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Barbara Sahm: Tanzen, Musizieren, Theater spielen

Cover Barbara Sahm: Tanzen, Musizieren, Theater spielen. Spielideen für Menschen mit geistiger Beeinträchtigung. Juventa Verlag (Weinheim) 2011. 112 Seiten. ISBN 978-3-7799-2079-3. 14,95 EUR.

Reihe: Edition sozial.
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Thema

Barbara Sahm beschreibt verständlich sehr einfache Spiele mit Bewegung (Tanz), Tönen (Musik), spielerischem Ausdruck (Theater), meist als Improvisationen, doch auch mit der Möglichkeit, diese Spiele anderen zu zeigen.

Autorin

Die Autorin ist Erzieherin und leitet seit 1986 Tanz-, Musik- und Theatergruppen u.a. in Musikschulen, Wohnheimen für Menschen mit Behinderung, Seniorenwohnheimen; seit 1989 auch Leiterin einer privaten Musikschule.

Aufbau

Nach vier knappen einleitenden Kapiteln (u.a. zu den Aufgaben der Spielleitung und zu Improvisation) behandeln die drei Hauptkapitel, dem Buchtitel entsprechend, Tanzen, Musizieren und Theater spielen.

Inhalt

Für jedes Hauptkapitel gibt es eine „Gedankliche Einführung für die Spielleiterin“ sowie Spielbeschreibungen, Praxishinweise, Variationsmöglichkeiten, viele Beispiele.

Das Kapitel „Theater spielen“ beginnt ebenfalls mit Übungen, dann folgen „Kleine Szenen spielen“ und „Sketche spielen“. Abschließend wird das „Beispiel einer Tanztheater-Aufführung ‚Als Dracula zu fest zubiss‘“ beschrieben. Nur die beiden Sketche werden als „überliefert“ gekennzeichnet; allerdings gehören auch die anderen Spiele und Übungen zum üblichen und weit verbreiteten Spielrepertoire, obwohl die Autorin sie als die „von mir entwickelten Spielideen“ (5) ankündigt.

Diskussion

(1) Das Bändchen ist bemerkenswert schlampig lektoriert. Das zeigen z.B. die vielfach fehlenden oder konfus gesetzten Kommata, die ab und an unsinnige Sätze zur Folge haben: „Bei TeilnehmerInnen, denen es schwer fällt, Eigeninitiative zu ergreifen und die von sich aus wenig Ausdruck zeigen können, empfehle ich der betreffenden Person, einen kurzen für die Szene passenden Satz vorzusprechen …“ (88); gemeint ist: die Spielleiterin möge der Person einen Satz vorsprechen. Zur Szene „Beim Arzt“ heißt es: „Verdeutlichen Sie die genannten Leiden, in dem (sic) Sie mit allen TeilnehmerInnen Ihre Hand auf die entsprechenden Körperstellen legen und dazu jammern“ (90) ? schwierig zu realisieren. Der Trost folgt auf S. 93: „Lassen Sie zunächst der Dinge ihren Lauf.“ „Sollte die Aufführung an einem anderen Ort statt finden, ist es wichtig vorher einige Male in dem Aufführungsraum zu Proben“ (111).

(2) Fehlendes Lektorat auch bei nur unbeholfenen Formulierungen: „Meistens sind die Musikwünsche jedoch sehr begrenzt, da die Menge an verschiedenen Musikstilen nicht bekannt ist“ (14). „Viele Musikstiele (sic!) sind möglich wie zum Beispiel Pop-Hits oder Musik aus fernen Ländern“ (24). „Die Freude am Tanzen ist immer wichtiger als eine zu detaillierte Choreographie und trotzdem muss man nicht auf Kreistänzen hängen bleiben“ (45).

(3) Ärgerlich der diffuse Kulturbegriff. Die Autorin möchte, so schreibt sie im Vorwort, die „Möglichkeit“ eröffnen, „mit einfachen Anleitungen in die inspirierende Welt der Kulturgüter Tanz, Musik und Theater … einzutauchen“. „Lebensfreude, Selbstentfaltung und soziale Integration sind nur drei genannte Erfahrungen die uns kulturelles Tun bescheren“ (5). Ärgerlich auch die vielfachen Dopplungen: auf S. 35 werden „Leuchtende Materialien“ genannt („zum Beispiel Handschuhe, Socken“), dazu als „Beispiele leuchtender Materialien“ wiederum „Handschuhe und Socken„; es gibt Erklärungen mit Worten und noch einmal mit Zeichnungen: „Alle gehen im Kreis rechts und/oder links herum, die Hände können gefasst sein„; das wird mit zwei Grafiken noch einmal veranschaulicht (39); ähnlich bei „Schlangenlinien“, vorwärts und rückwärts gehen (41). Die Schritte auf S. 41 bzw. 42 erscheinen auf S. 49 noch einmal; S. 65 bzw. 66 auf S. 69 noch einmal. Immer wieder Redundanzen. Beim pantomimischen „Ratespiel mit einem Gegenstand“ werden als Material „2 bis 3 verschiedene Gegenstände“ vorgeschlagen, als „Beispiele“ werden 10 Gegenstände aufgeführt, darunter „Schuh“, dann abschließend in Klammern: „Es eignet sich eigentlich jeder Gegenstand“ (85). Auf der selben Seite folgt unter „Praxishinweis„: „zum Beispiel hält sich eine Person einen Schuh ans Ohr und plaudert munter hinein“ (85); auf der folgenden Seite heißt es unter „Beispiele„: „Ein Schuh wird zum Telefon„; unten auf S. 86 wird das Schuh-Telefon durch zwei kleine Bilder illustriert. Auf S. 96 „zum Beispiel ein Fahrrad …“, „zum Beispiel ein Fahrradgeschäft…“ „zum Beispiel steigt begeistert auf das Fahrrad …“.

(4) Versöhnlich stimmen die mehrfachen Mahnungen, dass es beim Spiel kein Falsch gibt und es vor allem auf den Spaß ankommt - „oftmals ist das Tun wichtiger als das Ergebnis!“ (15); „Freude am Tanzen steht immer über einer umfassenden Choreographie“ (37). Freilich passt dazu wenig, wenn ein Gefühlsausdruck sehr genau beschrieben wird (79 f) oder Spieler dazu ermutigt werden, „als alter Mann mit krummen (sic) Rücken und imaginären (sic) Stock zu schlurfen“ (83).

Fazit

Ein schmales Bändchen mit bekannten, einfachen Spielen, ausführlich und mit vielen Beispielen dargestellt; brauchbar allenfalls für erste Spielleitungsversuche.


Rezensent
Prof. Dr. Hans Wolfgang Nickel
Institut für Spiel- und Theaterpädagogik der Universität der Künste Berlin
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Kommentare

Anmerkung der Redaktion: Die Rezension wurde am 14.09.2011 veröffentlicht. Am 25. 02.2012 wurden folgende Stellungnahme der Autorin und eine Antwort des Rezensenten ergänzt:

I. Stellungnahme der Autorin zur Rezension

Als Autorin des rezensierten Buches gebe ich folgende Stellungnahme zur Rezension ab:

(1) „das Bändchen ist bemerkenswert schlampig lektoriert...“ Das Buch erscheint bei Juventa, einem angesehenen großen Verlag, der mein Buch genommen hat, weil er es für sehr gut befunden hat. Möglicherweise sind der Lektorin bei der Zeichensetzung Fehler unterlaufen, doch den Vorwurf von unsinnigen Sätzen kann ich nicht annehmen, dazu wurde das Buch zu oft von vielen verschiedenen Menschen Korrektur gelesen.

(2) „Fehlendes Lektorat auch bei unbeholfenen Formulierungen....“ Ich habe versucht den LeserInnen möglichst klar und auch bewusst einfach die Spielideen zu beschreiben, damit sie selbst den Mut zur Umsetzung bekommen und es ihren beruflichen Umständen anpassen können.

(3) „Ärgerlich der diffuse Kulturbegriff...“ Bewusst habe ich keine großen theoretischen Abhandlungen über Kultur beschrieben. Ich wollte ein PraxisBuch schreiben, bei dem es um sofort umsetzbare Spielideen geht.

(4) „Freilich passt dazu wenig, wenn ein Gefühlsausdruck sehr genau beschrieben wird...“ Spieler dazu ermutigt werden „als alter Mann mit krummen Rücken und imaginären Stock zu schlurfen“

Dies ist mein Hauptkritikpunkt an Herrn Prof. Dr. Nickel! Er geht überhaupt nicht darauf ein, dass es sich um ein Praxisbuch für Menschen mit geistiger Beeinträchtigung handelt, Menschen mit sehr unterschiedlichen physischen und psychischen Befindlichkeiten, einige sind sehr schüchtern, sprechen sehr wenig und leise, andere sprechen immer wieder das selbe, die meisten benötigen viel Beistand und Unterstützung. Menschen die mit geistig und oftmals auch körperlich Beeinträchtigten arbeiten, werden mir recht geben. Ich kann auf 20 Jahre Praxiserfahrung zurückgreifen und weiß, wie gerne TeilnehmerInnen z.B. meine ermutigenden Vorschläge zur Verdeutlichung ihrer gespielten Rolle annehmen (selbst hätten sie es nicht gewagt) und wenn die anderen TeilnehmerInnen anerkennend klatschen, strahlen sie und versuchen es sich zu merken. Einige schaffen dies, andere haben es beim nächsten Mal wieder vergessen, schauen mich an und hoffen, dass ich ihnen helfe (was ich natürlich gerne tue, denn es geht um das Glücksempfinden der TeilnehmerInnen) . Ich habe den Eindruck dass Herr Nickel noch nie mit Menschen mit geistiger Beeinträchtigungen gearbeitet hat. Mein Buch richtet sich nicht an Theaterfachleute sondern an z.B. Heilerziehungspfleger, Sozialpädagogen, Pflegepersonal und sonstige sozialen Berufe, die mit Menschen mit geistiger Beeinträchtigung tanzen, musizieren und Theater spielen wollen, obwohl sie selbst wenige oder gar keine Vorkenntnisse in diesen Bereichen haben.

Den Vorwurf, dass ich bekannte Spielideen verarbeite, kann ich insofern verstehen, als Herr Prof. Dr. Nickel sich als Theaterpädagoge an der Universität der Künste Berlin mit solchen Inhalten schon viel beschäftigt hat. Doch würde ich ein PraxisBuch über „Musizieren in einer Band“ schreiben, würde ich auch auf den Blues eingehen, obwohl er auch allgemein bekannt ist. Dass ich einfache Spiele ausführlich und mit vielen Beispielen dargestellt habe und es für erste Spielversuche geeignet ist, empfinde ich als Kompliment, dies war meine Intention.

II. Antwort des Rezensenten auf die Stellungnahme der Autorin

Zu 1 und 2: Mein Vorwurf („schlampig lektoriert“) geht an das Lektorat. Juventa ist sicherlich ein „großer angesehener Verlag“; das zeigt er allerdings in dieser Publikation nicht. Ob mein Vorwurf berechtigt ist, können LeserInnen gut überprüfen, wenn sie sich einzelne der von mir (exemplarisch!) zitierten Sätze anschauen.

Zu 4: „Beistand und Unterstützung“. Hier steckt ein Problem: die Dosierung, das „rechte Maß“ an Hilfe. Dafür gibt keine einfache Regel. Zögerlicher oder fehlender Beistand kann entmutigen; er kann Eigenkräfte wach rufen; schneller und kräftiger Beistand kann beflügeln – er kann die eigene Kraft lähmen, eine eigene Entwicklung erschweren. Der Spielleiter muss, je nach Spieler und Situation, seine Hilfen dosieren, seine Entscheidungen (wahrscheinlich) auch wieder revidieren. In dem von mir zitierten Beispiel („als alter Mann mit krummen (sic) Rücken und imaginären (sic) Stock zu schlurfen“ , 83) – also mit drei Gestaltungsvorschlägen (alt = krummer Rücken + Stock + schlurfen) – finde ich zu viele Spielhilfen (oder Darstellungsaufgaben!), zu viele Aufmerksamkeitspunkte für den Spieler (und zu wenig Gestaltungsfreiheit). Und als Ergebnis befürchte ich einen „alten Mann“, der mit heutigen Senioren wenig Ähnlichkeit hat. Ein wirklicher (etwas zu kurzer) Stock hätte den Spieler wahrscheinlich besser „unterstützt“ und eher zum Spielen befreit.


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Zitiervorschlag
Hans Wolfgang Nickel. Rezension vom 14.09.2011 zu: Barbara Sahm: Tanzen, Musizieren, Theater spielen. Spielideen für Menschen mit geistiger Beeinträchtigung. Juventa Verlag (Weinheim) 2011. ISBN 978-3-7799-2079-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11720.php, Datum des Zugriffs 20.09.2019.


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