher Zeit, stehen sie außerhalb der religiösen Konkurrenz und sind daher die einzigen Instanzen von Weisheit, die Juden und Jüdinnen leben unter dem Gesetz, sub lege. Ab der christlichen Zeit leben sie jedoch sub gratia, unter der Gnade Gottes und die jüdische Existenz wird erklärungsbedürftig. Aus christlicher Sicht wird es nun unverständlich, warum Juden und Jüdinnen sub lege verharren, wie es Stereotype wie Uneinsichtigkeit oder Verstocktheit in den Beschreibungen darlegen.

Gunnar Mikosch widerlegt in seinem Artikel „Bildverbot? Selbstimaginationen in der jüdischen Bildwelt des Mittelalters“ eben jenes. Ab dem 13./14. Jahrhundert tauchen in aschkenasischen und sephardischen Handschriften wieder figürliche Abbildungen auf. Christliche Themen werden aufgenommen und stellen das Material für eine eigene jüdische Identität. Bilder werden von jüdischer Seite konzipiert und in christlichen Werkstätten fertiggestellt, was eine aktive kulturelle Interaktion zwischen jüdischer Minderheit und christlicher Mehrheit belegt.

Im Artikel „Wucherer und Gottesmörder“ beschreibt Edith Wenzel am Beispiel der Passionsspiele die inszenierte Judenfeindschaft im Mittelalter. Anhand von Handlung, darstellenden Personen, der Bühne und des Publikums erzählt Wenzel von den suggestiven antijüdischen Massenveranstaltungen des 15. und 16. Jahrhunderts in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Zum ursprünglich religiös begründeten Ausschluss der Jüdinnen und Juden als Andersgläubig werden ihnen zusehends physische, sogenannte rassische, Eigenheiten als Fremde zugeschrieben. Somit tragen die Passionsspiele wesentlich zur Verbreitung des Antisemitismus bei; als Folge wird die jüdische Bevölkerung am Ende des 15. Jahrhunderts entweder aus allen großen Städten vertrieben oder in Ghettos isoliert.

Anhand des Konvertiten Johannes Pfefferkorn im 15. Jahrhundert zeigt Hans-Martin Kirn „Spätmittelalterliche Imaginationen von Juden und Judentum im Zeichen der Konversion“ auf. 1496 in Mähren geboren, lässt sich Pfefferkorn 1504 mit seiner Frau und seinem Kind in Köln taufen. Kirn beschreibt die Grundzüge jeder Konversion als Rekonstruktion der eigenen Biografie in dem Sinne, dass die neue Existenz aufgewertet, während die alte abgewertet wird. Vorurteile gegenüber sogenannten Taufjuden erzeugten einen großen Rechtfertigungsdruck, den Pfefferkorn zu Beginn beklagt. Allerdings hält Pfefferkorn seine skeptische Sicht gegenüber antijüdischer Propaganda nicht durch. In seinen späteren Schriften begrüßt er sogar die Vertreibung der Jüdinnen und Juden aus Regensburg und übernimmt aggressive Antisemitismen wie die Behauptung der Ritualmordes und des Hostienfrevels.

Desanka Schwara zeichnet in ihrem Artikel „Konversion und 'Haskala' in der Neuzeit“ den Einfluss der sephardischen Jüdinnen und Juden nach ihrer Vertreibung von der Iberischen Halbinsel im Jahre 1492 auf die „Haskala“, die jüdische Aufklärung. Trotz Konversion fliehen viele in der Folgejahrzehnten vor der Inquisition und wandern über Lissabon nach London, Antwerpen, Lyon, Venedig, Ferrara, Ancona, Ragusa, Saloniki bis zu ihrem Ziel nach Istanbul. Viele zwangsgetauften Jüdinnen und Juden werfen ihre christliche Identität wieder ab und kehren zum jüdischen Leben zurück. Aber auch jene, die den christlichen Glauben freiwillig annehmen, bleiben von ihrer jüdischen Herkunft und Tradition beeinflusst. Viele neue Christen und Christinnen sowie Jüdinnen und Juden kommen zu dem Schluss, dass sich jüdisch zu fühlen wichtiger ist, als ein formales jüdisches Leben zu führen und sie entwickeln als Erben von dreierlei Traditionen – der jüdischen, europäischen und katholischen – ein neues Verständnis für das Judentum. Insofern ist die deutsch-jüdische „Haskala“ sephardischen Ursprungs. Für Schwara besteht das Geheimnis kultureller Beständigkeit in der Integration fremder kultureller Elemente und deren Umformung zu Neuem. Die Gemeindeschulen in Antwerpen, Amsterdam, London oder Hamburg gehörten zu den modernsten Europas. Und während sich Schülerinnen und Schüler im Osten Europas die hebräische Sprache durch Auswendiglernen aneigneten, wurde im Westen besonderes Augenmerk auf den Unterricht der hebräischen Grammatik gelegt. Dieses neue jüdische Leben außerhalb der Iberischen Halbinsel führt letztlich zu einer neuen jüdischen Identität.

