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Thomas Rauschenbach, Annette Zimmer (Hrsg.): Bürgerschaftliches Engagement unter Druck?

Cover Thomas Rauschenbach, Annette Zimmer (Hrsg.): Bürgerschaftliches Engagement unter Druck? Analysen und Befunde aus den Bereichen Soziales, Sport und Kultur. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2011. 389 Seiten. ISBN 978-3-86649-435-0. 33,00 EUR.
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Thema

In Form des klassischen Ehrenamtes galt das Engagement als aussterbend, dann wurde es im Strukturwandel gesehen, wurde wieder und neu bereits im ersten Freiwilligen-Survey als freiwilliges oder bürgerschaftliches Engagement auch in neuen Ausdrucksformen entdeckt, ließ sich dann sogar als ansteigend mit weiteren Potentialen verfolgen und zeigt sich im Freiwilligen-Survey 2009 (Gensike & Geiss, München 2010) auf gefestigtem Niveau mit weiter gewachsener Bereitschaft der Bevölkerung zum Engagement. Das Interesse aus Forschung, Politik und Verbänden am Bürgerschaftlichen Engagement ist anhaltend groß. Johanna Klatt und Franz Walter (Entbehrliche der Bürgergesellschaft, Bielefeld 2011) zeigen mit ihrer Studie in großstädtischen Wohngebieten mit Verdichtungen von sozial Benachteiligten das auf den zweiten Blick erkennbare Engagement derer auf, die man nicht unter den Trägern des Engagements vermutet hätte und ebenso aktuell erschienen 20 Porträts von Menschen im Rentenalter mit Migrationshintergrund, die sich in der Hauptstadt auf vielfältige und besondere Weise engagieren (Bettina Luise Rürup & Beyhan ?entürk Hrg.: Mittenmang, Bonn 2011, vgl. die Rezension). Damit sind nur zwei in diesem Jahr erschienene Titel genannt, die das Themenfeld weiter ausloten und Erwartungen stärken können. Und nun kommen Rauschenbach und Zimmer und stellen im Titel ihres Werkes die Frage auf, steht „bürgerschaftliches Engagement unter Druck?“ Um es vorweg zu nehmen, deren Antworten aus Analysen und Befunden ihrer Studien hinterlassen nach der Lektüre ein Ausrufezeichen hinter der Frage. Das Bürgerschaftliche Engagement steht dann gut nachvollziehbar unter vielfältigem Druck. Dabei fokussieren sie die Politikbereiche „Soziales“, „Kultur“ und „Sport“, in denen laut Freiwilligensurvey zusammengenommen knapp 40% des Freiwilligenengagements stattfinden, wobei der Sport mit ca. 20% des Gesamtengagements das größte Feld stellt. Die Datenbasis der Analysen in diesem Werk ermittelte der Forschungsverbund vom Deutschen Jugendinstitut / TU Dortmund mit der Westfälischen Wilhelms-Universtität Münster mit dem Projekt „Bürgerschaftliches Engagement und Management“, sowie über ein Vorläuferprojekt bei dem groß angelegt, haupt- und ehrenamtliche Leitungskräfte gemeinnütziger Organisationen befragt wurden.

Herausgeberin und Herausgeber

Annette Zimmer ist Professorin für vergleichende Politikwissenschaft und Sozialpolitik am Institut für Politikwissenschaft der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Thomas Rauschenbach ist Direktor des Deutschen Jugendinstituts in München und Professor für Sozialpädagogik an der Technischen Universität Dortmund.

Autoren und Autorin

Neben den Herausgebern sind Reinhard Liebig, Professor für Verwaltung und Organisation an der Fachhochschule Düsseldorf, Lilian Schwalb, Verwaltungswissenschaftlerin, die im vorherigen Jahr am Institut für Politikwissenschaft in Münster promovierte, Dr. Thorsten Hallmann, wissenschaftlicher Mitarbeiter am dortigen Institut für Politikwissenschaft und Anton Basic, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsprojekt „Engagement & Management II“ (Rauschenbach/Zimmer) bis 2009 mitarbeitete, als Autoren vertreten.

Aufbau und Inhalt

In der Einleitung aus den Federn von Annette Zimmer und Thomas Rauschenbach befassen sich diese zunächst mit der Rahmung heutigen Engagements und seinen Kontextbedingungen in den näher fokussierten Politikbereichen. Unter dem Titel „Times are changing“ verweisen sie auf den Bruch einer bis zur so genannten Krise des Wohlfahrtsstaates gewachsenen kontinuierlichen und stabilen Kooperation zwischen öffentlicher Hand und den gemeinnützigen Organisationen im Sozialwesen sowie im Sport und der Kultur. Seither zieht sich der Staat aus diesen Feldern zurück und Marktmechanismen, Konkurrenz auch mit zunehmend privat-gewerblichen Anbietern von Dienstleistungen hielten Einzug. Abschließend wird den Lesern der Aufbau des Buches vorgestellt, das drei Großkapitel zu den fokussierten Politikbereichen enthält, die jeweils in einen Teil A (Rahmenbedingungen, Veränderungen, aktueller Stand) und einen Teil B (empirische Ergebnisse) sowie eine Zusammenfassung bzw. ein Resümee aufgebaut sind.

