socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Thomas Kurtz, Michaela Pfadenhauer (Hrsg.): Soziologie der Kompetenz

Cover Thomas Kurtz, Michaela Pfadenhauer (Hrsg.): Soziologie der Kompetenz. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. 294 Seiten. ISBN 978-3-531-16222-5. 34,90 EUR.

Reihe: Wissen, Kommunikation und Gesellschaft - Schriften zur Wissenssoziologie.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Der Herausgeberband präsentiert unterschiedliche soziologische Zugangsweisen zum Konstrukt ‚Kompetenz‘. Er möchte damit zur Klärung des (möglichen) Nutzens als soziologische Kategorie beitragen. Da ‚Kompetenzen‘ aus der Perspektive von Kurtz soziologisch gesehen weniger personengebundene, sondern „eher sozial zugeschriebene Qualitäten [sind], die sich über vielgestaltige Kommunikationen und Interaktionen manifestieren bzw. als sich manifestierend dem Subjekt attestiert werden“ (S. 8), stellen die soziologischen Zugänge eine notwendige Ergänzung bisheriger Bestimmungen aus psychologischer und pädagogischer Perspektive, sowie der der empirischen Bildungsforschung dar und bereiten zum anderen den Boden für eine dezidiert soziologische Kompetenzforschung.

AutorInnen

Konzeption und Herausgabe dieses Bandes sind zu verdanken: Dr. Thomas Kurtz, Privatdozent an der Fakultät für Soziologie der Universität Bielefeld und Vertretungsprofessor für Bildungsmanagement und Bildungsforschung an der Universität Paderborn sowie Prof. Dr. Michaela Pfadenhauer, Professorin für Soziologie an der Universität Karlsruhe.

Aufbau und Inhalt

Der Band ist nach einer Einleitung in vier Kapitel gegliedert, die verschiedene Akzentuierungen in der Auseinandersetzung mit dem Konstrukt ‚Kompetenz‘ hervorheben:

  1. Zumutung
  2. Implementation
  3. Orientierung
  4. Realisierung

In der Einleitung stellt Thomas Kurtz unter dem Titel: „Der Kompetenzbegriff in der Soziologie“ (S. 7-25) die drei grundlegenden Herangehensweisen an das Kompetenzthema vor: erstens als Bestimmung der Form Organisation, zweitens als kommunikative Kompetenz und drittens als Form des Umgangs mit (Nicht-)Wissen. Im Anschluss gibt er - entlang von vier Akzentuierungen (den Kapitelschwerpunkten) - einen kurzen Überblick über die einzelnen Beiträge des Sammelbandes.

Kapitel 1: Zumutung beginnt mit dem Beitrag von Reiner Keller: „Kompetenz-Bildung: Programm und Zumutung individualisierter Bildungspraxis. Über Möglichkeiten einer erweiterten Bildungssoziologie“ (S. 29-48). Aus der Perspektive von Keller muss sich die soziologische Beschäftigung mit Fragen der Bildung und Kompetenz von bisherigen Relevanzkriterien - die vornehmlich auf die Optimierung der Umsetzung von Bildungsprogrammen ausgerichtet waren - emanzipieren. Vielmehr sollte es darum gehen, welche Kompetenzerwartungen in den öffentlichen und wissenschaftlichen Bildungsdiskursen bisher gefordert, begründet, formiert und internationalisiert wurden. Um Problemen und Ungerechtigkeiten gegenwärtiger Bildungspraxis - wie bspw. Exklusion - konstruktiv etwas entgegenzusetzen, plädiert Keller neben einer historischen Auseinandersetzung mit dem Wandel der institutionellen Bildungskontexte für die Realisierung einer Bildungs- und Kompetenzforschung, die „sich für die Vielfalt gelebter Bildungs- und Kompetenzpraxis öffnet.“ (S. 33). Für eine erweiterte Kompetenzforschung misst er dem Konzept der ‚alltäglichen Lebensführung‘ eine besondere Bedeutung bei.

Boris Traue schließt mit dem Beitrag: „Kompetente Subjekte: Kompetenz als Bildungs- und Regierungsdispositiv im Postfordismus“ (S. 49-67) an. Er interessiert sich v. A. für „eine ökonomische und historische Kontextualisierung des Geflechts von aktivierenden und responsibilisierenden Diskursen, Gattungen und Dispositiven, in denen der Begriff der Kompetenz eine zentrale Stellung einnimmt.“ (S. 49). Die Ausführungen von Traue handeln insbesondere vom mit dem Kompetenzbegriff einhergehenden (neuen) Appell an die Verantwortung der Subjekte, ihr Arbeitsvermögen - mittels unterstützender Beratung und Coaching - zu optimieren.

Inga Truschkat unterstreicht mit ihrem Beitrag „Kompetenz - Eine neue Rationalität sozialer Differenzierung“ (S. 69-84) die mit der Modernisierung der Arbeitswelt verbundenen neuen individualisierten Zumutungen, wie insbesondere die zunehmende Selbstverantwortung im Sinne einer Selbstorganisation und Selbstrationalisierung. Truschkat zeigt anhand von empirischem Material aus 35 Bewerbungsgesprächen in unterschiedlichen Unternehmen (Finanzunternehmen, Zeitarbeitsfirma und Chemiekonzern) soziale Teilungspraktiken auf, veranschaulicht am formal-exklusiven und informell-kontingenten Gesprächsrahmen. Ihre Überlegungen zur (neuen) Konzeptionalisierung von Kompetenz in der Arbeitswelt klingen plausibel: „Die Rationalität der Differenzierung organisiert sich vielmehr als Individualselektion, die sich nach der Überlebenstüchtigkeit des Einzelnen/ der Einzelnen regelt.“ (S. 79). So lautet denn ihr Fazit: „Durch die Betonung der Eigenverantwortlichkeit des Subjekts wird somit eine Leistungsgerechtigkeit propagiert und gleichzeitig - mal mehr, mal weniger offensichtlich - alte, sozialstrukturelle Ungleichheiten perpetuiert.“ (S. 82).

Der vierte Beitrag, der sich mit dem Konstrukt ‚Kompetenz‘ unter der Akzentuierung „Zumutung“ auseinandersetzt, stammt von Herbert Willems. Er wendet sich unter dem Titel „Zivilisierungstheorie als Kompetenztheorie: Elias, Foucault und Goffmann“ (S. 85-104) der Frage der Kompetenz und ihrer Genese aus der Perspektive des Elias`schen Zivilisationsbegriffs zu. „Zivilisiertheit bedeutet spezifische Kompetenz und Zivilisation bedeutet deren Genese auf der Ebene der historischen Entwicklung der Gattung Mensch und auf der Ebene der (individuellen) Sozialisation.“ (S. 85). Willems ergänzt die Zivilisationstheorie von Norbert Elias um Überlegungen von Michel Foucault und Erving Goffman zu einer soziologischen Kompetenztheorie. Im Besonderen streicht er die historische Verankerung, steigende zivilisatorische Relevanz und methodische Intensivierung dreier institutioneller ‚Komplexe‘ heraus: des ‚pädagogischen Komplexes‘, des ‚medizinisch-psychologisch-psychotherapeutischen (Gesundheits-)Komplexes‘ und des ‚Beratungskomplexes‘.

Kapitel 2: Implementation startet mit dem Beitrag „Begriffskonjunkturen und der Wandel vom Qualifikations- zum Kompetenzjargon“ (S. 107-118) von Bernd Dewe. Der Autor setzt sich vor dem Hintergrund des Scheiterns eindimensionaler Qualifizierungs- und Beschulungskonzepte kritisch mit dem in der Erwachsenenbildung forcierten sozialwissenschaftlichen Kompetenzbegriff auseinander. Er veranschaulicht dies am bevorzugten Konzept der Schlüsselkompetenzen: „Die Folgen sozialer Differenzierungsvorgänge und gesellschaftlicher Desintegrationsprozesse sollen durch pädagogische Kompetenzkonzepte geheilt werden.“ (S. 107). Dewe kritisiert v. A. die Entkoppelung des Kompetenzbegriffs vom dazugehörigen sozialen Kontext sowie die nahezu ausschließlich präskriptiv-normative Diskussion, die sich seines Erachtens in reinem Kompetenzansinnen erschöpft und aus einer Defizitannahme heraus agiert: „Die Kritik kann verdeutlichen, dass diesem pädagogischen Denken offenbar die normative und sozialtechnologische Vorstellung zugrunde liegt, soziale Kompetenzen ließen sich beliebig pädagogisch herstellen, sicherstellen bzw. manipulieren.“ (S. 116). Sein Fazit: „Kontextunspezifische bzw. sozialkontextfreie Kompetenzen kann es im Rahmen eines sozialwissenschaftlichen Verständnisses nicht geben. Wissen und der Kontext der Anwendung von Wissen sind nicht zu trennen.“ (ebd.).

Der Beitrag von Achim Brosziewski unter dem Titel „Von Bildung zu Kompetenz. Semantische Verschiebungen in den Selbstbeschreibungen des Erziehungssystems“ (S. 119-134) erfordert eine gewisse Vertrautheit mit dem Vokabular der Luhmann´schen Systemtheorie. Brosziewski beschreibt in seinem Beitrag die strukturellen Entwicklungen des Erziehungssystems und ordnet darin die gewachsene Bedeutung des Kompetenzbegriffes im Vergleich zum Bildungsbegriff für die Selbstbeschreibungen des Erziehungssystems ein. In seinen Ausführungen streicht er die Bedeutung der Körperlichkeit heraus und interpretiert Kompetenz als symbiotisches Symbol des Erziehungssytems. „Kompetenz schließt immer Verhaltenskomponenten mit ein, erschöpft sich aber nicht in ihnen. Der Verhaltensaspekt sichert die individuelle Zurechenbarkeit - ein ganz zentraler Unterschied von Wissen und Kompetenz. (Wissen ist immer allgemeines, zumindest prinzipiell verallgemeinerbares Wissen. Kompetenz hingegen ist immer jemandes Kompetenz.)“ (S. 125)

Thomas Brüsemeier setzt sich in „»Schülerkompetenzen« im Nadelöhr kollektiver Kompetenzen. Ein Versuch der Erneuerung des Governanceregimes der Schule.“ (S. 135-146) kritisch mit den Bestrebungen der Erneuerung des Governanceregimes der Schule auseinander. Die bildungspolitischen Umstrukturierungen sind sowohl durch Vertrauensentzug (aus Sicht der Lehrerprofession) als auch durch Verantwortungsverlagerungen auf die Lehrer, durch ein Umgehen von Kooperation sowie durch eine verstärkte Investition in externe Beeurteilung und Kontrolle gekennzeichnet: „Die politischen und operativen Bemühungen gehen dahin, dass mit Bildungsstandards und Kompetenzbegriffen indirekt in den Zuständigkeitsbereich des Unterrichts eingegriffen wird, da flächendeckend der Leistungstand der Schüler gemessen wird, die wiederum outputbezogene Folgeentscheidungen administrativer Art möglich machen. Aus Sicht der Lehrkräfte wird ihnen gleichsam das Endergebnis des Unterrichts aus den Händen genommen.“ (S. 144). Brüsemeier äußert Zweifel, ob die im Beitrag aufgezeigten Maßnahmen einen Mehrwert für (die) SchülerInnen und eine konstruktive Veränderung des Systems Schule erbringen.

