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Bärbel Amerein, Kurt Amerein: Qualitätsmanagement in Arbeitsfeldern der Frühen Bildung

Cover Bärbel Amerein, Kurt Amerein: Qualitätsmanagement in Arbeitsfeldern der Frühen Bildung. Bildungsverlag EINS GmbH (Köln) 2011. 171 Seiten. ISBN 978-3-427-50640-9. 18,95 EUR.
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Thema

In diesem Buch befassen sich die Autor(inn)en mit Zielen, Konzepten und Methoden des Qualitätsmanagements in Kindertageseinrichtungen. Ausgehend von der Auffassung, dass Qualitätsmanagement heute mehr denn je das zentrale Fundament professionellen pädagogischen Handelns in Arbeitsfeldern der Frühen Bildung darstellt, soll die Publikation theoretische wie methodische Grundlagen legen und gleichzeitig als fundiertes Nachschlagewerk für den Berufsalltag dienen.

Autorin und Autor

Diplom-Pädagogin Bärbel Amerein ist akademische Mitarbeiterin am Institut für Frühe Bildung der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch-Gmünd. Sie ist außerdem Dozentin für Qualitätsmanagement an der Fachakademie für Sozialpädagogik Maria Stern in Nördlingen und Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Qualität (DGQ).

Diplom-Ingenieur Klaus Amerein war bis zu seiner Pensionierung Leiter des Qualitätsmanagements eines international agierenden Wirtschaftsunternehmens.

Entstehungshintergrund

Der Auftrag und die Realität von Kindertageseinrichtungen haben sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten massiv verändert. Mit der steigenden Inanspruchnahme von Kita-Plätzen und der zunehmenden gesellschaftlichen Verantwortung für frühkindliche Bildung stellt sich die Frage nach der Qualität, Effektivität und Effizienz der Bildung, Erziehung und Betreuung in Kindertageseinrichtungen sowie ihrer Sicherung und Weiterentwicklung immer dringlicher. Konzepte und Methoden des Qualitätsmanagements gewinnen deshalb auch in Arbeitsfeldern der Frühen Bildung an Bedeutung. Zu ihrer Einschätzung wird ein intensiver Diskurs geführt, und es ist mittlerweile eine vielfältige Handlungspraxis entstanden. Die Autor(inn)en erheben den Anspruch, die Vielzahl existierender Qualitätsliteratur bewertend zu komprimieren und mit praxiserprobten Werkzeugen und Methoden zu einem „roten Faden“ oder einer „alltagstauglichen Praxisanleitung“ für Frühpädagog(inn)en zu verbinden.

Aufbau

Der mit 150 eng bedruckten Textseiten recht umfangreiche Band in der Reihe Ausbildung und Studium des Bildungsverlags EINS ist in acht Kapitel gegliedert. Durch wiederkehrende didaktische und gestalterische Elemente (farbige Hervorhebungen, Fazit-Kästen, Merksätze, Aufgaben an jedem Kapitelende) wird eine gewisse Lehrbuchanmutung erzeugt, obwohl eine strenge Didaktisierung unterbleibt. Die Kapitel bauen nachvollziehbar aufeinander auf und sind in der Regel bis zur zweiten, gelegentlich bis zur dritten Gliederungsstufe differenziert. Die Umfänge der Einzelkapitel streuen von sieben Seiten (Kapitel 3: Qualitätsentwicklung) bis zu über 30 Seiten (Kapitel 5: Methoden/Werkzeuge der Qualitätsentwicklung). Am Ende des Bandes finden sich das ausführliche Literaturverzeichnis sowie das Bildquellenverzeichnis und ein nützliches, ebenfalls sehr gut bestücktes Sachwortregister, das das Auffinden von Textstellen zu spezifischen Inhalten bzw. Schlagworten erleichtert. Tabellen und Grafiken werden zielführend zur Illustration, Verdeutlichung von Sachverhalten oder zur Zusammenfassung eingesetzt.

Inhalte

Das erste Kapitel – Einführung – beginnt mit Begriffsklärungen (Was ist Qualität? Was ist Qualitätsmanagement?) und nimmt zur Bedeutung von Qualitätsmanagement in der Frühpädagogik Stellung. Es ist die dezidierte Auffassung der Autor(inn)en, dass den heutigen Anforderungen an die Qualität von Kindertageseinrichtungen mit einer auf die jeweilige Einrichtung zugeschnittenen Qualitätskonzeption begegnet werden muss, welche zugleich fachliche, strukturelle, organisatorische und wirtschaftliche Aspekte berücksichtigt (S. 21). Darüber hinaus sind in diesem einführenden Kapitel kürzere Teilkapitel zur aktuellen Qualitätsdiskussion und den Besonderheiten der Qualitätsdefinition im Kontext (sozialer) Dienstleistungen versammelt.

Im zweiten Kapitel werden vier unterschiedliche Qualitätskonzepte eingeführt und in ihren Besonderheiten vergleichend dargestellt. Die beiden ersten Konzepte – das „individualistisch-normative“ Konzept, das gute pädagogische Arbeit an der individuellen Leistung der einzelnen pädagogischen Fachkraft bemisst, und das „dialogische“ Konzept, das auf Dialog und Verständigung im Team setzt, jedoch ohne Fragen nach Verbindlichkeit und tatsächlicher Umsetzung nachzugehen, werden von den Autor(inn)en als überholt und einer systematischen Qualitätsbeurteilung und -entwicklung nicht zugänglich eingeschätzt. Fachliche Qualität erkennen die Autor(innen) im dritten beschriebenen Konzept, dem „fachlich-normativen“ Konzept, und im vierten Konzept, dem „organisationalen“ Konzept der DIN EN ISO ff. Für das „fachlich-normative“ Konzept werden prototypisch die Kindergartenskala KES-R (Tietze u.a., 2001, 2005) und das Kieler Instrumentarium für Elementarpädagogik und Leitungsqualität (K.I.E.L., Krenz, 2001) vorgestellt.

Kapitel drei und vier liegen thematisch eng beieinander und befassen sich damit, wie Qualität in Kindertageseinrichtungen in einer systematischen Form bewertet und weiter entwickelt werden kann. Das kurze dritte Kapitel vermittelt theoretische Grundlagen der Evaluation und stellt daran anschließend eine ausgewählte fachliche Grundlage pädagogischer Qualitätsentwicklung vor, den Nationalen Kriterienkatalog für die pädagogische Arbeit mit Kindern in den ersten sechs Lebensjahren (Tietze/ Viernickel, 2007). Im vierten Kapitel wird die Arbeit mit diesem Verfahren auf der Grundlage des hierfür konzipierten Arbeitshandbuches „Pädagogische Qualität entwickeln“ (Tietze u.a., 2007) Schritt für Schritt beschrieben. Davon abgesehen, dass hier die Entscheidung für die Integration in nur ein Kapitel die bessere Alternative gewesen wäre, verwundert es, dass weitere erprobte und in der Praxis bewährte Verfahren nicht einmal Erwähnung finden, wie bspw. Qualität im Situationsansatz (QUASI) oder die Integrierte Personal- und Qualitätsentwicklung (IQUE). Stattdessen verweist ein letztes kurzes Teilkapitel auf die Möglichkeit einer pädagogischen Zertifizierung über das Deutsche Kindergartengütesiegel.

Das folgende fünfte Kapitel wechselt die Blickrichtung. Es stellt in jeweils eigenen Teilkapiteln insgesamt 21 in Funktion, Komplexität und Handhabbarkeit sehr verschiedene Methoden und Werkzeuge vor, die nach Einschätzung der Autor(inn)en die zielgerichtete Arbeit im Qualitätsmanagement unterstützen und bereichern können. Bei einigen der vorgestellten Methoden, wie Brainstorming, Kartenabfragen oder Punkteabfragen, handelt es sich um bekannte Basismethoden der Moderation. Andere Werkzeuge wiederum, u.a. das Ursachen- und Wirkungsdiagramm, das Fluss- und das Paretodiagramm, kommen originär aus dem wirtschaftsnahen Qualitätsmanagement, sind aber durchaus in Qualitätsentwicklungsprozessen in sozialen und pädagogischen Feldern mit Gewinn einsetzbar. Eine dritte Gruppe der hier angesprochenen Methoden ist durch ihre hohe Komplexität gekennzeichnet. Diese Methoden (u.a. das „House of Quality“, die Fehler-Möglichkeits- und -einflussanalyse FMEA und das Qualitätsaudit) werden zwar recht ausführlich beschrieben, sind aber dennoch ohne vertiefende Schulungen bzw. entsprechende Unterstützung externer Expert(inn)en nicht übertrag- bzw. anwendbar. Insgesamt hält dieses Kapitel zahlreiche Anregungen für die Gestaltung von Qualitätsmanagement- und Qualitätsentwicklungsprozessen bereit, auch wenn eine orientierende Kategorisierung oder kritisch-konstruktive Bewertung der vorgestellten Methoden und Werkzeuge die Nutzbarkeit für die interessierte Leser/in noch erhöht hätte.

Das sechste Kapitel gibt einen Überblick über in Deutschland verbreitete Qualitätsmanagementsysteme, und beschreibt hierbei sowohl diejenigen Systeme, die ursprünglich im industriellen bzw. wirtschaftlichen Kontext entwickelt wurden und jetzt weltweit etabliert sind (DIN EN ISO 9000:2000, EFQM und Total Quality Management – TQM), als auch solche, die von den großen Trägerorganisationen pädagogischer und sozialer Einrichtungen für den pädagogischen Kontext adaptiert wurden. Explizit dargestellt werden das PARITÄTISCHE Qualitätssystem PQ-Sys, das Bundes-Rahmenhandbuch Qualitätsmanagement für Evangelische Kindertageseinrichtungen, das Qualitätsmanagement in Kitas der Arbeiterwohlfahrt und das KTK-Gütesiegel des Caritas Bundesverbandes e.V. Dabei werden die erstgenannten übergeordneten bzw. übergreifenden Systeme, v.a. EFQM und TQM, deutlich ausführlicher dargestellt als die pädagogischen QM-Systeme der vier Trägerorganisationen.

Gemeinsam ist den in Kapitel sechs beschriebenen Qualitätsmanagementsystemen die Forderung, Grundlagen und Prinzipien des Qualitätsmanagements, die Qualitätsstandards und ihre Erfüllung sowie Daten und mitgeltende Dokumente in einem QM-Handbuch zu dokumentieren. Kapitel sieben befasst sich folgerichtig mit dem Aufbau, der Gliederung und den zentralen Inhalten eines solchen Handbuchs und illustriert die Vorgaben mit konkreten Beispielen aus dem frühpädagogischen Kontext.

Der Band schließt mit einem kurzen Kapitel acht zum Thema „Zertifizierung“, das Vor- und Nachteile einer Zertifizierung beleuchtet und einige, etwas willkürlich zusammengestellt wirkende Informationen zu verschiedenen Zertifizierungsverfahren, Zertifizierungsgesellschaften, Qualifikationen von Auditoren und Vorgehensweisen bei Unstimmigkeiten liefert und exemplarisch zwei Bewertungsverfahren und die zu Grunde liegenden inhaltlich-fachlichen Bewertungskriterien beschreibt.

Diskussion

Das Buch wartet mit zahlreichen Informationen zum Thema Qualitätsmanagement in Kindertageseinrichtungen auf; weitere „Felder der Frühen Bildung“, z.B. Tagespflege oder Familienbildungsangebote, werden nicht einbezogen, was wohl auch gar nicht in der Absicht der Autor(inn)en lag. Es gibt einen Überblick über, in Teilen auch einen tieferen Einblick in existierende Qualitätsmanagementkonzepte, die Logik von Qualitätsentwicklungsprozessen, verfügbare Werkzeuge des Qualitätsmanagements und der Qualitätsentwicklung und in Aufbau und Inhalt eines Qualitätshandbuchs. Dabei liefert es viele gute Gründe für die Einführung systematischen Qualitätsmanagements in Kindertageseinrichtungen. Die Kapitel sind bis auf wenige Ausnahmen in sich geschlossen konzipiert, so dass sie sich auch einzeln mit Gewinn lesen lassen.

Angesichts der Komplexität der Thematik und der Vielfalt von Konzepten und Ansätzen, die sich in den vergangenen Jahren hinsichtlich der Qualitätsentwicklung und des Qualitätsmanagements im System der Kindertageseinrichtungen ausdifferenziert haben, kann von einem einführenden (Lehr-)Buch nicht erwartet werden, dieses Feld in Gänze abzudecken. Dennoch fehlen manchmal Informationen, die verdeutlichen, aus welchem fachlichen Zusammenhang die vorgestellten Ansätze kommen und so der Leserin/ dem Leser deren Einordnung und Bewertung erleichtern könnten. Beispielhaft sei hier die Nationale Qualitätsinitiative im System der Tageseinrichtungen für Kinder genannt, die als Gesamtvorhaben mit fünf Teilprojekten konzipiert war, von denen im vorliegenden Band dann aber nur die Ergebnisse und Produkte der Teilprojekte in der Verantwortung von PädQUIS Erwähnung finden.

Dass jeweils zum Ende eines Kapitels ein sachlich-bewertendes Fazit gezogen wird, trägt ebenso wie die Aufgaben und Diskussionsfragen und das ausführliche Sachwortverzeichnis zur guten Nutzbarkeit des Buches bei. Unverständlich dagegen ist es, wenn die Autor(inn)en die hohe Bedeutung von Motivation für jegliche Qualitätsentwicklung hervorheben, sich dann aber für die männliche Schreibweise entscheiden und die über 90% weiblichen Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen sich „mitangesprochen“ fühlen dürfen.

Fazit

Die Frage, wie ein inhaltlich angemessenes und handhabbares Qualitätsmanagement in Kindertageseinrichtungen aussehen kann, beschäftigt Mitarbeiter(inn)en, Einrichtungsleitungen und Träger. Mit diesem Buch erhalten sie eine fundierte und gut lesbare Einführung in die Thematik. Die Autor(inn)en selber favorisieren dabei eine Verbindung von fachlichen – wenn möglich durch Forschungsergebnisse gestützten – Qualitätskriterien und bewährten Qualitätsmanagementansätzen, die helfen, den Blick auf die gesamte Organisation zu richten.


Rezensentin
Prof. Dr. Susanne Viernickel
Professorin für Pädagogik der frühen Kindheit an der Alice Salomon Hochschule Berlin


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Zitiervorschlag
Susanne Viernickel. Rezension vom 21.06.2012 zu: Bärbel Amerein, Kurt Amerein: Qualitätsmanagement in Arbeitsfeldern der Frühen Bildung. Bildungsverlag EINS GmbH (Köln) 2011. ISBN 978-3-427-50640-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11633.php, Datum des Zugriffs 20.10.2018.


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