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Björn Kraus, Herbert Effinger u.a. (Hrsg.): Soziale Arbeit zwischen Generalisierung und Spezialisierung

Cover Björn Kraus, Herbert Effinger, Silke Birgitta Gahleitner, Ingrid Miethe, Sabine Stövesand (Hrsg.): Soziale Arbeit zwischen Generalisierung und Spezialisierung. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2011. 250 Seiten. ISBN 978-3-86649-434-3.

Reihe: Theorie, Forschung und Praxis Sozialer Arbeit - 3.
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Thema

Die Publikation beschäftigt sich mit der Frage, wie in der Sozialen Arbeit eine „disziplinäre Identität“ (Braun, S. 11) durch verbindliche oder verbindende Ausbildungsinhalte sowie durch fachliche Kompetenzen und Zuständigkeiten gewahrt werden kann – trotz der vielfältigen Aufgabenfelder und dem dadurch entstehenden Spezialisierungsbedarf. Über diese Frage wird in Fachkreisen zwar seit langem diskutiert; sie erhält jedoch durch den Bologna-Prozess wieder Aktualität. Die Modularisierung von Studiengängen und vor allem die Aufwertung Sozialer Arbeit durch die Einrichtung von Masterstudiengängen an den zu Hochschulen geadelten ehemaligen Fachhochschulen und durch die verbesserten Promotionsmöglichkeiten schaffen Diskussionsbedarf.

Herausgeberinnen und Herausgeber

Die Herausgeberschaft der Buchreihe durch die Deutsche Gesellschaft für Soziale Arbeit (DGSA) verrät, dass hier Diskussionsprozesse innerhalb dieser vornehmlich von Hochschulvertretern repräsentierten Gesellschaft wiedergegeben werden. Im Autorenkreis des Buches ist eine stattliche Anzahl von Verantwortlichen für den künftigen Ausbau der (konsekutiven) Studiengänge für Soziale Arbeit und für den Aufbau von Weiterqualifizierungs- und Forschungsprogrammen vertreten. Schon von daher ist die Auseinandersetzung mit der Publikation wichtig.

Es bedarf allerdings einer gehörigen Portion Nonchalance, wenn die Herausgeber im Titel des Buches als Gegenpol zur Spezialisierung den Begriff „Generalisierung“ benutzen, der in der deutschen Sprache etwas anderes bedeutet als das, was im Buch damit bezeichnet wird. Im Buch geht es um einen gemeinsamen Ausbildungskanon im (Bachelor )Studium für alle angehenden SozialarbeiterInnen. Die für die interdisziplinäre Verständigung nicht gerade förderliche terminologische Nachlässigkeit wird nicht dadurch gemildert, dass man diesen Titel von der 2010 stattgefundenen Jahrestagung der DGSA übernimmt.

Aufbau

Die 18 Beiträge des Buches sind drei Themenbereichen zugeordnet.

  1. Der erste Themenbereich umfasst zwei Beiträge, die sich mit der Situation der Sozialen Arbeit in Österreich und in der Schweiz befassen. Auch wenn die Beiträge sich nur auf zwei deutschsprachige Staaten beschränken, so werden doch Gemeinsamkeiten mit und historisch bedingte Differenzen zu der deutschen Situation deutlich und Gestaltungsvarianten in der Professionalisierung der Sozialen Arbeit erkennbar.
  2. Der zweite Teil enthält sechs Beiträge zum Funktionswandel der Sozialen Arbeit und zum Wandel im erforderlichen Qualifikationsprofil. Das Spannungsverhältnis zwischen einer professionellen Identität und der nach Spezialisierung verlangenden Aufgabenvielfalt der heutigen Sozialen Arbeit kennzeichnet und verbindet die Beiträge der ersten beiden Themenbereiche.
  3. Die zehn Beiträge des dritten Teils beschäftigen sich – wenn auch nicht immer deutlich vom zweiten Teil abgegrenzt – mit „Fachspezifische[n] Diskurse[n] und Postionen in der DGSA“, unter anderem mit der Wissenschaftlichkeit der Sozialen Arbeit, mit Fragen konsekutiver Studiengänge, mit der Genderdiskussion. Die hier berücksichtigten Themen sind heterogen und verlangten eine deutlicher erkennbare Systematik.

