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Gerhard Grunick, Nicola Maier-Michalitsch (Hrsg.): Leben pur - Liebe, Nähe, Sexualität bei Menschen mit [...] Behinderungen

Cover Gerhard Grunick, Nicola Maier-Michalitsch (Hrsg.): Leben pur - Liebe, Nähe, Sexualität bei Menschen mit schweren und mehrfachen Behinderungen. verlag selbstbestimmtes leben (Düsseldorf) 2010. 276 Seiten. ISBN 978-3-910095-83-0. 17,40 EUR.
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Thema

Seit gut zwanzig Jahren wird in den Einrichtungen der Behindertenarbeit das Thema Sexualität Behinderter nicht mehr vollständig verdrängt.

Nach gut zwanzig Jahren dieser Entwicklung kann durchaus berechtigt davon gesprochen werden, das Thema Sexualität sei in den Einrichtungen der Behindertenarbeit ein Tabu.

Nach zwanzig Jahren ist die Wissenschaft immer noch nicht in der Lage, diesen Widerspruch sicher zu erklären.

Die Herausgeber dieses Buches bemerken schon in ihrem Vorwort dazu: „Aus Unsicherheit oder aus Bequemlichkeit geht man dem Thema (Sexualität L.S.) aus dem Weg.“ Dabei bleiben sie so unsicher, wie es die Lage verlangt: Ist es nun Unsicherheit oder Bequemlichkeit oder beides oder gar angstvolle Abwehr? Wer ist „man“ in diesem Fall genau? Wie konnte dieses „Aus-dem-Wege-Gehen“ so viele Jahre funktionieren? Längst wäre es Zeit, die bestehenden Widerstände gründlich zu untersuchen. Das aber bietet auch das vorliegende Buch nicht. Dafür aber werden einige Beispiele aus dem pädagogischen Arbeitsalltag beschrieben, in denen mutige Menschen sich dem Thema „Sexualität Behinderter“ nähern - trotz aller Gegenwehr.

Aufbau und Inhalt

Die verschiedenen Beiträge des Buches entstammen einer Tagung aus dem Jahre 2010, was manchmal zu Doppelungen führt. Bei der Tagung ging es um Menschen mit schweren und mehrfachen Behinderungen

Nach dem Vorwort der Hausgeber und einem kongressüblichen Grußwort aus dem jeweiligen politischen Bezug beschreibt Prof. Dr. Barbara Ortland von der Katholischen Hochschule in Münster ihre Sichtweise genauso wie Ines Bader von der Diakonie in Stetten.

Zu dieser Rubrik „Grundlagen“ gehört noch eine medizinische Betrachtung zum Thema von Dr. Peter Martin, der im Epilepsiezentrum Kork arbeitet. Abschließend formulieren Dr. Martina Schlüter (Uni Köln) und Caroline von Meding pädagogische und ethische Grundpositionen.

Dann kommen die Beiträge aus der Praxis, alles echte Leckerbissen für die am Thema Interessierten:

Jürgen Heitzenberger vom Institut für Sozialpädagogik in Dortmund, Miriam Weisz, Constanze Beeken und Martin Rothaug (beide Spastikerhilfe Berlin), Marcello Ciarrettino und Rebecca Wilhelmi, Nina de Vries (Sexualbegleiterin), Maria Diete und Christina Dürr (beide ebenfalls Spastikerhilfe Berlin), sie alle berichten aus der Praxis zum Thema.

Dr. Aiha Zemp ist zur Rubrik Gewalt und Prävention gefragt worden und Prof. Dr. Oliver Kestel zu rechtlichen Aspekten bezüglich des Kongressthemas.

Ein besonderer Aspekt ist auf dem Kongress nicht vergessen worden und bildet einen der Höhepunkte des Buches: Die Einbeziehung eines „Experten in eigener Sache„: Mit Hilfe von Ute Blume hat Sebastian Knorr als behinderter Mann eindrucksvoll Stellung genommen.

Das Buch endet mit einigen Servicebeiträgen: Sehr lobenswert ist ein Glossar, in dem die wichtigsten Fachbegriffe erklärt sind. Das Gleiche gilt für das Abkürzungsverzeichnis. Die Liste der Autorinnen und Autoren wünschte ich mir informativer als eine reine Adressen- oder Emailweitergabe. In der Rubrik „Weiterführende Adressen“ fehlen ganz wichtige Beratungsstellen in Deutschland. Die hätten genannt werden müssen, auch wenn das Buch sie selber innerhalb der Referate nicht einbezieht.

Diskussion

Es gibt in der Literatur nur wenige Beschreibungen von Versuchen, innerhalb und außerhalb von Einrichtungen eine tatsächlich ganzheitliche Pädagogik zu leisten. Eine Pädagogik, die den behinderten Körper auch als Quelle von Lust und Lebensfreude denken kann. Ganz besonders hat sich hierum ein Träger der Behindertenarbeit in Berlin verdient gemacht, die „Spastikerhilfe“. Schon Anfang der 1990er Jahre fanden sich dort mutige Menschen, die bei Problemen auch mal die Frage stellten, ob die nicht vielleicht etwas mit sexuellen Bedürfnissen zu tun haben könnten. Die Berliner Spastikerhilfe ist dann später von der Problemorientierung sogar zur Prävention übergegangen. Von diesem Prozess und von den Beispielen dieser Arbeit berichtet das hier vorgestellte Buch.

Aber auch aus einigen anderen Einrichtungen wird berichtet, zumeist von den Protagonisten dieser Angebote. Sie sind dabei der Versuchung erlegen, die Widerstände in den Einrichtungen gegen eine pädagogische Beachtung sexueller Bedürfnisse nur anzudeuten. Wohl um den Schwung des Fortschritts wenigstens in ihren Referaten freien Lauf zu lassen.

Ciarrettino und Wilhemi ist es gelungen auch die Widerstände zu beschreiben. In ihrem wunderbaren Beitrag zum Thema „Wachkoma und Sexualität“ schildern sie die sexuellen Wieder-Annäherungen eines Ehepaares, nachdem die Ehefrau ins Wachkoma kam.

All diesen Pionieren wäre eine Wissenschaft zu wünschen, die sie mit empirischen Bemühungen unterstützt, anregt, fördert. Sie brauchen endlich den Schutz, den beweisstarke Untersuchungen bieten können gegen Dummheit, Ignoranz und Angst in ihren Teams und Einrichtungen. Die Möglichkeit, widerlegt zu werden, nähmen sie gern in Kauf.

Leider geben einige sogenannte „Grundlagen„-Beiträge des Buches erneut nur die Meinung der Referentinnen wieder. Die holen ihre Autorität zumeist aus den Zitaten die im Elfenbeinturm schon hundertfach ausgetauscht wurden. Ines Bader nimmt sich sogar die Freiheit, auch mal ihre Meinung ganz unbegründet zum Besten zu geben, etwa wenn sie als Hürden für den Einsatz von Sexualassistenz einen Konsens fordert, der schon immer seine verhindernde, zumindest lähmende Kraft gezeigt hat, etwa als es um die Förderung der schulischen Integration Behinderter ging.

Zum Glück nimmt das Buch auch den Beitrag von Sebastian Knorr auf, der mit Hilfe seiner Assistentin Ute Blume seine Erfahrungen mit seiner Sexualität beschreibt. Das allein macht das Buch lesenswert und sollte in das Buchkapitel „Grundlagen“ umorganisiert werden.

Fazit

Ein Dank an alle, die den Kongress „Liebe, Nähe, Sexualität“ realisiert haben und als Konsequenz das hier rezensierte Buch. Mit ihm erhalten Interessierte die Möglichkeit, von Beispielen ganzheitlicher pädagogischer Praxis zu lesen, solcher, die das Thema Sexualität tatsächlich wertschätzt und damit das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit auch für behinderte Menschen. Die Vielfalt der Praxisbeispiele ist noch größer als das die tragenden Organisationen des Kongresses gesehen haben, aber auch die Widerstände in der Pädagogik sind noch wesentlich größer. Dennoch bietet das Buch ganz wertvolle Berichte über die Bemühungen moderner Pädagogik. Sehr empfehlenswert.


Rezension von
Dipl.-Psych. Lothar Sandfort
Psychologischer Leiter des „Institutes zur Selbst-Bestimmung Behinderter“ (Trebel), seit 1971 querschnittgelähmt und so seit vielen Jahren als Peer-Counselor in Beratung und Psychotherapie tätig. Unter anderem Supervisor und Coach für Teams in Einrichtungen der Behindertenarbeit von körperlich, geistig bzw. psychisch behinderten Menschen.
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Zitiervorschlag
Lothar Sandfort. Rezension vom 12.09.2011 zu: Gerhard Grunick, Nicola Maier-Michalitsch (Hrsg.): Leben pur - Liebe, Nähe, Sexualität bei Menschen mit schweren und mehrfachen Behinderungen. verlag selbstbestimmtes leben (Düsseldorf) 2010. ISBN 978-3-910095-83-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11774.php, Datum des Zugriffs 25.01.2020.


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