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Richard Taylor: Der moralische Imperativ des Pflegens

Cover Richard Taylor: Der moralische Imperativ des Pflegens. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2011. 53 Seiten. ISBN 978-3-456-84972-0. 9,95 EUR.
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Thema

Seit einigen Jahren ist in verschiedenen Ländern das Phänomen zu beobachten, dass Demenzkranke im frühen Stadium der Erkrankung sich in vielfältiger Form an die Öffentlichkeit wenden. Sie halten Vorträge auf Fachtagungen und Kongressen, nehmen an Gesprächsrunden im Fernsehen teil, geben Interviews und veröffentlichen Aufsätze und auch Bücher. Meist geht es ihnen hierbei um die Darstellung der eigenen Befindlichkeit und die Reaktionen ihres Umfeldes auf ihre Erkrankung. Darüber hinaus artikulieren sie auch ihre Erwartungen an die Gesellschaft und üben Kritik an bestimmte Gepflogenheiten des Umgangs mit ihnen. Der Grundtenor dabei lautet überwiegend, dass sie als Personen wahrgenommen werden möchten, die außer ihren Gedächtniseinbußen mit dem damit verbundenen Hilfebedarf noch vollwertige Individuen seien. Man möge sie doch als gleichwertige Kommunikationspartner behandeln und nicht als völlig hilflose Fürsorgeobjekte. Hierdurch drückt sich ein gesellschaftlich recht neues Dilemma aus, indem die Selbstwahrnehmung der Demenzkranken mit den tradierten Formen der Hilfe und Unterstützung des sozialen Umfeldes nicht in Deckung gelangt. Die vorliegende Veröffentlichung thematisiert dieses Konfliktfeld: ein Demenzkranker skizziert seine Erwartungen an eine angemessene Demenzpflege.

Autor

Richard Taylor ist ein pensionierter Psychologieprofessor aus den USA, bei dem vor ca. 10 Jahren die Diagnose „Demenz vermutlich Alzheimer“ gestellt wurde. Der Autor ist u. a. als „Demenz-Aktivist“ durch seine vielen Vorträge in den USA und mittlerweile auch in Deutschland bekannt, siehe u. a. sein Buch „Alzheimer und Ich. „Leben mit Dr. Alzheimer im Kopf„“.

Aufbau und Inhalt

Das äußerst schmale Bändchen besteht aus einem Vortrag des Autors („Der moralische Imperativ des Pflegens“), den er auf der Tagung „Demenz und Wertekultur“ 2010 in Zürich gehalten hat, glossarartigen Erläuterungen zum Text und Entgegnungen von fünf Personen u. a. aus den Arbeitsfeldern Pflege und angewandte Gerontologie. Einige Fotos, überwiegend vom Autor während seines Vortrages, dienen zur Illustration.

Richard Taylor plädiert in seinen Ausführungen für eine menschenwürdige Pflege für Demenzkranke, für die es aufgrund moralischer Prinzipien eine gesellschaftliche Verpflichtung gäbe. Seine Argumentation konstituiert sich aus u. a. der allgemeinen Moralphilosophie in Anlehnung an Kant, der „goldenen Regel“ („Behandle andere so, wie du von ihnen behandelst werden willst“) und dem Konzept einer „Theorie der Moralentwicklung“ von Kohlberg. Seine Vorstellungen über die menschenwürdige Pflege enthalten u. a. die Elemente Autonomie („Eigenverantwortung übernehmen“), Bedürfnisorientierung und Würde (Seite 27). Sein Vortrag endet mit dem Appell „Bitte steht auf, schlagt Alarm. Kämpft für eine allen zugängliche menschenwürdige Pflege von Menschen mit einer Demenz. Das ist nichts, was wir tun sollten, vielmehr etwas, was wir alle tun müssen.“ (Seite 30).

Die Repliken auf diesen Vortrag fallen wie folgt aus:

Silvia Käppeli, eine bekannte Schweizer Pflegeforscherin, begrüßt die Ausführungen und sieht hierin eine „Botschaft für die Pflege“. Sie bemängelt jedoch die zunehmende Ökonomisierung des Gesundheitswesens und der Pflege, die diesem Modell einer menschenwürdigen Pflege diametral entgegenstehen würde.

Für die Schweizer Alterspsychologin Pasqualina Perrig-Chiello fehlt in den Ausführungen Taylors die Perspektive der pflegenden Person, die es ebenso in einem normativen Konzept einer menschenwürdigen Pflege angemessen zu berücksichtigen gilt.

Die Diplom-Pflegewirtin Hilde Schädle-Deininger aus Frankfurt am Main verweist u. a. auf Klaus Dörner, der einen so genannten „dritten Sozialraum“, nachbarschaftliches und bürgerschaftliches Engagement, für Demenzkranke einfordert. Darüber hinaus nimmt sie Bezug zu den Zielen der UN-Konvention, die u. a. Menschenwürde, Entscheidungsfreiheit, gesellschaftliche Teilhabe und Chancengleichheit als Kernelemente enthält.

Der Philosoph Martin W. Schnell von der Universität Witten-Herdecke (Nordrhein-Westfalen) beklagt u. a. die „Vorherrschaft der Neurobiologie“, die die Einlösung des ethischen Anspruchs einer angemessenen Demenzpflege nicht zuließe. Dies würde u. a. dazu führen, Demenzkranke „wie kleine Kinder zu behandeln.“

Der Sozialpädagoge Peter Wißmann aus Stuttgart moniert, dass den Demenzkranken die so genannte Normalität entzogen werde, indem sie u. a. in eine „Therapieblase mit Musik-, Garten- und gar Humortherapie“ eingesperrt werden. Des Weiteren lehnt er in diesem Zusammenhang den Begriff „Krankheit“ („Demenzkranke“) ab und schlägt als Alternative die Kategorie „kognitive Veränderung“ vor.

Diskussion

Auf der Rückseite des Einbandes steht u. a. der Satz „Hier können Pflegende und Betreuende nachlesen, wie, warum und in welcher Form Menschen mit einer Demenz Hilfe annehmen möchten und können.“ Diesen Erwartungen und Anforderungen des Autors und auch der Kommentatoren bezüglich der Pflege und Betreuung gilt es zuzustimmen, wenn es um das frühe Stadium einer Demenzerkrankung geht. Bereits im mittelschweren Stadium hingegen gelten andere Prinzipien. Wenn die Person-Umwelt-Passung zerbricht und u. a. Realitätsverluste und Realitätsverzerrungen mit massiven Belastungsphänomenen neben der vollständigen Hilflosigkeit den Alltag bestimmen, dann steht die körperliche und seelische Unversehrtheit im Vordergrund. Dieses Faktum wurde in dieser Publikation mit keinen Ausführungen bedacht. Wird jedoch die Ganzheitlichkeit der Demenz in ihrem Verlauf mit allen damit verbundenen Verlusten in dem Modell einer angemessenen Pflege nicht thematisiert, dann kann kein Konzept einer menschenwürdigen Demenzpflege entstehen.

Fazit

Ein Demenzkranker artikuliert seine Erwartungen an einen angemessenen Umgang mit dieser Erkrankung, die er durch moralphilosophische Argumentationsweisen zu fundieren versucht. Seine Ausführungen können als Zeugnis einer individuellen Verarbeitung seiner konkreten Realbezüge verstanden werden.


Rezensent
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
Homepage www.gerontologische-beratung-haan.de
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Zitiervorschlag
Sven Lind. Rezension vom 24.10.2011 zu: Richard Taylor: Der moralische Imperativ des Pflegens. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2011. ISBN 978-3-456-84972-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11653.php, Datum des Zugriffs 19.10.2019.


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