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Hans Bertram, Nancy Ehlert (Hrsg.): Familie, Bindung und Care

Cover Hans Bertram, Nancy Ehlert (Hrsg.): Familie, Bindung und Care. Familienwandel im Weltvergleich. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2011. 700 Seiten. ISBN 978-3-86649-391-9.
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Ausgangspunkt und Thema

Die Ernst-Freiberger-Stiftung, die die Herausgabe des Buches finanziell unterstützt hat, will sich mit Weltvisionen auseinandersetzen. Die Stiftung sieht sich als „Brücke zwischen Wissenschaft und Gesellschaft“ (S.10). „Im Rahmen dieses Sammelbands soll die Perspektive des Buches „World Revolution and Family Patterns von William J. Goode (1963) aufgegriffen werden und die Regionen wie Europa, Vereinigte Staaten von Amerika, Japan, China, Afrika und Vorderasien auf die dort erkennbaren Entwicklungen von Familie, familiären Lebensformen und den Lebensbedingungen von Kindern untersucht werden“ (S.9).

Der vorliegende Band enthält 35 Beiträge von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen unterschiedlicher disziplinärer Provenienz zum Thema der Sicherung familiärer Fürsorgeleistungen, der Gewährleistung von Fürsorglichkeit und der Unterstützung der älteren Generation.

Die Beiträge der Autorinnen und Autorinnen beziehen sich – anders als bei Goode – auf die Länder in denen sie arbeiten und forschen.

Das Buch bezieht sich auf zwei Perspektiven: Es sollen unterschiedliche und übereinstimmende Entwicklungsphasen familiärer Lebensform herausgearbeitet und gleichzeitig Zukunftsvorstellungen im Kontext der jeweiligen Kultur formuliert werden.

Aufbau

Nach einem Vorwort der beiden Herausgeber und einer Einleitung von Hans Bertram, richtet der Band zunächst den Blick auf die Vaterrolle als Ernährer, diskutiert und stellt dann die Entwicklung von Bindung und Fürsorge vor und geht auf die Verknüpfung von Fürsorge, Arbeit und Geschlechterrollen und Konzeptionen der Sozialpolitik im 21. Jahrhundert ein.

Weltweit werden einzelne Regionen unter demographischen, ökonomischen, familien- und geschlechterspezifischen Aspekten betrachtet. Besondere Berücksichtigung finden die Probleme der Generationenbeziehung und der Altenbetreuung und deren Lösung.

Im abschließenden Teil werden mögliche Perspektiven einer zukünftigen Sozialpolitik ausformuliert.

I. Der Abschied vom männlichen Ernährer in den Industriegesellschaften:

Stephanie Coontz setzt sich mit dem späten Auftreten und dem frühen Niedergang des männlichen Ernährers auseinander.

Janet. C. Gornick und Marcia K. Meyers stellen Perspektiven über das Earner-Cargiver-Modell vor.

Arland Thorton, William G. Axinn und Yu Xie gehen auf historische Perspektiven zur Ehe ein. John R. Gillis setzt sich mit der Marginalisierung des Vaters: Eine europäische Perspektive auseinander und Barbara Hobson und Susanne Fahlén gehen auf die Zukunft des Vaters in europäischer Perspektive ein.

II. Herausforderungen zur Entwicklung von Bindungen und Fürsorge

Hilary Land erörtert die anerkannte Fürsorge und aufrechterhaltende Fürsorgende im Kontext der Sozialpolitik im 21. Jahrhundert ein.

Phyllis Moon, Erin Kelly und Rachel Magennis umgrenzen Geschlechterstrategien, Sozialisation, Alokation und strategische Selektion.

Dem folgen verschiedene Beiträge u.a. zu den Themen: Liebe und Gold (Arlie Russel Hochschild), die Entwicklung der Sozialpolitik (Nel Noddings) zur kooperativen Erziehung und das Paradox der fakultativen Vaterschaft (Sarah Blaffer Hrdy).

