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Theresia Volk: Unternehmen Wahnsinn

Cover Theresia Volk: Unternehmen Wahnsinn. Überleben in einer verrückten Arbeitswelt. Kösel-Verlag (München) 2011. 240 Seiten. ISBN 978-3-466-30906-1.
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Zwischen professioneller Unterforderung und struktureller Überforderung

Die Widerworte, kritischen Einlassungen und Klagen darüber, wie der Mensch in der kapitalistischen Arbeitswelt funktioniert, entpersönlicht wird und um das Überleben kämpft (vgl. dazu: Jacob A. Goedhart, Über-Leben, Halle 2006, www.socialnet.de/rezensionen/10087.php), sind vielfach zu hören; nicht nur in der Kapitalismuskritik (siehe dazu u.a.: Sarat Sarkar, Hrsg., Die Krisen des Kapitalismus. Eine andere Studie der politischen Ökonomie, Neu Ulm 2010, www.socialnet.de/rezensionen/12301.php, Joseph Vogl, Das Gespenst des Kapitals, Zürich 2010, http://www.socialnet.de/rezensionen/10929.php ), sondern auch im Diskurs um die Frage, was der Mensch zum Leben braucht ( Karl-Georg Zinn, Wie Reichtum Armut schafft. Verschwendung, Arbeitslosigkeit und Mangel, Köln 2006, www.socialnet.de/rezensionen/4493.php, sowie: Elinor Ostrom, Was mehr wird, wenn wir teilen, München 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11224.php). Es sind Alltags-m Umwelt- und politische Kritiken (Klaus Töpfer, Ranga Yogeshwar, Unsere Zukunft. Ein Gespräch über die Welt nach Fukushima, München 2011, Norbert Blüm, Ehrliche Arbeit. Ein Angriff auf den Finanzkapitalismus und seine Raffgier, Gütersloh 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11382.php), und es sind anthropologische Einwürfe (Bernhard Rathmayr, Selbstzwang und Selbstverwirklichung. Bausteine zu einer historischen Anthropologie der abendländischen Menschen, Bielefeld 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11820.php) wie Aspekte der Psychodynamik der Arbeitswelt (Karl König, Arbeit und Persönlichkeit, www.socialnet.de/rezensionen/12072.php), mit denen die Entwicklungen charakterisiert, angeprangert und analysiert werden, die sich als Ohnmächte, Zwänge und Imponderabilien in der Arbeitswelt darstellen.

Entstehungshintergrund und Autorin

Die Kämpfe gegen Windmühlenflügel, Unmenschlichkeiten und den „ganz normalen Wahnsinn“ im Arbeitsalltag, der in vielen beruflichen Tätigkeiten zu Stress-, Überforderungs- und Burn out-Symptomen führt, werden an vielen theoretischen und praktischen Fronten geführt, ökonomisch, gewerkschaftlich, ethisch und wissenschaftlich. Die Augsburger Supervisorin, Lehrtrainerin und Organisationsentwicklerin Theresia Volk will mit ihrem Buch weder Schuldige noch Sündenböcke benennen, keine Rezepte liefern; sie schlägt auch „keine ultimative Auflösung der menschlich-organisationalen Misere“ vor, sondern zeigt die Kontexte auf, wie es gelingen kann, dem organisationalen Wahnsinn den Sinn – das Zusammenhängende – ab(zu)ringen“. Sie zeigt Symptome auf, diagnostiziert die ökonomischen und gesellschaftlichen Zustände und schlägt Therapiemöglichkeiten vor, um – zuallererst – einen radikalen Perspektivenwechsel, einen Blick über die realen Organisationen und scheinbaren Wirklichkeiten werfen zu können, Wahrnehmungsstörungen und mentale Ambivalenzen zu erkennen, Perspektiven im Tätigsein zu erweitern und fundamental und fruchtbar bei den Selbstgewissheiten zu irritieren.

Aufbau und Inhalt

Die Autorin gliedert demnach das Buch in drei Teile.

Im ersten Kapitel benennt sie die sieben Symptome, die sich im alltäglichen, privaten und beruflichen Leben der Menschen darstellen: „Bewegungsseher“, die nicht sehen was ist, sondern was sich um sie herum tut und hysterisch und panisch darauf reagieren; die „Gewinnmaximierer“, die das Symptom der gefühlten Wirkungslosigkeit in sich tragen; die „Powerpoint-Foliisten“, bei denen das Primäre und Wirkliche aus dem Blick gerät; die „Narzissten“ und „Selbsterreger“, die sich in ihrer scheinbaren Wichtigkeit selbst bespiegeln; die „Verwechsler von Ursache und Wirkung“, die über den Weg stolpern, weil sie nur die Resultate und Gewinne im Blick haben; die „Sprachperversionisten“, die etwas beschwören wollen, was nicht gegeben ist; die „Projektisten“, die voran- und immer weiter hasten;

Im zweiten Teil werden einige gängige Diagnosen zum Zustand der modernen Arbeits- und Unternehmenswelt diskutiert, wie die „Beschleuniger“, die sich in der (nicht vorhandenen) Beschleunigungsfalle wähnen und die Gleichzeitigkeit der Dinge und Zustände übersehen; die „Selbstoptimisten“, die ihre eigene Selbsterschöpfung produzieren; die „Isolisten“, die sich in der Sehnsucht nach Führung selbst gefangen nehmen; die „Change-Alarmisten“, die übersehen, dass die Probleme der Globalisierung sich in der Konzentration von Macht und Kapital auf Wenige und Mächtige darstellen; die „Komplexisten“, die Heilsversprechungen glauben und dabei das Denken verlernen; die „Leistungsverdichter“, die zur Ausbeutung antreiben und die „Leistungsgüte“ vergessen; und die „Gierigen“ und „Tunnelblicker“, die zur Verwahrlosung führen.

Im dritten Teil werden Therapien vorgeschlagen, die nicht in erster Linie angewandt werden können, um Probleme und Schwierigkeiten zu lösen, sondern sie, nach C. G. Jung, zu „überwachsen“, wie etwa „diskret wirken“ in der Kombination von „Reifung + Wandlung statt Aktion + Handlung“. Des weiteren „sich beziehen“, nämlich Vertrauen aufbauen und kooperieren. „Selbständig denken“ statt denken lassen und Wissen nicht mit Recht haben verwechseln. Eine „gute Wut“ entwickeln und damit Formen des Widerstandes einüben. Die Frage nach dem richtigen Maß stellen und sich auf die Suche nach dem eigenen Schaffensgrund zu machen. Etwas Sein- und Loslassen können, und, nach Arnold R. Beisser zu erkennen: „Veränderung geschieht, wenn jemand wird, was er ist, nicht wenn er versucht, etwas zu werden, was er nicht ist“. Und schließlich: Einschränkungen als Innehalten und Kreativitätstreiber erkennen und sich bewusst zu werden, dass es nicht immer Lösungen gibt, sondern Wege, die es lohnt zu gehen.

Fazit

Die eigentlich selbstverständliche und doch so schwierig in die Wirklichkeiten des Alltags umzusetzende Wahrheit, dass es weder nötig noch möglich ist, alles immer „richtig“ zu machen, noch ob dieser Wirklichkeit daran zu verzweifeln und alles liegen und stehen zu lassen, bedarf es sich bewusst zu machen, also zwischen Ohnmacht und Größenwahn zu unterscheiden. Theresia Volk gelingt es in ihrem Buch mit dem aufsehenserregenden und aufreizenden Titel „Unternehmen Wahnsinn“ zu argumentieren und zu überzeugen, dass Menschen ihre Arbeitskraft nicht für sinnlose und uneinsichtige Tätigkeiten einsetzen sollten, sondern für Herausforderungen, die ihnen einleuchten. Der leistungsorientierte Leser wird sicherlich nicht mit allen Argumentationen und Situationsschilderungen etwas anfangen können, die die Autorin in ihrem Buch thematisiert; aber es kann gelingen, „uns nicht weiter verwirren oder lädieren zu lassen“.

Insofern ist die Arbeit durchaus als „Ratgeber“ zu verstehen, für alle diejenigen, die „in einer verrückten Arbeitswelt“ nicht nur überleben, sondern würdevoll leben wollen.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 29.12.2011 zu: Theresia Volk: Unternehmen Wahnsinn. Überleben in einer verrückten Arbeitswelt. Kösel-Verlag (München) 2011. ISBN 978-3-466-30906-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11726.php, Datum des Zugriffs 22.09.2019.


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