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Susann Kunadt: Sozialer Raum und Jugendkriminalität

Cover Susann Kunadt: Sozialer Raum und Jugendkriminalität. Zum Einfluss der Wohnumgebung auf delinquentes Handeln. Eine empirische Untersuchung in Duisburg. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2011. 322 Seiten. ISBN 978-3-8309-2431-9. 34,90 EUR.

Reihe: Kriminologie und Kriminalsoziologie - 10.
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Thema

Es war sicher eine der wichtigsten Ergebnisse der Chicagoer Schule, dass Wohnumfeldbedingungen Einfluss auf das Verhalten haben. Die Erkenntnis, dass die Kriminalitätsraten in kulturell verschieden geprägten Quartieren unterschiedlich war, ließ auch die Überlegung zu, dass neben spezifischen kulturellen Mustern, die mit der amerikanischen Kultur in Konflikt gerieten, die strukturellen Bedingungen des Quartiers Einfluss auf - auch abweichendes - Verhalten haben.

Macht also das Quartier krank, führt es zu abweichendem Verhalten? Lassen sich Quartiers- oder Kontexteffekte trennen von dem Verhalten derer, die darin handeln? Stehlen die Armen mehr, weil sie arm sind oder weil sie unter den Bedingungen ihres Quartiers arm sind? Und: verhalten sich - gerade in Blick auf Jugendkriminalität - die Jugendlichen nicht auch dadurch auch abweichend, dass sie am Rande integrationssichernder Märkte und Netzwerke und am Rande der sozialen Identitäts- und Statussicherung nach Anerkennung und Zugehörigkeit ringen?

Autorin

Dr. Susan Kunadt ist wissenschaftliche Mitarbeiterin beim GESIS - Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften, Kompetenzzentrum Frauen in der Wissenschaft und Forschung CEWS.

Entstehungshintergrund

Das Buch entstand im Rahmen der von der DFG geförderten Langzeituntersuchung „Kriminalität in der modernen Stadt“. Die Arbeit wurde von der Fakultät für Soziologie der Universität Bielefeld als Dissertation angenommen.

Aufbau

Nach einer Einleitung gliedert sich das Buch in zehn Kapitel:

  • Wissenschaftstheoretischer Bezugsrahmen
  • Grundlagen sozialräumlicher Forschung
  • Renaissance der Theorie der sozialen Desorganisation
  • Systematisierung, theoretisches Modell und Hypothesen
  • Daten und Operationalisierung
  • Methoden
  • Klassifikationsanalyse Ergebnisse
  • Schlussbetrachtung

Das Buch endet mit einer ausführlichen Literaturliste, Verzeichnissen und einem Anhang, der Tabellen enthält.

Inhalt

In ihrer Einleitung stellt die Autorin ihre Frage- und Problemstellung vor. Sie verwahrt sich dabei zurecht gegen die landläufige Meinung, dass in Problemquartieren abweichendes Verhalten vermehrt auftritt. Dabei mag die Frage analytisch relevant sein, inwieweit Kontexteffekte das Verhalten auch empirisch nachweisbar bestimmen. Für die Frage abweichenden Verhaltens mag eher die Dialektik interessant sein zwischen den Verhältnissen und den darin möglichen Verhaltensweisen. Der von der Autorin beschriebene Spannungsbogen in der Forschung von der Argumentation, dass Kontexteffekte gar keine Rolle spielen bis hin zu der Überlegung, dass Wohnraumbedingungen und Straffälligkeit einen Zusammenhang bilden - ist der Ausgangspunkt ihrer Überlegungen. Sie verbindet in Anschluss an die Theorie der sozialen Desorganisation die beiden Dimensionen des individuellen Verhaltens und seiner sozialökologischen Einbettung und fragt nach sozialräumlichen Einflussfaktoren auf die jugendliche Delinquenz. S. Kunadt greift dabei auf das Esser„sche Grundmodell soziologischer Erklärung zurück, sowie auf den Rational-Choise-Ansatz und die Wert-Erwartungstheorie.

2. In dem Kapitel Wissenschaftstheoretischer Bezugsrahmen wird das Grundmodell soziologischer Erklärung zunächst vorgestellt und die Frage der rationalen Handlungsselektion bearbeitet.

3. Grundlagen sozialräumlicher Forschung. Die Grundlagen sozialräumlicher Forschung werden zunächst auf den Humanökologischen Ansatz der Chicagoer Schule zurückgeführt und ausführlich begründet. Danach wird die Theorie sozialer Desorganisation vorgestellt. Sozialräumliche Determinanten sozialer Desorganisation führen nach dieser Theorie zu erhöhter Delinquenz. Dazu zählt S. Kunadt in Anlehnung an Shaw und McKay niedriger ökonomischer Status, ethnische Heterogenität und erhöhte Mobilität (Fluktuation).
Die Autorin referiert dann auch die Kritik in Anlehnung an R. Bursik: Fehlende Berücksichtigung der Dunkelziffer; die Annahme, die lokalen Gemeinschaften hätten sich nicht verändert, ist problematisch; die Auswertung der Kriminalitätsraten wird auf lokaler Ebene auf die Zusammensetzung der lokalen Gemeinschaft zurückgeführt; der Begriff der sozialen Desorganisation ist nicht klar definiert; der Ansatz ist nur begrenzt anwendbar, weil der Zusammenhang zwischen fehlendem Wertkonsens und kriminellem Verhalten nicht eindeutig ist; das Konzept der sozialen Desorganisation erklärt angesichts der strukturellen Verwobenheit lokaler Gemeinschaften in die Gesellschaft nicht alles und Kriminalität ist nicht Resultat des Prozesses, sondern dem Prozess immanent.
Die Interpretation der Theorie der sozialen Desorganisation bezieht die Autorin zur Erklärung von Delinquenz, auf das Modell der sozialen Kontrolle, auf kulturelle Desorganisation.

4. Renaissance der Theorie der sozialen Desorganisation. Zunächst verweist die Autorin auf drei neuere sozialökologische Ansätze:

  1. auf den Design-Ecology-Ansatz, der sich mit der Gestaltung von Wohnumgebungen und seine Auswirkungen auf das Verhalten beschäftigt;
  2. auf den Critical-Ecology Ansatz, der die sozioökonomischen Bedingungen bei der Erklärung der Kriminalität erklärt und
  3. auf den Systemic-Ecology-Ansatz, der soziale Netzwerke in den Vordergrund stellt.

Mit letzterem Ansatz beschäftigt sich dann S. Kunadt ausführlicher; ihr erscheint dieser Ansatz am geeignetsten, weil er den Wirkungen sozialer Einbindung und Verortung durch Netzwerke eine besondere Bedeutung für die Regulierung von Verhalten beimisst. Die Struktur von Netzwerken bezieht sich auf die Beziehungsmuster von Nachbarschaften; ihre Funktion haben sie sowohl als private Netzwerke, als auch als parochiale Netzwerke, die weniger gefühlbetont sind und auf weniger Vertrauen beruhen, aber durchaus Gleichgesinnte zusammenführen und öffentliche Netzwerke, die die über die Grenzen der lokalen Vernetzung hinausgehen.
In diesem Zusammenhang werden dann eine Reihe amerikanischer und europäischer Studien vorgestellt und diskutiert.
Um Kontexteffekte mit einzubeziehen - so die Autorin - wird auf das Konzept des sozialen Kapitals zurückgegriffen: Soziale Desorganisation kann auch als das Fehlen sozialen Kapitals in der Nachbarschaft verstanden werden. Dieser Ansatz wird als Collective-Efficacy-Ansatz von S. Kunadt vorgestellt und Forschungsergebnisse dazu referiert. Ebenso wird der klassische Broken-Windows-Ansatz unter der Titel Desorganisation und Verfall ausführlich diskutiert.