III. Der europäische Kontext

Norbert F. Schneider untersucht die Zukunft der Familien in Europa. Alexia Fürnkranz-Prskawetz und Thomas Fent umgrenzen die ökonomischen Perspektiven der demographischen Situation in Europa.

Rosemarie Nave-Herz stellt die Rolle der Familie als „Fürsorgeinstitution“ für ihre älteren Mitglieder auf den Prüfstand. Margund K. Rohr und Frieder R. Lang gehen auf die motivationale Gestaltung von Pflegebeziehungen ein.

Urmut Erel verdeutlicht, dass Migrantenmütter erthnische Identitäten transformieren und Bernd Nauck untersucht den Wert der Kinder und Generationensolidarität. Dem folgt ein Betrachtung von Gisela Trommsdorff und Boris Mayer: Intergenerationale Beziehung im Kulturvergleich.

IV. Der Blick nach Japan

Makoto Atoh stellt den Bewusstseinswandel und die Transformation der Familie im Nachkriegsjapan vor. Bernd von Maydell unternimmt eine vergleichende Perspektive des Sozialrechts in Bezug auf die Generationenbeziehungen in Deutschland und Japan vor. Sepp Linhart geht auf den Einfluss der Alterung der Bevölkerung in der japanischen Gesellschaft im Zusammenhang mit der Generationenbeziehungen ein und Susan Orpett Long thematisiert den Kontext von Zeit, Wandel und Agency in der japanischen Altenbetreuung.

V. Der Blick nach China

Thomas Scharping geht auf die demographische Entwicklung von China im Übergang ein und betrachtet Sicherheiten und Unsicherheiten der gegenwärtigen Bevölkerungsentwicklung.

Baochang Gu untersucht das Auftreten der niedrigen Fertilität in China. Juhua Yang stellt die Altersarmut in der Ära des demographischen Übergangs und der sozio-ökonomische Transformation vor.

VI. Der Blick nach Afrika

Sechs Artikel untersuchen die Situation und die Veränderung von Familie:

James P. M. Ntozi umgrenzt die demographische Lage in den sub-saharischen Ländern Afrikas.

Erdmute Alber und Tabea Häberlein gehen spezielle auf die Bindung und Fürsorge als Leitmotiv im westafrikanischen Beziehungsgeflecht ein.

Deborah Fahy Bryceson betrachtet das Zusammenhalten und Auseinanderfallen. Familie und Abstimmungskohärenz während der HIV/AIDS-Krise im ländlichen Malawi.

Gerd Spittler erörtert den Wandel der Familienwirtschaft in Afrika und Reimer Gronemeyer und Michaela Fink betrachten die Familie unter Druck von HIV/AIDS.

Last but not least geht Ute Luig auf die Geschlechterbeziehungen im Kontext von Krieg. Frieden und Nachkriegszeit ein.

VII Der Blick auf Vorderasien

Zwei Artikel untersuchen spezifische Aspekte der familialen Realität in Vorderasien:

Hoda Salah betrachtet den Moralwandel der Sexualität innerhalb der sunnitischen Welt und ihre Wirkung auf Familie, Bindung und Fürsorge. Valentine M. Moghadam setzt sich mit den Herausforderungen des Patriarchats: Frauen und der Wandel der Familien im Mittleren Osten auseinander.

Schlussfolgerungen

In einer abschließenden Betrachtung verdichtet Hans Bertram die vorhergehenden vielfältigen Analysen und gibt einige Hinweise auf wünschenswerte familienpolitische Orientierungsmuster. Es geht um Fürsorge, Bindungen und vielfältige Moderne: Perspektiven für eine zukunftsorientierte Familienpolitik.

Zum Inhalt

Der Band hat sich zum Ziel gesetzt, die Rolle von Bindung und Fürsorge, von Vaterschaft, Ehe, die Strategien der Verknüpfung von Fürsorge und Arbeit und Geschlechterrollen, bis hin zu Fragestellungen und Problemen der Generationenbeziehungen und der Altenbetreuung, aufzuzeigen.

Das reichhaltige Spektrum von Länderberichten und Analysen bezieht sich nach Aussage der Herausgeber auf die Grundperspektive, dass die Zukunft der Familie über die Zukunft der Menschheit entscheidet (S.10).

Die Idee, die Fürsorgeleistungen der Familie zu untersuchen, die Gewährleistung von Fürsorglichkeit und die Unterstützung der älteren Generation, wird in diesem voluminösen Werk auf vielfältige Weise eingelöst.

Das Bild von der Fürsorglichkeit der Mutter, die ihren Kindern immer zu Verfügung steht und des beruflich engagierten Vaters, der nur abends oder am Wochenende sich um die Kindern kümmert oder kümmern kann, hat zwar die Wahrnehmung von Familie geprägt, gerät jedoch ins Wanken.

Die zunehmende Erwerbstätigkeit von Frauen in den meisten Ländern Europas und den USA habe das traditionelle Familienbild relativiert, eine Vielfalt von Lebensformen hätte sich entwickelt und unterschiedliche Beziehungsmuster seien entstanden.

Diese tief greifenden Veränderungen stellt das Buch in mehreren Beiträgen vor.

Dennoch verbleiben Wertvorstellungen an einem spezifischen Bild der Mutter orientiert.

Von Frauen wird erwartet, dass Frauen sich sowohl im Haushalt Familie und Kindern versorgen als auch im Arbeitsleben ihren Mann stehen. „Diese Kontradiktion ist von vielen Autorinnen und Autoren (Pfeil 1966, Tilly/Scott 1987, Lewis 1991, Hayghe/Bianchi 1994) in ganz verschiedenen Ländern beschrieben und diskutiert worden und wird auch in diesem Buch in mehreren Aufsätzen thematisiert“ (S.13).

Dabei will dieser Band die Widersprüchlichkeiten nicht nur darstellen, sondern Perspektiven entwickeln, wie mit diesen Antagonismen umgegangen werden könnte, um zu einer gleichberechtigten Teilnahme von Frauen und Männern zu gelangen.

Das Buch geht von der These aus, dass in Europa die Annahme vorherrscht, dass nur durch die weitgehende Integration aller arbeitsfähigen Menschen, die Modernisierung der Gesellschaft gelänge, was entscheiden versperren würde, dass Väter eine neue Form der Fürsorglichkeit entwickeln könnten und die kulturelle Kontradiktion der Frauenrolle, Hausfrau, Mutter und Berufstätige zu sein, perpetuieren würde.

Eine zweite Fragestellung des Buches kreist um die Bereitschaft, Fürsorge und Verantwortung insbesondere auch für ältere Menschen zu übernehmen und welche Chancen es gibt, dass dieser Bereich „nicht permanent dem Arbeitsmarkt untergeordnet“ (S.15) wird. Dabei stellt sich die Frage, ob die modernen Gesellschaften eine neue Form der Versorger-Fürsorger-Gesellschaft entwickeln könnten, in der Männer und Frauen für ihre Angehörigen sorgen, aber zugleich auch an anderen gesellschaftlichen Teilbereichen teilhaben könnten? Dies bedeute aber auch, darüber nachzudenken, ob die Verknüpfung von Fürsorge und Geschlechterrollen nicht aufzubrechen und neu zu definieren sei, als Teil einer Sozialpolitik, die Care in das Zentrum wohlfahrtstaatlicher Politik rückt.

Dazu gehören auch Überlegungen zum Caretaking-Transfer, die Übernahme von Betreuungsleistungen durch Frauen aus Schwellenländern innerhalb von Gastfamilien, einschließlich der Kritik an diesem „Care-Drain“. Hier geht es auch um das „Outsourcen“ von Fürsorge durch wohlhabende Länder als Teil der Ausbeutung unterschiedlich reicher Länder.

Dazu entwirft Nel Noddings das Modell einer Sozialpolitik in der eine neue Form der Fürsorgemoral zu entwickelt wäre, das „gegenseitiges Verständnis und die Einsicht in die wechselseitige Abhängigkeit als Basis des eigenen Handelns“ interpretiert (S.17).

Auch die Analyse der Mutter-Vater-Kind-Beziehung wird unter verschiedenen Aspekten thematisiert. Es geht um die erweiterte Kernfamilie und ein Netzwerk potentiell solidarischer Menschen, die sich in ähnlicher Situation befinden. Nebenbei, M. Castells hat dies in seiner berühmten Trilogie zum Informationszeitalter prägnant erörtert.

Demographische Analysen verdeutlichen, dass die Annahme, in der Geschichte seien die ältere Generation von der jüngeren versorgt worden, nicht stimmt, dies erst in der Neuzeit stattfindet, so dass die These von dem Niedergang der Familie unter dem Aspekt der Solidaritätsleistung falsch wäre.

Außerdem zeichne sich in der Neuzeit eine neuere Entwicklung ab, nämlich, dass die ältere Generation Leistungen an die jüngere Generation weiterreiche. Offensichtlich handelt es sich um eine reziproke Beziehung. Dennoch wissen wir aber – so die Herausgeber – noch recht wenig über die Entwicklung familialer Solidarität.

Fazit dieser Untersuchungen im Kontext der europäischen Entwicklung ist es, was allerdings auch keine neue Erkenntnis ist, das familiale Geschehen, familiale Lebensformen sind plural, bei gleichzeitigem Fortwirken bestimmter tradierter Erwartungen und Rollenmuster.

Die Texte, die sich nun auf den außereuropäischen Bereich beziehen, dienen nicht dazu, der These von der pluralen Moderne in Europa und Amerika dem Konzept von W. J. Goode gegenüberzustellen, der davon ausging, dass sich in der Moderne die (westlichen) Familien- und Sozialisationsformen angleichen würden. Vielmehr geht es um die Rekonstruktion der Frage von Fürsorge, Liebe und Bindung in anderen Regionen, um evtl. davon zu lernen, um möglicherweise auch darauf „ im Sinne von Verschränkungen konstruktiv zu reagieren“ (S.24).

Offensichtlich ist in der chinesischen Gesellschaft Fürsorge nach wie vor eine zentrale Aufgabe für Frauen.

Für Afrika prägt Kenichi Mishima den Begriff der „zerissenen Moderne“. Bindung und alltägliche Fürsorge für andere [sind] für alle afrikanischen Gesellschaften zentrale Elemente der familiären Beziehungen (...), aber die Beziehungsgefüge, die Werte und Normen, die diese Bindungen und Fürsorge regulieren,[sind] nicht durch feste institutionelle Strukturen gesichert“ (S.27).

Die Organisation von Bindung und Fürsorge sei in vielfältige Netze eingebunden, die sich nicht durch die Fixierung auf bestimmte Familientypen beschreiben lassen würden und die den vielfältigen Rollenmustern der Beziehungen von Kindern und Eltern, Männer und Frauen, Großeltern, Brüder und Schwestern nicht gerecht werden würden. Dennoch trete hier hervor, wie insbesondere Frauen für Fürsorge und Bindung zuständig seien, in den Großstädten auch zunehmend die Großmütter.

Insgesamt zeigen sich im Osten und Nordafrika tendenziell Veränderungen des Geschlechtervertrags, da durch zunehmende außerhäusliche Erwerbsarbeit von Frauen, sich nicht nur das Heiratsalter anheben würde, sondern dies auch eine Veränderung der konventionellen muslimischen Ehe herbeiführen würde.

Erkenntnisgewinn

Insgesamt ein informatives Buch. Gerade die Aspekte, Bindung und Pflege in den Mittelpunkt zu stellen und auch über Perspektiven der Sozial- und Familienpolitik nachzudenken.

Die vielfältigen Diskussionen zur Förderung im Vorschulalter, zur Vererbung von Bildung, zur Armut von Kindern und Armut im Alter, fordern eine (Rück-) Besinnung auf die lebenslange Bedeutung der Familie zum Aufbau einer Beziehung und zur Pflege im Lebensverlauf und im Alter von Menschen ein.

