socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Uta Fenske, Gregor Schuhen: Ambivalente Männlichkeit(en)

Cover Uta Fenske, Gregor Schuhen: Ambivalente Männlichkeit(en). Maskulinitätsdiskurse aus interdisziplinärer Perspektive. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2012. 269 Seiten. ISBN 978-3-86649-429-9. 29,90 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema und Ziel

Mehr Krise war nie: die Krise der Männlichkeit füllt mittlerweile die Regale der wissenschaftlichen und der Ratgeberliteratur. Diese Krise der Männlichkeit wird von den HerausgeberInnen als Ausgangspunkt des Sammelbandes betrachtet; sie soll multiperspektivisch erörtert werden; dabei dient die Theorie hegemonialer Männlichkeit des australischen Soziologen und Erziehungswissenschaftlers Robert W. Connell den meisten Beiträgen als Hintergrund der Auseinandersetzungen.

Herausgeberinnen

Uta Fenske ist Historikerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin der Universität Siegen (Zentrum für Gender Studies).

Gregor Schuhen ist Juniorprofessor für Romanische und Allgemeine Literaturwissenschaft mit dem Schwerpunkt „Men´s Studies“ an der Universität Siegen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch besteht aus vier Teilen.

Nach einem Vorwort geht es im ersten Teil um „Männlichkeiten und Theoriebildung“. Uta Fenske gibt in ihrem einleitenden Beitrag einen Überblick über „Männlichkeiten im Fokus der Geschlechterforschung“. Besonders weist sie auf die maßgeblichen Arbeiten Connells zum Konzept der hegemonialen Männlichkeiten, den kultursoziologischen Ansatz Bourdieus und die wichtigsten Publikationen Judith Butlers hin. Schließlich greift sie die heteronormativitätskritischen Perspektiven der Queer-Theorien auf.

Sabine Doyé unternimmt in ihrem Aufsatz den Versuch, die Gender-Studies aus systemtheoretischer Perspektive kritisch zu betrachten. Sie wirft den „Geschlechtertheorien des klassisch-feministischen Typs“ vor, sich nicht ausreichend über ihre historischen und wissenschaftslogischen Entstehungsbedingungen aufgeklärt zu haben. Zudem greift sie eine These Christoph Kucklicks auf, der zufolge „die Geschlechterdifferenz der Moderne adäquat nur als Supercodierung der Differenz von Interaktion und Gesellschaft“ d.h. mit den theoretischen Werkzeugen der Systemtheorie zu erfassen ist. Ihre folgende philosophische Auseinandersetzung mit dem Systemtheoretiker Kucklick ist jedoch für systemtheoretisch wenig geschulte LeserInnen kaum nachvollziehbar und unverständlich.

Christine Zunke unternimmt als Naturphilosophin eine zugespitzte Auseinandersetzung mit der Soziobiologie, der sie systematische Fehler bei der Übertragung von Erklärungsprinzipien von der Gesellschaft ins Tierreich und umgekehrt vorwirft. Dabei sei der Versuch, menschliche Verhaltensweisen und soziale Zusammenhänge evolutionsbiologisch zu erklären, wenig hilfreich und erzeuge lediglich Sexismus, wenn von typisch weiblichem oder männlichem Verhalten die Rede sei.

Im zweiten Teil finden sich unter der Überschrift „Männlichkeiten und Sozialisation“ zwei Aufsätze über konkrete Praxisprojekte mit männlichen Jugendlichen. Cornelia Helfferich fasst ihre Forschungsergebnisse aus Gruppendiskussionen mit 13-15jährigen Haupt- und Förderschülern in der These „nicht nur kleine Machos“ zusammen. Sie verdeutlicht, wie diese Jungs Bildung als unmännlich abqualifizieren und sich von Mädchen abgrenzen, obwohl sie wissen, dass beide Denk- und Handlungsschemata auf Dauer von ihnen nicht durchgehalten werden können. Sie weist nach, wie stark Männlichkeitskonzepte von jungen Migranten mit geringem formalem Bildungsniveau situativ und kontextabhängig inszeniert werden. Die Widersprüchlichkeit, z.B. Bildung abzulehnen, aber dennoch später einen guten Job haben zu wollen, ist nur teilweise bewusst und es ist eine große Herausforderung für Jungen, diese im Laufe des Heranwachsens zu verstehen und Einschätzungen und Handlungen entsprechend zu verändern.

Wie pädagogische Arbeit mit Jungen als Begleitung beim Mann-Werden abläuft, erläutert im nächsten Artikel Thomas Pieger an einem konkreten Beispiel: der theaterpädagogischen Arbeit.

Im dritten Teil sind unter der Überschrift „Männlichkeiten zwischen Hegemonie und Unterordnung“ fünf sehr unterschiedliche Beiträge aufgenommen worden. Die ersten drei Aufsätze beschreiben relativ unbekannte und ungewöhnliche Formen von Männlichkeiten aus unterschiedlichen Epochen. Bärbel Kuhn beschreibt das Leben eines männlichen Singles aus dem 19. Jahrhundert. Sie erinnert daran, dass bereits das 19.Jahrhundert mit dem Wort „Hagestolz“ einen Begriff dieser Form des männlichen Junggesellenlebens kannte. Die freiwillige Ehelosigkeit von Männern verstieß im Kontext der bürgerlichen Gesellschaft gegen das gängige Lebensmodell und wurde sogar als antisozial betrachtet, da angesichts einer Größenordnung von ca. 8% der Männer, die niemals heirateten, entsprechend auch eine erhebliche Zahl an Frauen unverheiratet und unversorgt „übrig“ blieb. Bärbel Kuhn skizziert das Leben des beruflich erfolgreichen Ingenieurs und Schriftstellers Max Eyth, der ein bewegtes Leben mit zahlreichen Reisen und Freiheiten dem Modell der lebenslangen bürgerlichen Ehe bewusst vorzieht, wenn er auch in einigen biografischen Passagen über die Vorzüge einer Ehe nachdenkt.

Ebenso interessant und wenig bekannt ist der Inhalt des Aufsatzes von Martin Lücke, der sich mit männlichen Prostituierten in der Weimarer Zeit beschäftigt. Er untersucht die Erkenntnisse einer Studie über 100 männliche Prostituierte aus den 1920er Jahren und rekonstruiert die damaligen Auffassungen von Sexualität und Männlichkeit der Befragten.

Sabine Hering liefert den dritten historischen Beitrag: sie beschreibt drei Männer, die das Ende des 19. und den Beginn des 20. Jahrhunderts an der Seite prominenter, starker Frauen

verbrachten. Die Namen der Männer von Clara Zetkin, Bertha von Suttner und Auguste Kirchhoff sind heute weitgehend in Vergessenheit geraten. Sabine Hering aber macht deutlich, dass sie alle keineswegs schwache Wesen waren. Vielmehr fragt sie rhetorisch: „Wer will ein derart despektierliches Los (an der Seite einer berühmten Frau) auch schon auf sich nehmen? Nur einer, der über einen gefestigten Charakter und eine unabhängige Persönlichkeit verfügt, der eben kein Schwächling, kein Versager ist.“

Michael Meuser untersucht in seinem Beitrag das Konzept der hegemonialen Männlichkeit auf die Frage seiner Aktualität zu Beginn des 21. Jahrhunderts und kommt zu dem Schluss, dass es nach wie vor als Analyseinstrument tauglich sei, wenn es die aktuellen Veränderungen der Erwerbsarbeit in der Folge der Globalisierung stärker aufgreife. Er thematisiert insbesondere die veränderten Management-Konzepte und Stile in den Führungseliten, macht aber auch deutlich, dass sich am unteren Rand der Gesellschaft durch die ausufernde Leiharbeit ebenso erhebliche Veränderungen im männlichen Erwerbsleben finden lassen.

Uta Klein thematisiert schließlich die geschlechterpolitischen Konsequenzen der Aussetzung der Wehrpflicht. Dabei beschreibt sie zunächst ausführlich die bisherige Bedeutung des Wehrdienstes für die Herstellung von Männlichkeit. Sie weist darauf hin, dass sich angesichts des geringen Frauenanteils in der Bundeswehr in den nächsten Jahren nicht allzu viel an der dort geltenden Geschlechterungleichheit ändern werde.

Im vierten Teil des Buches geht es um „Männlichkeiten in den Künsten“. Hier geht es in fünf weiteren, jeweils sehr speziellen und lesenswerten Aufsätzen um Männlichkeiten in der Literatur (Goethe, Thomas Mann, André Gide), der darstellenden Kunst und dem Theater.

Diskussion

Die Krise der Männer wird in diesem Band interdisziplinär und multiperspektivisch untersucht und erörtert. Das Connellsche Konzept der hegemonialen Männlichkeit bleibt als Folie der Interpretationen in den meisten Texten im Hintergrund erhalten, wird jedoch nur in wenigen Beiträgen ausdrücklich thematisiert. Statt ausführlicher soziologischer Analysen bietet der Sammelband durch seine Breite des thematischen Zugangs vielfältige Anregungen, die allerdings aufgrund der Kürze der Texte nur bedingt nachhaltige Impulse bieten können.

Fazit

Ein interessanter Sammelband, der hält, was er verspricht: eine interdisziplinäre Vergewisserung der aktuellen Diskurse über Männlichkeiten.


Rezension von
Dr. Remi Stork
Referent für Jugendhilfe und Familienpolitik in der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe. Geschäftsführer der evangelischen Arbeitsgemeinschaft Familie NRW
E-Mail Mailformular


Lesen Sie weitere Rezensionen zum gleichen Titel: Nr.13223


Alle 26 Rezensionen von Remi Stork anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Remi Stork. Rezension vom 09.04.2013 zu: Uta Fenske, Gregor Schuhen: Ambivalente Männlichkeit(en). Maskulinitätsdiskurse aus interdisziplinärer Perspektive. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2012. ISBN 978-3-86649-429-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11740.php, Datum des Zugriffs 17.06.2021.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht