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Frieder Dünkel, Andreas Tietze u.a. (Hrsg.): Wertschöpfung durch Wertschätzung

Cover Frieder Dünkel, Andreas Tietze, Peter Zängl (Hrsg.): Wertschöpfung durch Wertschätzung. Festschrift für Bernd Maelicke zum 70. Geburtstag. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2011. 191 Seiten. ISBN 978-3-8329-6534-1. 29,00 EUR, CH: 41,90 sFr.

Reihe: Edition Sozialwirtschaft - Band 31.
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Die Ausgestaltung von Professionalität in der Sozialen Arbeit ist sicher eines der wesentlichen Unterscheidungsmerkmale gegenüber subjektiv gut gemeinten Hilfe- und Interventionsleistungen, wie sie - philanthropisch oder religiös motiviert - lange Zeit prägend für die Soziale Arbeit waren. Eine solche Perspektive erfordert eine Mehrdimensionalität, denn neben der konkret helfenden, unterstützenden Beziehungsarbeit mit den jeweiligen Klienten geht es zugleich darum, soziale Innovationen unter jeweils spezifischen politischen und institutionellen Rahmenbedingungen zu befördern und aktiv mitzugestalten. Diese doppelgleisige Zielrichtung proklamatorisch zu verkünden ist leicht, sie in der sozialpolitischen Praxis einzulösen, dagegen schwierig und gleicht dem Bohren dicker Bretter. Genau aber das ist erneut gefordert durch die seit den 1980er Jahren erfolgten Veränderungen und Paradigmenwechseln innerhalb des deutschen Sozialstaates. Denn widerstreitende Konzeptionen und ordnungspolitische Prämissen blieben hierbei keineswegs nur akademisch, sondern haben in fast allen Bereichen zu substanziellen Änderungen geführt. Die Spuren solcher Umwälzungen sind dabei keineswegs anonym, sondern lassen sich durchaus aufspüren und die dahinterstehenden Protagonisten und „Antreiber“ erkennen. Nach üblichem Modus verfasste wissenschaftliche Abhandlungen zur Sozialpolitik bzw. zu einzelnen Politikbereichen lassen solche Zusammenhänge nur selten deutlich werden; gezeichnet werden hier eher die großen Linien, die das Handeln und den Einfluss konkreter Personen eher überdecken als zu Tage fördern. Das ist schade, denn eine damit einhergehende Anonymisierung von Politik kann leicht zu dem Trugschluss verleiten, objektiv hergeleitete Sachzwänge hätten die Regie über die Gestaltung des Sozialen übernommen. Gut deshalb, dass es Festschriften gibt! Denn durch dieses Genre entsteht eine wichtige Ergänzung - zuweilen auch ein Gegenpol - zu vorgenannten wissenschaftlichen Werken, denn das Handeln und die Bedeutung von Personen in konkreten Politikfeldern erfährt hierdurch eine besondere Würdigung. Und der Wert solcher Beiträge begrenzt sich keineswegs nur auf eine ex post Betrachtung auf Gewesenes sondern fokussiert gerade auch für zukünftige Entwicklungen den dialektischen Zusammenhang zwischen mikro- und makrostrukturellen Handlungsebenen.

Bezogen auf die hier besprochene Festschrift geht es um die Themen Resozialisierung/Strafrechtsreform, Neuorganisation sozialer Dienste sowie Sozial- und Seniorenwirtschaft. Es sind die Handlungsbereiche, in denen Bernd Maelicke sich in den vergangenen 50 Jahren in sehr unterschiedlichen Rollen und Funktionen engagiert und verdient gemacht hat. Gemeinsam mit vielen Mitstreitern/innen hat er Pfade bereitet und Wege erschlossen für eine Ausgestaltung - nennen wir es Neuorganisation - sozialer Arbeit, die in enger Korrespondenz von Theorie und Praxis weder ihre Bodenhaftung/Feldverankerung verliert, noch ihre wertschöpfend- wertschätzendes Referenz zugunsten ökonomisch-verengter Orientierungen aufgibt. Die würdigende Festschrift für den Älteren wird so zu einem inspirierenden Lesebuch für die Jüngeren in der sozialen Arbeit.

Autorinnen, Autoren und Entstehungshintergrund

Dünkel, Tietze und Zängl repräsentieren als langjährige Weggefährten von Bernd Maelicke sehr unterschiedliche Etappen einer produktiven Zusammenarbeit im Suchprozess sozialpolitischer Reformprozesse, die sich teilweise bis in die 1960er Jahre rückdatieren lässt. Die thematischen Schnittstellen dieses Zusammenwirkens fokussieren die Bereiche Resozialisierung / Justizreform, Organisationsentwicklungen sozialer Dienste sowie den Bereich Seniorenpolitik. Anlässlich des 70. Geburtstages von Bernd Maelicke dessen Impulse in diesen Politikfeldern zu erinnern und in einer Festschrift zu würdigen, haben die Vorgenannten in gemeinsamer Herausgeberschaft realisiert. Die gesammelten Beiträge sind beeindruckende Dokumente und Zeitzeugnisse in der Entwicklung sozialer Dienste, die sich immer stärker als Teil eines sozialwirtschaftlichen Sektors begreift. Die Rollen, die hierbei Bernd Maelicke spielte und trotz seiner 70 Jahre immer noch spielt, sind unübersehbar wie beeindruckend; im Modernisierungs- und Transformationsprozess sozialer Dienste hat Bernd Maelicke an zahlreichen Stellen prägende Spuren hinterlassen.

Aufbau und Inhalt

Die zahlreichen Beiträgen der Festschrift sind von sehr unterschiedlicher Natur.

Unter dem Abschnitt „Das Werk“ würdigen mehrere theoretisch gefasste Texte zu den Themen Resozialisierung, Innovation und Management, Seniorenwirtschaft den wissenschaftlichen und praktischen Beitrag von Bernd Maelicke in diesen Handlungsfeldern. Deutlich wird sein Anliegen einer praxisorientierten Wissenschaft, die sich nicht mit abstrakter Analyse zufrieden gibt, sondern auf Wirkungen und Veränderungen zielt. In diesem Verständnis als sich „Einmischender“ agiert B.M. die meiste Zeit seines aktiven Berufslebens in Fortbildungsinstitutionen und Ministerien. In deutschen Hochschulen war eine solche Person eher suspekt und bestenfalls als Lehrbeauftragter akzeptabel. Erst spät und zum Ende seiner Berufstätigkeit erfolgte seine Berufung als Honorarprofessor an die Universität Leuphana / Lüneburg und die damit einhergehende Gründung des Deutschen Instituts für Sozialwirtschaft.

Der zweite Buchabschnitt „Die Weggefährten“ versammelt insgesamt 19 unterschiedliche Beiträge, die aus jeweiliger Perspektive gleich Mehreres deutlich machen. Offensichtlich vermochte es B.M., nicht nur Berufliches und Privates miteinander zu verbinden und hierbei wertschätzende Beziehungen zu pflegen, sondern sich ebenso auch auf ganz unterschiedliche Situationen und Zielgruppen einzulassen. Ob als Leiter eines Fortbildungsinstituts, als Reformer innerhalb des Strafvollzugs, als Ministerialer und Abteilungsleiter oder Organisationsberater der Benediktinerinnen - die Rollen könnten nicht unterschiedlicher sein ! - , vermochte es B.M., zumeist erfolgreich, zu überzeugen. Auch der Genussmensch Maelicke kommt bei diesen persönlichen Würdigungen bzw. Erinnerungen nicht zu kurz, die u.a. zeigen, dass so gelebt beharrliches und intensives Arbeiten keineswegs im Gegensatz zu hoher Lebensqualität stehen muss.
Wer es nicht wusste, weiß spätestens durch die vorliegende Festschrift, dass B.M. seit Anfang der 1960er Jahre in Hannelore Maelicke eine Mitstreiterin, Lebensgefährtin und Ehefrau gefunden hat. Ihr Beitrag wird in einem besonderen Abschnitt besonders gewürdigt, der ahnen lässt, dass das besondere Faible B.M. für Fragen des Strafvollzugs offensichtlich auch mit ihr, der Tochter eines der ersten deutschen Bewährungshelfers, zu tun hat. Dass auch sie als Reformerin nicht nur im Strafvollzug bleibende Spuren hinterließ, u.a. durch den Aufbau eines Mutter-Kind-Heims in der Frankfurter Frauenhaftanstalt Preungesheim, sondern ebenso durch ihre Untersuchung zum Frauenstrafvollzug in Deutschland (vgl. Nomos-Verlag, „Ist Frauenstrafvollzug Männersache?“) zeigt die innere Wesensverwandtschaft der beiden Maelickes.

Der letzte Teil der Festschrift besteht aus einem Interview mit B.M. zu seinen kontemplativen Zukunftsplänen, es folgen Vita und das umfangreiche Schriftenverzeichnis über einen Zeitraum von 36 Jahren. Und selbstverständlich fehlen nicht die biografischen Hinweise zu den Autoren der einzelnen Beiträge.

Zielgruppen und Fazit

Die Festschrift ist ein stimulierendes, Interesse weckendes Lesebuch und dies nicht nur gegenüber der gewürdigten Person. Es richtet sich damit an alle, die sich mit den großen und kleinen Fragen überfälliger Reformen im Bereich sozialer Dienstleistungen befassen. Denn mit der Festschrift eröffnen sich Einblicke in die jüngste Reformgeschichte, besser Reformgeschichten, des Strafvollzugs, aber auch der Sozial-, Gesundheits- und Seniorenwirtschaft. Der gewählte Titel ist hierbei programmatisch und verweist auf eine noch einzulösende Referenz bei der Ausgestaltung von sozialer Infrastruktur. Die Erinnerungen und Würdigungen sind damit zugleich Aufforderungen, geebneten Pfaden zu folgen, neue Wege zu beschreiten und dabei im Blick zu haben, was auf welche Weise wie geworden ist, damit Zukünftiges möglich werden kann.


Rezension von
Prof. Dr. Karl-Heinz Boeßenecker
bis 2009 Leiter des FSP Wohlfahrtsverbände / Sozialwirtschaft der Hochschule Düsseldorf; Prof. am Zentrum für Planung und Organisation sozialer Dienster, Universität Siegen; Prof. für Sozialmanagement an der Hochschule des DRK Göttingen (nicht mehr bestehend!); hauptamtlicher Dekan a.D./Vizepräsident und Professor für Verwaltungs- und Organisationswissenschaften an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW), Fakultät Wirtschaft und Soziales, seit 2011 im Ruhestand. Lehrbeauftragter an der Leuphana Universität Lüneburg. Nebenberuflicher Direktor am Institut für Zukunftsfragen der Gesundheits- und Sozialwirtschaft – IZGS - der Evangelischen Hochschule Darmstadt, www.izgs.de. Inhaber und Leiter des Instituts für sozialwissenschaftliche Politik- und Organisationsberatung – ISP – Köln
Homepage www.izgs.de
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Zitiervorschlag
Karl-Heinz Boeßenecker. Rezension vom 31.08.2011 zu: Frieder Dünkel, Andreas Tietze, Peter Zängl (Hrsg.): Wertschöpfung durch Wertschätzung. Festschrift für Bernd Maelicke zum 70. Geburtstag. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2011. ISBN 978-3-8329-6534-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11698.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.


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