5. Systematisierung, theoretisches Modell und Hypothesen. Die Frage, wie der soziale Raum individuelle Handlungen beeinflusst, verlangt nach einer Definition des Sozialen Raums. Diese wird in einer Anmerkung vorgestellt; die Frage, wie sich Menschen soziale Räume aneignen, damit umgehen und sich ins Verhältnis setzen zu ihm und wann ein geographischer oder physikalischer Raum ein sozialer Raum wird, in dem man auf der Grundlage der Deutung dieses Raumes und seiner Gegebenheit handelt - alle diese Fragen warten noch auf eine Antwort. Stattdessen wird das Makro-Mikro-Makro-Modell sozialer Kontrolle vorgestellt. Die Autorin greift dabei wiederum auf Shaw und McKay zurück, die die soziale Desorganisation mit der Unfähigkeit von lokalen Gemeinschaften verbinden, allgemein gültige Werte zur vermitteln und umzusetzen. Neben den von den beiden Autoren genannten Strukturmerkmalen manifestiert sich soziale Desorganisation außerdem in der Kohäsion sozialer Beziehungen und in den sozialen Kontrollprozessen.
Anschließend werden die Hypothesen vorgestellt, die Grundlage der empirischen Forschung sind und die sich auf Zusammenhänge der Kohäsion von Nachbarschaften, der Formen der sozialen Desorganisation und verschiedenen Aspekten delinquenten Verhaltens beziehen.

6. Daten und Operationalisierung. Zur Prüfung der Hypothesen werden individuelle Angaben aus einer Schülerbefragung in Duisburg und amtliche Strukturdaten der Stadt Duisburg verwendet.
Diese Datenlage wird ausführlich dargestellt; ebenso wird der Prozess erläutert, der zur Operationalisierung theoretischer Konstrukte notwendig ist. Es geht um Delinquenz, direkte internale und indirekte externale Kontrolle, direkte externale Kontrolle, soziale Kohäsion, physischer und sozialer Verfall. Anschließend werden die Dimensionen ökonomischer Status, ethnische Heterogenität, Mobilität, Urbanisierungsgrad und familiärer Verfall operationalisiert.

7. Die in Kapitel 7 vorgestellten Methoden der Untersuchung sind explorative Faktorenanalyse, deterministische Clusteranalyse und multipler Gruppenvergleich.

8. In dem Kapitel Klassifikationsanalyse werden räumliche Einheiten klassifiziert. Im Rahmen einer Sozialraumanalyse werden Stadtteile oder -räume nach bestimmten Indikatoren typisiert. Die Duisburger Ortsteile werden darauf hin auf der Basis einer zeitstabilen Clusterlösung beschrieben. Es wurden drei Cluster von Stadtteilen typisiert, die sich durch die Niveaus der sozialstrukturellen Benachteiligung unterscheiden. Und es wird die Stichprobe beschrieben, die für die Auswahl der Daten aus der Schülerbefragung herangezogen wurde.

9. Ergebnisse und Schlussbetrachtung . Die sozialräumlichen Determinanten sozialer Desorganisation (niedriger ökonomischer Status, ethnische Heterogenität, Mobilität und familiärer Verfall) haben zu drei Clustern von Stadtteilen geführt. Die sozioökonomische Benachteiligung führt aber nicht unbedingt zu spezifischen Ausprägungen der anderen Merkmale.
Vielleicht lassen sich die Ergebnisse so zusammenfassen: Die der Untersuchung zugrunde gelegten Hypothesen lassen sich nicht alle bestätigen, die mit der Theorie sozialer Desorganisation verbunden sind. In Duisburg sind keine desorganisierten Quartiere identifizierbar und die Delinquenz in benachteiligten Quartieren ist nicht erhöht. Eine Ausnahme sind die Gewaltdelikte einer russisch-stämmigen jungen Bevölkerungskohorte.

