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Manfred Loimeier: Szene Afrika

Cover Manfred Loimeier: Szene Afrika. Kunst und Kultur südlich der Sahara. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2011. 220 Seiten. ISBN 978-3-86099-716-1.
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„Aus Afrika kommt immer etwas Neues“

Erstaunen über Exotisches und Überraschendes bestimmt von Jeher die Wahrnehmung des Afrikanischen durch die „Weißen“. Bereits Aristoteles spricht in seiner „Historia animalium (350 v. Chr.) von merkwürdigen Kreuzungen zwischen verschiedenen Tierarten in der Oasen der libyschen Wüste; und der römische Geschichtsschreiber Gaius Plinius Secundus (77 n. Chr.) setzt das „…semper aliquid novi Africam adferre“ vor seine Texte über traditionelle und moderne afrikanische Kunst ( John Peffer, in: Marjorie Jongbloed, Hg., Entangles. Annäherungen an zeitgenössische Künstler aus Afrika, Hannover 2006, S. 204 ). Das Bild vom „plumpen, ungeschlachten Riesen“, das uns Leo Frobenius in seinem Werk „Kulturgeschichte Afrikas“ (1933) malt, oder das eines „geschichtslosen Kontinents“, womit der belgische Franziskanerpater Placide Frans Tempels (1906 – 1977) unser Geschichtsbild verwirrte – immer ging es den Europäern darum, das „dunkle“ des afrikanischen Erdteils zu betonen. Das Bild des „Primitiven“ in der abschätzigsten Form dominierte. Erst die Unabhängigkeitsbewegungen von den Dominanz- und Kolonialmächten haben authentische Fragen der Afrikaner hervor gebracht; etwa mit der „Négritude“ Léopold Sédar Senghors, der Idee des „afrikanischen Sozialismus“ eines Kenneth Kaunda und Kwame Nkrumah, dem „Ujamaa“ eines Julius K. Nyerere und der kritischen Nachfrage nach dem gesellschaftlichen Zustand Afrikas in Okot P`Biteks „Lawinos Lied“. Eine selbstverständliche Forderung, „dass die afrikanische Geschichte von ihrem eigenen Standpunkt aus betrachtet werden muss und nicht immer mit der Elle ihr fremder Werte gemessen werden darf“ (Ki-Zerbo, 1979), ist erst eine Betrachtung seit wenigen Jahrzehnten (vgl. dazu: Winfried Speitkamp, Kleine Geschichte Afrikas, Stuttgart 2007, 517 S., Rezension in BerlinerLiteraturkritik). Auch die Einschätzung, dass bildliche und wörtliche Darstellungen aus Afrika ja eigentlich nichts mit Kunst in den Auffassungen der abendländischen Kultur zu tun hätten, wurde nur dadurch (etwas) relativiert, dass europäische Künstler zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Ästhetik und Ausdruckskraft der afrikanischen Masken, Skulpturen und bildhaften Darstellungen in ihr künstlerisches Schaffen hinein nahmen (Picasso, Braque, Derain, Kirchner, Nolde u. a.).

Entstehungshintergrund und Autor

Kunst ist individuell und weltumgreifend. Diese eher tautologische und allzu verallgemeinernde Aussage soll verdeutlichen, dass „Kunst Kunst ist“, wo sie auch immer herkommt und von wem sie geschaffen ist. So mag es zwar verschiedene Merkmale geben, wie sich europäische, lateinamerikanische, nordamerikanische, asiatische, australische oder afrikanische Kunstwerke voneinander unterscheiden; doch sie sind nicht ethnisch-, orts- oder kontinental-orientiert, sondern herkunfts-individuell und ästhetisch zu erklären. Zwar lassen sich bei den verschiedenen Genres gelegentlich so etwas wie „Schulen“ und „Programme“ erkennen; aber nicht Zuordnungen treffen, die etwa den afrikanischen Künstler aus der Vielfalt des menschlichen Kultur- und Kunstschaffens heraus filtern (vgl. z. B. dazu: Joachim Melchers, Hg., El Loko. Das malerische Werk 1984 – 2004, Wuppertal 2004).

Der Kunstgeschichtler und Literaturwissenschaftler, Privatdozent für afrikanische Literaturen an der Universität Heidelberg, Übersetzer und Journalist Manfred Loimeier hat bereits 2010 eine literarische Reise durch den afrikanischen Kontinent unternommen und damit die Bedeutung der afrikanischen Literatur herausgestellt (Manfred Loimeier, Africando, Ffm 2010, 209 S.). Mit dem Band „Szene Afrika“ stellt er nun (ausgewählt) das Kunst- und Kulturschaffen in Afrika südlich der Sahara dar. Damit will er zum einen aufzeigen, „welche grundlegend andere Auffassungen von Kultur der Kulturpolitik in afrikanischen Ländern … zugrunde liegen, (zum anderen aber auch deutlich machen), wie stark … Grenzen künstlerischer Genres verschoben werden“. In der sich immer interdependenter und entgrenzender entwickelnden (Einen?) Welt sind Künstler intensiver als je zuvor unterwegs, vernetzen und präsentieren sich auf Kunstmärkten und tragen mit ihrer Kunst dazu bei, dass sich das Bewusstsein der Menschen überall in der Welt öffnet, dass „die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt bildet“ (Präambel der von den Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 proklamierten Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte).

Aufbau und Inhalt

Neben der Literatur in Afrika stellt sich das kulturelle und künstlerische Schaffen in unserem Nachbarkontinent in seiner ganzen Vielfalt dar: Film, Theater, Musik und Bildende Kunst. Die Eingrenzung auf den Raum südlich der Sahara wird im Buch nicht begründet, ist aber wohl der Absicht geschuldet, dass der Band als eine Ergänzung der Literaturreise (Africando) geschrieben ist. Mit programmatischen und manchmal provozierenden Überschriften werden die verschiedenen Zugangsformen zum Kultur- und Kunstschaffen auf afrikanischem Boden vorgestellt und diskutiert: Der (Granit-)Skulpturenpark in Laongo in Burkina Faso, der schließlich auch Christoph Schlingensief motivierte, sein Operdorf „Remdoogo“ dort zu errichten, mit einer Schule für Musik- und Filmunterricht, einer Theaterbühne, Proberäumen, Werkstätten, Krankenstation, Fußballplatz, Wohn- und Gästehäusern und einem geplanten Festspielhaus.

Weil die mündliche Überlieferung traditionell in Afrika eine besondere Bedeutung hatte und weiterhin hat, die es den Menschen ermöglicht, Bilder durch gesprochene Sprache zu konstruieren, werden im Film und Radio in allen Regionen in Afrika Elemente der Aufklärung und Identitätsbildung vermittelt. So wird „das afrikanische Kino als moralische Anstalt“ gekennzeichnet und in Filmbeispielen aufgezeigt. Die 1969 gegründeten, im jeweils zweijährigem Rhythmus stattfindenden Filmfestspiele in Ouagadougou (Festival Panafricain du Cinéma et de la Télévision de Ouagadougou), der Hauptstadt von Burkina Faso, stellen, neben weiteren Filmfestivals in Afrika, einen kulturellen Ort des Medienschaffens dar.

Noch einmal Burkina Faso mit der Schilderung, wie sich die „Literaturszene … angesichts der Hürden des Publizierens im westlichen Afrika“ darstellt. Der Autor registriert, dass es zwar Übersetzungen der burkinabesischen, meist französischsprachigen Literatur in englischer Sprache gibt, aber bisher kein einziger vollständiger Roman oder Theaterstück in Deutsch vorliegt.

