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Robert Spaemann: Nach uns die Kernschmelze

Cover Robert Spaemann: Nach uns die Kernschmelze. Hybris im atomaren Zeitalter. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2011. 112 Seiten. ISBN 978-3-608-94754-0. 12,95 EUR, CH: 19,90 sFr.
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„Der Träge hat kein Gestern“ – Vernunft und Skepsis in Fragen der Kernenergie

„ER: War das notwendig?
SIE: Nein, aber möglich.“ (Schwab 2010, 21)

Kernenergie steht in einem engen Verhältnis zu den Lebensgrundlagen des Menschen - „Der Mensch zerstört, wenn er seine Natur zerstört, seine eigene Existenzgrundlage.“ (Spaemann 2011, 36). Am 24. Mai 2011 hat TEPCO (Tokyo Electric Power Company www.tepco.co.jp/en) die Öffentlichkeit darüber informiert, dass in allen drei aktiven Reaktoren in Fukushima eine Kernschmelze eingesetzt hat. In Deutschland war die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit aber bereits auf eine andere Bedrohung gerichtet – eine EHEC-Epidemie breitete sich in Norddeutschland aus und forderte die ersten Todesopfer.

Ereignisse, bei denen Menschen ums Leben kommen bündeln die Aufmerksamkeit der Beobachter und lassen sehr schnell die Frage nach dem „Warum“ auftauchen – die Beschleunigung der Gegenwart und der schier unbegrenzte Zugriff auf Ereignisse vermittelt durch Medien, konstruiert einen permanenten Zustand der Betroffenheit – ein Zustand, an den sich die Menschen immer mehr zu gewöhnen scheinen. „Es gibt keine Erste, Zweite oder Dritte Welt, es gibt nur eine Welt. … In dieser Welt begegnen sich die Menschen unabhängig von ihrer räumlichen Distanz als Nachbarn. Diese Nachbarschaft begründet sich weniger ideell als pragmatisch. Die potentiell irreversible Schädigung der natürlichen Lebensbedingungen der Menschen hat dazu geführt, daß erstmals ein menschliches Gemeinsinteresse aufscheint: die weitere Verletzung der Natur zu vermeiden. Die Weltgemeinschaft wird zur Zweckgemeinschaft.“ (Brenner 1998, 51). Die Ereignisse in Fukoshima stehen nun im Zentrum der Aufmerksamkeit dieser Zweckgemeinschaft und „eine der ersten und bleibenden Fragen, mit denen wir uns in der Welt bewegen, ist die Frage nach dem Warum eines Ereignisses … Es gibt zwei verschiedene Richtungen, das Vertraute mit dem Unvertrauten zu verknüpfen. Diesen beiden Richtungen entsprechen die beiden Typen von Antworten, die auf die Warum-Frage gegeben werden können. Der erste Typus bildet Sätze, die sich in einer Konstruktion des „Um … zu“ darstellen lassen, der zweite Typus gibt Antecendensbedingungen und Gesetze an. … Verstehen – die Wiederherstellung des Vertrautseins durch den Nachvollzug einer intentionalen Struktur. … Erklären – die Wiederherstellung des Vertrautseins durch Angabe einer Gesetzmäßigkeit.“ (Spaeman/Löw 2005, 13-17). Die Kernschmelze in Fukushima hat das Thema Atomenergie wieder aktuell werden lassen und Aktualität bedeutet in unserer Gegenwart, dass darüber gesprochen und geschrieben wird – doch: Aktualität ist ein knappes (mediales) Gut. „„Der Träge hat kein Gestern.“, d.h. kein Gedächtnis, keine Vergangenheit. Das Ideal ist demgegenüber der Mensch, der sich erinnern kann … Der Verlust der Vergangenheit ist gleichbedeutend mit dem Verschwinden von Dankbarkeit, Vergeltung, Verantwortung, Solidarität, Gemeinsinn, Recht und Gerechtigkeit.“ (Assmann 2000, 57-58)

Der Einsatz von Kernenergie bietet periodisch Anlass dazu, sich mit den Chancen, Versprechen und Gefahren dieser Technologie zu beschäftigen – es kann sehr aufschlussreich sein, wenn man dabei auch auf Diskussionen zurückgreift, die einige Jahre zurück liegen, wenn man sich die Argumente näher ansieht, die damals überzeugt haben, oder als unzutreffend beschrieben wurden. Doch eine gewisse Skepsis ist angebracht – Der Träge hat kein Gestern oder wie es Mahatma Gandhi ausdrückte: „Die Geschichte lehrt die Menschen, dass die Geschichte die Menschen nichts lehrt.„Kernenergie trägt von Anbeginn seiner technischen Machbarkeit einen Makel an sich: „Es ist nicht von ungefähr, dass die erste Nutzung der Kernenergie ein Massenmord war, der Massenmord an den Bewohnern von Hiroshima und Nagasaki.“ (Spaemann 2011, 8)

Aus aktuellem Anlass hat Klett-Cotta nun eine kleine Aufsatzsammlung von Robert Spaemann unter dem Titel – „Nach uns die Kernschmelze“ veröffentlicht. Einer der darin enthaltenen Aufsätze ist knapp 30 Jahre alt und gibt dem Leser die Möglichkeit, der Trägheit zu entkommen.

Über Robert Spaemann

Robert Spaemann (Jg. 1927) prägt seit vielen Jahren das philosophische aber auch öffentliche Denken in Deutschland, indem er sich zu Fragen, in denen es um Leben und Tod des Menschen geht, zu Wort meldet. Bis zu seiner Emeritierung lehrte und forschte er knapp 30 Jahre als Professor für Philosophie an verschiedenen deutschen Universitäten(www.uni-stuttgart.de, www.uni-heidelberg.de, www.uni-muenchen.de). Seit 2010 unterrichtet Robert Spaemann am Hausstudium der Abtei Mariawald (www.kloster-mariawald.de).

Après nous le deluge 3.0 – Nach uns die Kernschmelze

Die am 24. Mai 2011 öffentlich bestätigten Kernschmelzen in Fukushima haben der Öffentlichkeit wieder vor Augen geführt, mit welchen Gefahren die Nutzung von Kernenergie verbunden ist. Die Diskussion über Sinn und Unsinn des Einsatzes dieser Technologie wird hitzig geführt – „Technological risks such as cloning, GM-foods, and nuclear energy spark heated and emotional debates. Many people are afraid of the possible unwanted consequences of such technologies. This gives rise to the following normative question: do we need emotions in order to be able to judge whether a technology and its concomitant risks are morally acceptable?” (vgl. die aktuelle Aufsatzsammlung zu diesem Thema, Roeser 2010). Robert Spaemann legt mit seiner aktuellen Publikation Beiträge vor, die in klarer Sprache Sorgen und Bedenken formulieren, ohne einer übersteigerten Emotionalität zu erliegen.

Das Buch versammelt sechs Aufsätze und Interviews zum Thema Kernenergie und Technikfolgenabschätzung. Die ersten beiden Aufsätze sind zugleich die umfangreichsten Arbeiten und stammen aus den Jahren 1979 und 1980. Darin beschäftigt sich Robert Spaemann mit grundlegenden Fragen zum Einsatz von Kernenergie und deren Bedeutung für die politische Verantwortung. Der dritte Beitrag ist ein längeres Interview und kreist um die Frage nach dem Fortschritt als Ideal – Robert Spaemann stellt darin seine Gegenposition vor und erklärt, was er unter dem Fortschritt im Plural versteht. Im folgenden kleinen Beitrag wird nochmals das Gefahrenpotenzial von Kernenergie thematisiert. Die vorliegende Sammlung wird schließlich noch mit einem Interview und einem Aufsatz abgeschlossen, die konkret auf die Ereignisse in Fukushima eingehen.

Diese Sammlung verschiedenster Arbeiten ermöglicht eine Rekonstruktion der Position von Robert Spaemann zur Kernenergie und dessen Einsatz zur Energiegewinnung und ermöglicht es, sich damit in der Diskussion für und wider Kernenergie zu orientieren.

