socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Yvonne Wagner: Portfolios in der Krippe

Cover Yvonne Wagner: Portfolios in der Krippe. SCHUBI Lernmedien (Braunschweig) 2011. 151 Seiten. ISBN 978-3-427-50406-1. 19,90 EUR.

Ursprünglich veröffentlicht im Bildungsverlag EINS.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Autorin

Die Autorin dieses Buches blickt auf eine mehrjährige Erfahrung als Leiterin verschiedener sozialpädagogischer Einrichtungen zurück und ist Verfasserin von mehreren Büchern und Fachartikeln zum Thema Frühpädagogik und Kreativität.

Aufbau

Im ersten Kapitel ihrer Publikation befasst sich Yvonne Wagner mit den Hintergründen von Portfolioarbeit in der Krippe. Es werden Ziele und Voraussetzungen der Portfolioarbeit erläutert, während im nächsten Kapitel Formen und Möglichkeiten von Portfolios vorgestellt werden. Ein weiteres Kapitel widmet sich den konkreten Fragen, die sich bei der Einführung von Portfolios in Krippen stellen. Danach beschreibt die Autorin konkrete Aktivitäten und Spiele, die als Beobachtungsgrundlage für Portfolios dienen (können) und thematisiert die Inhalte eines Portfolios. Das Buch wird abgerundet durch eine Reihe von Kopiervorlagen.

Inhalt

Portfolios werden von Wagner definiert als eine „dokumentierte Zusammenstellung von Dokumenten, die Entwicklungsprozesse eines Kindes aufzeigen“ (S. 8). Sie bieten die Chance, die Entwicklung eines Kindes in der Krippe zu beobachten, zu reflektieren und zu dokumentieren, was insgesamt der Unterstützung der kindlichen Entwicklung dient. Erziehende sind bei der Portfolioarbeit mit Kindern unter drei Jahren angehalten, genau hinzuschauen, die Interessen und Impulse, die vom Kind aus gehen, wahrzunehmen und die Beobachtungen sorgfältig und bewusst zu interpretieren und zu reflektieren. Dazu gehört eine intensive Interaktion und Kommunikation zwischen den (dokumentierenden) Erziehenden und den einzelnen Kindern. So wird denn das Portfolio von Wagner an einer Stelle als eine „Einstellung“ (S. 10) der in der Krippe pädagogisch Tätigen bezeichnet, an anderer Stelle als „Instrument der Partizipation“ (S.11).

Die Portfolioarbeit in der Krippe birgt laut Autorin ein grosses Potential, indem es zur Verbesserung der pädagogischen Arbeit in der Krippe beiträgt: „Portfolios unterstützen den Blick aufs Kind“ (S. 14). Die Arbeit mit Portfolios in der Krippe basiert, so wird aus den Ausführungen von Wagner deutlich, auf einem Bildungsverständnis, welches Kinder als Individuen sieht, die sich selbst bilden (wollen) und in jedem Alter dazu bereit und fähig sind, sich den Fragen zuzuwenden, die für sie selbst im aktuellen Moment zur Herausforderung geworden sind. Wagner zeigt auf, inwiefern diese ressourcenorientierte und individuelle Sichtweise auf kindliche Entwicklungs- und Lernprozesse einer Abkehr von durchorganisierten Planungen (Wochenpläne) in Krippen gleich kommt. Die Aufgabe der pädagogisch Tätigen bestehe in erster Linie darin, den einzelnen Kindern Aufmerksamkeit zu schenken, sie zu beobachten und zu verstehen, und ihnen dadurch Bindung zu ermöglichen. Letztere gibt den Kindern Sicherheit für die selbsttätige Erkundung der Welt. Im Mittelpunkt einer bildungsorientierten Pädagogik steht deshalb die Beobachtung. Der Beobachtung widmet die Autorin denn auch ausführliche und konkrete Beschreibungen.

Ein größeres Kapitel (S. 45-66) befasst sich mit Fragen rund um die Einführung eines Portfolios in einer Krippe. Es geht um Voraussetzungen rund um pädagogische Haltungen, um Planung und Struktur des Krippenalltags, so dass integrierte Zeitfenster für die Portfolioarbeit geschaffen werden können, aber auch um Fragen der professionellen Arbeit (mit Portfolios) im Team. So schreibt die Autorin etwa, dass mit der Einführung von Portfolios auch die pädagogischen Grundhaltungen dem Lernen, Bilden, Erziehen gegenüber geklärt werden müssen. Sie zeigt, wie die Eltern mit einbezogen und motiviert werden können, und wie das Interesse von Kindern unter drei Jahren fürs Portfolio geweckt wird. Thematisiert werden auch Aspekte wie Orte, Zeitpunkt und technische Hilfsmittel für Portfolioarbeit im Krippenalltag.

In einem nächsten Kapitel (S. 68 bis 80) beschreibt die Autorin Aktivitäten, die in jedem Krippenalltag stattfinden (können). Systematisch benennt sie zu jeder beschriebenen Aktivität entsprechende Beobachtungsschwerpunkte. Anschliessend nennt Yvonne Wagner ganz konkrete Portfolio-Inhalte. Nach einem Hinweise auf die Möglichkeit, Portfolios als Grundlage für Gespräche mit Fachkräften (etwa Sprachheilpädagog/innen) zu nutzen, werden eine Menge Kopiervorlagen und Leitfäden präsentiert (S. 104 bis 147).

Diskussion

Im Buch „Portfolios in der Krippe“ beschreibt Yvonne Wagner anschaulich und konkret, was Portfolios in Krippen sind und welche Rolle sie dort zu spielen vermögen. Unmissverständlich zeigt die Autorin auf, dass es nicht genügt, das Portfolio als neues Instrument (allein etwa zur Dokumentation) der kindlichen Entwicklung einzuführen. Vielmehr handelt es sich bei der Einführung von Portfolioarbeit um einen Einstellungswechsel dem Kind gegenüber: Die Erziehenden in Krippen müssen dabei wegkommen von einer Sicht aufs Kind als planmässig zu förderndes Wesen (und damit von durchorganisierten Wochenplänen), und hinkommen zu einer pädagogischen Haltung, die das Kind ernst nimmt als ein individuelles, neugieriges, sich kompetent selbst entwickelndes Wesen, das sich die Welt erobern will und dies auch kann, wenn es denn auf eine entsprechende Unterstützung und eine anregende Umgebung trifft.

Die Autorin spricht nebst dem grundsätzlichen Paradigmenwechsel, der mit der Einführung von Portfolios in Krippen verknüpft ist, auch die ganz konkrete Gestaltungsebene an. Erziehende in Krippen erhalten eine Menge Anregungen und Tipps. Die Tipps scheinen sich zuweilen etwas gar stark an unerfahrene Erziehende zu richten, etwa indem sie (scheinbar) Selbstverständliches benennen. Zudem sind die Ausführungen stellenweise wenig klar auf die Portfolioarbeit fokussiert. So ist die Systematik des Aufbaus einiger Kapitel nicht immer erkennbar. Dies mag z.T. damit zu tun haben, dass Portfolioarbeit nicht nur ein Instrument unter vielen ist, sondern den ganzen Krippenalltag erfasst und durchdringt.

Es dürfte klarer und ausgeprägter auf die Risiken der Portfolioarbeit hingewiesen werden, zum Beispiel auf die Tatsache, dass Portfolios für diagnostische Zwecke und/oder als Instrument zum sozialen Vergleich bei Übergängen missbraucht werden können. Wenn auf der einen Seite immer wieder betont wird, dass das Kind mit seinen individuellen Kompetenzen und nicht im sozialen Vergleich im Zentrum stehe, und auf der andern Seite Aktivitäten systematisch zu Beobachtungszwecken beschrieben werden und von „Lernzielen“ gesprochen wird, tun sich Widersprüche auf. Eher implizit erscheint immer wieder der Fördergedanke, der andernorts explizit verworfen wird. Genau hierin zeigt sich jedoch eine Gefahr, die mit der Portfolioarbeit in Kinderkrippen einhergeht: Man kann Portfolioarbeit in der Krippe auch als Lerninstrument zur forcierten frühkindlichen Förderung (miss-)brauchen.

Fazit

Erziehende in Krippen erhalten durch dieses Buch einen sehr guten Einblick in die Portfolioarbeit in Krippen. Sie können von sehr vielen konkreten Tipps für die Gestaltung des Krippenalltags allgemein und speziell eines Portfolios profitieren. Krippenteams erhalten Impulse für die Diskussion ihrer (pädagogischen) Einstellungen der kindlichen Individualität und Entwicklung gegenüber. Letztlich bleibt es dabei unwichtig, ob sich eine Krippe für oder gegen Portfolios entscheidet, in jedem Falle bieten die beschriebenen Grundgedanken Impulse für eine intensive pädagogische Auseinandersetzung und damit für die Weiterentwicklung aller professionell in und mit Krippen Tätigen.


Rezension von
Prof. Dr. Elisabeth Müller Fritschi
Homepage www.fhnw.ch
E-Mail Mailformular


Alle 11 Rezensionen von Elisabeth Müller Fritschi anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Elisabeth Müller Fritschi. Rezension vom 23.09.2011 zu: Yvonne Wagner: Portfolios in der Krippe. SCHUBI Lernmedien (Braunschweig) 2011. ISBN 978-3-427-50406-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11638.php, Datum des Zugriffs 14.05.2021.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht