socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Margret Rasfeld: "Stell Dir vor es ist Schule und alle wollen hin"

Margret Rasfeld: "Stell Dir vor es ist Schule und alle wollen hin". AV1 Pädagogik-Filme (Kaufungen) 2011. 18,00 EUR.

Laufzeit: 64 Min. Bestellung unter av1-shop.de.


Best Practice Projekte

Was ist es, was (allzu viele?) Menschen veranlasst, bei der Wahrnehmung und Einschätzung von Entwicklungen und gesellschaftlichen Prozessen erst einmal das zu registrieren und zu bewerten, was schief läuft und weniger das, was gelingt? Ist es die durchaus wünschenswerte Einstellung, allzu euphorisch dargestellten, nicht selten manipulativ gesteuerten, einseitig präsentierten und aus egoistischen, machtpolitischen oder ideologischen Gründen öffentlich gemachten „Erfolge“ zu misstrauen? Oder ist es nicht eher die Oberflächlichkeit und auf dem Schnittmuster des Schwarz-Weiß-Denkens beruhende Informationspolitik, die auf der bekannten Prämisse beruht: „Was nicht sein darf, das nicht sein kann“?

Da ist es von Vorteil, dass sich im öffentlichen, gesellschaftlichen Diskurs langsam die Einstellung durchzusetzen beginnt, gelingende Entwicklungen bekannt zu machen und als „Vorzeigeprojekte für unsere Gesellschaft“ zu präsentieren.

Entstehungshintergrund

Einer, der das positive Denken gewissermaßen zur Grundlage seines Forschens macht, ist der Göttinger Neurowissenschaftler Gerald Hüther. Mit seinen öffentlichen Auftritten, u. a. in der Fernsehserie von 3sat, Scobel und seinen Forschungsarbeiten und Publikationen, gilt Hüther mittlerweile als kompetenter Sprecher für positives Denken. Die Initiative, den Geheimnissen des Gelingens von gesellschaftlichen Veränderungsprozessen auf die Spur zu kommen und sie als Best Practice-Projekte bekannt zu machen, realisiert sich in der Herausgabe von ausgewählten Beispielen „die zeigen, wie man erfolgreich etwas bewerkstelligen, zum Laufen bringen, hinbekommen kann“. In der Veranstaltungsreihe des Interdiziplinären Zentrums für Nachhaltige Entwicklung (IZNE) der Georg-August-Universität Göttingen, werden solche Projekte vorgestellt und nach den Voraussetzungen und Rahmenbedingungen gefragt, die das Gelingen bewirken. In der Edition Hüther werden die Vorträge auf DVD durch das Film- und Medienteam AV1 produziert und veröffentlicht. Wissenschaftlich begleitet und ummantelt wird das Publikationsprojekt durch die Sinn-Stiftung, deren Vorsitzender Gerald Hüther ist. Die SINN-STIFTUNG (a href="http://www.av1-shop.de/schulen/280/-stell-dir-vor-es-ist-schule-und-alle-wollen-hin-folge-3-edition-huether">www.av1-shop.de, die ihren Sitz in Schloss Holte-Stukenbrock hat, will mit ihrer Initiative bewirken:

  • Suche nach den Geheimnissen des Gelingens.
  • Bewährtes aus Bildung, Gesundheit, Wirtschaft, Ökologie miteinander verbinden.
  • Zukunftsfähiges für unsere Gesellschaft entwickeln.
  • Eine Kultur der Potentialentfaltung mitgestalten.
  • Ermutigen und Inspirieren, als Einzelner in der Gemeinschaft über sich hinaus zu wachsen.
  • Ein tragendes Portal für die Vision gelingender Kultur der Potentialentfaltung anbieten.
  • Als gemeinnützige, religiös und politisch unabhängige, öffentlich anerkannte Stiftung tätig sein.

In der Reihe Edition Hüther liegen mittlerweile vier DVD-Produktionen vor, wie z. B. das Projekt, das Erfahrungen mit ADHS-Jugendlichen darstellt:„Lieber einen Sommer auf der Alm als ein Leben lang auf Ritalin“ (Folge 1), die heilsamen Wirkungen des Singens aufzuzeigen: „Wie aus Krankenhäusern singende Gesundwerdhäuser werden“ (Folge 2); Führungskonzepte auf der Grundlage von Anerkennung, Eigeninitiative vorzustellen: „Die Treppe muss von oben gefegt werden: Führung in gelingenden Unternehmen“ (Folge 4). Mit Folge 3 eben auch „Stell Dir vor, es ist Schule und alle wollen hin“.

Inhalt

Die Leiterin der Ev. (Gesamt-/Gemeinschafts-)Schule Berlin-Zentrum, Margret Rasfeld, hat in der o. a. Vortragsreihe des IZNE in der Nikolai-Kirche in Göttingen am 1. 2. 2011 die Schule vorgestellt. Die Ev. Gesamtschule in Berlin, die als Gemeinschaftsschule nach dem Berliner Schulsystemkonzept arbeitet, versteht sich als „Haus des Lernens“ für alle Schülerinnen und Schüler der Grundschule, Sekundarstufe I und II. Sie orientiert sich an den Herausforderungen, wie sie bereits mit dem Brundtland-Bericht der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung von 1987 als Bewusstsein von der gemeinsamen Zukunft der Menschheit formuliert und mit der Bericht der Internationalen Kommission „Bildung für das 21. Jahrhundert mit dem „Vier-Säulen-Modell“ ? Lernen, zusammen zu leben; Wissen zu erwerben; Lernen zu handeln; Lernen für das Leben ? postuliert wurden. Die dabei von der ESBZ für ihr Schulprofil herausdifferenzierten Leitbilder – „Lernen Wissen zu erwerben - Lernen zusammen zu leben – Lernen zu handeln“) sind zwar in der Agenda 21 mit grundgelegt, finden aber ihre Ausprägungen und Begründungen dort nicht vordergründig, worauf Margret Rasfeld in ihrem Vortrag repliziert (das ist vom Rezensenten nicht beckmesserisch gemeint, sondern ist nur der Quellengültigkeit geschuldet!).

Die bemerkenswerten Aktivitäten der Schulentwicklung der ESBZ erinnern natürlich an die Schulsystem- und Curriculum-Entwicklungen, wie sie von den Integrierten Gesamtschulen in den Endsechziger und Siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts eingeleitet, erprobt wurden und bis heute praktiziert werden: Schule für alle Kinder ? schulorganisatorische und integrierende Aktivitäten ? didaktische und methodische Reformen ? Änderungen der Leistungsbewertung und Notengebung ? Ganztagsunterricht, Individualisierung und Gemeinschaftsbildung, Demokratisierung der Schule, usw. Margret Rasfeld geht deshalb auch in ihrem Vortrag deutlich und eindeutig auf die aktuelle Bildungs- und Schulsituation in Deutschland ein: „Unser Bildungssystem organisiert das planmäßige Scheitern“, vor allem durch die unsägliche Selektion der Schülerinnen und Schüler im dreigliedrigen Schulsystem, dem „Selektionsblick“ gewissermaßen und einer verqueren Bildungs- und Lernauffassung, die von der „Defizitorientierung“ ausgeht und der „Potentialentfaltung“ der Kinder und Jugendlichen keinen Raum gibt: „Deutschland ist Weltmeister in Ungleichheit“.

Die Referentin verdeutlicht in der Darstellung des Schulkonzeptes, des -profils und des Schulalltags, dass eine so veränderte, erfolgreiche Schule nicht von Heute auf Morgen geschaffen werden kann, sondern eines langfristigen, zähen, anstrengenden und engagierten Wirkens aller Beteiligter ? der Lehrerinnen und Lehrer, der Schülerinnen und Schüler, der Eltern und der Schulöffentlichkeit ? bedarf. Mit der Lernaufgabe „Verantwortung“, die an allen Lernorten der Schule sichtbar werden muss ? dem Fachunterricht, dem Lernbüro, der Lernwerkstatt und beim Projekt ? bringt die ESBZ eine Innovation ein, die einer besonderen Beachtung bedarf. Mit der Erkenntnis, dass Kinder und Jugendliche Verantwortung übernehmen wollen und können, werden die Schülerinnen und Schüler angeleitet, in selbst ausgewählten Lernprojekten und Praktika Herausforderungen anzunehmen und Lernen zu erproben, um „mit dem Herzen denken zu lernen“.

Fazit

Die in der Edition Hüther präsentierten Gelingensprojekte, wie das der Ev. Schule Berlin-Zentrum, faszinieren nicht nur wegen ihres gesellschaftlichen Vorzeigecharakters, sondern durch die DVD-Version auch als authentische Präsentation von Wirklichkeit. Best Practice-Beispiele sind ja nicht dazu da, sie als Rezepte zu übernehmen, sondern sie im eigenen Entwicklungs- und Reformprozess konkret vor Ort zur Kenntnis zu nehmen, sich damit auseinander zu setzen und die Erfahrungen anderer passgerecht in die eigene Schulentwicklung hinein zu nehmen und zu erproben. „Schule als lernende Institution“ gilt mittlerweile als wichtige Schulentwicklungsherausforderung; und Reform- und Innovationsinitiativen, wie z. B. der „Deutsche Schulpreis“, bei dem alljährlich allgemeinbildende Schulen in Deutschland als „Beste Lernorte“ ausgezeichnet werden (wie z. B. 2007 die Hildesheimer Integrierte Gesamtschule, die Robert-Bosch-Gesamtschule; vgl. dazu: Günter Binsteiner u.a., Teamarbeit macht Schule. Bausteine der Entwicklung. Von Schulen lernen, Friedrich Verlag, Seelze-Velber, 2009, 120 S., ISBN 978-3-7800-1023-0).

Die DVD kann als Anschauungs-, Diskussions- und Innovationsmaterial bei vielfältigen Anlässen eingesetzt werden: In der universitären Lehrerbildung, der Referendariatsausbildung, der schulinternen Lehrerfortbildung, bei Elternabenden und Diskussionsforen; überall da also, wo es darauf ankommt, Schulen nicht als Selektions-, Scheiterns- und Angstorte zu verstehen, sondern als „Haus des Lernens“ zu begreifen und zu entwickeln, in dem mit dem Herzen und ? an den pädagogischen Grundsatz erinnernd – mit Kopf, Herz und Hand gelernt werden kann.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
E-Mail Mailformular


Alle 1327 Rezensionen von Jos Schnurer anzeigen.


Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 06.09.2011 zu: Margret Rasfeld: "Stell Dir vor es ist Schule und alle wollen hin". AV1 Pädagogik-Filme (Kaufungen) 2011. Laufzeit: 64 Min. Bestellung unter av1-shop.de. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11659.php, Datum des Zugriffs 16.06.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung