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Charlotte Heinritz: Autobiographieanalysen in der pädagogischen Forschung

Charlotte Heinritz: Autobiographieanalysen in der pädagogischen Forschung. Juventa Verlag (Weinheim) 2010. 25 Seiten. 3,00 EUR.

Enzyklopädie Erziehungswissenschaft Online, Fachgebiet: Methoden der empirischen erziehungswissenschaftlichen Forschung, Qualitative Forschungsmethoden hrsg. von Sabine Maschke, Ludwig Stecher. DOI 10.3262/EEO07100104.


Thema

Der vorliegende Handbuchartikel beschreibt eine Methode zur pädagogischen Analyse von Autobiographien. Dabei erhebt die Autorin einen quellenkritischen Anspruch und zielt auf Theoriebildung. Als durchgehendes Beispiel gebraucht sie eine eigene Untersuchung über Autobiographien von Frauen um 1900. - Der Artikel entstammt einer erziehungswissenschaftlichen Online-Enzyklopädie, die sich derzeit im Aufbau befindet und deren Beiträge einzeln erworben werden können.

Autorin

Dr. Heinritz ist Professorin für empirische Sozialforschung, sie arbeitet im Fachbereich Bildungswissenschaft der privaten Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft, Alfter bei Bonn.

Online-Beschaffung

LeserInnen gelangen an den Handbuchartikel nur durch Kauf einer Online-Transaktionsnummer (TAN): Diese kostet 3 Euro. Mit der TAN soll sich der Artikel dann einmalig am Bildschirm öffnen und ausdrucken lassen, soll aber nicht zu speichern sein. Abgewickelt wird der Kauf über einen externen Internet-Bezahldienst, bei dem ein Konto zu eröffnen ist - wenn man dort nicht schon Mitglied ist (alle Angaben laut http://www.erzwissonline.de/# - 18.06.2011).

Aufbau

Der Artikel gliedert sich in vier Kapitel, wobei Kap. 3 am umfangreichsten ist: Dieses gilt der „Entwicklung eines methodischen Verfahrens zur Analyse von Autobiographien“, 10 S. Die anderen Kapitel lauten:

  • „Autobiographien in der pädagogischen Forschung - Themen und Anwendungsfelder“ (Kap. 1)
  • „Zur Geschichte und zum Quellenwert von Autobiographien“ (Kap. 2)
  • „Vergleichende Analyse von Autobiographien“ (Kap. 4)

Diese drei Kapitel umfassen zwischen 2 und 5 S.

Inhalt

Unter Autobiographien versteht Heinritz Schriften, „in denen ein schriftlicher Rückblick auf das eigene Leben oder auf Abschnitte daraus - z.B. der [!] Kindheit - gegeben wird, wobei der Autor identisch ist mit dem Erzähler und dem Helden“ (S. 2). Demnach zählen biographische Interviews nicht dazu, die in manch anderen Methodentexten ebenfalls veranschlagt werden.

Heinritz nennt einige Quellen pädagogischer Forschung, die bis ins 18. Jahrhundert zurückreichen. Laut Heinritz werden Autobiographien heute als Quellen vielfältig genutzt: um Sozialisationsprozesse zu rekonstruieren, um Kindheit sozialgeschichtlich zu erkunden, um über pädagogische Institutionen zu forschen und als Dokumente von Bildungs- und Selbstbildungsprozessen; auf diesen letzten Punkt geht Heinritz etwas näher ein - wegen seiner herausragenden pädagogischen Relevanz.

Quellenkritisch erläutert Heinritz, dass eine Autobiographie zuerst dazu diene, Sinn zu konstituieren; erst in zweiter Linie werde vergangene Wirklichkeit abgebildet und rekonstruiert. Autobiographien seien demnach „eine im Material der Lebenserinnerung durchgeführte Klärung des Selbstbildes“ (S. 4). Heinritz beschreibt dazu die Entwicklungen, die in Kultur, Geschichte und Gesellschaft vorauszusetzen sind, damit Autobiographien entstehen und sich verbreiten können.

