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Rüdiger Kißgen, Norbert Heinen (Hrsg.): Familiäre Belastungen in früher Kindheit

Cover Rüdiger Kißgen, Norbert Heinen (Hrsg.): Familiäre Belastungen in früher Kindheit. Früherkennung, Verlauf, Begleitung, Intervention. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2011. 314 Seiten. ISBN 978-3-608-94685-7. 34,95 EUR.
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Herausgeber und Entstehungshintergrund

Prof. Dr. Rüdiger Kißgen und Prof. Dr. Norbert Heinen sind beide an der Humanwissenschaftliche Fakultät der Universität zu Köln tätig.

Das Buch basiert auf einem wissenschaftlichen Kongress mit dem Titel: Kölner Forum Frühe Kindheit 2010 – Entwicklung: Ausgangslagen und Verläufe aus interdisziplinärer Perspektive“, der im Oktober 2010 von der Humanwissenschaftliche Fakultät der Universität zu Köln veranstaltet wurde.

Thema

In den ersten Lebensjahren werden die Weichen für die emotionale, kognitive, soziale und kulturelle Entwicklung für das weitere Leben gestellt. Die Kinder sind zunehmend Risiken und Belastungen ausgesetzt. Ein adäquates Reagieren erfordert große Fachlichkeit in Diagnostik, Therapie und Intervention sowie eine interdisziplinäre Vernetzung.

In enger Verzahnung zwischen Theorie und Praxis sollen in diesem Buch aus dem Blickwinkel unterschiedlicher Disziplinen aktuelle Forschungsergebnisse und Praxiskonzepte dargestellt und Impulse für die Arbeit mit Kindern im Vorschulalter und ihren Familien gegeben werden.

Aufbau

Martin Dornes (Frankfurt) führt in das Thema ein, klärt über Mythen und Fakten zum Erziehungsnotstand auf und wendet sich gegen die „Erziehungskatastrophe“. Moderne Eltern, Kinder und Jugendliche sind besser als ihr Ruf, so Dornes.

Nach dieser ausführlichen Einführung sind die Beiträge des Buches zu vier Themenbereichen zusammengefasst.

Teil 1: Belastungsszenarien in früher Kindheit

Die vier Beiträge dieses Teils thematisieren jeweils einzelne Belastungsszenarien für die Entwicklung im Säuglings-, Kleinkind- und Vorschulalter:

  • Psychische Belastung von Eltern frühgeborener Kinder (Angela Kribs, Köln; Sabine Jerchel, Hofheim und Norbert Heinen, Köln)
  • Postpartale Depression (Hans-Peter Hartmann, Heppenheim)
  • Depressive Störungen im Kleinkind- und Vorschulalter (Peter Rossmann, Graz)
  • (Geistige, körperliche oder Sinnes-) Behinderung als Risikofaktor für die Ausbildung psychischer Störungen (Klaus Sarimski, Heidelberg)

Es werden jeweils Ergebnisse zum aktuellen Forschungsstand präsentiert.

Teil 2: Früherkennung und Diagnostik

In diesem Teil liegt der Schwerpunkt auf der frühen Erkennung von Anzeichen von Fehlentwicklungen oder Entwicklungsstörungen.

Karin Grossmann (Regensburg) macht auf die Kennzeichen stillen Leidens aufmerksam, die z.B. in Kinderkrippen beobachtet werden können und nicht übersehen werden dürfen, aber so leicht übersehen werden.

Frans Coninx (Köln) weist auf die Bedeutung der Hörscreenings in der frühen Kindheit hin; das Neugeborenenscreening ist ein guter Anfang, aber nicht das Ende der Vorsorgeuntersuchungen, weil eine Zunahme kindlicher Hörstörungen mit dem Alter zu beobachten ist. Er beschreibt spezifische Verfahren für das Kleinkind- und Kindergartenalter.

Fütterprobleme werden von Eltern häufig berichtet, Gedeihstörungen wesentlich seltener. Carola Bindt (Hamburg) behandelt das Thema von der Klassifikation bis zu Behandlungsstrategien, betont eine multifokale, psychosomatische Perspektive und weist auf die Bedeutung einer interdisziplinären Kooperation, auch mit Angeboten der „Frühen Hilfen“ hin.

Sven Bölte (Stockholm) stellt die Bedeutung der Früherkennung der Autismus-Spektrum-Störungen dar sowie Instrumente zur Frühdiagnose.

Teil 3: Verlauf und Begleitung

Die ersten drei Beiträge dieses Teils beschäftigen sich mit der außerfamiliären Betreuung, vor allem in der Kinderkrippe:

  • Hans-Günther Roßbach (Bamberg) thematisiert langfristige Auswirkungen außerfamiliärer frühkindlicher Betreuung. Er stellt einen positiven Effekt im kognitiv-leistungsbezogenen Bereich heraus, vorausgesetzt die Kinderkrippe hat hohe Qualität. Ob durch frühe Betreuung ein kompensatorischer Effekt erzielt werden kann, ist jedoch unsicher.
  • In den ersten drei Lebensjahren ist Bildungsqualität vor allem Bindungsqualität, so Fabienne Becker-Stoll (München). Sie fordert ausreichende Ressourcen und Kompetenzen für die pädagogische Fachkraft. Anschließend wird die Qualität der Kindertageseinrichtungen (einschließlich Krippen) im Vergleich zwischen den Bundesländern sowie der Kinderkrippen im EU-Vergleich dargestellt.
  • An zwei Fallbeispielen aus der Wiener Kinderkrippenstudie erläutern Wilfried Datler, Maria Fürstaller und Katharina Ereky-Stevens (Wien) den Beitrag der Kinder im Eingewöhnungsprozess in die Kinderkrippe. Besonderes Augenmerk brauchen die Kinder, die still leiden.

Die beiden weiteren Beiträge haben die Frühgeborenen im Fokus:

  • In einem kurzen Beitrag beschreibt Jennifer Jaque-Rodney (Bochum) die Aufgaben einer Familienhebamme und deren Arbeit in Bochum.
  • Eine Umfrage bei Frühgeborenenstationen in Deutschland ergab, dass in den letzten Jahren ein Umdenken stattgefunden hat und die Situation auf vielen Stationen mittlerweile kind- und familienorientiert ist (Corinna Offermann, Karlsruhe; Rüdiger Kißgen, Köln).

Teil 4: Intervention und Therapie

Diesen Teil eröffnet Mechthild Paul (Köln), die über die Aufgaben des Nationalen Zentrum Frühe Hilfen (NZFH), die darüber geförderten Modellprojekte und zukünftige Herausforderungen berichtet.

Eine wichtige Säule im Gefüge früher Hilfen stellt die Interdisziplinäre Frühförderung dar. Tordis Horstmann (Köln) kennzeichnet sie als Komplexleistung und geht dabei besonders auf die Begleitung der Eltern ein.

Oppositionelles Verhalten und Trotzverhalten sind häufige Verhaltensauffälligkeiten im Kleinkindalter. Èva Hédervári-Heller (Potsdam) stellt in Fallbeispielen therapeutische Interventionen dar.

Zum Abschluss weist Karl Heinz Brisch (München) auf die Rolle elterlicher Traumatisierung bei der Entwicklung kindlicher Verhaltensstörungen bzw. Bindungsstörungen hin. Als Instrument der Prävention stellt er sein Elternprogramm SAFE® ausführlich dar.

Diskussion

Das Buch beginnt mit den aufschlussreichen Ausführungen von Martin Dornes. Er wendet sich gegen den ausufernden Pessimismus der Katastrophenszenarien und bringt es auf den Punkt, dass es zu keiner Zeit den meisten Kindern und Jugendlichen so gut ging wie heute. Das entbindet aber nicht von der Aufgabe, besonders die Kinder und die Familien im Auge zu haben und ihnen zu helfen, für die die obige Aussage nicht gilt.

In den weiteren Teilen werden jeweils Themenschwerpunkte gesetzt, z.B. Risiken, die bisher vernachlässigt wurden, und jetzt verstärkt Aufmerksamkeit erhalten (Depression im Kleinkindalter, behinderte Kinder im Rahmen der Inklusionsdebatte im ersten Teil) oder Teilpopulationen, die durch gesellschaftliche Veränderungen oder den medizinischen Fortschritt in den Fokus treten (kleine Kinder in Tageseinrichtungen und Frühgeborene im dritten Teil).

Die Beiträge sind informativ und auf dem Stand der Zeit. Bei dem Beitrag von Heinen und Mitarbeiterinnen wird aber z.B. von einer Pilotstudie aus 2006 berichtet. Hier wäre es interessant zu erfahren, ob und wenn ja, mit welchen Ergebnissen die Studie weitergeführt wurde.

Zielgruppe

Alle Berufsgruppen, die für die Verbesserung der Lebenssituation von Kindern und ihren Familien arbeiten – Erzieherinnen, Heilpädagoginnen, Erziehungsberaterinnen, Psychologinnen, Ärztinnen, Sozialarbeiterinnen, Ergotherapeutinnen, Logopädinnen, Hebammen, Studierende der entsprechenden Fachrichtungen.

Fazit

Ein „rundes“ Buch, in dem die Themen aus dem Untertitel gut aufbereitet und dargestellt werden.


Rezension von
Dr. Dipl.-Psych. Lothar Unzner
Leiter der Interdisziplinären Frühförderstellen im Landkreis Erding im Einrichtungsverbund Steinhöring
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Zitiervorschlag
Lothar Unzner. Rezension vom 07.11.2011 zu: Rüdiger Kißgen, Norbert Heinen (Hrsg.): Familiäre Belastungen in früher Kindheit. Früherkennung, Verlauf, Begleitung, Intervention. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2011. ISBN 978-3-608-94685-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11737.php, Datum des Zugriffs 17.06.2021.


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