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Asmus Finzen: Schizophrenie. Die Krankheit verstehen

Rezensiert von Anika Stitz, 19.08.2011

Cover Asmus Finzen: Schizophrenie. Die Krankheit verstehen ISBN 978-3-88414-522-7

Asmus Finzen: Schizophrenie. Die Krankheit verstehen. Psychiatrie Verlag GmbH (Bonn) 2011. 253 Seiten. ISBN 978-3-88414-522-7. 19,95 EUR.
Reihe: Fachwissen
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Thema

Mit kaum einer Krankheit gehen so viele Stigmatisierungen, Vorurteile, Zurückweisungen und Diskriminierungen einher wie mit der schizophrenen Psychose. Dieser Umstand erschwert das Leben der Betroffenen und deren Angehörigen mit dieser Diagnose zusätzlich. Finzen versucht mit seinem Buch ein weiteres Mal diesem Umstand durch Aufklärung entgegen zu wirken. Bei Schizophrenie geht es eben nicht nur um das Erkennen und die Behandlung, sondern auch ? auf Grund der Prognosen ? „um das Leben mit der Krankheit und ihren Auswirkungen.“ (S. 12). Im Fokus seiner Betrachtungen stehen nicht nur die Betroffenen selbst, sondern auch die Angehörigen, die von Anfang an in die Behandlung der schizophrenen Psychose mit einbezogen werden sollten.

Autor

Asmus Finzen studierte Soziologie und Medizin und promovierte 1968, anschließend Fachweiterbildung in Psychiatrie, Neurologie und Psychotherapie, 1972 folgte seine Habilitation. Er engagiert sich seit vielen Jahren für Menschen mit schizophrenen Psychosen und hat eine Vielzahl an Veröffentlichungen in der Fach- und Tagespresse publiziert. Mitgründer und Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Sozialpsychiatrie (DGSP). Finzen arbeitete an der Psychiatrie-Enquête mit. Ab 1981 war er Berater des Bundesministeriums für Gesundheit. Seit 2003 ist er selbstständig in den Bereichen: Publizistik, Beratung und Fortbildung (Quelle: www.asmus.finzen.ch, 15.06.11).

Aufbau

Das Buch ist unterteilt in zwei Bereiche, die wiederum insgesamt 20 kompakt geschriebene Kapitel enthalten. Die Kapitel setzen sich u.a. mit folgenden Themen auseinander:

  • Die Geschichte der Schizophrenie,
  • die Konsequenzen dieses Störungsbildes für die Familie und die sich daraus schließende Schuldfrage;
  • die Krankheit selbst im Hinblick auf Frühintervention, Symptomatik, Diagnose und Verlauf, den sozialen, psychologischen und biologischen Aspekten sowie die Behandlungsgrundsätze dieses Störungsbildes.

Darüber hinaus beschreibt Finzen die akute Psychose (sowohl aus der Perspektive der Betroffenen als auch aus der der Angehörigen) und legt den schwierigen Weg der Rehabilitation und Rückfallprophylaxe dar, wobei er auch auf Themen wie „Therapieresistenz“ und mögliche Risiken, wie z.B. Suizidalität oder Verweigerung, eingeht. Am Ende gibt Finzen einen Ausblick mit der Krankheit zu leben und verweist auf Angehörigenselbsthilfe.

Inhalt

Finzen leitet die Thematik mit einer Geschichte aus seinem Freundeskreis ein, worin er das Leben eines Freundes vor, während und nach der Schizophrenie mit all seinen Hochs und Tiefs beschreibt. Im Anschluss geht er einleitend auf den Terminus der Schizophrenie ein, verweist auf Symptome und Auffälligkeiten und erörtert die Auswirkungen dieser Bezeichnung. Schizophrenie wird häufig als abwertende Metapher genutzt, wodurch der Terminus eine Art Eigenleben entwickelte, welches nichts mehr mit der Realität zu tun hat. Dies sei die Folge der Instrumentalisierung dieses Begriffs als Metapher für Diffamierung, Vorurteile und Diskriminierung.

Anschließend gibt Finzen dem/ der LeserIn einen Überblick über die möglichen Auswirkungen dieses Störungsbildes und kommt dabei auf Themen wie Stigma und Schuldzuweisung zu sprechen. Im weiteren Verlauf legt der Autor seinen Fokus auf die „Familienkatastrophe ‚Schizophrenie‘“, die er in sechs Phasen unterteilt:

  1. die große Kränkung;
  2. die Bedrohung des Familienzusammenhalts;
  3. der Verlust der Selbstständigkeit;
  4. die Ungewissheit des Ausgangs und des Verlaufs;
  5. die Veränderung der eigenen Biografie und
  6. die Frage danach, was nach dem eigenem Tod wird (vgl. S. 33).

So wird die erste Phase häufig vom Abwehrmechanismus der Verleugnung (Freud) begleitet, der mit dem Gefühl des „nicht-wahr-haben-wollen“ einhergeht. Später folgen der Verleugnung Gefühle wie Zorn, Verzweiflung und Kränkung. Sich in dieser Phase zielgerichtet mit der Diagnose und den Konsequenzen auseinanderzusetzen fällt den meisten Betroffenen/ Angehörigen schwer, was in der Folge eine Zeit der Resignation und „stillen Verzweiflung“ (S. 35) auslösen kann. So neigen einige Familien dazu, auf Grund der bestehenden Stigmata die Krankheit vor ihrem sozialen Umfeld zu verstecken. Ein Gefühl der Hilflosigkeit und Vereinsamung kann entstehen, was den Familienzusammenhalt bedroht (Phase 2). Hilfserklärungen im Hinblick auf Drogen- und/oder Alkoholmissbrauch werden hinzugezogen, wobei häufig übersehen wird, dass der Missbrauch auch eine Form des „Selbstbehandlungsversuchs„(S. 37) sein kann. Die Frage nach dem „richtigen“ Umgang mit den Betroffenen (Heilpraktiker? Psychiatrie?) führt zu weiteren Diskussionen innerhalb der Familie. Diese Differenzen gehen häufig mit dem Verlust der Selbstständigkeit der Betroffenen einher. Dies ist der Tatsache geschuldet, dass die Angehörigen häufig, aus Sicht der Erkrankten, einen überfürsorglichen und überängstlichen Umgang zu den Betroffenen pflegen. Die Ungewissheit des Verlaufs und des Ausgangs der Schizophrenie kommt noch erschwerend hinzu. Somit verwundert es auch nicht, wenn Wing (1980) sagt, dass die größte Belastung der Angehörigen das wechselnde Befinden und Verhalten der psychotischen Personen ist (vgl. S. 39), welches wiederum wechselnde Herausforderungen und Ansprüche (Zurückhaltung einerseits, Sicherung der sozialen Existenz andererseits) an die Angehörigen stellt. Ehe Finzen dann die ‚Schuldfrage‘ ins Visier seiner Betrachtung nimmt, da sowohl die Betroffenen als auch die Angehörigen nach einem Sündenbock suchen, rückt er die Kinder von schizophrenen Betroffenen in den Fokus. Kinder werden unter der Perspektive der ‚Angehörigen‘ oftmals vergessen. TherapeutInnen machen häufig einen „ängstlichen“ Bogen „um die Sorgen und Nöte der mitbetroffenen Kinder“ (S.43), für die insbesondere ein chronisch-rezidivierender Krankheitsverlauf (eines/ beider Elternteils/ Elternteile) starke (Langzeit-) Folgen haben kann.

Dem nächsten Kapiteln misst Finzen eine besondere Bedeutung zu, da diese die Frühintervention und Symptomatik thematisieren. Je eher eine Schizophrenie erkannt wird, desto besser, da die eine Psychose den Menschen je nach Dauer stark verändern kann (vgl. S. 57). Was eine Frühintervention erschwert ist der Umstand, dass viele ‚unspezifische‘ Symptome nicht mit einer Schizophrenie in Zusammenhang gebracht werden. Zwischen den ersten Symptomen und der einsetzenden Frühintervention vergehen teilweise Jahre. Die „Vorphase der Psychose [ist] für den weiteren Lebenslauf der Betroffenen von großer Bedeutung“ (S. 61), da sie in dieser Zeit einige Beeinträchtigungen und Verletzlichkeit erleben, ohne als psychisch krank eingeordnet zu werden. Die Betroffenen wirken dann erschöpft, gestresst und/ oder urlaubsreif. Die Wahrnehmung und Interpretation der Betroffenen ändert sich, sie beziehen die Gespräche und Geschehnisse um sie herum auf sich, woraus ein Wahn entstehen kann. In der Beschreibung der Symptome orientiert sich Finzen an E. Bleuler und versucht dem/ der LeserIn dessen Unterteilung (in Grundsymptome und akzessorische Symptome) näher zu bringen.

Im Folgenden erörtert Finzen die Bedeutung der Diagnose und nach welchen Kriterien sie gestellt wird. In diesem Unterkapitel diskutiert er zu Recht den Umgang mit Diagnosen, die mithilfe von Klassifikationssystemen (ICD-10; DSM-IV) erstellt werden. Hierbei unterstreicht Finzen deutlich, dass das ICD-10 und das DSM-IV eher Expertenübereinkünften entsprechen und keine Naturgesetze darstellen. Diagnosekriterien entsprechen somit eher einem Kriterienkatalog, in dem „die 340 Symptome [?] auf weniger als ein Dutzend“ (S. 86) reduziert worden sind. Dennoch stellen die genannten Klassifikationssysteme ein nützliches Werkzeug im Behandlungsalltag dar. Dieser Umstand macht aus einer Klassifikation aber noch keine Diagnose, da Letztere ihren Fokus auf den/ die einzelne(n) PatientIn legt. Somit ist für die Diagnosestellung nicht nur das jeweilige Klassifikationssystem (ICD-10/ DSM-IV) maßgebend, sondern auch die aktuelle Situation, die Biografie und der kulturelle Kontext (vgl. S. 87).

Im nächsten Kapitel gibt der Autor dem/ der LeserIn einen Überblick über den Verlauf und die einzelnen Krankheitsphasen einer schizophrenen Psychose, da dieser genauso vielfältig wie das Erscheinungsbild der Schizophrenie ist. Finzen unterscheidet drei Krankheitsphasen: 1) die Vorphase, welche die Zeit vor dem eigentlichen Ausbruch der Psychose beschreibt, die häufig geprägt ist von depressiven Verstimmungszuständen, Wahnerleben und Misstrauen; 2) die aktive Phase, bei der eine erkennbare und abgrenzbare Krankheitssymptomatik deutlich wird und 3) die Phase der Konsolidierung bzw. „wenn diese ausbleibt - den Übergang in die Chronizität“ (S. 92). Hierbei wird der Restzustand der aktiven Psychose (auch Residualzustand genannt) chronifiziert. Im Zuge einer detaillierteren Beschreibung der einzelnen Phasen verweist der Autor auf die klassische Beschreibung der beginnenden Schizophrenie von K. Conrads (1958/ 2011), der eine Art Idealmodell des schizophrenen Schubes konzipiert hat. Was den Verlauf anbelangt verweist Finzen auf E. Bleuler, der sagte, dass 1/3 der Betroffenen geheilt werden könnten. Diese Zahl ist bis heute in der Fachliteratur zu finden. Selbst wenn es bei dem einzelnen Betroffenen nicht zu einer ‚Heilung‘ komme, so sehe die Langzeitprognose für die Betroffenen nicht schlecht aus (vorausgesetzt sie nutzen sämtliche „Chancen zur Behandlung und zur Rehabilitation“ (S. 107)). Weiterhin erörtert Finzen die einzelnen Verlaufskurven, ehe er dann auf das (Mit-) Erleben einer Psychose zu sprechen kommt. In diesem Unterkapitel verweist der Autor auf andere Werke, die von Betroffenen, Angehörigen und Professionellen geschrieben worden sind und dem/ der Einzelnen das Erleben nachvollziehbarer machen sollen. Gleichzeitig kritisiert Finzen allerdings auch, dass es vielen dieser Werke an Authentizität fehle, da das „‚wirkliche‘ Erleben rückblickend nur noch begrenzt wiedererlebt und nachempfunden werden kann“ (S. 111), da mit der Phase der Konsolidierung auch eine Distanzierung des psychotischen Erlebens einsetzt.

Im folgenden Kapitel widmet der Autor seine Aufmerksamkeit dem Thema: Ursachen und diskutiert die verschiedenen Hypothesen (Labelingtheorie, Korrelation zw. Schichtzugehörigkeit und psy. Krankheit, Life-Events etc.) und sozialen/ psychologischen/ psychodynamischen und biologischen/ genetischen Aspekte. Trotz dieser vielen Theorien ist die Ursache dieses Störungsbildes bis heute nicht eindeutig geklärt. Was geklärt sei, sei der Fakt, dass die Betroffenen empfindsamer gegenüber Innen- und Außenreizen seien. In diesem Zusammenhang sei „Vulnerabilität“ das Schlüsselwort (vgl. S. 121), welches in diesem Unterkapitel u.a. auch am Beispiel des Vulnerabilitätskonzeptes nach J. Zubin erörtert wird. In Anlehnung an Bleuler unterstreicht auch Finzen, dass es die Schizophrenie nicht gibt. Vielmehr handelt es sich um ein Störungsbild, dass keine einheitlichen Ursachen, Verläufe und Erscheinungen aufweist (vgl. S. 141)

Im nächsten Kapitel geht Finzen auf die einzelnen Behandlungsgrundsätze und die Phase der akuten Psychose ein. Hierbei verweist er mehrfach darauf, dass sowohl die Betroffenen wie auch die Angehörigen und Professionellen ein hohes Maß an Geduld, Beharrlichkeit und Zeit benötigen, da die Diagnose ‚Schizophrenie‘ noch keine Auskunft über die Prognose gibt. Die Behandlung einer schizophrenen Psychosen beruht im Wesentlichen auf drei Säulen: a) die Medikamentenbehandlung; b) die Psychotherapie und c) die Milieu-/ Soziotherapie. „Im therapeutischen Alltag gewinnen sehr viel banale Aspekte zentrale Bedeutung: die Strukturierung der Zeit, Betätigung oder Arbeit, die eigene Wohnung und die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben.“ (S. 147). Diese Aspekte nehmen entscheidenden Einfluss, neben der Medikamentenbehandlung und der Psychotherapie, auf den langfristigen Verlauf und Ausgang der Psychose. Bei der Behandlung ist die Zusammenarbeit und Kooperation zwischen dem Helfersystem und dem Betroffenen sehr wichtig, „um die bestmögliche und tragfähigste Form der Behandlung auszuloten“ (S. 150). Eine Aufklärung bzgl. des Krankheitsbildes (Verlauf, Behandlung etc.) ist sowohl für die Angehörigen wie für die Betroffenen von großer Bedeutung. Folglich ist eine frühzeitige, vertrauensvolle und partnerschaftliche Beziehung auf Augenhöhe für eine gelingende Behandlung unerlässlich. In diesem Kapitel warnt der Autor davor, zu schnell ‚starke‘ Neuroleptika zu verschreiben. Denn wenn die Psychosesymptome zu schnell verschwinden, haben die Betroffenen keine Chance diese zu verarbeiten. Die Folge davon ist, dass die Betroffenen die Nebenwirkungen der Medikamente vermehrt als schlimmer erleben, als die Symptome ihrer Krankheit.

Anschließend gibt Finzen einen groben Überblick über die therapeutischen Möglichkeiten und geht dabei vermehrt auf folgende drei Therapiearten ein, die hier nicht detaillierter beschrieben werden sollen:

  1. Psychoedukation;
  2. Psychotherapie und
  3. Milieu- bzw. Soziotherapie.

Die Therapie einer Psychose gestaltet sich schwierig, da sie immer „eine Gratwanderung zwischen sozialer Überstimulierung und Unterstimulierung, zwischen Symptomprovokation und Begünstigung von Apathie darstellt.“ (S. 178). Folglich müssen die Angebote stets zeitlich begrenzt und mit „nicht allzu umfassenden oder komplexen sozialen Verpflichtungen verbunden sein“ (S.179).

Im weiteren Verlauf unternimmt Finzen einen Perspektivwechsel und beleuchtet die Zeit der Krise aus Sicht der Angehörigen. Hierbei beleuchtet er eingehend die Notwendigkeit, dass auch die Angehörigen soweit wie möglich in die Behandlung der Betroffenen mit einbezogen werden sollen. Denn sie (die Angehörigen) müssen sich auf diese Diagnose auch neu einstellen, ihren Alltag teilweise umstrukturieren etc. Da es zwischen Angehörigen und Betroffenen immer wieder zu Diskrepanzen kommen kann, ist es notwendig, dass auch die Angehörigen die notwendigen Informationen zum Störungsbild erhalten, um mehr Verständnis für das ein oder andere Verhalten aufzubringen und dem Betroffenen in dieser Zeit und auch im Anschluss zur Seite stehen zu können.

Ein großes Problem in der Behandlung der Schizophrenie ist bis heute die medikamentöse Behandlung. Trotz der Weiterentwicklungen der Neuroleptika haben diese bis heute noch immer viele Nebenwirkungen. Letztere motivieren die Betroffenen häufig zum selbstständigen Absetzen, wodurch erneut Psychosesymptome auftreten können. Folglich setzt sich das nachstehende Kapitel mit der Rückfallvermeidung und Wiedererkrankung auseinander. Hierbei unterstreicht Finzen fortwährend die Notwendigkeit einer Rückfallprophylaxe von Anfang an, da jeder Rückfall eine zusätzliche Belastung darstellt und mit einem sozialen Statusverlust oder Verlust von Freunden; der Arbeit oder der Wohnung einhergehen kann. Demnach verweist der Autor mehrfach auf die Notwendigkeit einer ganzheitlichen Therapie. Darüber hinaus gibt er einen Überblick über ambulante Angebote wie z.B. Selbsthilfegruppen für Betroffene und oder Angehörige etc.

Im nächsten Kapitel gibt Finzen einen Überblick über das Thema der Therapieresistenz, denn wie bereits erwähnt müssen 2/3 der Betroffenen lernen, mit den ‚therapieresistenten‘ Restsymptomen zu leben. In diesem Zusammenhang diskutiert Finzen den Terminus Compliance. Dieser sei unglücklich gewählt, da er einen einseitigen Prozess beschreibe, in dem sich die PatientInnen unterordnen müssen. Eine fehlende Zusammenarbeit zwischen ÄrztInnen und PatientInnen kann häufig ein „Grund für eine scheinbare Therapieresistenz psychotischer Symptome“ (S. 196) sein. Im angelsächsischen Sprachraum wird aus diesem Grund anstelle von Compliance vermehrt von ‚Konkordanz‘ gesprochen. Dieser Terminus soll die Kooperation zwischen ÄrztInnen und PatientInnen während der Behandlung unterstreichen. In diesem Kapitel geht der Autor neben der Gefahr der Verwahrlosung und des sozialen Rückzugs auch auf den sogenannten Drehtüreffekt ein (vgl. S. 198). Im Folgenden beschreibt Finzen noch kurz die Schwierigkeit der Doppeldiagnosen im Hinblick auf Psychosen und gibt einen Überblick über die Rehabilitation und psychosozialen Hilfsangebote. Hierbei legt er seinen Fokus u.a. auf die berufliche Rehabilitation und die Hilfen im Alltag, ehe er dann die Risiken der Psychose (Suizidalität, Gewalt, Verweigerung etc.) erörtert. Die Risiken der Psychose sind ein ernstes Thema, welchem in der bisherigen Fachliteratur zu wenig Aufmerksamkeit beigemessen wird. Die Suizidrate bei den Betroffenen wird auf bis zu 15 Prozent geschätzt. In Anbetracht dieser hohen Prozentzahl sei erneut auf die Bedeutung einer vertrauensvollen Beziehung zu TherapeutInnen, Freunden und Angehörigen verwiesen, mit denen die Betroffenen über ihre Lebensmüdigkeit sprechen können (vgl. S. 212). Weiterhin greift Finzen den Aspekt der Gewalt auf. Psychotische Menschen werden krankheitsbedingt daran gehindert Eindrücke realitätsgerecht einzuschätzen. Je nach Ausprägungsgrad der Psychose geraten die Betroffenen in subjektiv wahrgenommene ‚Notsituationen‘ auf Grund der psychotischen Verkennung der Situation, „gegen die sie sich zur Wehr setzen müssen“ (S. 213). Eine besondere Gefährdung liegt vor, wenn die Symptomatik zusätzlich von Wahninhalten und/ oder imperativen Stimmen begleitet wird, die die Betroffenen vehement zur Selbstverteidigung nötigen.

In den letzten beiden Kapiteln gibt Finzen einen Überblick, was alles wichtig ist, um mit den Betroffenen leben zu können. Hierbei wiederholt er erneut die Aspekte, auf die er auch eingangs verwiesen hat. Allerdings unterstreicht er hierbei erneut den Leitsatz: „So viel [Hilfe] wie nötig, aber nicht mehr [?]“ (S. 219). Es ist im Zusammenleben mit erkrankten Menschen von großer Bedeutung, die gesunden Seiten zu fördern und zu unterstützen. Die Betroffenen müssen lernen, mit den teilweise resistenten psychotischen Symptomen zu leben. Dafür benötigen sie stets eine(n) Vertraute(n) an ihrer Seite. Dass dies ein Balanceakt zwischen Akzeptieren und Aushalten können auf beiden Seiten darstellt, ist unverkennbar. Im weiteren Verlauf unterscheidet Finzen die vier Grundformen der Hilfe: Pflege, Wohnen, Betätigung und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Am Ende unterstreicht Finzen die Bedeutung der Selbstsorge der HelferInnen. Diese müssen lernen sich abzugrenzen, Gefühle zuzulassen und sich auch Zeit für sich nehmen, in der sie auf andere Gedanken kommen. Gerade bei Angehörigen ist es auch wichtig, dass sie Kontakt zu Menschen mit ähnlichen Erfahrungen suchen z.B. in Selbsthilfegruppen für Angehörige. Auch die Teilnahme an Psychoedukationsgruppen wäre sinnvoll.

Diskussion

Während körperliche Krankheiten viele Menschen nachvollziehen können, fehlt der Zugang zu psychischen Erkrankungen bis heute in vielen Teilen des Landes. Diskriminierungen, Diffamierungen, Stigmatisierungen und Vorurteile begünstigen diesen Umstand. Somit unterscheidet sich Finzens Werk von vielen anderen Werken in der Fachliteratur, da er mit vielen und zum Teil auch persönlichen Beispielen arbeitet. Auf diese Weise versucht er Vorurteile aufzubrechen und dem/ der LeserIn die Angst vor diesem Thema zu nehmen. Dies geschieht zum Einen, in dem er auf einschlägige Studien und Untersuchungen zum jeweiligen Thema verweist, auch wenn diese nicht immer aktuell sind. Zum Anderen zeigt er auch Perspektiven u.a. in der Behandlung auf und gibt vermehrt einen Überblick über die verschiedenen Unterstützungsmöglichkeiten im deutschen Hilfesystem. Darüber hinaus verweist er auf weiterführende Literatur, die teilweise von Betroffenen geschrieben worden sind, so dass der/ die LeserIn das jeweilige Thema über sein Werk hinaus vertiefen kann. Zwischen den einzelnen Kapiteln schafft Finzen immer wieder gute Überleitungen und Zusammenfassungen. Ihm wichtige Aspekte wiederholt er mehrfach in den einzelnen Kapiteln.

Inhaltlich zeigt er die Schwierigkeiten in der Frühintervention, im Leben mit der Erkrankung, im Zusammenleben mit Betroffenen und bei der Behandlung auf, ohne dabei in Pessimismus zu verfallen. Denn der Umgang mit all diesen Aspekten ist schwer, aber nicht unmöglich. Angehörige und Betroffene können auf ein Hilfenetz zugreifen, welches kontinuierlich wächst. So kann sein Buch auch als ‚Vermittler‘ zwischen Betroffenen, Professionellen und Angehörigen gesehen werden, da Finzen alle Perspektiven beleuchtet und stets die Bedeutung der Kooperation zwischen allen hervorhebt. Letztere ist auch wichtig, um die hohe Anzahl an Behandlungsabbrüchen und den damit einhergehenden Wieder-Erkrankungen zu verringern. Allerdings zeigt sich Finzen zuversichtlich, denn: „Die Bereitschaft zur gemeinsamen Auseinandersetzung mit der Krankheit ist so groß wie nie zuvor. Es besteht Anlass zu Optimismus für die Zukunft.“ (S. 156)

Zielgruppe

Wie bereits anhand der Inhaltszusammenfassung deutlich wurde, richtet sich das Buch an all jene, die von einer schizophrenen Psychose betroffen sind sowie auch an deren Angehörige und Freunde. Es ist ebenfalls ein guter Ratgeber für jene, die professionell mit dem genannten Personenkreis zusammenarbeiten oder einfach nur so Interesse an diesem Störungsbild haben.

Fazit

Finzens Werk gibt einen gründlichen Einblick in das Störungsbild der Schizophrenie und dem Umgang mit dieser Erkrankung. Dies beleuchtet er aus verschiedenen Perspektiven (Betroffene, Angehörige, Professionelle). Auf eine komplizierte Fachsprache verzichtet Finzen, wodurch dem/ der LeserIn auch schwierigere Sachverhalte zugänglich sind. Weiterhin nutzt der Autor auch viele Beispiele, welche einen gelungenen Praxisbezug vermitteln. Das Werk ist demnach für den Einstieg in die Thematik sehr zu empfehlen und regt zum Vertiefen an.

Rezension von
Anika Stitz
B.A. Soziale Arbeit
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Zitiervorschlag
Anika Stitz. Rezension vom 19.08.2011 zu: Asmus Finzen: Schizophrenie. Die Krankheit verstehen. Psychiatrie Verlag GmbH (Bonn) 2011. ISBN 978-3-88414-522-7. Reihe: Fachwissen. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11662.php, Datum des Zugriffs 15.08.2022.


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