Es sind im Laufe der Zeit verschiedene Formen des autobiographischen Schreibens entstanden, die sich auch in heutigen Autobiographien finden - zwischen dem Inhalt und der jeweiligen Form der Autobiographie behauptet Heinritz eine Wechselseitigkeit: Deshalb seien bei der Analyse auch die Formen des Erzählens zu berücksichtigen. Es sei zudem zentral, eine Autobiographie in ihrer gesamten Werkgestalt zu analysieren - also keine einzelnen Stücke aus dem Text herauszunehmen: So soll der Sinn als eine Ganzheit erhalten bleiben.

Um dies sicherzustellen, lehnt sich Heinritz methodisch an Auswertungen narrativer Interviews an. Sie betrachtet dies als eine „experimentelle Lösung“ (S. 15), weil es hierfür keine stringente Begründung aus einer Texttheorie gebe. Eingehender sind laut Heinritz „die biographischen Schlüsselszenen oder Schlüsselerlebnisse“ zu analysieren (S. 17; Hervorhebungen im Original): „Es sind damit Szenen gemeint, die aus dem Erzählfluss deutlich abgegrenzt sind und Ereignisse oder Handlungsabläufe zum Inhalt haben, die in szenische [!] gestalteten, abgeschlossenen Erzählungen oder Episoden mit einem deutlichen Spannungsbogen erzählt werden.“ (S. 17 f.)

Unter der jeweiligen pädagogischen Fragestellung strebt Heinritz an, „möglichst alle das Feld prägenden Typen zu finden“ (S. 9; Hervorhebung C.B.); es kommt dabei aber nicht darauf an, wie häufig die Typen vorkommen. Damit dies gelinge, müsse man eine Vielzahl an Autobiographien einbeziehen, die möglichst breit streuen. Heinritz empfiehlt hierzu das Verfahren des Theoretical Sampling, das aus der Methodologie der Grounded Theory stammt. Mit deren Methodik der vergleichenden Analyse zielt Heinritz darauf, „eine empirisch abgesicherte gegenstandsbezogene Theorie“ zu entwickeln (S. 19).

Diskussion

Der Artikel stellt eine Variante pädagogischer Autobiographieforschung vor, die vor allem durch die Forschungsarbeit der Autorin belegt und eingeführt ist. Deutlich wird, dass es sich um einen anspruchsvollen Ansatz handelt, der nicht zuletzt Erfahrung und Können in qualitativer Forschung voraussetzt: sei es angelehnt an die Auswertung narrativer Interviews oder sei es im Gebrauch von Forschungstechniken der Grounded Theory.

Eindrucksvoll ist der Anspruch auf Theoriebildung, den Heinritz verfolgt und den sie durch das ausführlicher dargestellte Forschungsbeispiel illustriert. Sie zielt auf die „Untersuchung eines bestimmten historischen Zeitraums oder einer bestimmten pädagogisch-sozialen Konstellation“ (S. 10). Für ihr eigenes Forschungsbeispiel hat Heinritz immerhin rund 350 Autobiographien von Frauen zusammengetragen. Das Verfahren wird sich aber auch bei weitaus geringeren Fallzahlen anwenden lassen.

Ein Manko beim Kauf des Artikels ist die Zwangsmitgliedschaft bei einem Internet-Bezahldienst. Es wäre zu wünschen, dass der Verlag auch andere Möglichkeiten anbietet - gerade für LeserInnen, die nur gelegentlich einen Artikel der Online-Enzyklopädie erwerben wollen!

Fazit

Es handelt sich um einen kompakten Artikel, der eine Variante pädagogischer Autobiographieanalyse übersichtlich beschreibt und begründet. Diese Skizze reicht jedoch nicht aus, damit LeserInnen eigene Projekte entwickeln und durchführen können - hier gibt aber das Literaturverzeichnis genügend Anregung. Anknüpfen wird man leichter können, wenn man Erfahrung in qualitativer Sozialforschung hat.


Rezension von
Prof. Dr. Christian Beck
Pädagogische Forschung und Lehre
Homepage www.cbeck-aktuell.de


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Zitiervorschlag
Christian Beck. Rezension vom 27.07.2011 zu: Charlotte Heinritz: Autobiographieanalysen in der pädagogischen Forschung. Juventa Verlag (Weinheim) 2010. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11654.php, Datum des Zugriffs 05.07.2020.


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