Der Davidstern war keineswegs immer das jüdische Symbol. Georg Eisner beschreibt in seinem Artikel „Vom Hexagramm zum Davidstern“ die dekorative, symbolische und religiöse Verwendung des Sechsecks nicht nur innerhalb der jüdischen Lebenswelt. Und so ist auch innerhalb dieser der Davidstern eines von vielen Symbolen, positiv wie negativ besetzt. Die Verwendung des Davidsternes als diskriminierende Kennzeichnung bedeutet, dass nicht Jüdinnen und Juden selbst dieses Symbol wählten, sondern, dass andere definierten, wer jüdisch ist. Erst nach dem 2. Weltkrieg wurde der Davidstern als jüdisch identifiziert und verschwand zeitgleich aus jeglichem nicht-jüdischem Kontext - als Salomonsiegel von Münzen aus islamischen Ländern, auf Flaggen und Brauereizeichen werden Sechssterne durch Fünfsterne ersetzt.

„Kommen Sie aus Überzeugung oder aus Deutschland?“ zitiert Alfred Bodenheimer in seinem Artikel „Zionismus und Zionismuskritik. Eine zeitgeschichtliche innerjüdische Debatte um Selbst- und Fremdwahrnehmung“ einen Witz aus den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts. Denn gerade aus den vormals dem Zionismus kritisch gegenüberstehenden jüdischen Gemeinden in Deutschland strömen tausende Jüdinnen und Juden nach Palästina. Für Bodenheimer wird der Zionismus damit von einer innerjüdischen und ideologischen zu einer politischen Bewegung als Hoffnung für Jüdinnen und Juden, die sich um die Versprechen der Emanzipation in Europa betrogen fühlen. Bodenheimer beschreibt die kontroversiellen innerzionistischen Debatten über den Umgang mit der arabischen Bevölkerung in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts ähnlich jenen von heute.

Diskussion und Fazit

Die Artikel des Sammelbandes, die von detaillierten Biografien und allgemeinen historischen Entwicklungen des Judentums handeln, umspannen einen weiten zeitlichen und geografischen Bogen – auf den ersten Blick vielleicht einen zu weiten Bogen. Sie treffen einander aber immer wieder an der Frage von Fremdbildern und Selbstbildern. Die Beiträge zeigen trotz ihrer unterschiedlichen Zugänge, dass bei historischen Darstellungen der Charakterisierungen und Reflexionen des jüdischen Lebens immer die jeweils eigene jüdische Identität der Beschreibenden relevant und prägend ist. Der Sammelband zeigt auch die Gemeinsamkeiten und Verschiedenheiten des jüdischen Lebens und widerlegt damit Typisierungen und Zuschreibungen – positiv wie negativ.


Rezensentin
Dr. Aurelia Weikert
Sozialanthropologin und Politikwissenschafterin. Vortrags- und Autorinnentätigkeit zu den Themen Bevölkerungspolitik, Bioethik, Eugenik, Frauengesundheit, Fortpflanzungs- und Gentechnologien, Körperpolitik. Lehrbeauftragte am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien. Mitarbeiterin bei Miteinander Lernen - Birlikte Ögrenelim, Beratungs-, Bildungs- und Psychotherapiezentrum für Frauen, Kinder und Familien
Homepage www.aurelia-weikert.at
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Zitiervorschlag
Aurelia Weikert. Rezension vom 05.10.2011 zu: René Bloch, Simone Haeberli, Rainer Christoph Schwinges (Hrsg.): Fremdbilder - Selbstbilder. Imaginationen des Judentums von der Antike bis in die Neuzeit. Schwabe Verlag (Basel) 2010. ISBN 978-3-7965-2681-7. Eine Publikation der Interfakultären Forschungsstelle für Judaistik der Universität Bern. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11619.php, Datum des Zugriffs 22.06.2018.


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