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Andreas Gruschka: Pädagogische Forschung als Erforschung der Pädagogik

Cover Andreas Gruschka: Pädagogische Forschung als Erforschung der Pädagogik. Eine Grundlegung. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2011. 370 Seiten. ISBN 978-3-86649-417-6.
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Thema und Ziel

Andreas Gruschka zieht eine Bilanz seiner 40jährigen Praxis als Unterrichts- und Bildungsforscher. Er skizziert an Beispielen und auch grundsätzlich, was er in Abgrenzung zur empirischen Bildungsforschung unter pädagogischer Forschung versteht. Er vertritt die These, dass die empirische Bildungsforschung, insbesondere die PISA-Studien, zu einer Krise der Pädagogik geführt habe, da ihr das Verständnis für Wesen und Kern des Pädagogischen fehle.

Autor

Andreas Gruschka war Hochschullehrer für Erziehungswissenschaften in Münster und zuletzt in Frankfurt am Main. Er ist seit den 1970er Jahren durch seine Studien zur Unterrichts- und Bildungsforschung aber auch durch seine pädagogischen Auseinandersetzungen mit der Kritischen Theorie („Negative Pädagogik“ und „Bürgerliche Kälte und Pädagogik“) bekannt geworden.

Aufbau und Inhalt

Das Buch beginnt mit einem Rückblick auf die Forschungsgeschichte des Autors, der bereits als junger Forscher gemeinsam mit KollegInnen versuchte, Methoden pädagogischer Forschung zu (er-)finden, die ihrem Gegenstand angemessen sind. In der Reflexion dieser Erfahrungen arbeitet er insbesondere die Schwierigkeiten und Widersprüche pädagogischer Forschung heraus. Zudem schildert er ausführlich die jahrzehntelange Auseinandersetzung mit dem Mainstream der psychologisch geprägten empirischen Bildungsforschung bis hin zu den aktuellen Studien der sog. Kompetenzorientierten Leistungsstudien (PISA etc.) sowie die Auseinandersetzungen mit der DFG, über seine Versuche, die eigene rekonstruktive Forschungspraxis durch Fördermittel auf eine stabile Basis zu stellen.

Immer wieder greift der Autor die fundamentalen Auseinandersetzungen mit den Vertretern der „herrschenden Lehre“ (z.B. Baumert und Tenorth) auf und wirft ihnen nicht nur methodologische Irrtümer sondern sogar „ordnungspolitische Entgleisungen“ (S. 49) vor, d.h. Versuche der strategischen Abwertung und Einschüchterung mit dem Ziel, die Vertreter der rekonstruktiven Forschung um Ulrich Oevermann (zu denen der Autor sich zählt) „aus der international anschlussfähigen Wissenschaft zu exkommunizieren (S. 48)“.

Im Folgenden versucht der Autor das Kunststück, ein Lehr- und Methodenbuch zu schreiben, obgleich er davon überzeugt ist, dass dies im pädagogischen Bereich eigentlich unmöglich ist, da es keine geschlossene Lehre der pädagogischen Forschung geben und Forschung unmöglich als „Business“ betrieben werden könne. Gruschka arbeitet entlang der Komplexität pädagogischen Handelns und verwirft auf diesem Wege lern- und entwicklungstheoretisch eng geführte Verständnisse von Bildungsarbeit. Eher sei es mit dem Begriff der Erziehung, der auf die ganze Person ziele, möglich, zu verstehen, was Pädagogik ist und sein kann.

Allerdings sieht Gruschka in der Praxis der modernen Schule auch die Versuche mit „Neuer Erziehung“ mehr als kritisch, da Erziehung als Antwort auf scheinbare Erziehungsdefizite methodisch eng geführt werde: „Im Windschatten der PISA-Debatte haben die Schulen an dem vielfach selbst diagnostizierten Erziehungsdefizit gearbeitet und es zu beheben versucht. Das beginnt mit der Erziehung durch alte und neue Rituale, setzt sich fort mit der Bearbeitung von Disziplinproblemen in der Klasse (…), der Ausbildung von Schülern zu `Streitschlichtern`, der Inflation von `Verträgen` (…) oder auch der Unterschrift unter die `Zielvereinbarung` des Lehrers und des Schülers ggf. unter Einschluss der Eltern.“

Insofern arbeitet sich Gruschka in seinen Ausführungen an einer aus seiner Sicht wenig verständigen Praxis und der Dominanz der psychologischen, nicht verstehensorientierten Forschung im Kontext von Schule ab. Neben dem Begriff der Erziehung klärt er in ähnlicher Weise, inwiefern die Begriffe der Didaktik und der Bildung, in Praxis und besonders in der Forschung verkürzt und verfehlt verstanden werden.

Im letzten Teil des Buches setzt sich Gruschka mit den Forschungsansprüchen und der Forschungspraxis im Bildungsbereich auseinander. Er kritisiert die vielfältigen Betriebsgeheimnisse, die Marktführerschaft der „PISA-Leute“ und unverständliche bzw. unsinnige Strategien der DFG, die bspw. die Vertreter der Objektiven Hermeneutik daran hinderten, ihre pädagogische Forschungsarbeit kontinuierlich weiter zu entwickeln.

Diskussion

Andreas Gruschka kämpft als Vertreter der sich pädagogisch verstehenden Objektiven Hermeneutik gegen eine auf Kompetenzen und Methoden eng geführte Praxis in den Schulen und in der dazu passenden empirischen Bildungsforschung. Seine Vorwürfe sind hart und konkret; sein eigenes Verständnis von pädagogischer Forschung entfaltet er im vorliegenden Band theoretisch und kasuistisch. Dabei geht er allerdings wenig systematisch vor und es wird erwartet, dass der Leser / die Leserin die forschungspraktische Arbeit und die theoretischen Grundlagen der Objektiven Hermeneutik bereits kennt oder er/sie sich damit zusätzlich auseinandersetzt.

Fazit

Die im Titel formulierte „Pädagogische Forschung“ versteht Andreas Gruschka als rekonstruktive Forschung im komplexen pädagogischen Feld. Seine Auseinandersetzung mit 40 Jahren Forschungserfahrungen, Schulentwicklung und Wissenschaftspolitik sind dominiert von Abgrenzung und Kritik gegenüber der herrschenden psychologischen Schulforschung. Für den Leser / die Leserin, die an diesen Auseinandersetzungen nicht vorrangig interessiert ist, ergeben sich interessante Einblicke in konkrete Unterrichtsforschung und wissenschaftstheoretische Diskurse.


Rezension von
Dr. Remi Stork
Referent für Jugendhilfe und Familienpolitik in der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe. Geschäftsführer der evangelischen Arbeitsgemeinschaft Familie NRW
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Zitiervorschlag
Remi Stork. Rezension vom 04.04.2012 zu: Andreas Gruschka: Pädagogische Forschung als Erforschung der Pädagogik. Eine Grundlegung. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2011. ISBN 978-3-86649-417-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11739.php, Datum des Zugriffs 17.06.2021.


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