Als der damalige Präsident der Republik Senegal, der Begründer der Négritude, Léopold Sédar Senghor (siehe dazu auch: Léopold Sédar Senghor, Négritude und Humanismus, Düsseldorf-Köln 1967, 324 S.) und der Schriftsteller Alioune Diop 1966 das erste Weltfestival afrikanischer Künste (Festival mondial des Arts nègres) in Dakar eröffneten, da leuchtete so etwas auf, das Loimeier als „Wiege der Kreativität“ kennzeichnet. Dem Festival in Dakar folgten, wenn auch in zeitlich größeren Abständen, 1977 die Festspiele in Lagos / Nigeria, 2010, zur Feier der 50jährigen Unabhängigkeit vieler afrikanischer Staaten, erneut in Dakar.

„Das Wort ist das Bild“, so könnte man das Kunstschaffen des senegalesischen Autors und Regisseurs Ousmane Sembène (1923 – 2007) bezeichnen, der mit seinen Romanen und Filmen wesentliche Beiträge zur Entwicklung des literarischen und filmischen Schaffens in (West-)Afrika leistete. Als ein weiteres Genre der bildenden Kunst aus Afrika sind Plakatkunst und Comics zu nennen; wie auch die Arbeiten, die aus dem „Zentrum der Fotografie“ in Bamako/Mali kommen; sowie dem „Palais de la culture Amadou Hamparé Bâ in Bamako, dem MASA, der Messe für Darstellende Kunst in Abidjan / Elfenbeinküste und HIFA in Simbabwe, für Schauspiel und Tanz.

Der Vielvölkerstaat Nigeria wartet mit vielfältigen künstlerischen Aktivitäten auf: Von der Kriminalliteratur, der Auseinandersetzung mit dem Mythos und dem Martyrium des nigerianischen Bürgerkriegs in Biafra (1967 – 1970), bis hin zu den Werken des Schriftstellers Chinua Achebe als „Mittler zwischen den Kulturen“.

Während die afrikanischen Kunst- und Kulturschaffenden während der Kolonialzeit und in den ersten Jahrzehnten der Unabhängigkeit sich in ihren Arbeiten weithin an den Strukturen der Kolonialherren und den Fixpunkten der europäischen Metropolen orientierten, erkennt Loimeier bei den jüngeren Schriftstellern und Künstlern eine Perspektivumkehr, weg vom Konsumstress der großstädtischen Moderne und hin zum ländlichen und dörflichen Leben, freilich nicht ungebrochen.

Die im überwiegend westlichen, interkulturellen Diskurs formulierte Entwicklung hin zu transkulturellen, hybriden Gesellschaften vermag der Autor bei den Kultur- und Kunstaktivitäten in Afrika nicht zu erkennen.

Am Beispiel des Maskenfestes in Pouni / Burkina Faso fragt Loimeier nach „Puppen-, Schatten- und Marionettentheater in Afrika“ und zeigt die verschiedenen Theateraktivitäten in Afrika auf, insbesondere beim Festival in südafrikanischen Kapstadt, als kulturelles Neuland.

Den überwiegenden zweiten Teil der Textzusammenstellung widmet der Autor der kulturellen und künstlerischen Situation in Südafrika: „Zum Aufbruch in Südafrika„; und er stellt fest, dass der „gesellschaftliche Wandel ( ) sich auch in den Literaturen der Kaprepublik wider(spiegelt)“, was er in einer Reihe von literarischen Beispielen darlegt. Es ist die Stilvielfalt, die sich durch Metaphern, Parabeln, Innenschau, Rückschau, Ironie und Melancholie ausdrückt. Der Schritt hin zur Musik, dem „Sound der Welt“, wie er Kapstadt als die Wiege des Jazz charakterisiert, ist nur konsequent. Ebenso die Erwähnung des National Arts Festival in Grahamstown, als das größte jährliche, afrikanische Kulturereignis und gleichzeitig, nach dem im britischen Edingburgh, als das zweitgrößte in der englischsprachigen Welt. Dabei spürt Loimeier auch den Visionen vom städtischen und ländlichen Raum nach, wie sie sich in Romanen von südafrikanischen Autoren darstellen; ebenso wie die Suche nach der (kriminellen, unübersichtlichen und inhumanen) Wirklichkeit. Am Beispiel vom literarischen Werk des Dramatikers, Malers, Romanautors und Hochschuldozenten Zakes Mdas spürt er der „Zukunft als Versöhnung mit der Gegenwart“ nach.

Im Schlussteil schließlich fragt Loimeier nach den künstlerischen Ausprägungen, wie im „Theatre for Development“ wirksam sind. Das „Theater der Aufklärung zwischen politischem Gängelband und ästhetischer Befreiung“ orientiert sich dabei überwiegend an den Werken des lateinamerikanischen Pädagogen Paulo Freire, der mit seiner „Pädagogik der Befreiung“ die theoretischen Grundlagen liefert, und mit Augusto Boals „„Theater der Unterdrückten“ die Darstellungsformen.

Wie artikuliert sich interkulturelle Theaterarbeit, indem etwa afrikanische Schauspieler Friedrich Schillers „Die Räuber“ darstellen und das vom schwedischen Schriftsteller Henning Mankell geschriebene und inszentierte Stück im Teatro Avenida in Maputo / Mosambik, im Schauspielhaus Graz / Osterreich und im Magnet Theatre in Kapstadt aufführen?

Ja es gibt sogar einen afrikanischen Schriftsteller, der in deutscher Sprache schreibt: Der Namibier Giselher W. Hoffmann, der mit seiner durchaus umstrittenen Balance zwischen Abenteuer-, Jagd-, Reise- und Kolonialliteratur auch fragwürdige Elemente in den internationalen Literaturdiskurs bringt und was Loimeier zu der sicherlich richtigen Feststellung veranlasst: „Wer sich mit afrikanischer Literatur befasst, (muss) sich seines eigenen Blicks auf den Kontinent bewusst werden“.

Fazit

In seinen (persönlichen)Nachbemerkungen zu den Darstellungen in der „Szene Afrika“ konfrontiert der Autor seine Erinnerungen und Erfahrungen in seinem Geburtsort Passau im Bayerischen Wald mit den Situationen, „mit denen sich die Literaturen Afrikas und die Situationen afrikanischer Künstler und Wissenschaftler thematisch auf den Punkt bringen lassen: Land versus Stadt, Tradition gegen Moderne, Abgeschiedenheit wider Aufgeschlossenheit, Provizialität gegen Weltoffenheit, Unzivilisiertheit versus Zivilisation, Periphierie gegen Metropole, eine resistente Kultur gegen eine dominante und zunehmend dominanter werdende Weltkultur, Minderwertigkeitsgefühl gepaart mit Ressentiment“. Und siehe da: „Die Donau fließt durch Afrika„; aber: fließt auch der Niger durch Passau? Der Blick auf Afrika wird zu einem Blick in den eigenen Spiegel!

So mancher Leser wird sich allerdings fragen, wenn er das Buch „Szene Afrika“ zur Hand nimmt, um sich über Kunst und Kultur in Afrika südlich der Sahara zu informieren: „Wo bleibt die Systematik?“ und „Wo fange ich an? Wo höre ich auf?“. Der Autor lässt eine gewisse Ordnung vermissen, die es ermöglichen würde, gezielt nach den verschiedenen Aspekten zu suchen, die ihm „eine erweiterte und vertiefte Beschäftigung mit Kunst und Kultur Afrikas südlich der Sahara“ böten. So bleibt nur die etwas enttäuschende Erkenntnis, das Buch als Nachschlagewerk für die unterschiedlichen kulturellen und künstlerischen Ausprägungen in unserem Nachbarkontinent zu benutzen. Das ist zwar ein Baustein für die notwendige, interkulturelle und transkulturelle Wahrnehmung des Kultur- und Kunstschaffens in Afrika; eine im Titel angekündigte Darstellung des „kreativen Schaffens“ in Afrika ist es nicht!


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 20.01.2012 zu: Manfred Loimeier: Szene Afrika. Kunst und Kultur südlich der Sahara. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2011. ISBN 978-3-86099-716-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11783.php, Datum des Zugriffs 06.05.2021.


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