Kapitel 3: Orientierung wird mit dem Beitrag von Michaela Pfadenhauer „Kompetenz als Qualität sozialen Handelns“ (S. 149-172) eingeleitet. Darin geht es um die Klärung wesentlicher Bedeutungen und Bestandteile von Kompetenz. Aus Sicht von Pfadenhauer beinhaltet der Kompetenzbegriff „erstens die Komponente der Befähigung, zweitens die Komponente der Bereitschaft und drittens - im Kompetenzdiskurs eher selten thematisiert - die Komponente der Zuständigkeit.“ (S. 154). Pfadenhauer führt die Leser auch in die Vielschichtigkeit von Kompetenz ein und führt aus, dass Kompetenzdarstellung (nicht nur aufgrund externer Zwänge wie Leistungsbewertung und Konkurrenz erfolgt, sondern) auch der Selbstvergewisserungspraxis dient. Ein äußerst informativer und kluger Beitrag zur Soziologie der Kompetenz und im Speziellen der Kompetenz als Qualität sozialen Handelns.

Rainer Schützeichel differenziert unter dem Titel „Wissen, Handeln, Können. Über Kompetenzen, Expertise und epistemische Regime“ (S. 173-189) zwischen verschiedenen Begrifflichkeiten des Themenkomplexes Kompetenz, wie bspw. zwischen lebensweltlicher Kompetenz und Expertise, und trägt so wesentlich zu einer Fundierung der Soziologie der Kompetenz bei. Er spricht in diesem Zusammenhang auch den Aspekt der Zuschreibung von Kompetenz und des ‚Vertrauens‘ (in Institutionen und Professionen) an und stellt hier den Stellenwert und die Mechanismen der ‚epistemische Regime‘ vor. „Epistemische Regime regulieren nicht nur Kompetenzen, sondern auch Vertrauen. Kompetenzen schreiben wir nur dann jemandem zu, wenn wir ein Vertrauen in die Kompetenzen einer Person haben.“ (S. 182). Abschließend veranschaulicht Schützeichel seine Ausführungen an einem Beispiel aus der Seelsorge.

Matthias Vonken präsentiert in seinem Beitrag „Kompetenz und kompetentes Handeln als Gestaltung der Biografie und des Lebenslaufs“ (S. 191-208) den Versuch, die Theorie kompetenten Handelns für die Analyse und Interpretation biografischer Interviews mit älteren ArbeitnehmerInnen und Arbeitslosen zwischen 45 und 64 Jahren aus dem Bundesland Thüringen zu nutzen. Diese wurden zu ihren „Strategien“ der Bewältigung des Berufslebens bzw. des Umgangs mit Wechseln und Veränderungen befragt. „Dadurch, dass ein Handelnder durch seine Entscheidungen aktiv seinen Lebenslauf gestaltet, und zwar unter Beachtung der intentionalen Aspekte und selbständig, selbstverantwortlich, kreativ, selbstorganisierend und flexibel, reduziert er die Komplexität in Bezug auf das Selbst.“ (S. 206). Als entscheidend für ein Gelingen der Komplexitätsreduktion erweist sich eine spezifische kommunikative Kompetenz: die des Thematisierens von Ausschnitten aus der Lebenswelt.

Thomas Klatetzki nimmt in seinem Beitrag „Kompetente Organisation oder wie man das Leben von 007 rettet“ (S. 209-233) die filmische Inszenierung der gemeinschaftlichen Lebensrettung des Geheimagenten James Bond in „Casino Royal“ zum Ausgangspunkt und zur Illustrierung kompetenter Organisationen. Er unterscheidet dabei drei verschiedene Formen von Kompetenz in kompetenten Organisationen: individuelle Fachkompetenz, Amtskompetenz und Teamkompetenz. Für die ‚individuelle Fachkompetenz‘ hält er die Forschungen zum Prozess des Entscheidens in realen Handlungssituationen („naturalistic decision making“) in einer einfachen und einer komplexeren Variante für bedeutsam. Akteure reagieren mit ihren Entscheidungen (unmittelbar) auf der Basis des im Gedächtnis gespeicherten Erfahrungswissens. Bei komplexeren unbekannten Situationen müssen sie mögliche zukünftige Handlungsabläufe simulieren können sowie Verhaltensweisen automatisieren können, um auch in extremen Stressphasen erfolgreich agieren zu können. Der ‚Amtskompetenz‘ kommt vor allem die Entscheidungsgewalt über einen klugen Einsatz der Kompetenzformen zu. Am dargestellten Beispiel basiert diese idealerweise auf einer adäquaten gemeinsamen Situationseinschätzung in einem kompetenten Team.

