socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Stefan Pohlmann: Sozialgerontologie

Cover Stefan Pohlmann: Sozialgerontologie. UTB (Stuttgart) 2011. 256 Seiten. ISBN 978-3-8252-3513-0. D: 26,90 EUR, A: 27,70 EUR, CH: 40,90 sFr.

Reihe: UTB - 3513.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Längst hat sich die Gerontologie als Querschnittswissenschaft vom Alter etabliert. Denn Alterns- und Altersphänomene lassen sich individuell wie kollektiv nur aus einem Kranz von Wissenschaften erklären und beeinflussen. Auch die Soziale Arbeit, die sich des alternden und alten Menschen annimmt, macht da in ihrer ohnehin multidisziplinären Sicht keine Ausnahme. Gerontologen haben seit den 1970er Jahren ihren festen Platz in der Sozialarbeitslehre. An Veröffentlichungen der Sozialgerontologie für die Soziale Arbeit sieht Stefan Pohlmann allerdings noch Nachholbedarf und legt deshalb in der Reihe UTB des Ernst-Reinhardt-Verlags ein 256 Seiten starkes Lehrbuch zur Sozialgerontologie vor.

Autor

Prof. Dr. phil. Diplom-Psychologe Stefan Pohlmann lehrt das Gebiet Sozialgerontologie in verschiedenen Sozial- und Gesundheitswissenschaften an der Hochschule München in sozialarbeitlichen und gesundheitswissenschaftlichen Studiengängen.

Grundlegende Inhalte

Das Buch Sozialgerontologie umreißt weniger die Genese als die Essenz verschiedener Sozialwissenschaften für die Soziale Altenarbeit. Unter Rückgriff auf Fälle aus dem Alltag werden kalendarische, soziale, psychologische, biologisch-funktionale und gesellschaftlich-normative Gesichtspunkte für das Altern und das Alter erhellt. In vier umfangreichen Kapiteln werden theoretische Zusammenhänge und handlungsleitende Perspektiven für die Soziale Altenarbeit dargestellt. Dabei wird die Situation des alternden Menschen wertfrei gesehen. Neben der Feststellung des vorwiegend molekularbiologisch erklärten Schwindens der Kräfte und Funktionen im Alter findet sich genauso die Überzeugung „Altern bedeutet Zukunft“.

Inhalte im einzelnen

Von den demografischen und epidemiologischen Wandelsphänomenen herkommend schildert Stefan Pohlmann eingangs die Umbrüche und Wandelsphänomene des Alters. Die politische und gesetzgeberische Programmatik zum Alter wird umrissen.

Sodann werden die Theorien des Alters stark an der Entwicklungs- und Persönlichkeitspsychologie ausgerichtet entfaltet. Einen breiten Raum nehmen Krisenbewältigungs-Theoreme ein. Molekularbiologische Erklärungsansätze für das Altern werden referiert.

Nach einer Besinnung auf das kalendarische, soziale, psychische, biologische und umgebungs-induzierte Altern wird im dritten Kapitel unter den Stichpunkten Adressaten und Bedarfslagen auf die sozialarbeitlich wichtigen Phänomene Armut, Krankheitsanfälligkeit, Pflegebedürftigkeit und soziale Einbindung bzw. Isolation eingegangen. Aktuelle Hinweise auf die Assistenzsysteme zur Stärkung der Unabhängigkeit im Alter finden sich (Seite 140 ff.). Wichtige Kategorien wie psychische Krankheit, Behinderung und Migration im Alter werden behandelt. Dem Generationenkrieg wird anhand realistisch mitgeteilter Altersbilder widersprochen.

Im vierten und letzten Kapitel werden an Instrumenten und Handlungszielen für die Soziale Altenarbeit methodologische und wissenschafts-instrumentelle Fragen behandelt. Mit Ausführungen zu Empowerment, CaseManagement, Projekt-, Netzwerk- und Planungsarbeit werden sozialarbeitlich-methodische Handlungsmöglichkeiten expliziert. Ein fachübergreifendes, altenförderndes Age Mainstreaming wird in Analogie zum Gender Mainstreaming vorgeschlagen, weil der Autor davon überzeugt ist, dass die Barrieren gerade politischer Partizipation für alte Menschen noch immer relativ groß ausfallen.

Diskussion

Das Buch „Sozialgerontologie“ nimmt vor allem gerontologische Derivate der Sozialwissenschaften in seinen Fokus. Daraus ergeben sich für die Akteure der Sozialen (Alten-)Arbeit viele brauchbare Einsichten und Vorgaben für ihr praktisches Handeln. Zielvorgaben sind vor allem die Krisenbewältigung und die Zukunftsoffenheit des alternden Menschen.

Wieweit die Soziale Altenarbeit tatsächlich unter einem gerontologischen Theoriedefizit leidet, steht dahin. Seit geraumer Zeit werden in der Sozialen Arbeit gerontologische Erkenntnisse referiert. Der Autor nennt sogar eingangs einschlägige Veröffentlichungen.

Das Buch Pohlmanns geht eher deduktiv als induktiv vor. Das heißt, die vom Autor gebrachten Fallbeispiele werden weniger zur Hinführung in die theoretischen Zusammenhänge als vielmehr zur nachträglichen theoretischen Erhellung eingeführt. Die Gesetze und Theoreme werden bereits in Kapitel 2 expliziert (auf Seiten 73 ff.). Und das vor den erst danach in Kapitel 3 beschriebenen sozialdemografischen Problemlagen (auf Seiten 142 ff.). Die umgekehrte Abfolge schiene didaktisch sinnvoller.

Im einzelnen darf gefragt werden, warum bei den sozialen Wandelsphänomenen nicht Margret Meads kulturanthropologische Abfolge von der post- über die ko- zur präfigurativen Kultur und bei Erik Eriksons entwicklungspsychologischem Konfliktschema nicht dessen Fortführung durch Joan Erikson und Naomi Feil aufgenommen wurde. Auch befremdet die Umbenennung des Gegensatzpaares Aktivitäts- und Disengagementtheorie in „Rückzug versus Engagement“ ein wenig. Die Ressourcen- und Reziprozitäts-Theorien hätten zusätzlich noch vorgestellt werden können.

Methodisch sind in der als Lehrbuch gedachten Veröffentlichung die Aufgaben zum weiteren Erkenntnisgewinn und zur Wiederholung gut am Platz. Das Buch ist brauchbar und geeignet zur Optimierung der Sozialen Altenarbeit wo immer: In der offenen Altenhilfe, in der Familienberatung, im Krankenhaussozialdienst, in der Heimsozialarbeit und für die Tätigkeit in den Pflegestützpunkten.

Fazit

Das Buch gibt einen inspirierenden Überblick über sozialgerontologische Zusammenhänge in der Sozialen Altenarbeit. Es ist gut geeignet als motivierende, positive Leitlinie wie zur theoretischen Fundierung für die Sozialen AltenarbeiterInnen.


Rezensent
Prof. Kurt Witterstätter
Dipl.-Sozialwirt, lehrte bis zur Emeritierung 2004 Soziologie, Sozialpolitik und Gerontologie an der Evangelischen Fachhochschule Ludwigshafen - Hochschule für Sozial- und Gesundheitswesen; er betreute zwischenzeitlich den Master-Weiterbildungsstudiengang Sozialgerontologie der EFH Ludwigshafen
E-Mail Mailformular


Lesen Sie weitere Rezensionen zum gleichen Titel: Nr.12455


Alle 89 Rezensionen von Kurt Witterstätter anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Kurt Witterstätter. Rezension vom 29.06.2011 zu: Stefan Pohlmann: Sozialgerontologie. UTB (Stuttgart) 2011. ISBN 978-3-8252-3513-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11772.php, Datum des Zugriffs 16.10.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung