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Walther Müller-Jentsch: Die Kunst in der Gesellschaft

Cover Walther Müller-Jentsch: Die Kunst in der Gesellschaft. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. 223 Seiten. ISBN 978-3-531-17694-9. 29,95 EUR.
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Thema

„Kunst transportiert eine Erfahrung, die durch kein anderes Medium transportiert ist“ (S 12). Dieser Satz steht am Ende des Vorworts und macht deutlich, dass in diesem Buch ein Schwerpunkt auf den sozialen Prozess der Kunstgenese liegen soll. Wie entstehen diese Erfahrungen, welche letztendlich in ein Kunstwerk münden und wie sind die Produzenten in der Lage ein Publikum zu finden? Das Buch stellt den Versuch dar Organisation, Profession und Strategie im Kunstbetrieb zu beschreiben.

Autorin und Entstehungshintergrund

Der emeritierter Professor Walther Müller-Jentsch war und ist in verschiedenen Fächern tätig. So beschäftigte er sich mit Industriesoziologie, speziell Industrielle Beziehungen, Soziologie der Gewerkschaften, Organisationssoziologie sowie die Kunst- und Literatursoziologie. Letzteres ist auch Thema dieses Buches, nämlich „einen Aufriss zur empirischen Soziologie der Kunst (genauer: der Künste) vorzulegen“ (S 9).

Aufbau und Inhalt

Kunst ist ein sozialer Prozess. Mit dieser Annahme führt der Autor am Anfang des Buches die Leser in die Thematik ein. Dabei wird Howard S. Becker mit seinem bereits zum Klassiker gewordenen „Art Worlds“ aus dem Jahr 1982 paraphrasiert. So ist nicht das Werk, sondern die Rezeption wie die Produktion von sozialen Strukturen geprägt. Um dies zu verdeutlichen werden Wissenschaftler und Schriftsteller zitiert, die verdeutlichen, dass der Entstehungsprozess, der das Werk begleitet, immer von mehreren Personen beeinflusst wird. Mit diesem Hintergrund will Müller-Jentsch einen informierten Abriss über das Kunstsystem liefern.

Im nachfolgenden Kapitel setzt er einen Schwerpunkt auf die Organisation der Distribution, also Vermittlung und Rezeption der jeweiligen Kunst. Selten tritt der Künstler dem Publikum direkt gegenüber. Hier gibt es unter dem Gesichtspunkt der Finanzierung drei Organisationsformen: Vereine, Einrichtungen und Non-profit Organisationen, die das Kunstwerk zum Publikum bringen sollen.

Außer Schriftsteller können alle Künstler Akademien besuchen, um ihr Handwerk zu erlernen. Zwar gibt es Schulen für journalistisches Schreiben oder Kurse für kreatives Schreiben, jedoch sind diese im Gegensatz zu den anderen Ausbildungsmöglichkeiten von künstlerischen Berufen nicht zu vergleichen. Nur zwei bis drei Prozent der ausgebildeten Künstler sind in der Lage von ihrer Kunst zu leben. Dies ist ein Grund für die vielen Zusammenschlüsse, welche in zwei verschiedenen Gruppen zusammengefasst werden können. Zum einen handelt es sich um Organisationen, die konstitutiv für die Verwirklichung eines speziellen Produkts verantwortlich sind. Zum anderen sind es Organisationen, die sich die Arbeit für ein gemeinsames künstlerisches Produkt teilen. Unter anderem besteht hier der Verweis auf Andy Warhols „factory“ und die kollektive Kreation von künstlerischen Produkten. Der Film ist dem nicht zuzurechnen, weil dieser eine Kunstform ist, die mehr der Kulturindustrie zuzurechnen ist, als dem Kunstsystem. In der Kunst ist die Distribution und die Vermittlung immer voneinander zu trennen. Dies zeigen auch Kunsthäuser wie das österreichische Dorotheum in Wien, das als erfolgreichstes Kunsthaus 143 Millionen Euro Umsatz im Jahr 2010 erzielt hat. Der Verkauf der Kunstobjekte stellt sich so gegen die Vermittlung. Galerien und Verlage sind die Gegensätze zu Museen und Ausstellungen. So bemühen sich Ökonomen und Soziologen der Preisbildung auf den Kunstmärkten nachzugehen. Die Orte der Kunstvermittlung haben andere Ansprüche als zum Beispiel Vermittlungsorte der Popularkultur. So sollen Besucher von Ausstellungen aktiver sein als Kinobesucher. Das Museum ist etymologisch gesehen ein Ort für gelehrte Beschäftigungen. Medienkunst diktiert dabei die Zeit der Betrachtung. Jedoch soll das Bild durch die Neuverwendung aus seiner vermeintlichen Sprachlosigkeit genommen und dadurch dem Besuchers zugänglich werden. Hier lernt der Zuschauer, dass der Medienkonsum variabel ist (S 71).

Die Organisierung des Publikums hat sich dabei aus verschiedenen Stufen entwickelt. Während gewisse Kunstvereine, welche sich aus früheren Lesezirkeln, Salons oder Literaturhäusern entwickelt und gewisser Maßen große politische Mitsprache haben, verfügen Laienvereine, welche sich ebenso mit verschiedensten künstlerischen Kreationen beschäftigen, eher über kaum politisches Mitspracherecht.

Nicht des zu Trotz sind Organisationen wichtig, wenn nicht verantwortlich, für die erlangte Autonomie der Kunst. Ist jedoch diese Autonomie sehr stark ausgeprägt, kann oftmals mit einer geringen finanziellen Unterstützung gerechnet werden. Somit reiben sich künstlerische Interessen immer an wirtschaftlichen Handlungen. Müller-Jentsch erkennt hier „organisationale Grundtypen wie sie uns auch aus anderen Funktionssystemen geläufig sind“ (S 83).

Im dritten Kapitel des Buches steht die prekäre Profession des Künstlers im Vordergrund. Diesbezüglich wird ein geschichtlicher Abriss des Künstlerseins angeführt und damit verbundene Themen diskutiert. So geht es im 16. Jahrhundert mit der hohen gesellschaftlichen Erwartung an den Künstler los. Später werden historische Sozialtypen des Künstlers und anschließend moderne Künstler vom Adel zum Bürgertum beschrieben. Die sozialen Rollen vollziehen sich vom Handwerker bis zum Hofkünstler, wobei dieser, sich Ende 18. Anfang 19. Jahrhundert vom Adel langsam loslöste und durch das aufstrebende Bürgertum neue Themen und vor allem ein neues Publikum vor sich hatte. Dabei erfuhr auch die Kunstproduktion demokratisches Potential, nämlich eine Befreiung von Gestaltungsnormen. Die Emanzipation des Bürgers läuft somit gleichzeitig wie die Emanzipation des Künstlers ab. Kunst wurde somit mit ihrem Künstler ortlos und nicht mehr an einen ästhetischen Auftrag gebunden. Dadurch wurde die Subjektivität zum Maßstab der Kunstproduktion, immer vom Gedanken der Originalität und des Neuen getragen. (102) Ebenso damit verbunden war eine Aufwertung der Autorschaft, welche auch durch Avantgardebewegungen im 20. Jahrhundert nicht geschwächt werden konnte, da Künstler wie Breton oder Duchamp auch die Urheberschaft an ihren Produkten forderten.

Nach Müller-Jentsch macht der Kunstmarkt die Künstler erst zu freien Künstlern und er gibt damit Luhmann recht, wenn dieser behauptet, dass die Wirtschaft der Kunst mehr Freiheit lasse als irgendwelche Mäzene. Weiters beschreibt er die Notwendigkeit der kollektiven Einbettung künstlerischer Entfaltung und organisatorischen Rückhalts.

Über manifeste und latente Ziele innerhalb von Künstlergruppen schreibt der Autor im vierten Kapitel. Dabei sieht er die Gruppenbildung als neuzeitliches Phänomen, das aus der Emanzipierung des Bürgertums entstand. Künstler emanzipierten sich von traditionellen Abhängigkeiten, hatten jedoch keine professionelle Vertretung. Diese wurde erst im späteren Verlauf der Kunstgeschichte installiert. So entstanden verschiedenste Gruppenbildungen wie nominelle Gruppierungen, programmatische Zusammenschlüsse, Künstlerbünde zur gegenseitigen Förderung, Künstler-Kolonien, Künstler-Orden bis zu Kommunen und Lebensgemeinschaften, die Kunst als eine Lebenswelt ansehen und sich ausschließlich darüber definieren. Außer bei nominellen Gruppierungen handelt es sich um Zusammenschlüsse, „in denen Künstler manifest ein gemeinsames ästhetisches Projekt und/oder gemeinsame Ideale verwirklichen wollen, latent aber berufsständische Ziele verfolgen“ (S 108).

Im fünften Teil werden Strategien im künstlerischen Feld diskutiert. Dabei werden der George Kreis und die Gruppe 47 skizziert und als empirisches Material vorgestellt, welches die dargestellten Überlegungen zum Kunstsystem exemplifizieren sollen. Dabei zeichnet der Autor für die verschiedenen Schriftstellergruppen den Weg zur Aufnahme und andere Strukturen des literarischen Feldes nach. Der Vergleich zwischen beiden Formationen zeigt wie disparat künstlerische Wege sein können. Aus unterschiedlichen Motiven entstanden Gruppierungen, welche in der Gesellschaft geschlossen auftraten. Der daraus resultierende war ein geschlossener Auftritt in dem sehr konkurrierenden Feld von Künstlern. Dabei wird die Binnenkonkurrenz aufgehoben und öffentliche Aufmerksamkeit kann leichter erreicht werden. So können Forderungen der jungen Künstler und Innovationen besser in die Kunstszene einfließen. Problematisch wird dieser Zusammenhalt bei Künstlern, die individuellen Erfolg verzeichnen können und nicht mehr auf den Schutz oder Rückhalt der Gruppe angewiesen sind, um weiterhin unabhängig existieren zu können. Beide Gruppierungen umgehen zuerst den Markt, um ihn anschließend zu kontrollieren. Damit erreichen sie einen großen Einfluss in Kultur, Wissenschaft und Politik und können somit ihre Machtposition stärken und festigen. Wenn eine Gruppe zerfällt, hat sie nicht selten erreicht, was sie erreichen wollte.

Im sechsten und letzten Kapitel versucht Müller-Jentsch zwischen Kritik und Affirmation seine Überlegungen zusammenzufassen und zeigt ökonomische Strömungen und Gegenbewegungen im Kunstsystem auf. Engels, Hegel und Adorno sind dabei die Haltestellen, welche über das Wahre, den hündischen Kommerz und das System der Bedürfnisse geschrieben haben. Er fasst zusammen: „Der Kunst – darin stimmen die referierten Positionen überein – wurde das Potenzial einer transzendierenden Kritik zugeschrieben, sei es im Medium des ‚Scheins‘ oder in der lebensreformerischen Praxis, so wie sie etwa die Avantgardisten kurz nach der Oktoberrevolution angestrebt hatten. Allein durch ihre Existenz, dies ist die verallgemeinernde Schlussfolgerung, kritisiert die Kunst die vorfindbare Lebenspraxis oder sucht sie nach ihrem Logos zu verändern“ (S 183).

Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte Kunst großes Interesse, sodass nicht nur viele Investitionen in Kunst getätigt wurden, sondern auch Versteigerungshäuser wie Christie?s oder Sotheby?s aufleben konnten. Auch der Literaturmarkt musste bis heute einen Umbruch erleben. So sind die meisten Verlage an Großunternehmen und Mischkonzerne gebunden, welche auch den literarischen Betrieb nahezu beherrschen. Weiters sind Kunstmuseen ins Visier der Sammler und Sponsoren gekommen. Leihgaben erhöhen ihren Wert während der Leihe und sind somit nicht selten Objekte wilder Spekulationen. Fundraiser, Joint Venture, Public-Private Partnership oder Sponsoring sind dadurch ein beträchtlicher Teil des Kunstsystems geworden.

Künstler wie Marcel Duchamp oder Andy Warhol entwickelten Strategien, die dieses Kunstsystem hinterfragen. Mittels ready mades und pop art punkten die Künstler mit einer gewissen Leere, welche von den Zuschauern erst aufgefüllt werden müssen. Bis zum heutigen Tage haben verschiedene Künstler die Kulturindustrie innerhalb des Kunstsystems thematisiert. Künstler wie Gerhard Richter oder Joseph Beuys tragen somit die Gedanken der Produzenten der ready mades und pop art weiter, sodass der Gedanke in einer Welt zu finden, in der der Mensch ganz zu sich selbst findet aufgeht: Müller-Jentsch schreibt dazu: „In dem durchkommerzialisierten Universum erinnern diese nicht ganz willkürlich herausgegriffenen Schöpfer von Kunstwerken mit unausdeutbarer Sinnfülle an den Traum von einer zweckfreien ästhetischen Welt, in der der Mensch im Spiel – erschüttert und beglückt zugleich – ganz zu sich selbst findet“ (S 205).

Diskussion

Da die Soziologie die empirische Forschung und theoretische Analyse der Kunst nicht adäquat beachtet, schrieb Müller-Jentsch dieses Buch. So versucht er einen soziologisch fundierten aktuellen Aufriss des Kunstsystems. Dabei verweist er größtenteils auf frühe künstlerische Gruppierungen, im konkreten auf literarische Formierungen wie den George Kreis und die Gruppe 47. Als Grundlagenmaterial verweist er gerne auf Niklas Luhmann oder Pierre Bourdieu. Abweichend von Luhmann versteht der Autor die Kommunikationen nicht als konstituierendes Moment des Kunstsystems, sondern stützt sich auf die Begriffsarchitektur Künstler – Kunstwerk – Publikum. Sein Interesse liegt grundsätzlich in der Organisation, Profession und den Strategien künstlerischer Gruppierungen. Ein Wermutstropfen dabei ist, dass gegenwärtige Forderungen von Organisationen, welche künstlerisches Schaffen finanziell unterstützen nicht thematisiert werden. Schließlich werden künstlerische Zusammenschlüsse bei Anträgen für Unterstützung stärker gefördert als individuelle Anfragen. Aktuelle Beispiele hätten dem Buch getan, auch wenn der Autor durch das etwas ältere empirische Material zu einer aktuellen Beschreibung gesellschaftlicher Umstände kommt: „Die neuen Formen der Gemeinschaftlichkeit sind gleichsam Ausdruck des Mangels an sozialer Abgesichertheit und gesellschaftlicher Integration, auch wenn in der Regel ästhetisch-programmatische Zielsetzungen im Vordergrund stehen“ (S 110).

Fazit

„Kunst in der Gesellschaft“ gibt einen Einblick in die soziale Genesis von Kunstwerken. Ein besonderes Augenmerk zielt dabei auf Gruppierungen ab, die aus der Kraft von mehreren schöpft und sich dadurch im Feld der Kunst besser durchzusetzen vermag. Müller-Jentsch versteht Kunst in diesem Buch als „Spektrum aller Kunstgattungen“ (S 10). Diesbezüglich sei vermerkt, dass der Schwerpunkt letztendlich – auf Grund der empirischen Analyse – auf literarische Gruppierungen liegt. Trotzdem werden viele andere Künstler und ihre Strategien angesprochen. Schade ist die nur geringe Würdigung Howard S. Beckers, welcher mit „Art Worlds“ aus dem Jahr 1982 Kunst als einen sozialen Prozess zum ersten Mal beschrieb. Zwar kennt Müller-Jentsch die zu geringe Beachtung im deutschsprachigen Raum des amerikanischen Soziologen an, widmet ihm aber nur eine kurze Nennung und geht in weiterer Folge nicht mehr auf diesen grundlegenden Text ein. „Die Kunst in der Gesellschaft“ kann jedoch als Einführung in eine Soziologie der Kunstwelt gelesen werden. Ohnehin gibt es zu wenige Werke, die zu diesem Thema Stellung nehmen, und dieser speziellen Soziologie Bewegung einhauchen.


Rezension von
Andreas Hudelist
Schwerpunkte: Ästhetik, Cultural Studies, Film- und Fernsehforschung, Kunst sowie kulturwissenschaftliche Gedächtnisforschung
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Zitiervorschlag
Andreas Hudelist. Rezension vom 17.11.2011 zu: Walther Müller-Jentsch: Die Kunst in der Gesellschaft. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. ISBN 978-3-531-17694-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11656.php, Datum des Zugriffs 28.02.2021.


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