Diskussion

Das Thema ist virulent. Der Frage nach der Kriminalität in benachteiligten Quartieren nachzugehen und sie auf empirische Füße zu stellen ist nicht nur für die Theorieentwicklung wichtig, sondern für viele andere Bereiche wie die der Sozialen Arbeit oder der Sozialpolitik auf kommunaler Ebene. Die Autorin hat dies am Beispiel des Bund-Länder-Programms Soziale Stadt auch verdeutlicht.

Was aber bringt Jugendliche am Rand der Märkte, der Gesetze, des konventionellen Verhaltens, der sozialen Integration - insgesamt zu deren Überschreitung? Liegt es daran, dass sie auch segregiert wohnen und ihre Wohnsituation nicht im Inneren aber nach Außen hin immer prekär erscheint, Adressen diskreditierbar sind und sie außerhalb ihres Quartiers eher mit Misserfolgserlebnissen konfrontiert sind? Ist ihre segregierte Wohnsituation nicht nur ein Symbol ihrer Ausgrenzbarkeit und Verwundbarkeit, sondern inzwischen einer der zentralen Bedingungen. Oder anders gefragt: Sie werden nicht häufiger kriminell, aber wenn Jugendliche kriminell werden, liegt es dann an diesen Bedingungen oder stehlen Bewohner von Villenvierteln genauso viel wie die Jugendlichen sozial benachteiligter Quartiere?

Der Arbeit fehlt ein Kapitel, das sich mit der Situation Jugendlicher in benachteiligten Quartieren beschäftigt. In der Phase, in der sie einen Lebensentwurf planen und ihre Identität suchen, verweigert ihnen die Gesellschaft sowohl eine sozialintegrative Perspektive als auch ihre Identität. Der Titel lässt dies erwarten. Außer, dass wir es mit einer Stichprobe von Schülern in jugendlichen Alterskohorten zu tun haben, wird über die Jugendsituation nicht sehr viel reflektiert.

Sicher, die Arbeit ist eine Dissertation und der Nachweis wissenschaftlicher Leistung ist sicher brillant gelungen. Aber der Publikation hätte es gut getan, statt über den Prozess des wissenschaftlichen Forschens etwas mehr über das Erkenntnisinteresse zu erfahren, warum man sich gerade mit Jugendkriminalität beschäftigt. Selbst diejenigen, die mit Korrelationskoeffizienten umgehen können und auch mit der Clusteranalyse vertraut sind, werden den Zusammenhang von Sozialem Raum und Jugendkriminalität nicht über derartige Messinstrumente erklären wollen.

Der Lesbarkeit Willen: Hätten die Kapitel, die sich mit der Operationalisierung von Begriffen und den Methoden der Analyse beschäftigen, nicht kürzer gefasst werden können? So überlagern sie das wirkliche Erkenntnisinteresse. Oder lag das Erkenntnisinteresse im theoretischen Bereich der - sicher sinnvollen - Erweiterung der Theorie der sozialen Desorganisation? - Dann hätte der Titel anders lauten müssen!

Fazit

Eine Arbeit, die ihren Stellenwert in der Diskussion um die theoretische Begründung und empirische Absicherung von Raumeffekten auf abweichendes Verhalten - von wem auch immer - sicher hat.


Rezension von
Prof. Dr. Detlef Baum
Professor em. Arbeits- u. Praxisschwerpunkte: Gemeinwesenarbeit, stadtteilorientierte Sozialarbeit, Soziale Stadt, Armut in der Stadt Forschungsgebiete: Stadtsoziologie, Stadt- und Gemeindeforschung, soziale Probleme und soziale Ungleichheit in der Stadt
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Zitiervorschlag
Detlef Baum. Rezension vom 04.07.2011 zu: Susann Kunadt: Sozialer Raum und Jugendkriminalität. Zum Einfluss der Wohnumgebung auf delinquentes Handeln. Eine empirische Untersuchung in Duisburg. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2011. ISBN 978-3-8309-2431-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11639.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.


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ISSN 2190-9245

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