Die Ereignisse in Fukushima sind für den Autor ein Beweis dafür, dass die Politik nicht immer aus Katastrophen lernt oder sogar zu lernen bereit ist - „Three Miles Island – Tschernobyl –Fukushima: Immer waren es unglückliche Zufälle, aus denen man, zum Beispiel in Russland, offenbar nichts lernen kann und zu lernen braucht – jedenfalls nicht zu lernen, dass man aus dieser Technologie aussteigen muss.“ (Spaemann 2011, 7) – Der Träge hat kein Gestern, wie Jan Assmann aus altägyptischen Schriften zitiert hat.

Bei Robert Spaemann findet man Argumente und Überlegungen dafür, weshalb es zu dieser Trägheit kommt und was es mit den in der Diskussion vorgebrachten Argumenten auf sich hat, mit denen der weitere Einsatz von Kernenergie begründet wurde bzw. auch aktuell noch wird (und das gilt für die Diskussionen nach Three Mills, Tschernobyl und Fukushima):

    1. Es gibt keine Alternative zur Kernenergie, andere Energiegewinnungsformen sind noch nicht effektiv genug,
    2. Kernenergie liefert saubere Energie,
    3. Der Einsatz von Kernenergie wird durch den permanenten technischen Fortschritt immer sicherer und die sachgemäße Lagerung von Atommüll immer wahrscheinlicher,
    4. Die Technologie der Kernenergie ist ein Entwicklungsmotor für unterentwickelte Volksw/irtschaften.

Ad a.: Mit dem Fortschreiten der Entwicklung der Volkswirtschaften und dem immer energieaufwändigeren Lebensstil der Menschen steigt der Energiebedarf von Jahr zu Jahr und dieser Bedarf muss gedeckt werden. Im deutschen Energiemix zum Beispiel nimmt der Anteil von Atomstrom 2009 knapp 23% ein, erneuerbare Energien standen mit knapp 16% zu Buche – mit stark steigender Tendenz (www.3sat.de/page/?source=/nano/glossar/energiemix_d.html). Doch ein entscheidender Punkt ist, wie viel Aufwand tatsächlich zur Erforschung alternativer Energiegewinnungsmöglichkeiten betrieben wird. „Man sagt uns, diese Technologie [Kernenergie, HGK] sei im Moment ohne Alternative. Wäre dem so, heiße das, eine unsichtbare, intelligente Hand würde die Entwicklung von Wissenschaft und Technik so steuern, dass immer dann, wenn die Menschheit mit ihrem Überleben und ihrem materiellen Fortschritt in einen Engpass gerät, plötzlich genau die Entdeckung bei der Hand wäre, die allein ermögliche, dass es weitergeht mit dem Menschen.“ (Spaemann 2011, 8). Robert Spaemann prangert damit das vorschnelle Akzeptieren der Rahmenbedingungen an – und das Infragestellen dieser Rahmenbedingungen muss über das öffentliche Bewusstsein laufen - „Der Erfolg kann nur darin bestehen, Nachdenklichkeit zu wecken. Wenn Philosophen heute mehr denn je gefragt werden, hängt es wohl damit zusammen, dass mehr Menschen das Gefühl haben, dass die sogenannten Sachzwänge … eben doch nur Sachzwänge unter gegebenen Voraussetzungen sind. Die Frage aber, welche Sachzwänge wir überhaupt akzeptieren sollten und welche nicht, scheint so recht in niemandes Kompetenz zu fallen.“ (Spaemann 2011, 85)

Ad b.: Die Argumente für den Einsatz von Kernenergie bekommen durch das Problem des Klimawandels ein besonderes Gewicht. „There can be no clearer illustration of the need for human beings to act globally than the issues raised by the impact of human activity on our atmosphere.“ (Singer 2002, 14) Kernenergie wird als emissionsfreien Energiequellen gesehen und nimmt auf Seiten der Befürworter dieser Technologie eine führende Rolle in der Argumentation ein. Der erste Punkt im Visions-Katalog von TEPCO lautete noch vor einiger Zeit: (1) die Einführung von emissionsfreien Energiequellen. (vgl. Kratochvila 2011b wo sich noch die öffentliche Darstellung der TEPCO-Visionen dokumentiert findet – mittlerweile ist die Webpräsenz von TEPCO grundlegend verändert worden, die Visionen sind nicht mehr aufrufbar). Doch auch wenn der Kohlendioxid-Ausstoß von Atomkraftwerken im Vergleich zu Wärmekraftwerken verschwindend gering ist, so reicht der anfallende Atommüll, um die Etikettierung von Kernenergie als saubere Energie als Irreführung zu beschreiben. (eine positive Bilanz zum Atomstrom findet sich hier: www.zeit.de/2010/45/Atommuell-Klimawandel).

Ad c.: Der Castor-Transport bietet periodisch Anlass sich zur Etikettierung von Kernenergie als saubere Energieerzeugung seine Gedanken zu machen (www.castor.de). Auch wenn diese Anlässe genutzt werden, um auf Seiten der Befürworter und der Gegner routinierter Polemik freien Lauf zu lassen, so gibt es am Fazit selbst keinen Zweifel: Die (End- oder Zwischen-)Lagerung von Atommüll ist alles andere als unter Kontrolle. Zu viele Unsicherheiten machen es schwer, an eine Lösung der anfallenden Probleme zu glauben. Schließlich ist das Austreten von radioaktiver Strahlung nicht ausgeschlossen, und dann gilt: „Die Entfesselung radioaktiver Strahlung schafft einen Umstand, der durch keinerlei spätere Entscheidung ungeschehen gemacht werden kann.“ (Spaemann 2011, 45) Robert Spaemann weist auch in seinen Aufsätzen immer wieder darauf hin, dass die Minimierung des Risikos selbst (Erzeugung von Kernenergie, Lagerung der Brennstäbe, usw.), nichts an dem immensen Schaden ändert, der mit der Freisetzung von Radioaktivität entsteht. „Keine noch so weitgehende Minimierung des Risikos kann uns berechtigen, sukzessiv ganze Regionen unseres kleinen Planeten in No-Go Areas oder in Todeszonen zu verwandeln.“ (Spaemann 2011, 7)

Ad d.: Der Einsatz von Kernenergie ist ein ernst zu nehmender Wirtschaftsfaktor, der vor allem in Bezug auf die Entwicklung der Volkswirtschaften gesehen werden muss. Manche Autoren sprechen in diesem Zusammenhang auch von einer zweiten Elektrifizierung: „In the context of a coming „Second Electrification“ of the world economy, large-scale investment into advanced forms of nuclear energy constitutes a uniquely effective means to secure global development and prosperity for the coming decades. The success of such a policy depends, however, on generating a sense of participation of the general population in the work of the nuclear sector.” (Tennenbaum 2010, 180). Der Einsatz der Technologie erfordert sehr hohen Einsatz von Kapital – nicht nur in der Anschaffung der Reaktoren, sondern auch im Betreiben und schließlich der Erhaltung. Doch auch die Erforschung und der flächendeckende Einsatz alternativer Energieformen würde diesen Effekt zeigen – ohne damit die Risiken einzugehen, die in der Atomenergie liegen.

Eines der wichtigsten Argumente in diesem Zusammenhang findet sich bei Robert Spaemann so formuliert - „In unserem Zusammenhang kommt es nur darauf an, dass es eine Pflicht des Menschen gibt, die Welt in einem Zustand zu hinterlassen, in welchem Leben und Freiheit der Nachkommenden nicht auf eine Weise beeinträchtigt werden, von der wir billigerweise nicht erwarten können, dass sie von den Nachkommenden selbst als zumutbar akzeptiert wird.“ (Spaemann 2011, 38) – an anderer Stelle wird dieser nicht zu akzeptierende Zustand auch als „nichttransformierbarer Sachzwang“ bezeichnet („Wir haben nicht das Recht, unseren Nachkommen die Erprobung alternativer Formen des gemeinschaftlichen Lebens unmöglich zu machen durch den Einbau nichttransformierbarer Sachzwänge.“ (Spaemann 2011, 41).

Fazit

Das Buch liefert einige sehr interessante Argumente gegen den Einsatz von Kernenergie und Robert Spaemann ist in der Lage, diese Argumente auch so zu formulieren, dass sie auch für Menschen akzeptabel sein können, die seine Hintergrundannahmen nicht teilen. Der Autor fühlt sich einer Christlichen Ethik verpflichtet und verteidigt diese Ethik mit metaphysischen Postulaten (z.B. als letzten Satz seines Buches) - „Es gibt heute nur einen Verteidiger der Vernunft: Das ist der christliche Glaube. Diese Erkenntnis hat für den Menschen eine verpflichtende, bindende Kraft. Dazu allerdings muss man wieder glauben, dass die Vernunft eine göttliche Wurzel hat.“ (Spaemann 2011, 107). Gerade im dritten Beitrag des Bandes (der sich über weite Strecken mit der Abtreibung und der künstlichen Befruchtung, Euthanasie und Lebensschutz befasst), führen den Autor seine eigenen Annahmen auf theoretisch und empirisch dünnes Eis. Seine ablehnende Haltung gegenüber dem Utilitarismus als ethischer Theorie, wird deren Konzeption auch nicht gerecht (vgl. dazu Hoerster 2003 oder Birnbacher 2006).

Das Buch ist eine gute Möglichkeit, die Geschehnisse in Fukoshima zum persönlichen Anlass zu nehmen, sich Gedanken zu wichtigen Gegenwartsthemen zu machen: Kernenergie, Klimawandel, zukünftige Generationen, Umweltschutz – zu all dem sollten wir eine Position vertreten können – ganz im Sinne der Nachdenklichkeit, die Robert Spaemann eingefordert hat. Dennoch – das Buch wirkt schnell und lieblos zusammengestellt und das ist seine große Schwäche. Kein aktualisiertes Literaturverzeichnis ermöglicht die einfache Vertiefung in die Diskussion, kein Überblick über den Verlauf der Diskussionen seit dem Unfall in Tschernobyl ermöglicht die Einordnung der aktuell vorgebrachten Argumente, kein Bezug auf die aktuelle Situation in Deutschland (Stichwort: Castor Transporte, Kernkraftwerk Krümmel, …). Es wäre wünschenswert gewesen, hätte Robert Spaemann seine Argumente in den Kontext der Ökologischen Ethik und der Verantwortung für zukünftige Generationen gestellt, doch seine dogmatische Verurteilung des Utilitarismus lässt das offenbar nicht zu (vgl. dazu das Buch zur Ökologischen Ethik von D. von der Pfordten 1996, und die Aufsatzsammlung von Partridge 1980 oder Birnbacher 1995).

Wie auch immer: Das Buch sei allen empfohlen, die sich aus aktuellem Anlass eine eigene Meinung zum Thema Kernenergie bilden wollen. Robert Spaemann überzeugt durch seine Sprache und durch seine klare Argumentation. Es ist ein Buch wider die Trägheit – denn „Der Träge hat kein Gestern.“

Wer diese Argumente auch empirisch belegt haben möchte, der sollte zu dem Buch „Rise and Fall of the Carbon Civilisation: Resolving Global Environmental and Resource Problems.“ greifen, das vor kurzem erschienen ist. Darin wird ein fundierter (empirischer) Überblick über den Stand der Technik in der Energieerzeugung gegeben und somit eine wichtige Grundlage für die moralische und politische Diskussion gelegt. Denn zum einen geht es ohnehin um die soziale Akzeptanz der Energiegewinnung: „We conclude that far more reliance will need to be placed on social solutions to our environmental and resource problems, and less on technical fixes.” (Moriarty/Honnery 2011, 2) und zum anderen gilt es den ethisch relevanten Aspekten auch eine empirische Grundlage zu geben: „Wie viele andere technikethische Probleme ist Energieerzeugung und- verbrauch kein rein moralisches Problem … sondern vielmehr ein Problemfeld, das eine moralische Dimension oder ethisch relevante Aspekte aufweist.“ (Ott 1998, 129)

Zum Schluss: Wladimir Klitschko, dessen Vater als freiwilliger Helfer im Zuge der Katastrophe von Tschernobyl im Einsatz war, bringt in einem kürzlich erschienenen Interview das Thema Atomenergie auf den Punkt: „Radioaktivität ist das Schlimmste. Du kannst sie nicht anfassen, sie riecht nicht. Doch die Folgen, mit den Krebserkrankungen und den Geburtsfehlern, sehen wir noch immer. Auch wenn Deutschland aus der Atomkraft aussteigt, mit Tschernobyl und Fukushima werden wir uns noch 1000 Jahre beschäftigen müssen.“ (http://kurier.at/sport/sportmix/3917355.php)

Literatur

  • Assmann, J. (2000). Der Tod als Thema der Kulturtheorie. Todesbilder und Todesriten im Alten Ägypten. Frankfurt/Main (GER), Suhrkamp Verlag
  • Birnbacher, D. (1995). Verantwortung für zukünftige Generationen. Stuttgart (GER), Philipp Reclam jun.
  • Birnbacher, D. (2006). Bioethik zwischen Natur und Interesse. Frankfurt/Main (GER), Suhrkamp Verlag
  • Brenner, A. (1998). Ökologie-Ethik. Angewandte Ethik. Eine Einführung. A. Pieper und U. Thurnherr. München (GER), Verlag C. H. Beck: 37-55
  • Hoerster, N. (2003). Ethik und Interesse. Stuttgart (GER), Philipp Reclam jun.
  • Kratochvila, H. G. (2011a). „EHEC und gelebte normative Ordnungen.“ (www.socialnet.de/rezensionen/11414.php)
  • Kratochvila, H. G. (2011b). „Wirtschaft und Ethik - Ethische Aspekte in der Wirtschaft – TEPCO und die Grenzen wirtschaftlicher Verantwortung.“ (www.socialnet.de/rezensionen/11218.php)
  • Moriarty, P. und D. Honnery (2011). Rise and Fall of the Carbon Civilisation: Resolving Global Environmental and Resource Problems. London (UK), Springer Verlag
  • Ott, K. (1996). Energie und Ethik - Über Klimamodelle, Pflichten gegenüber zukünftigen Generationen, Wertbäume und Energiepolitik. Vom Begründen zum Handeln. Aufsätze zur Angewandten Ethik. K. Ott. Tübingen (GER), Attempo Verlag Tübingen: 129-170
  • Partridge, E. D. (Hrsg.) (1980). Responsibilities to Future Generations: Environmental Ethics. Buffalo, NY (USA), Prometheus Books
  • Roeser, S. (Hrsg.) (2010). Emotions and Risky Technologies. Dordrecht (NED), Springer Verlag
  • Schwab, W. (2010 [1992]). OFFENE GRUBEN OFFENE FENSTER EIN FALL von Ersprechen. „Königskomödien.“ W. Schwab. Graz (AUT) & Wien (AUT), Literaturverlag Droschl: 5-64
  • Singer, P. (2002). One World. The Ethics of Globalization. New Haven, Conn. (USA) & London (UK), Yale University Press
  • Spaemann, R. und R. Löw (2005). Natürliche Ziele. Geschichte und Wiederentdeckung des teleologischen Denkens. Stuttgart (GER), Klett-Cotta
  • Tennenbaum, J. (2010). Nuclear power – engine for world economic recovery and development. International Journal of Nuclear Governance, Economy and Ecology 3(2): 180-215
  • von der Pfordten, D. (1996). Ökologische Ethik. Zur Rechtfertigung menschlichen Verhaltens gegenüber der Natur. Reinbeck/Hamburg (GER), Rowohlt Taschenbuch Verlag

Rezensent
Mag. Harald G. Kratochvila
Homepage www.kompetenz-coaching.at
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Zitiervorschlag
Harald G. Kratochvila. Rezension vom 28.06.2011 zu: Robert Spaemann: Nach uns die Kernschmelze. Hybris im atomaren Zeitalter. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2011. ISBN 978-3-608-94754-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11738.php, Datum des Zugriffs 18.01.2019.


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