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Heinz Streib, Carsten Gennerich: Jugend und Religion

Cover Heinz Streib, Carsten Gennerich: Jugend und Religion. Bestandsaufnahmen, Analysen und Fallstudien zur Religiosität Jugendlicher. Juventa Verlag (Weinheim) 2011. 210 Seiten. ISBN 978-3-7799-1755-7. 23,00 EUR.

Reihe: Jugendforschung.
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Autoren, Thema und Aufbau

Heinz Streib und Carsten Gennerich, die aus der Religionspädagogik und der religionsbezogenen Sozialpsychologie kommen, verfolgen in ihrem Buch zunächst ein theoretisches Ziel: Mit einem „diskursiv orientierten Religionsbegriff“ wollen sie einen Neuansatz für die empirische Religionsforschung entwerfen und dessen Fruchtbarkeit für die Untersuchung der Religiosität von Jugendlichen aufzeigen (Kapitel 1 und 2). Auf diese konzeptionelle Grundlage bauen die empirischen Teile des Buches auf: Mit quantitativen und qualitativen Daten der Forschungsstelle Biographische Religionsforschung an der Universität Bielefeld, die durch Befunde aus anderen einschlägigen Studien ergänzt werden, entwickeln die Verfasser in vier Kapiteln (3 bis 6) eine Typologie der Religiosität von Jugendlichen; ein Zusatzkapitel (7) widmet sich speziell der islamisch geprägten Jugend in Deutschland. Darauf folgt ein drei Kapitel (8 bis 10) umfassender Teil, in dem die Bedeutung adoleszenter Religion für die Bereiche Gesundheit, Todesvorstellungen sowie Gewalt und Xenophobie untersucht wird. Ein theoretisch und methodisch orientierter Ausblick (11) zur künftigen Forschung über die Religion von Jugendlichen beschließt das Buch.

Überblick über den Inhalt

Zugänge zur Religiosität in der Adoleszenz: Theoretische und empirische Wege

 1. Theorieperspektiven zur Religiosität Jugendlicher: Begriffsklärungen, Entwicklungsdynamik, Modelle, Typen

 2. Empirische Perspektiven auf die Religion Jugendlicher: Analyse empirischer Ergebnisse im Wertefeld

 Religiöse und nicht-religiöse Milieus. Typen der Religiosität von Jugendlichen und exemplarische Fallstudien

 3. Kirchenreligion: Religiosität Jugendlicher im Rahmen traditioneller religiöser Organisationen

 4. Sektenreligion: Religiosität in Gruppen mit starker Abgrenzung nach außen und innerer Kontrolle

 5. Mystik und Spiritualität: Religiosität jenseits von etablierten religiösen Institutionen und Gruppen

 6. Säkularität: Jenseits von Konfession und religiöser Selbstattribution

 7. Die Religiosität islamischer Jugendlicher - ein Sonderfall?

 Funktionsbereiche adoleszenter Religiosität: Gesundheit und Unversehrtheit - Todesvorstellungen - Xenophobie und Gewalt

 8. Bedeutung religiöser Lebensdeutung für die Gesundheit und Unversehrtheit Jugendlicher

 9. Todesvorstellungen und die Religiosität Jugendlicher

 10. Xenophobie, Gewalt und Religion bei Jugendlichen

Ausblick

11. Zukunftsperspektiven zur Religion Jugendlicher und ihrer Erforschung

Diskussion

Das Buch wendet sich einem empirischen Feld zu, über das wir recht wenig wissen, und ist allein deswegen schon zu begrüßen. Die Anlage des Buches klingt vielversprechend, ist in der Durchführung aber auf weiten Strecken enttäuschend. Die Schwierigkeiten beginnen schon im ersten Kapitel, in dem Streib und Gennerich substantialistische und funktionalistische Begriffe von Religion als ungenügend kritisieren und durch ein diskursives Begriffsverständnis überbieten wollen. Zu Recht wehren sich die Autoren gegen eine allzu enge substantielle Definition von Religion, die diese etwa auf einen personalen Gottesglauben eingrenzt, und gegen funktionalistische Auffassungen, die Religion auf eine gesellschaftliche Integrations- und Legitimationsfunktion oder auf ihre Funktion für die individuelle Lebens- und Kontingenzbewältigung reduzieren. Den in der Literatur bereits vielfältig beschriebenen Problemen substantialistischer und funktionalistischer Religionstheorien begegnen Streib und Gennerich unter Rekurs auf Joachim Matthes und die phänomenologische Soziologie, die Religion als ein „interpretatives Phänomen“ betrachten. Demnach lässt sich Religion als Deutung spezifischer Erfahrungen im Lichte „kultureller Programmatiken“ fassen, wie sie beispielsweise, aber keineswegs ausschließlich die Traditionen der Weltreligionen bereithalten. Die entsprechenden Deutungen, so die Autoren, müssen „in der Selbstreflexion des Subjekts als religiös begriffen und symbolisiert werden“ (S. 14). Diese Begriffsstrategie, durch die für das Religiöse empfängliche Personen in ihren eigentätigen Interpretationsleistungen anerkannt werden sollen, läuft auf ein induktiv gewonnenes Religionsverständnis hinaus: Religiös ist, was Akteure als religiös bezeichnen. Worin der analytische Gewinn eines solchen Vorgehens bestehen soll, bleibt ebenso offen wie die Frage, weshalb die Autoren von einer „diskursiven“ Bestimmung von Religion sprechen. Von Diskursen im Sinne von Habermas oder Foucault ist in dem Buch jedenfalls weder ausdrücklich noch der Sache nach die Rede.

Als einzige nähere Charakterisierung des religiösen Erfahrungsbereichs von Subjekten rekurrieren die Verfasser auf Paul Tillichs Wort: „Religion ist im weitesten und tiefsten Sinne das, was uns unbedingt angeht.“ In der Anwendung dieser Definition verletzen Streib und Gennerich dann allerdings ihr eigenes Prinzip, indem sie Jugendliche, die „ihr Sein als verdankt“ erleben oder von einem „Horizont des Unbegreiflichen“ ausgehen (S. 16), entgegen ihrer Selbstauskunft als religiös einstufen.

In den empirischen Analysen gehen Streib und Gennerich von der wenig strittigen Prämisse aus, dass Jugendliche in der Adoleszenz vor der Aufgabe stehen, sich von den kognitiven Mustern kindlicher Religiosität zu lösen und zu einem autonomen Verhältnis zu etablierten Religionsgemeinschaften und religiösen Deutungsangeboten zu gelangen. Die von den Verfassern entwickelte Typologie jugendlicher Religiosität beruht im Wesentlichen auf einer Online-Umfrage unter Jugendlichen zwischen 12 und 25 Jahren (n=415), in dessen Sample weibliche, höher gebildete und protestantische Probanden deutlich überrepräsentiert sind. Passagen aus qualitativen Interviews, von denen einige der Studie von Adem Aygün zu islamischen Jugendlichen entstammen, veranschaulichen und erweitern diese Typologie. Sie ergibt sich aus zwei Dimensionen der Wertorientierung, nämlich „Offenheit für Wandel“ vs. „Bewahrung“ einerseits und „Selbsttranszendierung“ (die Wohlfahrt anderer fördernd) vs. „Selbststeigerung“ (persönliche Interessen maximierend) andererseits. Die auf Shalom H. Schwartz zurückgehende Dimensionalisierung von Wertmustern, die vier Felder ergibt, bildet die Ausgangsbasis für die vier von Streib und Gennerich unterschiedenen Typen jugendlicher Religiosität: Kirchenreligion, Sektenreligion, Mystik und Spiritualität, Säkularität.

Die größtenteils deskriptiven Ergebnisse muten bisweilen trivial an, häufig sind sie auch allzu vage; jedenfalls wartet man fast immer vergeblich auf belastbare Erklärungen dafür, warum bestimmte Jugendliche auf diese und nicht jene Weise glauben oder eben nicht glauben. Dass Jugendliche „unterschiedliche Orte im religiösen Feld einnehmen“ und „Religiosität nicht gleich Religiosität“ ist (S. 54), hätte man sich schon vor der Lektüre des Buches denken können. Ein bemerkenswerter Befund ist hingegen, dass sowohl ein „Zuviel an familaler Religiosität“ als auch eine „fehlende religiöse Sozialisation“ (S. 111) zu Konfessionslosigkeit und religiöser Indifferenz führen können. Überhaupt gehören die biographischen Informationen zu exemplarischen Fällen, die narrativen sowie sogenannten Faith-Development-Interviews entnommen sind, zum Aufschlussreichsten, was das Buch zu bieten hat. Die Interpretationen des qualitativen Interviewmaterials gehen jedoch selten weit über eine Reformulierung der Aussagen der befragten Jugendlichen hinaus und kaum einmal werden die Tiefendimensionen sowie die sozialen Kontextbedingungen ihrer religiösen Praxis deutlich.

Insgesamt können die Autoren nicht plausibel machen, weshalb ein weiter, diskursiver Religionsbegriff einen „konzeptionellen Rahmen“ für die Religionsforschung darstellen soll, der „Erfolg verspricht“ (S. 112). Daran ändert auch der dritte Teil des Buches kaum etwas, in dem „Funktionsbereiche adoleszenter Religiosität“ erkundet werden. Abgesehen davon, dass sich die Verfasser zuvor von einem funktionalistischen Zugang zu religiösen Phänomenen distanziert haben, bleibt in sich erklärungsbedürftig, was sie hier unter „Funktionsbereichen“ genau verstehen. Das lässt sich auch aus den entsprechenden Kapiteln nicht recht erschließen, in denen der Zusammenhang zwischen Religion und Gesundheit von Jugendlichen, deren Todesvorstellungen sowie die Aus- bzw. Präventivwirkungen jugendlicher Religiosität auf xenophobische und gewalttätige Neigungen untersucht werden.

Fazit

Gewiss stößt man in der Studie von Streib und Gennerich hier und dort auf interessante Einzelbefunde. Auch ist die Verknüpfung quantitativer und qualitativer Daten zu begrüßen (dazu S. 185 ff.), aber das besprochene Buch vermag weder in seiner konzeptionellen Anlage noch in seiner empirischen Hermeneutik zu überzeugen.


Rezension von
Prof. Dr. Ferdinand Sutterlüty
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Zitiervorschlag
Ferdinand Sutterlüty. Rezension vom 22.05.2012 zu: Heinz Streib, Carsten Gennerich: Jugend und Religion. Bestandsaufnahmen, Analysen und Fallstudien zur Religiosität Jugendlicher. Juventa Verlag (Weinheim) 2011. ISBN 978-3-7799-1755-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11719.php, Datum des Zugriffs 19.01.2020.


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