Kapitel 4: Realisierung eröffnet einen weiteren Zugang zum Konstrukt ‚Kompetenz‘. Hubert Knoblauch unterstreicht in seinem Beitrag unter dem Titel „Von der Kompetenz zur Performanz. Wissenssoziologische Aspekte der Kompetenz“ die in modernen Bildungskontexten und Institutionen gegebene Verbindung von Kompetenz und Performanz, die sonst zumeist nicht reflektiert wird (S. 237-255). Dabei skizziert er kurz die Geschichte des Begriffs Kompetenz und seine Neukonzeption. Dabei hat er es vor allem auf den Stellenwert der Performanz abgesehen: „Wo immer nämlich die Kompetenz eine institutionelle Rolle spielt, müssen die Beobachter notwendigerweise auf die Performanz blicken. Anstatt der subjektiven Kompetenzen werden objektivierte Leistungen, Produkte und Äußerungen betrachtet, die es erlauben sollen, auf die Kompetenz zu schließen. Das Subjekt wird in seiner „performance“ betrachtet.“ (S. 252). Aufgrund einer zunehmenden gesellschaftlichen Bedeutsamkeit (der Optimierung und Ausweisbarkeit) von Kompetenzen wird im gesellschaftlichen Konkurrenzkampf eine auf Anerkennung abzielende „Kompetenzdarstellungskompetenz“ relevant.

Jo Reichertz zeigt in seinem Beitrag „Wann kommuniziert man kompetent?“ (S. 257-274), dass die Fähigkeit, kompetent zu kommunizieren sehr stark von verschiedenen Aspekten abhängt und sich mitnichten in einer linguistischen Kompetenz erschöpft. Vielmehr variiert sie nicht nur mit der Sozialschicht, “... sondern auch mit dem Lebensalter, mit der Erfahrung, den eigenen Horizonten, der Übung und der Reflexion.“ (S. 272). Dabei entzieht sich aus seiner Sicht der weitaus größte Teil kommunikativer Aktivitäten eigenen strategischen Intentionen, sondern findet im alltäglichen Tun sowohl während als auch zwischen der (verbalen) Kommunikation statt. So gerät die pragmatisch ausgerichtete Kommunikation eher selten ins Blickfeld von Reflexion. Von Bedeutung für kompetente Kommunikation sind folgende vier Aspekte: „a) Kommunikation ist immer praktisch erworbene und dabei verkörperte Mitspielkunst, b) kompetentes Kommunizieren beruht nicht nur auf der Regelanwendung, sondern vor allem auf der Kenntnis vieler Einzelfälle, c) Kommunikation schafft immer neue Formen und Folgen und d) Kommunikation ist immer auch Tugend.“ (S. 271)

Unter dem Titel „Ächtung des Selbstlobs und Probleme der Kompetenzdarstellung“ (S. 275-291) analysiert Stefan Kühl Probleme und Notwendigkeiten der Darstellung von Kompetenz in der Arbeitswelt, insbesondere im Dienstleistungssektor. Um kompetent agieren zu können, benötigen Leistungserbringer grundsätzlich das Vertrauen der Klienten in ihre Kompetenz. Gelingt ihnen keine angemessene Kompetenzdarstellung und überziehen sie diese sogar, bewirken sie ? selbst bei tatsächlich vorhandener Kompetenz - das Gegenteil: Angesichts so offensichtlichen Selbstlobes kommt Misstrauen auf. „Echte Profis“ (die über Reputation und einen ‚krisenfesten‘ Arbeitskontext verfügen) benötigen hingegen aus der Perspektive von Kühl keine „Kompetenzdarstellungskompetenz“. Professionen haben „Inszenierungsvorteile“ gegenüber Nichtprofessionen, da potentielle Klienten sich neben Kompetenzvermutungen aufgrund konkreter eigener Erfahrungen darauf verlassen, dass der Tätigkeit des Professionellen ein standardisierter Verhaltenskodex und eine mehrjährige Ausbildung zugrunde liegt und „dass sich die Profession in einer Form selbst kontrolliert, die es ermöglicht, Kunstfehler zu identifizieren und zu sanktionieren.“ (S. 284).

Diskussion

Die Herausgeber des Sammelbandes betreten mit ihren soziologischen Beiträgen zum Thema Kompetenz und dem Anliegen der Entwicklung einer „Soziologie der Kompetenz“ soziologisches Neuland. Die Beiträge beschäftigen sich aus verschiedenen Blickwinkeln und Interessensschwerpunkten mit der Konjunktur des Kompetenzbegriffes, seinen Nuancen und Ausdeutungen sowie seiner Instrumentalisierung in verschiedenen gesellschaftlichen Kontexten und (Theorie-)Zusammenhängen. Da eine soziologische Analyse von Kompetenz über die Fähigkeiten und Befähigungen einzelner Individuen hinausgeht und immer auch auf soziale Aspekte verweist, ist es für die Herausgeber folgerichtig, dass dem bisher vorwiegend psychologisch und pädagogisch dominierten Fachdiskurs jetzt und zukünftig ein soziologischer Theoriefundus beigesteuert werden muss.

In modernen Gesellschaften, die auf Optimierung und Professionalisierung ausgerichtet sind, vermag eine soziologische Perspektive auf Kompetenz wesentliche soziale Zusammenhänge aufzuzeigen. Den AutorInnen gelang es, die wichtigen inhaltlichen Weiterentwicklungen nicht nur theoretisch zu fundieren, sondern auch die (neuen Aspekte und Perspektiven) an Beispielen eindrücklich zu veranschaulichen. Kritisch ist zu sagen, dass den Beiträgen eine durchgängige Genderperspektive fehlt. Im Zuge der Rezeption der durchweg hochinteressanten Beiträge ergaben sich Fragen nach einer systematischen Bearbeitung von machtsoziologischen Aspekten, gerade hinsichtlich der Beurteilung und Zuweisung von Kompetenzen. Da der Sammelband jedoch Neuland hinsichtlich einer soziologischen Kompetenzforschung betreten hat und zudem einen Folgeband in Aussicht stellt, kann man als LeserIn vielleicht zukünftig die Bearbeitung dieser Aspekte und weitere Beiträge in hoffentlich beibehaltener Qualität erhoffen.

Fazit

Die LeserInnen erhalten mit diesem Buch einen Einstieg in die Soziologie der Kompetenz, der sich durch durchweg profunde Beiträge und einen hohen Neuwert aufgrund der soziologischen Perspektive auf Kompetenz auszeichnet. Die Heterogenität der Themenschwerpunkte und speziellen Forschungsinteressen der AutorInnen hat dies unterstützt. Die Publikation kann daher ohne Einschränkung weiterempfohlen werden. Sie ist überwiegend in einem verständlichen Wissenschaftsjargon verfasst und wird vor allem für Bildungs- und ErziehungswissenschaftlerInnen von Interesse sein. Sie kann sich aber auch als spannende Lektüre für all jene erweisen, die an den mit dem Kompetenz-Konstrukt verbundenen Phänomenen der Organisation sozialen Zusammenlebens in Gruppen, Institutionen und Gesellschaften, sowie an Fragen der (Des-)Integration von Individuen oder Gruppen interessiert sind. Desweiteren dürften Qualitätsbeauftragte und Personalverantwortliche von dieser Publikation profitieren.


Rezension von
Prof. Dr. Grit Behse-Bartels
Professur für Soziale Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Familien an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur (HTWK) Leipzig Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig
E-Mail Mailformular


Alle 8 Rezensionen von Grit Behse-Bartels anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Grit Behse-Bartels. Rezension vom 12.09.2011 zu: Thomas Kurtz, Michaela Pfadenhauer (Hrsg.): Soziologie der Kompetenz. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. ISBN 978-3-531-16222-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11671.php, Datum des Zugriffs 08.07.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung