socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Günter Wiemann: Hans Löhr und Hans Koch. Politische Wanderungen

Günter Wiemann: Hans Löhr und Hans Koch. Politische Wanderungen. Vita-Mine Verlag (Braunschweig) 2011. 269 Seiten. ISBN 978-3-00-033763-5. 17,95 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


„Geschichte besteht aus Geschichten…“

aus Geschichten über Lebenssituationen von Menschen, wie aus politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen. Geschichte wird also lebendig, sowohl als Vergangenheitsbetrachtung, wie als Wegweiser für Gegenwart und Zukunft, wenn es gelingt, Ereignisse sichtbar zu machen und Aktivitäten von Menschen aufzuzeigen und die gesellschaftlichen Wirkungen auf Mentalitäten und Meriten, die Auswirkungen auf Miseren und Mysterien, auf Melodien und Melodramen, auf Monotonien und Menetekel am Beispiel des Lebens und Wirkens von Menschen zu verdeutlichen. Um zu verstehen, „wie wir wurden, was wir sind“ (Bernt Engelmann, München 1980), bedarf es Empathie und Kognition und die Fähigkeit und Bereitschaft zu memorieren.

Autor

Prof. Dr. Günter Wiemann aus Braunschweig hat diese Fähigkeit und Konsequenz „gegen das Vergessen“ anzugehen („Nie wieder 1933“, Regionale GewerkschaftsBlätter, Heft 30, Braunschweig, April 2009, 65 S.), Zeitzeugen zu befragen (a.a.o., Heft 27, Hannover/Braunschweig, September 2007, 112 S.), die deutsche Arbeiterbewegung zu dokumentieren (a.a.o., Heft 28, Braunschweig, September 2008, 97 S.) und die „Arbeiterbildung“ in den Fokus zu bringen (Bundesvereinigung Arbeit und Leben / DGB, Wolfenbüttel/Braunschweig 2008, ca. 250 S.). Erinnern, davon ist er überzeugt, schafft Lebenskompetenz! (vgl. dazu auch: Günter Wiemann, Kurt Gellert. Ein Bauernführer gegen Hitler. Widerstand, Flucht und Verfolgung eines Sozialdemokraten; Verlag vorwärts buch, Berlin 2007, 250 S., Pb., 29,80 Euro, ISBN k978-3-86602-935-4, Rezension in: www.socialnet.de/rezensionen/5733.php)

Inhalt

„Oft steckt im Kleinen das Große, man muss es nur sehen“, mit dieser Erkenntnis des Braunschweiger Schriftstellers Georg-Oswald Cott (Tagebucheintrag, 2005), verortet Günter Wiemann Personen, Thema und Ort seines Buches „Hans Löhr und Hans Koch – Politische Wanderungen“. Es geht um das ehemalige Dorf Harxbüttel, einem 1974 eingemeindeten Stadtteil von Braunschweig. Dort entstand in den 1920er Jahren auf dem Flurstück „Horstkamp“ die Landkommune Harxbüttel. Orientiert an den Ideen und dem gesellschaftspolitischen Wirken des Worpsweder Malers und Grafikers Heinrich Vogeler und anderer (linker) Intellektueller, entwickelten sich in den Zeiten des Umbruchs nach dem Ersten Weltkrieg Initiativen, mit der Programmatik „Zurück zur Mutter Erde… eine soziale und ökonomische Reaktion auf die radikalen Veränderungen der entstehenden Industriegesellschaften zu verstehen“. Es waren insbesondere die „Ablehnung des herrschenden sozio-ökonomischen Systems, insbesondere des kapitalistischen Profitstrebens, des Privateigentums an Grund und Boden“, die Sehnsucht nach einem „Leben in besitzlosen, ökonomisch selbstbestimmten Gemeinschaften“ und das „Streben nach einem Zustand der Natürlichkeit, Wahrhaftigkeit und Echtheit“, die als Motive für die Landkommunenbewegung jener Zeit bestimmend waren.

In dieser Umgebung, in der junge Menschen zu Gärtnern und Landwirten ausgebildet und zur Auswanderung nach Brasilien vorbereitet wurden, wuchsen die Ideen und vielfältigen Initiativen, die es wertvoll und informativ erscheinen lassen, über die schwierigen Lebenswege der beiden Gründer der Landkommune, Hans Löhr und Hans Koch, zu berichten.

Hans Löhr, der Idealist

Der 1896 in Harxbüttel als Sohn eines Holzhändlers geborene Hans Löhr schildert in seinem 1929 zur Abschlussprüfung seines Lehrerstudiums an der Technischen Hochschule Braunschweig vorgelegten Lebenslauf sein bis dahin bewegtes Dasein und drückte seine persönlichen Hoffnungen und gesellschaftspolitischen Wünsche als Sozialdemokrat und Gewerkschafter aus. Er gründete an der TH die „Sozialistische Studentengruppe“ und gerät damit und mit seinen politischen Einstellungen und Aktivitäten bald in Konflikt mit den vaterländischen und beginnenden nationalsozialistischen Strömungen. Als pädagogischer Autor, u. a. in der „Preußischen Lehrerzeitung“, bringt er seine Vorstellungen über eine sozialistische und gewerkschaftliche Arbeiterbildung, wie seine Kritik und seinen Widerstand gegen den beginnenden nationalsozialistischen Terror in die Öffentlichkeit. Er beteiligt sich als technischer Leiter 1932 an einem Vorhaben, im peruanischen Urwald nach Siedlungs- und Kultivierungsmöglichkeiten Ausschau zu halten: „Wir hofften“, so schreibt Hans Löhr in einem Lebenslauf vom 23. 4. 1960, in dem er seine Übersiedlung mit seiner Familie in die DDR begründete, "dass wir für Europäer zuträgliche Landstriche zu intensiver Besiedlung finden und eine große Zahl von den vielen Arbeitslosen würden nachholen können, um dort einen inneren Markt und damit einen politischen Machtfaktor zu bilden“. Die Erwartungen, die die 15 Teilnehmer an die „Montaña-Expedition“ hegten, insbesondere Löhrs Erwartungen, er würde am Amazonas ein Siedlungsmodell nach dem Harxbütteler Muster errichten können, erfüllten sich nicht. Die Gründe dafür hat Wiemann in zahlreichen Recherchen und aufgefundenen Quellenmaterialien dargelegt.

Hans Koch, der Realist

Mit dem 1897 geborenen Mitbegründer der süddeutschen Kommune Blankenburg, Hans Koch, kam einer zur Harxbütteler Gemeinschaft, der, vielleicht im Gegensatz zu den „Idealisten“ der Landkommunen-Bewegung, seine Vorstellungskraft in tätige Praxis umzusetzen vermochte. Der spätere Gründer der HAKO-Werke in Bad Oldesloh entwickelte und erprobte 1925 eine „leichte Motorhacke mit Rückentragmotor und biegsamer Welle, an die auswechselbar, auch (die erste) Motorheckenschere und verschiedene andere Geräte angeschlossen werden konnten“, die er auch am 23. 6. 1925 zum Patent anmelden konnte.

Der Traum von der Allmende

Mit Hans Löhr und Hans Koch lernen wir in Günter Wiemanns Buch zwei Persönlichkeiten kennen, die – trotz ihrer auch existentiell sehr unterschiedlichen Lebenswege und –bewältigungen – einen Traum hatten: „Der Mensch in der Mitte und der Geist der Gemeinschaft… Einmal ohne Schranken, Bedenken, Zweifel aufgehoben zu sein – keine Stände, keine Abkunft galt, keine Konfessionen und keine Rassen“, wie Hans Koch 1972 in seinen Erinnerungen schreibt und Wiemann von einer „schöpferischen Freundschaft“ sprechen lässt.

Es sind, neben den wertvollen Quellenfunden, die Günter Wiemann zum Teil erstmals publiziert, vor allem seine zahlreichen Querverweise auf Persönlichkeiten jener und heutiger Zeit, sowie die geschichtlichen und politischen Reflexionen, Exkurse und Einordnungen, die den Spagat zwischen idealisierten Träumen und Utopien und gesellschaftlichen, politischen und existentiellen Wirklichkeiten so spannend und informativ aufzeigen. „Das Leben ist kein Traum. Aber kann man jemanden einen Traum vorwerfen?“, so schrieb Jan Jürgen Vogeler über seinen Vater Heinrich Vogeler. Dieser Satz lässt sich auch für das Leben und Wirken von Hans Löhr und Hans Koch anwenden.

Die Querverweise auf die Kontaktpersonen, die die Schicksale, Erfolge, Misserfolge, das Scheitern wie die Wendemarken im Leben von Löhr und Koch bestimmten, hat Günter Wiemann sowohl in der inhaltlichen Darstellung und Bewertung, als auch im Anhang dargestellt. So ergibt sich nicht nur ein Bild über die Existenzen der beiden Männer, sondern auch ein zeitgeschichtliche Ummantelung. Die aufgeführten Kurzbiografien signalisieren darüber hinaus für die historische und biografische Mentalitätsforschung eine Reihe von Aufforderungen zur weiteren Nachschau.

Fazit

Die Forschungsarbeit von Günter Wiemann stellt nicht nur für die sozialdemokratische Vergewisserung, sondern für auch für die allgemeinbildende, wissenschaftliche und gesellschaftliche Reflexion eine Herausforderung dar. Die Nobelpreisträgerin von 2009 für Wirtschaftswissenschaften, Elinor Ostrom, plädiert in ihren wissenschaftlichen Arbeiten für die Wiederentdeckung der Gemeingüter (vgl. dazu: Elinor Ostrom, Was mehr wird, wenn wir teilen. Vom gesellschaftlichen Wert der Gemeingüter, oekom Verlag, München 2011; siehe dazu: www.socialnet.de/rezensionen/11224.php). Hans Löhr und Hans Koch waren sich dieser Verpflichtung bewusst. Ihre Visionen und Hoffnungen für ein gemeinschaftliches Leben und Wirtschaften in Landkommunen haben sich nicht erfüllt. Aber sie haben Spuren hinterlassen, die es lohnen, aufgehoben und bedacht zu werden!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
E-Mail Mailformular


Alle 1292 Rezensionen von Jos Schnurer anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 20.07.2011 zu: Günter Wiemann: Hans Löhr und Hans Koch. Politische Wanderungen. Vita-Mine Verlag (Braunschweig) 2011. ISBN 978-3-00-033763-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11775.php, Datum des Zugriffs 11.12.2018.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung