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Melanie Gerland: Offene Arme

Rezensiert von Anika Stitz, 08.07.2011

Cover Melanie Gerland: Offene Arme ISBN 978-3-86739-059-0

Melanie Gerland: Offene Arme. Graphic novel. Balance Buch + Medien Verlag (Köln) 2010. 127 Seiten. ISBN 978-3-86739-059-0. 19,95 EUR. CH: 33,50 sFr.
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Autorin

Melanie Gerland, Comiczeichnerin und -autorin sowie Illustratorin, studierte ab 2003 an der Kunsthochschule Kassel im Bereich Visuelle Kommunikation mit dem Schwerpunkt Illustration und Comic. Im Rahmen ihrer Abschlussarbeit arbeitet sie derzeit ebenfalls an einer Graphic Novel, allerdings diesmal mit einem fiktiven Hintergrund. Die alleinerziehende Mutter konnte mit der Hilfe und Unterstützung ihres sozialen Umfeldes ihre Erfahrungen mit ihrer Borderline-Persönlichkeitsstörung in ihrem autobiografischen Comic-Debüt aufarbeiten. M. Gerland hat längerfristig auch noch einen Fortsetzungsband von „Offene Arme“ geplant.

Aufbau und Inhalt

In dem Comic wird der/ die LeserIn sofort mit Problemen wie fehlende Anerkennung im Elternhaus, Mobbing durch SchulkameradInnen, Pubertät, Schulstress und Liebeskummer konfrontiert. Ein Vorwort oder einzelne (Unter-)Kapitel gibt es nicht. All die genannten Faktoren können zu Spannungen führen, die 2% der Bevölkerung[1] durch selbstverletzendes Verhalten lösen. So auch Melanie Gerland. Mit Hilfe dieses Comics will M. Gerland das Bewusstsein für diese Thematik schärfen. Darüber hinaus will sie zeigen, dass auch ernste Themen auf diese Art und Weise dargestellt werden können.

In der Graphic Novel wird der/die LeserIn Zeuge eines kurzen Lebensabschnitts eines 15 jährigen Mädchen namens Melanie Gerland, kurz Mella. Mella hat es nicht gerade leicht: Zu Hause findet sie bei ihrem Vater kein Gehör, in der Schule wird sie gemobbt und zu allem Überfluss verliebt sie sich in den Sänger einer Metalband, der ihre Gefühle allerdings nicht erwidert. All diese Spannungen und Erfahrungen teilt Mella mit ihrer Freundin und Vertrauten, Nicole.

Am Anfang des Comics wird der/ die LeserIn gleich mit den Spannungen und der Unterdrückung im Elternhaus, denen/der Mella ausgesetzt ist und die i.d.R. vom Vater ausgehen, konfrontiert. Im Anschluss begegnen Mella zwei MitschülerInnen (Konga und Ramona), die die beiden mobben und bedrohen. Nachdem Mella und Nicole der Situation entfliehen konnten, entdeckten sie ein altes Fabrikgebäude, welches von der Band „Metal Eagles“ zum Proben genutzt wird. Mella hatte sich sofort in den Sänger (Lewin) der Band verguckt, was zu einem kurzzeitigen Streit mit Nicole führte, die ebenfalls Interesse an ihm hatte. Die beiden Freundinnen richteten sich in der Fabrik, die sie fortan täglich aufsuchten, einen Raum ein, der für sie einen Zufluchtsort darstellt. Im Folgenden wird deutlich, wie sehr sich Mella einerseits in Lewin verliebt hat und wie viel Schwierigkeiten sie andererseits hat mit ihm in Kontakt zu kommen. Mella färbt sich auch die Haare, um Lewins Aufmerksamkeit zu gewinnen. Nach einem Konzert gibt sie ihm einen kleinen Liebesbrief, in dem sie ihre Gefühle für ihn offenbart. Allerdings wird dieser Brief nie beantwortet. Die Zeit des Wartens und der Druck, dem Mella in der Schule und auch im Elternhaus ausgesetzt ist, führen zu starken Spannungen. Diesen inneren Druck kann sie durch das Ritzen stillen. Dies habe sie sich von Nicole abgeguckt. Mit den Verletzungen versuchte sie ebenfalls Aufmerksamkeit von Lewin zu erhalten – leider vergebens. Klaas, ein Bandmitglied, der Medizin studiert, konnte die Verletzungen gleich einordnen und stellte Mella zur Rede. Irgendwann – auf Ratschlag ihrer Mutter hin, die sich sehr um Mella sorgt, da sich auch ihr Essverhalten geändert habe – greift Mella zum Telefon, um Lewin anzurufen und um ein Date zu bitten. Als dieser ihr deutlich machte, dass er keinerlei Gefühle für sie habe, bricht für Mella eine Welt zusammen und sie kündigt ihren Suizid an, welcher allerdings von der Mutter abgewendet werden konnte. Dann gibt die Comicautorin den zeitlichen Hinweis, dass einige Wochen vergangen seien und der/ die LeserIn sieht Mella zusammen mit Nicole, wie sie beide auf einem Sofa in ihrem Raum in der Fabrik sitzen und sich über ihre Therapien unterhalten und sich dann erneut ritzen.

Hintergrund

Wie der Terminus schon andeutet, „stehen“ Menschen mit einer Borderline Persönlichkeitsstörung immer auf der Grenze (border) zwischen einer Neurose und einer Psychose. Eine genaue und international anerkannte Definition dieses Krankheitsbildes existiert derzeit noch nicht. Diese Persönlichkeitsstörung tritt häufiger bei Mädchen und Frauen auf und ist gekennzeichnet durch eine Instabilität im affektiven, emotionalen und zwischenmenschlichen Bereich. Das eigene Selbstbild und die Selbstwahrnehmung sind unbeständig, was ebenfalls durch eine Instabilität der inneren Ziele und der subjektiven Präferenzen gekennzeichnet ist. Das Leben von Menschen mit einer Borderline Persönlichkeitsstörung ist häufig von intensiven und zugleich wechselhaften Beziehungen geprägt. Dabei können die Emotionen der Betroffenen binnen weniger Minuten von einem Extrem (z.B. Überidealisierung des/der PartnerIn) ins andere (z.B. Abwertung) wechseln. Diesen andauernden Anspannungen begegnen die Betroffenen vermehrt mit selbstverletzendem Verhalten (z.B. durch Ritzen) bzw. selbstschädigendem Verhalten (z.B. Missbrauch von Psychotropen Substanzen, anfallsweise Essstörung, wahllosen Geschlechtsverkehr etc.), da sie Schwierigkeiten haben ihren Körper zu spüren. Die oben genannten intensiven, aber häufig unbeständigen Beziehungen führen zu emotionalen Krisen, die mitunter auch mit Suizidandrohungen oder -versuchen einhergehen können. All diesen extremen Verhaltensweisen, die diese Persönlichkeitsstörung kennzeichnen, steht ein inneres chronisches Gefühl der Leere und Langeweile entgegen (vgl. Möller, Laux, Deister, 2009, S. 358 f.). Zudem sind Betroffene stets bemüht tatsächliches oder vermutetes Verlassen werden zu vermeiden, ‚koste es was es wolle‘.

Mittels der von Marsha Linehan entwickelten Dialektisch-Behavioralen Therapie (DBT), die mehrere verhaltenstherapeutische Modelle und Methoden zusammenfasst, können Borderline- Persönlichkeitsstörungen therapiert werden. Im Zuge dieser Therapie erlernen die Betroffenen individuelle Fähigkeiten in den verschiedenen Bereichen zu stärken, um beispielsweise Gefühls- und Stimmungsschwankungen besser kontrollieren und selbstverletzendes und selbstschädigendes Verhalten vermeiden zu können. Das typische ‚Schwarz-Weiß-Denken‘ soll mittels von Dialogen durch ein kompromissbereites ‚sowohl-als-auch‘ – Denken ersetzt werden[2]. Da sich die Therapie allerdings vermehrt als langwierig und problematisch herausstellt, ist bei einer Vielzahl der Betroffenen ein chronifizierter Krankheitsverlauf zu beobachten.

Zielgruppe

„Offene Arme“ ist für Angehörige oder FreundInnen von Betroffenen und allgemein Interessierten ein gelungener Einstieg, um einen Überblick über die Emotionen, das Erleben und die Denkmuster einer Borderlinebetroffenen zu gewinnen, was zu einem breiteren Verständnis gegenüber den anderen Betroffenen führen könnte. Darüber hinaus richtet sich „Offene Arme“ auch an die Betroffenen selbst, die die eine oder andere Situation, die in dem Comic beschrieben wird, vielleicht selbst schon erlebt haben und sich darin wiederfinden können. Es dient also nicht nur dem Erinnern, sondern kann auch als pädagogisches Aufklärungswerk gesehen werden.

Diskussion und Fazit

Mangelnde Anerkennung im Elternhaus oder in der Peer-group, der Schulstress und Liebeskummer können bei dem/ der Einzelnen zu großen Spannungen führen. Oftmals kommt die Pubertät als zusätzlicher Stressor noch hinzu. Diese Spannungen und den damit einhergehenden Druck lösen 2 Prozent der Bevölkerung mit selbstverletzendem und oder selbstschädigendem Verhalten. Dieser Trend hat in den letzten Jahren zugenommen, wofür es derzeit allerdings noch keine einheitliche Erklärung gibt. M. Gerland will mit ihrem Comic die Aufmerksamkeit auf diesen Wandel legen und das Bewusstsein für die Thematik der Borderline Persönlichkeitsstörung schärfen. Die Borderline-Persönlichkeitsstörung ist ein ernstzunehmendes Krankheitsbild, da sie bei bis zu 10 Prozent der Betroffenen zum Suizid führt. In den psychiatrischen Abteilungen beträgt der Anteil der Borderline-PatientInnen immerhin 15 Prozent[3].

Die Comicautorin reflektiert in diesem Comic nicht ihre Erlebnisse, sondern legt sie so dar, wie sie sie erinnert. Das Comic ist ausschließlich in Schwarz-Weiß gehalten, um dieses charakteristische Denkmuster zu verdeutlichen, bei dem die „Dunkelheit“ in der Regel überwiegt. Personen, wie z.B. Konga oder auch der Vater von Mella nehmen im Bild stets viel Raum ein, was die Unterdrückung Mellas kennzeichnet. Die Comicautorin hat den Figuren nicht nur mittels starken Konturen eine aussagefähige Sprache – ohne Worte – verliehen, sondern auch durch die ausdrucksstarken Augen der einzelnen Comicfiguren. Da Augen ja bekanntlich der Spiegel zur Seele sind, hat der/ die LeserIn vor allem bei Mella und Nicole die Gelegenheit, deren Gefühle und Emotionen nachzuspüren. Dies hat eine wichtige Funktion, da gerade im Alltag Gefühle wie Trauer, Leid, Hilflosigkeit und die Suche nach Liebe und Geborgenheit leicht übersehen werden. Darüber hinaus werden auch viele der charakteristischen Merkmale einer Borderline-Persönlichkeitsstörung aufgezeigt (u.a. Mellas Überidealisierung von Lewin, die Flucht in den Selbsthass, die mangelnde Impulskontrolle, der Hilferuf vor dem Hintergrund der Todessehnsucht, das verzweifelte Bemühen um Anerkennung und die große Angst vor Ablehnung, die innere Leere sowie das instabile Selbstbild und -wertgefühl).

Das Comic endet nicht hingegen der Erwartung mit einem Happyend, sondern mit einem Bild, in dem Nicole Mella eine Rasierklinge zum Ritzen gibt. Dies verdeutlicht erneut die Schwere dieser Persönlichkeitsstörung. Ohne Therapie gelingt es nur sehr wenigen Menschen für sich wirksame Alternativen zum Ritzen oder anderweitigem selbstverletzendem Verhalten zu finden.

„Offene Arme“ zeigt, wie der Lebensabschnitt der Pubertät durch ein zusätzliches permanentes Erdulden von Ablehnung und Mobbing in einer Persönlichkeitsstörung münden kann.

Im Anhang werden Kontaktadressen und Webseiten für Betroffene zur Hilfe hinterlegt.


[1] Quelle: http://www.borderlinesyndrom.net/wissenswertes/ (12.05.11)

[2] Quelle: http://www.borderlinesyndrom.net/de/therapie (12.05.11)

[3] Quelle: http://www.borderlinesyndrom.net/wissenswertes/ (12.05.11)

Rezension von
Anika Stitz
B.A. Soziale Arbeit
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Zitiervorschlag
Anika Stitz. Rezension vom 08.07.2011 zu: Melanie Gerland: Offene Arme. Graphic novel. Balance Buch + Medien Verlag (Köln) 2010. ISBN 978-3-86739-059-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11664.php, Datum des Zugriffs 15.08.2022.


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