Inhalt

Im Folgenden werden den Beiträgen einige zentrale Argumentationslinien entnommen. Dabei wird auf einige Kontroversen aufmerksam gemacht.

Fasst man die wohl von allen AutorInnen geteilte Vorstellung über das Bachelorstudium der Sozialen Arbeit in einem Satz zusammen, lässt sich der Beitrag von Herbert Effinger heranziehen, der es für erstrebenswert hält, „zunächst einen akademischen Habitus auszubilden, der von wissenschaftlicher Neugier und gesundem Zweifel gegenüber der Reichweite und Gültigkeit von Theorien, aber auch der Wirksamkeit von Methoden und der eigenen Person geprägt ist“ (S.136). Was dieses Postulat konkret bedeutet und wie es umzusetzen ist, darüber bestehen dann unter den Autoren erkennbare Differenzen. Die europapolitischen Vorgaben zur Neuordnung des Hochschulraumes und die „kompetenztheoretische“ Fassung von Qualifikationen nimmt Ulrich Bartosch auf, wenn er den „Qualifikationsrahmen Soziale Arbeit (QR SArb) kommentiert. Über die inhaltliche Ausdeutung dieses Rahmens erfährt man in seinem Beitrag wenig, allerdings ist es bemerkenswert, dass es Bartosch gelingt, auf zwei Textseiten (S.74/75) insgesamt 28mal das Wort Wissenschaft bzw. wissenschaftlich zu benutzen, ohne zuvor hinreichend bestimmt zu haben, was er unter diesen Begriff subsumiert. Im Hinblick auf den kompetenztheoretisch gefassten Qualifikationsrahmen der Sozialen Arbeit konzediert Bartosch, dass der Rahmen sich in „seiner Beschreibung auf die Performanz von Kompetenz“ (S.81) beschränke. Peter Buttner drückt in seinem Beitrag diese Beschränkung weniger elaboriert aus, wenn er nach der Lektüre von Modulhandbüchern zu der Feststellung kommt, „dass die niedergelegten Studieninhalte floskelhaft aufgezählt und mit übersteigerten Kompetenzerwartungen verknüpft sind“ (S.122).

Die Wissenschaftlichkeit der Sozialen Arbeit hebt besonders auch Wolfgang Krieger hervor. Für den Autor beschäftigt sich Soziale Arbeit als Wissenschaft (SAW) nicht einfach mit Theorien (aus den Bezugswissenschaften), die für die Soziale Arbeit bedeutsam sind: Sie „besteht nicht aus Theorien, sondern sie reflektiert Theorien“ (S.160). Die für die Soziale Arbeit relevanten „Theorien und Wissensbestände“ haben danach lediglich „Objektstatus“, die von einer Überwissenschaft SAW „beobachtet“ werden (auch wenn diese Erkenntnisse jener gar nicht genau einzuschätzen vermag?). Dementsprechend glaubt Krieger, dass „ein allgemeines Fundament für Soziale Arbeit als Wissenschaft … nur wissenschaftstheoretisch entwickelt werden“ kann (S. 143). Ähnlich wie bei seinem Bestimmungsversuch des Gegenstands der Wissenschaft Sozialer Arbeit (mit der Unterscheidung von Material- und Formalobjekten) wird hier ein scholastisches bzw. antikes, von Autoritäten abhängiges Weltbild reaktiviert, die bereits seit Galilei obsolet ist.

Gegen eine einseitige Wissenschaftsorientierung Sozialer Arbeit plädiert Fabian Kessl aus einer fundiert professionstheoretischen Perspektive. Er verweist auf die Haupteigenschaften (klassischer) Professionen – nämlich exklusive Zuständigkeit, Deutungs- und Diagnosehoheit und disziplinäres Spezialwissen (S.86) – und kritisiert als Mythos, dass eine hinreichende „Professionalisierung in der Sozialen Arbeit mit der Akademisierung der Studiengänge bereits vollzogen wäre“ (S.93). Es würden zudem „in den Fachdebatten um Soziale Arbeit Positionen formuliert, die fast jeder Grundierung in analytischen Bezügen entbehren“ (S.95).

Neben dem Diskurs um die allgemeine Fundierung und Grundierung einer professionellen Sozialen Arbeit beschäftigt sich im dritten Teil eine Reihe von Beiträgen mit Detailfragen und Formen der Spezialisierung in weiterführenden Studiengängen und Hochschuleinrichtungen. Erwähnt werden soll hier das Plädoyer von Katy Dieckerhoff/Armin Schneider, quantitative und qualitative Forschung zu verknüpfen und dem Bedarf an Forschung in der Sozialen Arbeit verstärkt nachzukommen. Die Weiterentwicklung Sozialer Arbeit zu einer Fachsozialarbeit, zum Master für „Klinische Sozialarbeit“ thematisieren vor allem Silke Birgitta Gahleitner und Albert Mühlum. Sie präsentieren und diskutieren Ausbildungsvarianten in Klinischer Sozialarbeit. Man erfährt hierbei, dass der Begriff „Fachsozialarbeit“ in bewusster Analogie zu den anerkannten Bezeichnungen Fachanwalt und Facharzt gewählt wurde (S.237). Dabei werden auch die Voraussetzungen für das Gelingen einer solchen Gleichstellung mit etablierten Professionen präzisiert. Angesichts dieses hohen Anspruchs kommt jedoch die Schlussbemerkung von Gahleitner/Mühlum etwas überraschend, dass aktuell „viel Experimentierfreude angesagt“ und dass man von „Gewissheiten … weit entfernt“ sei (S.253). Klassische Professionen würden zu Recht oder zu Unrecht sich nicht so dekuvrieren.

Diskussion

In der Rezension konnte nur ein Teil der im Buch aufgenommenen Diskussionsstränge angesprochen werden. Die spätestens beim zweiten Hinsehen kontroversen und qualitativ divergierenden Beiträge erschweren eine neutrale Beschreibung, gewähren jedoch einen Einblick in die Bandbreite der aktuellen Diskussionen innerhalb der Sozialen Arbeit. Die Diskussionen zeugen davon, dass es sich um eine aufstrebende Disziplin handelt. Sie sind wohl ein besserer Beleg dafür als einige im Buch formulierten Postulate und Ansprüche.

Fazit

Das Buch dürfte vor allem Lehrende und Funktionsträger in der Sozialen Arbeit interessieren. Hinzu kommen Wissenschaftsforscher, die den Etablierungsprozess einer jungen Profession oder Disziplin beobachten möchten. Den Praktikern und Studierenden der Sozialen Arbeit dürfte – entgegen der Bestimmung des LeserInnenkreises durch die HerausgeberInnen – der Zugang zum Buch durch die zum Teil sehr knapp und unsystematisch vorgestellten Themen erschwert werden.


Rezensentin
Prof. Dr. Christel Walter
Berlin
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Zitiervorschlag
Christel Walter. Rezension vom 10.11.2011 zu: Björn Kraus, Herbert Effinger, Silke Birgitta Gahleitner, Ingrid Miethe, Sabine Stövesand (Hrsg.): Soziale Arbeit zwischen Generalisierung und Spezialisierung. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2011. ISBN 978-3-86649-434-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11756.php, Datum des Zugriffs 17.09.2019.


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ISSN 2190-9245

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