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Joachim Münch, Irit Wyrobnik: Pädagogik des Glücks

Cover Joachim Münch, Irit Wyrobnik: Pädagogik des Glücks. Wann, wo und wie wir das Glück lernen. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2011. 2., korrigierte Auflage. 170 Seiten. ISBN 978-3-8340-0840-4. 18,00 EUR, CH: 31,60 sFr.
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Glücklich ist, wer …?

Über die Frage, was Glück ist, wie es sich darstellt und anfühlt, ja sogar, wie es sich „auszahlt“, denken Menschen seit sie denken können, nach. Der griechische Philosoph Aristoteles misst eudaimonia, dem Glück und der Glückseligkeit, einen hohen Stellenwert beim Erlangen eines guten Lebens zu. Damit schließt er aus, dass Glück als Zufallsprodukt eines wie auch immer gearteten und entstandenen „glücklichen Umstandes“ entsteht; Aristoteles würde auch dem volkstümlichen Liedanfang nicht zustimmen ? „Glücklich ist, wer vergisst, was nicht zu verändern ist“ ? weil nicht Fatalismus oder Gleichgültigkeit ein eu zên, ein gutes Leben zu schaffen vermögen, sondern das aktive, moralische und ethische Streben danach (siehe dazu auch: Otfried Höffe, Aristoteles-Lexikon, Stuttgart 2005, S. 216ff). Glücksempfinden ist subjektiv! Diese erst einmal lapidare Aussage muss natürlich ergänzt werden mit dem Satz: „Es kommt darauf an, was man unter Glück versteht“. Damit ist der eu daimon, der „gute Geist“, der das Glücksgefühl ermöglicht, nicht in den Genen festgelegt; noch kommt er aus den Sphären geflogen, sondern es kommt darauf an, welche Lebensvorstellungen der Mensch praktiziert. In der Psychologie, Psychotherapie, Philosophie, Pädagogik, ja sogar in der Ökonomie und Politik entwickelt sich die Glücksforschung mittlerweile zu einem Hype ( es gibt sogar ein „Institut für Glücksforschung“ in München, www.gluecksforschung.de/tunnel00.htm). Im OECD Better Life Index etwa wird ausgewiesen, dass nicht etwa die Vermehrung des Vermögens und Einkommens die Menschen glücklich mache, sondern die subjektive Zufriedenheit einen hohen Stellenwert bei den Glücksauffassungen der Menschen einnehme ( siehe dazu: http://gluecksforschung.org). In einer von Ikea gesponserten internationalen Studie kommt heraus, dass die Aussage: „Ich bin glücklich und zufrieden!“ am deutlichsten von den Schweizern, Dänen, Belgiern und den Niederländern getätigt wird; die Deutschen schneiden dabei nicht allzu gut ab.,Die Glücksforscher haben nämlich festgestellt, dass mehr als zwei Drittel der Deutschen mit dem Leben, das sie führen, nicht zufrieden sind. Sie beklagen insbesondere, dass sie zu wenig Zeit für die wesentlichen Dinge des Lebens hätten, den Anforderungen, die an sie gestellt werden, nicht gerecht werden könnten und einen zu großen, gesellschaftlichen, nachbarschaftlichen und Statusdruck unterlägen. Viele der Befragten gaben an, dass sie sich bereits wegen des Aussehens und der Einrichtung ihrer Wohnungen, dem Auto und der sonstigen Konsumartikel von anderen Menschen bewertet fühlten. Die Wissenschaftler analysierten diese Einstellungen damit, dass offensichtlich die Deutschen einen zu großen Drang nach Ordentlichkeit hätten und dem äußeren Schein einen höheren Wert zusprächen als den inneren Werten und einer gesunden Gelassenheit. Die befragten Norweger zum Beispiel fanden, dass ihre Wohnungen eigentlich nicht gut ausgestattet seien; aber trotzdem hätten sie gerne Freunde zu Gast bei sich zu Hause. Die irritierende Erkenntnis: : Die „unordentlichen“ Norweger seien glücklicher als die „ordentlichen“ Deutschen.

Wie man auch immer diese Ergebnisse bewerten mag, sie bestätigen jedenfalls die aristotelischen Aussagen, dass „Glück, das man nicht passiv an sich herankommen lässt, sondern sich aktiv erarbeitet“, zu einem gelingenden Leben im Sinne eines humanen und ethischen Bewusstseins beiträgt, oder, wie im Philosophischen Wörterbuch notiert wird: „Glückselig ist ein Leben, dass sich durch größtmögliche Stimmigkeit und Konstanz auszeichnet (Martin Gessmann, Hrsg., Philosophisches Wörterbuch, Stuttgart 2009, in: socialnet Rezensionen unter www.socialnet.de/rezensionen/8464.php).

Entstehungshintergrund und Autoren

Es ist schon merkwürdig: Wenn die Frage nach Glück, nach Wohlbefinden und Zufriedenheit im Sehnsuchtsrepertoire der Menschen eine so beherrschende Rolle einnimmt, wieso, so ist zu fragen, wird die Frage nach „Glück“ im pädagogischen Diskurs so erkennbar vernachlässigt und sogar als unpädagogisch angesehen? Jedenfalls lässt sich die Aussage von Joachim Münch, Professor (em.) für Pädagogik aus Kaiserslautern und von Irit Wybrobnik, Erziehungswissenschaftlerin in Koblenz - „Die Pädagogik straft das Thema Glück eher mit Verachtung!“ - so verstehen. Philosophen, Literaten und auch Pädagogen haben „Glück“ als ein erstrebenswertes Lebensgefühl in vielfacher Weise beschrieben, erwünscht und erhofft. Als Tenor, abgesehen von der Einschätzung, dass Glück Zufall sei, kommt dabei zu Tage, dass Glück als ein eher beständiges Gefühl betrachtet wird, mit sich selbst und der (Um-)Welt zufrieden zu sein und im Gleichgewicht zwischen Wollen und Sollen zu leben.

Aufbau und Inhalt

Bei der Suche nach Zugängen, wie Glück als ein pädagogischer und erlernbarer Wert verstanden und gelernt werden kann, definieren Münch und Wybrobnik eine „Pädagogik des Glücks“ folgendermaßen: „Glück ist eine das Lebensgefühl wesentlich bestimmende Bewusstseinslage der Zufriedenheit von relativer Beständigkeit, die besondere Momente des Glücks und des Unglücks (!) sowie der Glückseligkeit nicht ausschließt, aber nicht maßgeblich davon bestimmt wird, sondern deren Hauptquelle eine Balance zwischen Wollen und Können, zwischen Sein und Bewusstsein ist. Dieses Glück ist damit auch Produkt und Ausdruck der Verwirklichung eines Könnens und wird dadurch zu einer Lebensaufgabe, die auch unter weniger optimalen äußeren Bedingungen bewältigt werden kann“.

In insgesamt 18 Schritten, in denen sowohl die „Rahmenbedingungen für das Glück“ thematisiert werden, etwa als kontroverse Erwartungshaltung, ob der Staat als Glücksbringer auftreten solle oder nicht, über die Diskussion, wie „Lernwege zum Glück“ entstehen und geebnet werden können, der Darstellung der verschiedenen (schulischen) Orte und Gelegenheiten, wie Glück gelernt werden kann, den Anlässen in den unterschiedlichen Lebensaltern, der Jahrgangsstufen, Schulformen, Unterrichtsfächern und im Schulleben, bis hin zu den Glückserwartungen in der Jugend, im Alter, in der Freizeit. Die Frage, ob „Glück“ als Schulfach gelehrt werden oder als ein pädagogisches Prinzip (etwa im Sinne des von Hartmut von Hentig 2003 formulierten sokratischen Eides für LehrerInnen) gelten solle, wird mit der Hoffnung beantwortet, dass neben dem kognitiven auch und gleichwertig und -gewichtig das emotionale und soziale Lernen wirksam werden müsse. Nicht unerwähnt lassen die Autoren auch den Zusammenhang von „Arbeit und Glück“, im Sinne einer Humanisierung und Entkapitalisierung der Arbeit.

Weil echtes „Glück“ also nicht erkauft, auch nicht vererbt werden kann, und schon gar nicht in den Genen sitzt, kommt es darauf an, „Tore zum Glück“ zu kennen und aufzumachen, wie z. B. Freunde wahrnehmen und wertschätzen, Freundschaften pflegen wertschätzen und bewusst machen“, sich für die Neugierde öffnen und Interessen pflegen, also aktiv zu leben, sich Ziele setzen und Grenzen erkennen. Es sind aber auch die Gefahren und Gefährdungen, die „Saboteure des Glücks“, die nicht selten glücklich sein verhindern, wie etwa die Arbeitssucht, die Ehrsucht, Eifersucht, der Geiz, der Neid.

Fazit

Das Buch von Joachim Münch und Irit Wyrobnik „Pädagogik des Glücks“ ist im strengen Sinn kein wissenschaftliches Buch, in dem eine „Didaktik des Glücks“ formuliert wird; es ist aber ? zum Glück ? auch kein Ratgeber und Rezeptbuch mit den selten hilfreichen Ratschlägen wie: „Tue dies…, dann bekommst du das…“. Es ist ein Anreger zum Nachdenken und zum Bewusstmachen, dass man glücklich sein lernen kann, in der Schule und überall, wo Menschen friedlich und human zusammen leben wollen. Es ist zu wünschen, dass die Gedanken, die vom Autorenteam knapp und prägnant entwickelt wurden, und die zahlreichen, jedem Kapitel einzeln zugeordnete, weiterführende Literaturhinweise dazu dienen, dass Studierende für die Lehrämter, Sozialwissenschaften und -pädagogik, aber auch Lehrerinnen, Lehrer und Erziehungsberechtigte zu dem Buch greifen und einzelne Ideen daraus in der praktischen Bildungsarbeit umzusetzen versuchen. Interessant wäre in dem Zusammenhang auch, wie „Glück“ in anderen Kulturen und Lebensverhältnissen betrachtet wird, also eine „Interkulturalität des Glücks“ zu formulieren, angesichts der Tatsache, dass in der sich immer interdependenter und entgrenzender entwickelnden (Einen) Welt Glückserwartungen transkulturell wirken.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 05.09.2011 zu: Joachim Münch, Irit Wyrobnik: Pädagogik des Glücks. Wann, wo und wie wir das Glück lernen. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2011. 2., korrigierte Auflage. ISBN 978-3-8340-0840-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11625.php, Datum des Zugriffs 26.06.2019.


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