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Christine Morgenroth: Die dritte Chance

Cover Christine Morgenroth: Die dritte Chance. Therapie und Gesundung von jugendlichen Drogenabhängigen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. 372 Seiten. ISBN 978-3-531-17504-1. 39,95 EUR.
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Thema

„Diese Untersuchung beschäftigt sich mit einem verstörenden Thema“ schreibt die Autorin in ihrem Vorwort, „das Schicksal von Jugendlichen, die bereits als Kinder eine Drogen- oder Substanzabhängigkeit entwickeln, ist ihr Ausgangspunkt; die Frage, was aus ihnen wird, nachdem sie sich einer intensiven, monatelangen Behandlung unterzogen haben, das eigentliche Untersuchungsinteresse. Dieses Thema lässt niemanden unberührt. Es erzeugt Betroffenheit, die zu sachlichem Engagement werden muss; es benötigt eine hohe Bereitschaft, sich auch emotional einzulassen und dennoch um die erforderliche professionelle Distanz zu ringen.” Es bleibt beim „verstörenden Thema”, wie sich im Verlauf der auf zehn Jahre angelegten wissenschaftlichen Begleitung der therapeutischen Arbeit mit 18 substanzabhängigen Jugendlichen zeigt.

Es ist absolut neuartig und in den durchgehaltenen Spannungsbögen faszinierend, wie es Christine Morgenroth in ihrem jüngsten Buch gelingt, das Besondere, nämlich die Betrachtung höchst individueller Schicksale, systematisch mit der Analyse des Allgemeinen gesellschaftlicher Problematik zu verbinden. Dabei mögen ihre zahlreichen Vorarbeiten, die Bücher über die Lebenswelt von Arbeitslosen und über die Veränderungen des Zeiterlebens das Untersuchungsfeld methodisch und sachlich bereitet haben; das betrifft vor allem den Zeitbegriff sowie die psychoanalytische Hermeneutik im Kontext qualitativer Untersuchungen. Aber das Buch „Die dritte Chance” eröffnet methodisch ganz neue Wege, die therapeutischen Prozesse mit der theoretischen Analyse von Bedingungen zu verknüpfen, unter denen Gesundung und heilsames Wachstum stattfinden kann.

Worum geht es in diesem Buch? Es ist kein reines Schreibtischprodukt, sondern steht permanent in Tuchfühlung und in praktischer Berührung mit Menschen, die erkrankt sind und gesunden wollen, die sich aus der Abhängigkeit befreien wollen.„Die dritte Chance“ ist eine Evaluationsstudie, die im Kontext der Qualitativen Sozialforschung biographische Fallrekonstruktionen, die tiefenhermeneutische Analyse von Textsequenzen aus Interviews, interdisziplinäre Theorien und sozialwissenschaftlich und gesellschaftlich relevante Erkenntnisse miteinander vereint. Im Bereich der Suchtforschung gibt es diverse Literatur und Studien zum Thema. Was dieses Buch davon allerdings unterscheidet, ist der Fokus, der hier auf den Abhängigkeitserkrankungen und komorbiden Störungen bei Kindern und Jugendlichen liegt. Nicht abstrakt, sondern bei aller Wissenschaftlichkeit sehr realitätsnah, beschreibt Morgenroth die Einbettung dieser jungen Menschen in die Themen der heutigen Gesellschaft.

Entstehungshintergrund

Entstanden ist diese Forschungsarbeit in einer engen Kooperation mit Teen Spirit Island (TSI), einer der Kinderklinik auf der Bult in Hannover angegliederten und in Deutschland einzigartigen Therapiestation für drogenabhängige Kinder und Jugendliche. Achtzehn junge Menschen wurden sowohl im stationären Setting als auch in den darauf folgenden biographischen Phasen von Studierenden, die zuvor im universitären Kontext ein fundiertes, theoretisches und auch praktisches Hintergrundwissen vermittelt bekommen hatten, in narrativen Leitfadeninterviews befragt. Das Forschungsinteresse für diese Untersuchung folgt der Annahme, dass die Suchterkrankung ein Symptom für tiefergehende Störungen in der Persönlichkeitsstruktur ist. Diese Persönlichkeitsstörungen sind immer auch Störungen der Beziehung und der Bindung. Eine altersgemäße Reifung und Entwicklung hat bei den Erkrankten aufgrund von erfahrenen Defiziten und kumulativen Traumata nicht stattfinden können. Das heißt, die 1. Chance auf eine gesunde Entwicklung im Kontext der seelisch/psychischen Geburt als Separationsprozess wie Mahler, Pine und Bergmann (1975) sie beschreiben, konnte nicht wahrgenommen werden. Morgenroth beschreibt darüber hinaus dezidiert, warum auch die 2. Chance auf Nachreifung und Individuation in der Adoleszenz für diese Jungen und Mädchen nicht glücken konnte und sie einer dritten Chance bedürfen, um eine Gesundung in ihrer inneren Struktur erfahren zu können: „[…] die rasanten körperlichen Entwicklungsschübe in der Pubertät vervielfachen den inneren Druck, die innere Not, die sodann mit Hilfe der Droge abgewehrt wird, wenn diese erst erreichbar ist. Diese Jugendlichen leiden an einer Blockierung ihrer Reifungspotentiale, sie haben bereits vor langer Zeit den Zugang zu ihren eigenen, inneren Ressourcen verloren.[…] Nachreifende Entwicklung erfolgt eingebunden in Beziehungen.” ( S. 341f).

Das ist der entscheidende Punkt; wo nachreifende Entwicklungen gelingen, ist intensive Beziehungsarbeit im Spiel. Eine besondere Art von Beziehung wird auch in den Interviews hergestellt, die mit den achtzehn drogenabhängigen Jungen und Mädchen geführt wurden. Die über die Interviews und deren Bearbeitung erfolgte Gestaltbildung ist Grundlage für die tiefenhermeneutische Arbeit und das szenische Verstehen. Die Bedeutung von Gesagtem und Ungesagtem wird nachvollziehbar und verständlich herausgearbeitet und macht den Leser/ die Leserin vielleicht an manchen Stellen auch achtsam(er) für die eigene Kommunikation im Alltag. Insgesamt ist sozialpsychologische Forschung, laut Morgenroth, auf Sprache, auf Beschreibungen angewiesen. Handlungen ersetzen bei den traumatisierten und erkrankten Kindern und Jugendlichen die verlorengegangene Symbolisierungs- und Mentalisierungsfähigkeit. Sprachlosigkeit drückt sich in Enactments aus, in Reinszenierungen von erfahrenem Leid.

Inhalt

Eine Darstellung der personalisierten, auch geschlechtspezifischen Adoleszenz über biographische Fallskizzen stellt einen konkreten Bezug zu den Menschen her, die im Zentrum der Untersuchung stehen. Das macht die „Dritte Chance“ persönlich und lebendig, neben dem wissenschaftlichen Aspekt.In diesen Zusammenhang gehört auch die ertragreiche Verflechtung von Beziehungsanalyse und traumatologischen Einflüssen im Kontext intergenerativer Prozesse. Hier kommen auf eine behutsame Art und Weise die Eltern der abhängigen Jugendlichen ins Spiel. Traumatransmission und die thematische Hinwendung zur Bedeutung präverbaler Traumata und Enactments wird anhand lebendiger Theorie (Beispiel „Amelie“) dargestellt. Gerade auch mit dieser generationsübergreifenden Symptomatik und der damit einhergehenden familiären Dynamik wird sensibel umgegangen. Der grundsätzliche Respekt vor den Menschen und dem Menschlichen durchzieht das Buch von Anfang bis zum Ende.

Der Substanzmissbrauch der Eltern und die damit oft einhergehenden klinischen Störungen führen in vielen Fällen zu einer „emotionalen Instrumentalisierung ihrer Kinder.“ ( S. 183.) Den mit diesem Wissen verbundenen therapeutischen Auftrag von TSI könnte man mit einem Zitat von Morgenroth so beschreiben:“ Mit der Konkretisierung als Verhaltensphänomen wird eine mentale Symbolisierung des traumatischen Materials auf Dauer unmöglich; das Trauma wird vielmehr im potentiell unendlichen Wiederholungszirkel verbleiben und damit über Generationen wirksam werden. Eine Zurückeroberung der verlorenen Symbolisierungsfähigkeit wird daher im Zentrum jeder psychodynamisch orientierten Therapie stehen.“ ( S.188). Der Mangel an elterlicher Zuwendung, der sich laut Morgenroth in die Persönlichkeitsstruktur der Kinder und Jugendlichen eingegraben hat, muss durch Nachbeelterung im Sinne von Containment der Therapiestation TSI und auch – im optimalen Falle - durch Einbeziehung der Eltern, ausgeglichen werden, um Gesundung zu ermöglichen.

In den Interviews wird daher über die tiefenhermeutischen Interpretation und das szenische Verstehen ein Zugang geschaffen über eine Gestaltbildung, welche nicht symbolisch ausgedrückt werden kann. Hier zeichnet Morgenroth einen spannenden Bogen von der (auch innerpsychischen) Ausgangsituation der Jugendlichen über die im stationären Setting erfolgten Prozesse bis hin zu den innerpsychischen Veränderungen, die durch die Nachreifung im haltenden Containment von TSI stattgefunden haben. Diese intersubjektiven Abstimmungsprozesse und generell jeder Forschungsschritt in diesem Kontext ist mit äußerster Präzision beschrieben und eingebettet in einen fundierten theoretischen Hintergrund (z.B. Intersubjektivitätstheorie, Bindungs-, Trauma-, Suchttheorien, Erkenntnisse aus der Kommunikations- und Entwicklungspsychologie).

Eine dritte Chance zu haben, ist gewiss eine Utopie des Lebensentwurfs, ein Wunsch, den viele – auch nicht abhängigkeitserkrankte - Menschen teilen – eine weitere Chance, ihrem Leben eine (neue) Richtung zu geben. Sich auf den „therapeutischen Jacobsweg“ zu machen, ist für die Jugendlichen, um die es in diesem Buch geht, lebensverändernd- und sicherlich sogar lebenserhaltend gewesen. Was nach dieser dritten Chance mit den Jugendlichen geschieht, ist Gegenstand dieser qualitativen Untersuchung. Sie ist wissenschaftlicher und realitätsnaher Diskurs mit hoher Relevanz für Individuum und Gesellschaft, der gerade durch diese differenzierten Verflechtungen unter den Analysen von Suchterkrankungen hervorsticht.

Fazit

Die Bedeutung dieses Buches von Christine Morgenroth liegt zweifellos darin, dass die komplexen und nachhaltigen Prozesse individueller Gesundung von Menschen durch eine wissenschaftliche Reflexion begleitet und unterstützt werden können. In einer verständlichen Sprache verfasst und mit plausiblen Begründungen angereichert ist dieses wissenschaftlich hochkarätige Buch in vielfacher Hinsicht von unmittelbarem Gebrauchswert, obwohl es keineswegs zum Genre der Beratungsliteratur gehört. Die konkrete Arbeit mit Suchtkranken wird nicht darauf verzichten können, die Befunde dieser Untersuchung aufzunehmen und die einzelnen Schritte der Nachreifung, der damit verbundenen Persönlichkeitsveränderung, letztlich der Gesundung auf dem Hintergrund der biografischen Langzeitstudie zu überprüfen, die der „Dritten Chance” zugrunde liegt. Dieses Buch ist daher allen zu empfehlen, die mit Suchtkranken zu tun haben, wie Psycholog/innen, Sozialpädagog/innen, Mediziner/innen, Psychotherapeut/innen, aber auch Sozialwissenschaftler/innen, die an der Untersuchung von Persönlichkeits- und Bindungsstörungen sowie an qualitativen Methoden und der Tiefenhermeneutik interessiert sind.


Rezensentin
Angela Aldag
Sozialpsychologin und Promovendin an der Universität Hannover zum Thema Sucht und Gesellschaft
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Zitiervorschlag
Angela Aldag. Rezension vom 19.07.2011 zu: Christine Morgenroth: Die dritte Chance. Therapie und Gesundung von jugendlichen Drogenabhängigen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. ISBN 978-3-531-17504-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11641.php, Datum des Zugriffs 10.12.2018.


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