Das Parson`sche Modell des instrumentellen leaders, als der zugeschriebenen Rolle des Vaters, und der gefühlshaft-orientierten, expressiven Mutter als der zugewiesenen Frauenrolle als Erzieherin und Gestalterin des Hauses, gerät in der Realität der postindustriellen Gesellschaft, aber auch in sich entwickelnden Gesellschaften unter Druck und löst sich tendenziell durch neue Formen auf.

Auch wenn fathers-caring nur bedingt von fathers-sharing begleitet wird, so zeichnen sich doch Wandlungstendenzen der male-breadwinner-Rolle ab.

Hier gibt der Band vielfältige Hinweise auf unterschiedliche Lebensstrukturen, aber auch mögliche Entwicklungspfade, die sich nicht nur am Modell der europäischen Familienformen und Lebensstrukturen orientieren müssen.

Die verdichtende Zusammenfassung von Bertram geht auf die Perspektiven einer zukunftsorientierten Familienpolitik ein. Er arbeitet heraus, dass die Fürsorge für Kinder aber auch ältere Menschen, fast ausschließlich als Thema und Aufgabe von Familie, familiären Lebensformen gesehen wird (S.681ff.).

Auch wenn Beiträge in diesem Band verdeutlich würden, wie menschliche Gesellschaften es gelänge, auch beim Zerbrechen familialer Lebensformen, die Fürsorge von Kindern zu gewährleisten, so plädiert Bertram insgesamt für eine neue Sozialpolitik, „in der die Fürsorge, die Bindung und Unterstützung für andere nicht als private Angelegenheit interpretiert wird, sondern die auch die gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen definiert, die solche Leistungen erst ermöglicht“ (S.680).

Es müsse verdeutlicht werden, dass nicht nur ein spezifisches Familienmodell eine angemessene Fürsorgeleistung erbringen könne. Es ginge primär darum, familienpolitische Konzepte, Entwicklungsperspektiven und Maßnahmen am Wohlbefinden sowohl der Kinder als auch der Mütter, Väter und Großeltern zu orientieren. Das Wohlbefinden wäre aber genau zu definieren. Dazu entwickelt er sieben familienpolitische Perspektiven, die sich im wesentlich auf die Fürsorge der Kinder und des kindlichen Wohlbefindens beziehen.

Das kindliche Wohlbefinden wiederum lasse sich in Bezug auf die UN-Kinderrecht-Konvention an sechs Indikatoren messen: „Die kindliche Entwicklung und das Befinden sind davon abhängig, dass Kinder ohne materielle Not und Armut aufwachsen, dass sie ungehindert Umgang mit den Eltern, Geschwistern und Freunden haben, die Bildungschancen erhalten, die ihnen eine angemessene Teilhabe an der Gesellschaft ermöglichen, sie in Sicherheit und ohne Risiken aufwachsen, ihnen eine gesunde Entwicklung ermöglicht wird und sie subjektiv das Gefühl haben, sich in ihrer Umgebung, Gemeinde und Gesellschaft wohlfühlen zu können“ (S.683).

Diese Indikatoren wären empirisch messbar und böten die Möglichkeit einer vergleichenden Betrachtung des Wohlbefindens.

Betram skizziert den Kontext von elterlichem Wohlbefinden und dem Wohlbefinden der Kinder. Er setzt sich kritisch mit den vorhandenen Zeitstrukturen innerhalb der Arbeitsgesellschaft auseinander und fordert eine veränderte Zeitpolitik als Lebenslaufpolitik. Es müsse darum gehen, Familie, Bildung und Arbeit aufeinander zu beziehen, die zeitlichen Abläufe von Arbeit, Fürsorge, Betreuung neu zu organisieren. Dabei sei der Ausbau der Kinderkrippen und Kindergärten nur ein Aspekt, es gehe auch um die Auflösung starrer Berufsmodelle, letztlich um eine Neuorganisation beruflicher Lebensverläufe.

Am Beispiel der Berufsverläufe von Wissenschaftlerinnern und Wissenschaftlern und deren geringen Kinderzahl verdeutlicht er, dass lange Qualifikationszeiten, hohe berufliche Anforderungen und extreme Arbeitsplatzunsicherheit bei den jüngeren Wissenschaftler/innen dazu beitragen „dass im Bereich der Wissenschaft in Deutschland die Kinderlosigkeit so weit verbreitet ist“ (S. 696). Dies gelte aber u.a. auch für den Bereich de Politik und alle Lebenslagen mit ähnlichen Strukturbedingungen.

Daraus leitet er die Notwendigkeit ab, berufliche Lebensverläufe neu zu gestalten, nicht zuletzt durch die berufliche Tätigkeit älterer Menschen, denn deren Leistungsfähigkeit werde bisher wenig genutzt und fordert die Flexibilisierung des Verhältnisses von Arbeit, Fürsorge, berufliche Karriere und lebenslanger Qualifikation.

Außerdem ginge es um ein neues Fürsorgemodell, dass als universalistisches Modell von Moral, unabhängig von Familien zu fördern und zu unterstützen wäre.

Fürsorge müsse im Lebensverlauf zum Teil der Berufswelt werden, um die mögliche berufliche Benachteiligung aufzuheben, die diejenigen erfahren, die sich der Fürsorge von Kindern widmen.

Insgesamt müsse es um das mütterliche und väterliche Wohlbefinden gehen. Dazu trägt nicht nur der Ausbau von Vorschuleinrichtungen bei. Dies sei sinnvoll, aber greife zu kurz, es ginge nicht nur um ein dualistisches Modell – Elternhaus und Kindergarten/krippe, sondern vor allem auch um die persönliche individuelle Förderung von Kindern, ihre Sicherheit in einer Lebensumwelt, die Einbindung in ihre soziale Netze, ihre Gesundheit und um ihren Umgang mit ihren Eltern. So müssten die Eltern stärker in die Infrastrukturangebote für Kinder miteinbezogen werden, um dort auch für die Kinder präsent zu sein.

Bertram orientiert sich am sozialökologischen Modell von Urie Bronfenbrenner, das das Kind im Mittelpunkt unterschiedliche Personen und Institutionen sieht, die sich wechselseitig unterstützen, um die Kindesentwicklung zu fördern.

Die Entwicklung einer angemessenen sozialen Infrastruktur sei dabei wichtig. Das von ihm in diesem Kontext aufgeführte Modell der Familienhebammen, ist allerdings bereits – nach Drucklegung dieses Bandes –, umgesetzt worden.

Dennoch müsse man von den Vorstellungen weg kommen, staatliche Institution hätten Defizite zu kompensieren, vielmehr ginge es um vielfältige Unterstützungsmodelle von Nachbarschaft, Gemeinde, Angeboten der Kinderbetreuung. Nicht zuletzt ginge es aber auch darum, für die materiellen Bedingungen kindlichen und elterlichen Wohlbefindens zu sorgen.

Konsequenterweise fordert Bertram insgesamt – als Resultat der Erkenntnisse der lesenwerten Beiträge in diesem Band –, eine deutliche Neubestimmung der Sozialpolitik, die Fürsorglichkeit müsse in den Mittelpunkt gestellt werden.

Fürsorglichkeit entwickelt sich nicht quasi natürlich, sondern es ginge schlicht um eine Neubestimmung, nicht nur im Bereich der Geschlechterverhältnisse, sondern darum, „Fürsorglichkeit auch als gleichwertig zur ökonomischen Entwicklung und beruflichen Tätigkeit zu interpretieren“, da sonst diese Ressource auf Dauer nicht in ausreichendem Maße vorhanden wäre (S.716).

