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Tessa Baradon, Carol Broughton u.a.: Psychoanalytische Psychotherapie mit Eltern und Säuglingen

Rezensiert von Prof. Dr. Ariane Schorn, 14.03.2012

Cover Tessa Baradon, Carol Broughton u.a.: Psychoanalytische Psychotherapie mit Eltern und Säuglingen ISBN 978-3-608-94668-0

Tessa Baradon, Carol Broughton, Iris Gibbs, Jessica James, Angela Joice, Judith Woodhead: Psychoanalytische Psychotherapie mit Eltern und Säuglingen. Grundlagen und Praxis therapeutischer Hilfen. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2011. 280 Seiten. ISBN 978-3-608-94668-0. 32,95 EUR. CH: 46,90 sFr.
Übersetzt von Maren Klostermann.

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Entstehungshintergrund und Thema

Das vorliegende Buch erschien 2005 unter dem Titel „The Practice of Psychoanalytic Parent-Infant Psychotherapy: Claiming the Baby“ und liegt nun in einer Übersetzung durch Maren Klostermann vor.

Neben Ausbildung und Forschung zeichnet sich das renommierte Londoner Anna Freud Centre durch verschiedene Dienstleistungen aus. Hierzu gehört das 1997 begründete „Parent-Infant Project“, das belasteten jungen Familien Beratung und therapeutische Unterstützung anbietet. 2003 begannen die TherapeutInnen des Projekts mit der Manualisierung der hier entwickelten Eltern-Säuglings-Psychotherapie. Eine abgewandelte Version dieses Manuals ist die Grundlage des Buches.

Die Autorinnen – erfahrene Kinder- und Jugendpsychotherapeutinnen/-analytikerinnen und Gruppentherapeutinnen – stellen mit ihrem Buch ein psychoanalytisch und bindungstheoretisch fundiertes Modell Früher Hilfen vor, das auf die Stärkung der elterlichen Beziehungskompetenz und die Förderung kindlicher Entwicklungsschritte abzielt.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in drei Teile, denen insgesamt zwölf Kapitel zugeordnet werden.

Teil I: „Die Theorie der Eltern-Säuglings-Psychotherapie“

Der erste Teil entfaltet in vier Kapiteln den klinischen und entwicklungspsychologischen Hintergrund der Eltern-Säuglings-Psychotherapie.

  • Im 1. Kapitel („Die Eltern-Säuglings-Beziehung und die seelische Gesundheit des Babys“) skizziert Angela Joyce die Bedeutung elterlicher Beziehungskompetenz für die gesunde Entwicklung eines Säuglings.
  • Kapitel 2 (Tessa Baradon & Angela Joyce: „Die Theorie der psychoanalytischen Eltern-Säuglings-Psychotherapie“) arbeitet die Ziele der Eltern-Säuglings-Psychotherapie heraus.
  • Daran anknüpfend geht Tessa Baradon im 3. Kapitel („Der therapeutische Rahmen“) auf Setting, Teilnehmer sowie diagnostische und methodische Aspekte ein.
  • Im 4. Kapitel beschreibt dieselbe Autorin „Schlüsseltechniken der Intervention“.

Teil II: „Der therapeutische Prozess“

Teil II gliedert sich ebenfalls in vier Kapitel. Beschrieben werden hier charakteristische Prozesse und typische Herausforderungen, die in den verschiedenen Phasen des therapeutischen Prozesses zu beobachten sind.

  • Iris Gibbs skizziert in Kap. 5 („Eltern-Säuglings-Psychotherapie: Kontaktaufnahme und Beginn der Arbeit“) die Aufgaben der Psychotherapeutin/des Psychotherapeuten in der Anfangsphase der Eltern-Säuglings-Psychotherapie. Beleuchtet werden hier Aspekte wie die Zuweisung, der Beziehungsaufbau, die Bildung einer psychodynamischen Hypothese und die Vereinbarung der Behandlungsmodalität.
  • In Kap. 6 („Die mittlere Phase: Elaboration und Konsolidierung“) legt Carol Broughton die Ausgestaltung des therapeutischen Prozesses sowie die Aufgaben der Therapeutin/des Therapeuten in der mittleren Phase der Therapie dar, die für die Veränderung der Eltern-Säuglings-Beziehung als zentral zu sehen ist.
  • Judith Woodhead setzt sich in Kap. 7 („Das Ende einer Eltern-Säuglings-Psychotherapie“) mit der Abschlussphase und dem Bemühen um eine „hinlänglich gute“ Beendigung des therapeutischen Prozesses auseinander.
  • Der zweite Teil des Buches schließt mit einem Aufsatz von Jessica James („Analytische Gruppenpsychotherapie mit Müttern und Säuglingen“), in dem die Struktur und der Prozess einer analytischen Mutter-und-Baby-Gruppe beschrieben werden.

Teil III: „Klinische Aufsätze“

In Teil III werden in vier Beiträgen verschiedene Schwerpunkte der Arbeit mit jungen Familien beleuchtet.

  • In Kap. 9 („Eine Kurzintervention in Form eines therapeutischen Intervision“) zeichnet Angela Joyce eine sich über zwei Tage erstreckende Beratungssitzung nach.
  • Tessa Baradon & Carol Broughton zeigen in Kap. 10 („Ansätze für Veränderung in der Eltern-Säuglings-Psychotherapie“) anhand von drei ausgewählten Therapiesitzungen, wie sich psychodynamische Behandlungshypothesen in die therapeutische Arbeit einweben lassen.
  • Im 11. Kapitel („Wechselnde Dreiecke: Vaterbilder in Sequenzen aus der Eltern-Säuglings-Psychotherapie“) untersucht Judith Woodhead die Bedeutung des Dritten in und für die Mutter-Kind-Beziehung. Es wird aufgezeigt, wie sich durch therapeutische Interventionen auch bei Abwesenheit des Vaters triadische Erfahrungen erschließen lassen, die wiederum neue Beziehungsmöglichkeiten eröffnen.
  • Im letzten Kapitel des Buches („Die Entwicklung einer Kultur, in der Veränderung möglich wird in der gruppenanalytischen Psychotherapie für Mütter und Säuglinge“) beschreibt Jessica James abschließend das therapeutische Potential einer halb-offenen Psychotherapiegruppe für Mütter und ihre Säuglinge.

Fazit

Das vorliegende Buch stellt sich mir als eine echte Bereicherung auf dem Fachbuchmarkt dar. Den Autorinnen gelingt es, systematisch und verständlich den theoretischen Hintergrund der Eltern-Säuglings-Psychotherapie zu entfalten. Als eine besondere Stärke des Buches ist hervorzuheben, dass Prozesse, Interventionen und Methoden nicht nur benannt, sondern eindrücklich an z.T. sehr ausführlichen Beispielen entfaltet werden (z.B. in Form von dialogischen Therapieprotokollen). Dies ermöglicht der Leserin/dem Leser, tatsächlich Einblick in das konkrete therapeutische Arbeiten bzw. in die therapeutischen Prozesse zu gewinnen.

In der Einführung weisen die Autorinnen darauf hin, dass sie sich darum bemüht haben, die Texte so zu verfassen, dass sie nicht nur für Fachleute geeignet sind, sondern auch von Menschen mit Gewinn zu lesen sind, die keine oder wenig psychoanalytische bzw. entwicklungspsychologische Vorkenntnisse mitbringen. Ob dies gelungen ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Zutreffend ist aber, dass das Buch in einer gut verständlichen Sprache verfasst ist, Fachbegriffe eingeführt und erläutert werden und sich eben auch anhand der ausgeführten Beispiele vertiefend angeeignet werden können. Als positiv stellt sich mir weiterhin dar, dass der Aufbau des Buches eine flexible Nutzung erlaubt: Es kann als Ganzes gelesen werden, möglich ist aber auch, sich je nach Interesse einzelne Kapitel herauszunehmen, die wiederum in sich sinnhaft abgeschlossen sind.

Zu empfehlen ist das Buch Fachkräften, die mit belasteten jungen Familien arbeiten: Kinder- und JugendlichenpsychotherapeutInnen bzw. -analytikerInnen, Fachkräfte der Kinder- und Jugendhilfe oder auch Familienhebammen. Als geeignet erscheint es mir aber auch für Ausbildungszusammenhänge. Profitieren können weiterhin interessierte Laien.

Rezension von
Prof. Dr. Ariane Schorn
Fachhochschule Kiel, Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit
Entwicklungspsychologie, Qualitative Sozialforschung, Psychosoziale Beratung, Supervision
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Es gibt 19 Rezensionen von Ariane Schorn.

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Zitiervorschlag
Ariane Schorn. Rezension vom 14.03.2012 zu: Tessa Baradon, Carol Broughton, Iris Gibbs, Jessica James, Angela Joice, Judith Woodhead: Psychoanalytische Psychotherapie mit Eltern und Säuglingen. Grundlagen und Praxis therapeutischer Hilfen. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2011. ISBN 978-3-608-94668-0. Übersetzt von Maren Klostermann. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11736.php, Datum des Zugriffs 31.01.2023.


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