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Antje Haag: Versuch über die moderne Seele Chinas

Cover Antje Haag: Versuch über die moderne Seele Chinas. Eindrücke einer Psychoanalytikerin. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2011. 155 Seiten. ISBN 978-3-8379-2147-2. 19,90 EUR.

Reihe: Psyche und Gesellschaft.
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Thema

Man löst ein Problem nicht dadurch, dass man es auf sich beruhen lässt. Das könnte eines der Leitthemen dieses brisanten Buches sein. China verleugnet die Schrecken seiner jüngsten Geschichte, nicht nur der Kulturrevolution, sondern schon der fünfziger Jahre, und die mit diesem Text angezielte Leserschaft ist dazu geneigt, die Tatsache zu verleugnen, dass sie China nicht versteht. Antje Haag kann für sich in Anspruch nehmen, dass sie diese beiden Probleme gerade nicht auf sich beruhen lässt. Die Autorin hat seit 1988 jahrelang Kurse für Chinesen in China veranstaltet, mit denen sie den Wiederaufbau einer Psychotherapie ermöglichte. Dabei ergab sich aus der therapeutischen Tätigkeit, die als Lehranalyse von der Kursarbeit nicht zu trennen war, die aber nicht nur die Chinesischen Therapeuten, sondern einen weiten Patientenkreis betraf, ein erschütternder Einblick in das Leid, das seit 1949 in Verbindung mit der Gründung des „Neuen China“ Chinesen einander zugefügt haben. Die ungeheuerliche Banalität, mit der das offizielle Partei-China bis in die Geschichtsbücher der Schulkinder hinein dekretiert hat, von den Taten des großen Mao seien 70% gut und 30% schlecht gewesen, zeigt die Unwilligkeit, sich mit der politischen Vergangenheit auseinanderzusetzen. So lastet die ganze schwere Arbeit, sich den Traumata aus dieser Zeit in der Hoffnung auf Linderung zuzuwenden, auf dem einzelnen und seiner Familie.

Aufbau und Inhalt

Antje Haag weist auf das hin, was sich aus der Kulturtradition Chinas gegenüber „dem Westen“ als besonders ergibt: „…das aus dem konfuzianischen und daoistischen Erbe gebildete ‚weiche‘ chinesische Selbst“ (S. 39) und die unterentwickelte Fähigkeit der Selbstspaltung in zwei Instanzen, die in einen inneren Dialog miteinander treten könnten. Während der Westler den bohrenden Fragen seines Gewissens auszuweichen sucht, hat der Chinese Angst vor Bestrafung von außen und vor Gesichtsverlust.

Die Verfasserin gliedert ihr Buch wie folgt:

  • Einer Einführung folgt das Kapitel über „Kulturspezifische Besonderheiten“ mit den Themen Konfuzianismus – Kollektivismus, Grenzen, Kommunikation, Scham – Gesicht und Verantwortung.
  • In Kapitel 2 werden die traumatischen Auswirkungen von Bürgerkrieg, Revolution und Kulturrevolution unter dem Titel „China nach 1949: Die Revolution und ihr Preis“ behandelt.
  • Kapitel 3 heißt: „Chinas neue Gesellschaft“ und enthält „Die neue Familie“, Kindheit, Jugend, Ausbildung, Sexualität, Partnerschaft und Ehe.
  • Der Text endet mit dem umfangreichen (32 Seiten) Kapitel „Psychoanalyse in China“, das interessante Informationen zur Wissenschaftsgeschichte (S. 123f.) enthält.

Haag erläutert in ihrem zweiten Kapitel auch, dass „die Rechte des Einzelnen im chinesischen Denken eine untergeordnete Rolle spielen“ weil „eine tausende von Jahren währende Sozialisation… immer nur das Wohl des Kollektivs im Blick hat“ (S. 31). Aber der Schwerpunkt dieses Textes ist die ungeheure Leidenslast, die auf zahllosen Chinesen drückt, und die in den erschütternden Lebensgeschichten und Zeugnissen der Patienten dokumentiert wird. Neu für manchen Leser ist vielleicht der Hinweis Haags auf die schweren psychischen Probleme nicht nur der Opfer, sondern auch der Täter revolutionärer Grausamkeiten.

Diskussion

Wilhelm Dilthey hat formuliert, dass sich Geschichte letztlich als Biographie einzelner Menschen ereignet. Hier wird ein Zugang zur jüngsten Geschichte Chinas eröffnet, der wohl für jeden, der sich um ein Verständnis Chinas und der Chinesen bemüht, als unentbehrlich bezeichnet werden darf. Ganz unbedeutend ist ein kleiner Fehler der Verfasserin, wenn sie auf S. 89 schreibt „Meimei = ältere Schwester“ obschon dieses Wort tatsächlich nicht die ältere, sondern die jüngere Schwester bezeichnet. Auch könnte Frau Haag mehr Hoffnung für die Zukunft vermittelt haben, wenn sie auf den bleibenden Reichtum der alten Kultur Chinas hingewiesen hätte und auf das große Interesse, mit dem viele junge Chinesen die Jahrtausende alten Dokumente der Geistes- und Naturwissenschaften (Joseph Needham) und der Kunst ihres Landes studieren.

Fazit

Das Buch von Antje Haag, das in einem reichhaltigen Literaturverzeichnis auch auf andere China-Dokumentationen, so die von Tomas Plänkers hinweist, bringt Lesern der Psychotherapie, der Sozialpsychologie, der Familiensoziologie, der interkulturellen Kommunikation und anderen eine Fülle hilfreicher – zum Teil erschütternder – neuer Erkenntnisse. Seine Lektüre wird mit Nachdruck empfohlen.


Rezension von
Prof. Dr. Horst Jürgen Helle
Ludwig-Maximilians-Universität München
Institut für Soziologie
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Zitiervorschlag
Horst Jürgen Helle. Rezension vom 09.10.2012 zu: Antje Haag: Versuch über die moderne Seele Chinas. Eindrücke einer Psychoanalytikerin. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2011. ISBN 978-3-8379-2147-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11682.php, Datum des Zugriffs 06.12.2021.


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