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Lars Burmeister, Leila Steinhilper: Gescheiter Scheitern

Cover Lars Burmeister, Leila Steinhilper: Gescheiter Scheitern. Eine Anleitung für Führungskräfte und Berater. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2011. 140 Seiten. ISBN 978-3-89670-805-2. 19,95 EUR.
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„Nehmen wir uns die Angst vor dem Scheitern“

Scheitern, Versagen, Misserfolg…, das sind Non-Wörter, die sich in unser kulturelles Gedächtnis, Mentalitäts- und Zivilisationserleben eingebrannt haben und mit Un-Glück assoziiert werden. Denn der Erfolg ist es, der Glück bringt und Zufriedenheit auslöst. Im Operettentext „Glücklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist“, steckt in gleicher Weise die Hoffnung, dass es schon, wenn es schlimm kommt, nicht ganz so schlimm werden wird, wie dies so manches Sprichwort androht.

Wenn ein Mensch einen Fehler begeht, hat das Folgen. Dass sie sich negativ und schädlich auswirken und von daher moralisch bewertet werden, ist bereits von Aristoteles in seiner Ethiklehre annotiert worden. Fehlerhaftes Verhalten wird als amartia, als sittlich schlechte Handlung empfunden. Der Mensch könne sich auf vielfache Art und Weise „verfehlen“, aber nur auf eine Weise „richtig“ handeln (siehe dazu: Ph. Brüllmann, in: Otfried Höffe, Aristoteles-Lexikon, Stuttgart 2005, S. 240f). Ein Perspektivenwechsel bei dem Bemühen, Fehler nicht per se als verdammenswürdig zu charakterisieren – um Fehler zu überwinden und sie sogar zu benutzen, um die richtige Lösung und Wege dahin zu finden – vollzieht sich im wissenschaftlichen Denken und Handeln mit der heuristischen Methode des trial and error. Sie ermöglicht es zu erkennen, dass man aus Fehlern lernen kann. Damit gewinnen Fehler eine Bedeutung, die einem fehlerlosen Verhalten widerspricht.

„Aus Fehlern lernen“, um besser, erfolgreicher und nicht zuletzt zufriedener zu werden, das ist ein Credo, das der US-amerikanische Psychologe und Persönlichkeitstrainer Anthony Robbins verbindet mit der Erkenntnis, dass irren menschlich ist, der Mensch also kein perfektes, sondern ein fehlerhaftes Lebewesen ist, das lernen muss, gut zu sein: „Erfolg ist das Ergebnis richtiger Entscheidungen. Richtige Entscheidungen sind das Ergebnis von Erfahrung. Erfahrung ist das Ergebnis falscher Entscheidungen“. Mit diesem scheinbar paradoxen Circulus vitiosus misst er dem Irrweg, dem Scheitern und den Ungewissheiten im menschlichen Denken und Handeln eine besondere Bedeutung zu.

Entstehungshintergrund und Autorenteam

Mit Scheitern anders als gewohnt, erworben und gelernt umzugehen, und Um- und Irrwege als Chance und Kehrseite des Erfolgs, also zu ihm zugehörig zu betrachten, ist eine ungewohnte Denke. Dass Menschen in ihrem Tun scheitern können, wird, wie der US-amerikanische Soziologe Peter Sennet feststellt, als eines der letzten großen Tabus der Moderne betrachtet.

Ein Team des Wiener Beratungs- und Entwicklungsunternehmens Koenigswieser & Network stellt mit dem richtig österreichischen Slang „Gescheiter scheitern“ eine Methode vor, die sie „Scheiternanalyse“ nennen. Der Geschäftsführende Gesellschafter und Systemiker Lars Burmeister und die Kommunikationswissenschaftlerin Leila Steinhilper stellen einen Ratgeber zusammen, in dem sie Forschungs- und Praxisergebnisse aus der Unternehmens-, Führungskräfte- und Personalentwicklung und der systemischen Beratung darstellen. Es handelt sich um eine Gemeinschaftsarbeit, an der auch weitere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Wiener Entwicklungs- und Beratungsfirma mitgearbeitet haben: Die Geschäftsführende Gesellschafterin Roswita Königswieser, die Berliner Psychologin Sandra Bluhm, die Wirtschaftsmediatorin Astrid Burkhardt, der Betriebswirt Ingmar Carlberg, die Kommunikationswissenschaftlerin Charlotte Götz, die Betriebswirtschaftlerin Katrin Klüber, der Wirtschafts- und Sozialpsychologe Benedikt Schell und die systemische Lehrtrainerin Sabine Vorberg.

Aufbau und Inhalt

Neben der unvermeidlichen Frage danach, warum Menschen scheitern und der semantischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzung über das Phänomen des Scheitern wird der Ratgeber in die folgenden Kapitel gegliedert: Das Team begründet das Buchprojekt mit „Forschen zum Thema Scheitern – Idee und Prozess“. Im Hauptteil wird die Frage danach beantwortet: „Was haben wir über Scheitern gelernt?“. In einer Bildergeschichte werden anschaulich und praxisbezogen insgesamt 16 Situationen als Hypothesen formuliert und anhand von zahlreichen (Praxis-)Beispiele analysiert, die Konsequenzen diskutiert und auf verschiedene Ebenen organisatorischen Handelns bezogen. Im weiteren Kapitel wird gewissermaßen das Handwerkszeug für Beratungs- und Trainingssituationen geliefert: „Tools zum gescheiteren Scheitern“, z. B. mit einer Organisations- und Verlaufsanalyse bei der Durchführung von Workshops, einer Projektanalyse und eines Krisenszenarios.

Fazit

Der Ratgeber „Gescheiter scheitern“ setzt sich mit einem Tabu und einem Missverständnis auseinander: Scheitern heißt verlieren! Zwar ist Scheitern im Leben der (aller) Menschen unvermeidlich, „aber wie wir scheitern, das können wir beeinflussen“. Diese optimistische Botschaft – und auch die, dass gescheiter Scheitern gelernt werden kann – sollte insbesondere in einer (Falsch-)Zeit, in der das Glück als existentielle und materielle Wunschvorstellung als kalkulierbarer Bestandteil des menschlichen Lebens Oberhand gewinnt, dazu beitragen, „das unvermeidliche Scheitern gedanklich in unser Handeln einzubeziehen“. Dann nämlich wird Scheitern nicht zu einem defätistischen, pessimistischen und tragischen Erleben, sondern zu einem aktiven, selbstbewussten und positiven Tun.

Auch wenn das Autorenteam sich mit dem Ratgeber über Scheitern in erster Linie an Beraterinnen, Berater, Coaches und Führungskräfte der Wirtschaft wendet, sind die Reflexionen und Praxisbeispiele auch geeignet, sie in (sozial-)pädagogische Zusammenhänge zu bringen und in Bildungs- und Erziehungsprozessen zur Kenntnis zu nehmen.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 19.09.2011 zu: Lars Burmeister, Leila Steinhilper: Gescheiter Scheitern. Eine Anleitung für Führungskräfte und Berater. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2011. ISBN 978-3-89670-805-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11715.php, Datum des Zugriffs 16.09.2019.


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