Kritik

Die Anbindung an die Dimension Wohlbefinden wird zunächst für alle, Kinder, Mütter, Väter und Großeltern als Maßstab propagiert, dann aber im Wesentlichen unter Bezug auf die Kinderrechtskonvention und deren sechs dargestellten Indikatoren ausbuchstabiert. Ob diese Indikatoren sich allerdings ohne weiteres ländervergleichend (!) messen lassen – wie propagiert –,dies ist aus meiner Sicht so eindeutig nicht.

Die Kinderrechtskonvention ist aus Sicht des Rezensenten allerdings auch nur eine Möglichkeit „well-being“ zu erfassen, zu messen, zu bewerten. Dies ist gewissermaßen eine Engführung auf einige Dimension, die ein würdiges Leben beschreiben können.

A. Sen und M. Nussbaum gehen mit ihrem Capabilities Approach (CA), dem Befähigungsansatz, über die Kinderrechtskonvention hinaus. Nussbaum bezieht sich in ihrem 10-Punktekatalog der capabilities nicht nur auf alle Altersstufen, sondern nennt weitere Aspekte, ein würdiges Leben in einer konkreten Gesellschaft leben und gestalten zu können (Otto/Ziegler 2010).

Auch wenn der Capabilties-Approach ebenfalls kritisierbar ist, so wäre doch eine ausführlichere Begründung für die dargestellte Orientierung an der Konvention sinnvoll gewesen. In neueren Studien zur Lebenslage von Kindern spielt der CA eine erhebliche Rolle.

Auch die Orientierung an Bronfenbrenners sozialökologischem Konzept wäre sicherlich genauer zu begründen.

Wenn indem sieben Punktekatalog als Vorgaben für eine familienpolitische Konzeption gefordert wird, Wohlbefinden „genau zu definieren, um genau messbare Maßstäbe zu haben, wie auch Handlungsstränge zu skizzieren“ (S.682), dann wäre dies Sinnvollerweise auch selbst vorzunehmen. So tippt das Buch viele Aspekte an Fürsorge umzugestalten, doch ist deren Ausformulierung bisweilen vage: „Denn nur durch das Einüben und Entwickeln von Fürsorge bei Jungen und Mädchen ist eine Voraussetzung für ein größere Gleichheit in diesem Bereich zu schaffen […]“ (S.712).

Fazit

Ein Buch, das bisherige familiensoziologische Abhandlung perspektivisch durch den konzentrierten Blick auf die Aspekte der Fürsorge und Bindung erweitert.

Die zahlreichen nationalen und internationalen Beiträge öffnen den Diskurs um die weitere Entwicklung familialer Lebensformen, verweisen aber auch auf die gesellschaftlichen Leistungen und/oder Defizite vorhandener Institutionen, Gruppen und Gemeinschaften familiale Lebensbedingungen zu ermöglichen und zu gestalten. Veränderungen der Vaterrolle(n) werden genauso deutlich wie die Herausforderungen an neue Formen und Inhalte sozialpolitischer Rahmenbedingungen, Bindung und Fürsorge zu unterstützen und zu gewährleisten. Die weltweiten Beiträge öffnen außerdem den Blick auf unterschiedliche Lebensstrukturen, Geschlechterbezüge, das Zusammenhalten und Auseinanderfallen von Familien, Krisenphänomen und die Transformation von Familienstrukturen, aber auch deren plurale Gestalt und weitere Zukunft.

Eine gute lesbare, klar strukturierte Grundlage für familiensoziologische Seminare. Leider für Studierende etwas zu teuer, vielleicht wäre eine (komprimierte) Taschenbuchausgabe möglich?


Rezensent
Prof. Dr. Friedhelm Vahsen
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Zitiervorschlag
Friedhelm Vahsen. Rezension vom 04.01.2012 zu: Hans Bertram, Nancy Ehlert (Hrsg.): Familie, Bindung und Care. Familienwandel im Weltvergleich. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2011. ISBN 978-3-86649-391-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11765.php, Datum des Zugriffs 14.10.2019.


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ISSN 2190-9245

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