Im ersten Großkapitel mit dem Titel „Was bleibt für das Ehrenamt?- Analysen und Forschungsbefunde zum Wandel der Führungsstrukturen im Sozialbereich“ wendet sich Reinhard Liebig der Frage zu, was für das Ehrenamt bleibt, indem er zunächst einen Überblick über den Bereich Soziales herstellt und zeigt was, wo im Wandel war bzw. steht. Dazu betrachtet er auch im Zeitverlauf die Trägerstrukturen in spezifischen Segmenten: Krankenhäuser, Rehabilitation, Pflege und Kinder- und Jugendhilfe. Ergänzend werden die Grundlinien der Entwicklungsgeschichte der Sozialen Dienste nachgezeichnet. Das Thema Governance wird u. a. mit einem Vergleich der Corporate Governance Kodizes in der freien Wohlfahrtspflege als eine aktuelle Debatte innerhalb der Wohlfahrtsverbände ausführlich bearbeitet. Dieses ist Ausgangspunkt und inhaltliche Grundsteinlegung des zweiten Teils der Ausführungen von Reinhard Liebig, der die Befunde einer Befragung von 115 haupt- und ehrenamtlichen Führungspersonen aus großen Einrichtungen der Caritas, der Arbeiterwohlfahrt, der Diakonie und des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes präsentiert und interpretiert. Bei diesen Erkenntnissen geht es um die Kooperation zwischen der Geschäftsführungsebene und Ehrenamtlichen in Aufsichts- und Kontrollgremien, wie auch um Fragen der strategischen Ausrichtung der befragten Organisationen und das Thema Governance. Die Multifunktionalität der sozialwirtschaftlichen Organisationen wird ebenso wie die Rolle der Ehrenamtlichen beleuchtet. Gezeigt werden Befunde, die Neuausrichtungen der Organisationen belegen, daneben ist auch das Festhalten an traditionellen Mustern beobachtet worden. Die Daten belegen ferner, dass eine Dienstleistungsorientierung, wie auch eine Ausrichtung an wirtschaftlichen Kriterien fester Bestandteil des Führungshandelns geworden sind. Es kann hier nur ein „Überflug“ über die zahlreichen, eindrucksvollen Befunde geleistet werden. Sehr hilfreich ist hier der Schlussabschnitt, in dem der Autor mit Spiegelstrich-Aussagen für den Leser die zentralen Ergebnisse noch einmal pointiert zusammenfasst und darüber zu einem verdichteten Gesamtbild verhilft.

Das zweite Großkapitel „gemeinnützige Kulturorganisationen unter Anpassungsdruck“ aus der Feder von Lilian Schwalb macht Stellenwert und aktuelle Veränderungen im Politikfeld Kultur zum Thema. Dazu führt sie in dieses Politikfeld zunächst ein und gibt der historischen Entwicklung des Modells der Einbindung gemeinnütziger Kulturorganisationen als wichtige Infrastruktur des Bürgerschaftlichen Engagements im Kulturbereich größeren Raum. Daneben werden finanzielle, organisatorische und gesetzliche Rahmenbedingungen der Kulturproduktion in und durch gemeinnützige(n) Organisationen dargestellt. Die Steuerung des Kulturbetriebes der öffentlichen Hand wird weiterhin behandelt, wie auch der Einzug von Markt- und Konkurrenzbedingungen auf diesem Feld. Im Zentrum des zweiten Teils stehen zwei Fallstudien auf der Basis von Dokumentenanalysen und Experteninterviews. Die Stiftung Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen und das Kulturzentrum Schlachthof Kassel werden in ihrer Entwicklung nachgezeichnet, die organisatorische Ausgestaltung vorgestellt, deren Ziele und ihr Profil werden näher betrachtet. Die Fallstudien fokussieren die bedeutenden Veränderungen in der Umwelt der gemeinnützigen Kulturorganisationen. In ihrem Fazit fasst Lilian Schwalb die vier Bereiche zusammen, die für Organisationen, die in den letzten Jahrzehnten Wachstum beim Finanzvolumen, in der Angebotsbreite sowie bei Engagement und Beschäftigung realisieren konnten, die Herausforderungen bereit halten: Eine beständige Diversität und Angebotsvielfalt im Kunst- und Kulturbereich schafft eine zunehmende Konkurrenzsituation. Zweitens entstehen finanzielle Engpässe zumeist durch die prekäre Lage der öffentlichen Haushalte. Drittens haben die Organisationen sich der Problematik langfristiger Bindung von Mitgliedern zu stellen. Und letztlich stellt sich die Frage, ob angesichts der Umweltveränderungen und deren Größenwachstum herkömmliche Leitungsstrukturen noch zeitgemäß oder nicht längst obsolet sind. Die Organisationen stehen unter Anpassungsdruck.

Das dritte Großkapitel geht der Frage nach „Ist Sport im Verein am schönsten?“ Annette Zimmer, Anton Basic und Thorsten Hallmann beschreiben den im Sportverein organisierten Sport als Erfolgsgeschichte. Sie beschreiben die Entwicklung des Sports als Politikfeld mit besonderem Blickwinkel auf die enge Verflechtung zwischen öffentlicher Sportförderung und Sportselbstverwaltung. Der Verein als spezifische Form und Rahmung bürgerschaftlichen Engagements wird vor dem Hintergrund zunehmender sportlicher Aktivitäten außerhalb organisierten Sports betrachtet (Fitness-Studios, Einzelsportarten). Im zweiten Teil werden auf der Grundlage der Führungskräftebefragung des Forschungsprojektes „Bürgerschaftliches Engagement und Management“ und auf der Basis einer Mitgliederbefragung (Mitglieder und Funktionäre) zweier großer Sportvereine aus Münster und Dortmund werden die Folgen der veränderten Kontextbedingungen des organisierten Sports beleuchtet. Soziodemographische Daten werden dargestellt, die Motivation, im Sport mitzumachen und dabei zu bleiben werden untersucht, das Engagementvolumen erhoben und Werthaltungen ermittelt. Neben vielen Erkenntnissen innerhalb eines interessanten und facettenreichen Bildes des im Verein organisierten Sports zeigen die Autoren auf, dass die Sportvereine unter Druck geraten sind, die in den letzten Jahren im Hinblick auf Mitgliederzahlen und Angebotsbreite gewachsen sind und einen Wettkampfbetrieb in verschiedenen Ligen aufrecht erhalten. Sie mussten sich bereits organisationstechnisch komplexer aufstellen. Dabei haben die Anforderungen an das Leitungspersonal laufend zugenommen, so es für viele Vereine mittlerweile eine Herausforderung darstellt, geeignetes Führungspersonal zu gewinnen.

Fazit

Das Buch ist zunächst einmal eine riesige Fundgrube. Eine Fundgrube an interessanten, facettenreichen Befunden, auch jenseits des zentralen Erkenntnisinteresses mit der Frage nach dem Druck, dem Bürgerschaftliches Engagement ausgesetzt ist. Die vielfältigen methodischen Zugänge, die Forschungsdesigns, Experteninterviews, Mitgliederbefragungen in Sportvereinen, Dokumentenanalysen zu Fallstudien … – das ist ein spannender „bunter Strauß“. Das Buch ist jedoch weit mehr als eine Fundgrube. Es ist mit seinen vielfältigen Antworten auf die Frage, ob und wie das Bürgerschaftliche Engagement in den drei fokussierten Politikfeldern bereits unter Druck steht, ein wichtiges Werk, da es sich mit seinen Inhalten der vielfältig anzutreffenden Rhetorik zum Bürgerschaftlichen Engagement und dem, was dieses alles leisten kann und soll, entgegen stellt. Zumindest ein Innehalten sollte es bewirken und dann dazu auffordern, Einblicke in die veränderten Kontextbedingen nehmen, unter denen sich Bürgerschaftliches Engagement heute darstellt. Dazu lädt dieses Buch mit vielen gebündelten Streiflichtern auch ein. Darüber hinaus ist es sehr leserfreundlich gemacht. Die drei Großkapitel sind – bei aller Unterschiedlichkeit der beleuchteten Felder – identisch aufgebaut, indem in die Bereiche Sozial- und Gesundheitswesen, Kultur und Sport über historisch Gewachsenes hin zum (notwendigen) Wandel und den gewandelten Kontexten Bürgerschaftlichen Engagements zunächst eingeführt wird, dann die Datenanalysen im jeweiligen Teil B vorgenommen werden und beide Teile jeweils in einem Resümee, in Thesen, Folgen und einer Zusammenfassung aufeinander in Bezug gesetzt werden.

Mein doppeltes Fazit: Ich werde es meinen Studierenden ans Herz legen. Daneben gehört es zur Pflichtlektüre all der politischen Kräfte, die fortgesetzt laufend Ideen produzieren, was über Bürgerschaftliches Engagement denn noch alles gekittet, geregelt, gespart werden kann.


Rezensent
Prof. Dr. Harmut Bargfrede
lehrt am Studiengang Sozialmanagement der Hochschule Nordhausen u. a. das Vertiefungsgebiet „Bürgerschaftliches Engagement, Freiwilligenmanagement und Bürgerstiftungen“


Lesen Sie weitere Rezensionen zum gleichen Titel: Nr.12422


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Zitiervorschlag
Harmut Bargfrede. Rezension vom 26.09.2011 zu: Thomas Rauschenbach, Annette Zimmer (Hrsg.): Bürgerschaftliches Engagement unter Druck? Analysen und Befunde aus den Bereichen Soziales, Sport und Kultur. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2011. ISBN 978-3-86649-435-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11767.php, Datum des Zugriffs 19.11.2018.


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