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Jürg Martin Meili: Kunst als Brücke zwischen den Kulturen

Cover Jürg Martin Meili: Kunst als Brücke zwischen den Kulturen. Afro-amerikanische Musik im Licht der schwarzen Bürgerrechtsbewegung. transcript (Bielefeld) 2011. 316 Seiten. ISBN 978-3-8376-1732-0. 32,80 EUR.

Reihe: Kultur und soziale Praxis.
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Musik bedeutet Freiheit

„Das schwarze Amerika ist einem tätigen Vulkan vergleichbar. Seine Eruptionen haben das ganze Land erfasst und nahezu keine Stadt im Norden unversehrt gelassen. Dabei ist noch kein Ende der Ausbrüche abzusehen. Die Bewegung, die in Form der Bürgerrechtskämpfe begann, nimmt jetzt den Charakter einer sozialen Revolution an, einer Revolution der Afroamerikaner, eines Aufstandes der Armen“ – dieses Menetekel wurde 1968 gemalt (vgl. dazu: Claude M. Lightfoot, Ghetto Rebellion To Black Liberation / Der Kampf für die Befreiung der Afroamerikaner, Dietz Verlag, Berlin/Ost/DDR, 1973, S. 8 / 216 S.). Die im Zeichen der marxistisch-leninistischen Ideologie formulierte Kennzeichnung der Situation der schwarzen Amerikaner in den USA vor fast einem halben Jahrhundert hat scheinbar wenig zu tun mit der aktuellen Entwicklung, wie sie sich in der sich immer interdependenter, entgrenzender und kulturell polyglotter entstehenden (Einen) Welt vollzieht. Doch die Einschätzungen, Wahrnehmungen und Wirkungen, die durch die Globalisierung individuell und kollektiv auf das menschliche Dasein drängen, insbesondere zwischen den Kulturen, unterschiedlichen Lebensauffassungen und vielfältigen Mentalitäten, stellen sich zum einen als „Aufeinanderprallen“ (Samuel P. Huntington: Clash between civilizations, 1996), zum anderen als „Our Creative Diversity“ (Weltkommission „Kultur und Entwicklung“, Unsere kreative Vielfalt, 1997) dar. Angesichts dieser scheinbar unüberbrückbaren Gegensätze – Kampf oder Dialog – ist es durchaus sinnvoll und nützlich, danach zu fragen: „Wie können unterschiedliche Kulturen in einen fruchtbaren Dialog treten?“ und „Wie kann gegenseitiges Verständnis gefördert werden?“.

Autor und Inhalt

Der Schweizer Pädagoge und Journalist Jürg Martin Meili hat 2010 an der Philosophischen Fakultät der Zürcher Universität eine Dissertation vorgelegt, die der Frage nachgeht, ob und in welcher Weise afro-amerikanische Musik – Spirituals, Blues, Jazz, Hip-Hop, Rap – Einfluss und Motivation auf die schwarze Bürgerrechtsbewegung insbesondere in den 1960er und 1970er Jahren hatte und mit dem „We Shall Overcome“ als Freiheits- und Emanzipationsausdruck wirkte, und mit Martin Luther Kings „I Have a Dream“ schließlich das Bürgerrechtsgesetz (Civil Rights Act von 1964) veranlasste. Die sozio-historischen und sozio-philosophischen Fragestellungen beziehen zwangsläufig interdisziplinäre Anfragen ein, wie z. B. philosophische, historische, soziologische, ethnologische, musik- und literaturwissenschaftliche Aspekte.

Der Autor gliedert die Arbeit in zwei Kapitel. Im ersten Teil „Musik der Freiheit“ analysiert er die afro-amerikanische Musik im Licht der schwarzen Bürgerrechtsbewegung, indem er über die afrikanische Herkunft informiert, die Entwicklung in den USA von der Sklavenwirtschaft bis zur Abschaffung und zur Proklamation des Civil Rights Act thematisiert, mit Martin Luther King und Malcom X zwei (unterschiedliche) Protagonisten darstellt und ausgewählte Liedtexte (Spirtual/Gospel, Blues, Hip-Hop) interpretiert. Für die (Mentalitäts-) Geschichtsschreibung dürfte dabei besonders interessant und informativ die Rezeption der afro-amerikanischen Musik in der Zeitschrift Down Beat für die Jahre 1955 bis 1964 sein.

Im zweiten Kapitel „Kunst für mehr Identität und Solidarität“ diskutiert Meili die Bedeutung und Möglichkeiten, die Kunst für die gesellschaftliche Entwicklung haben kann. Dabei setzt er ganz früh an; mit Platon und Aristoteles in der antiken Philosophie, um schließlich Identitätsaspekte zu reflektieren; etwa durch die Darstellung von Differenzen und Analogien zwischen klassischer und Alltagskunst, zwischen Kunst und Wissenschaft, sowie den verschiedenen gesellschaftlichen Wirkungsformen sowohl für die schwarzamerikanische Community, als auch zwischen Schwarz und Weiß. Schließlich geht es um die Frage, ob und inwieweit Kunst Solidarität schaffen kann; ein Aspekt, der ohne Zweifel die These der Arbeit tangiert, „dass Kunst als Brücke zwischen den Kulturen fungieren kann“. Mit Richard Rorty ist Meili der Auffassung, dass „Veränderungen in der Gesellschaft (nicht) geschehen durch das Finden von verborgenen Wahrheiten, sondern indem die Phantasie durch Kunst und politische Utopie angeregt und dadurch Neues `wahr` genannt wird“; was bedeutet, dass sich gesellschaftliches Bewusstsein (zuvorderst) nicht durch philosophische Überzeugungen bildet, sondern durch gemeinsame Vokabulare und Hoffnungen. Solche aber lassen sich z. B. durch Musik ausdrücken und vermitteln: „Ein Sensibilisieren für Solidarität durch Kunst ist … effektiver, da Besserwissertum vermieden wird, da nicht belehrt wird… sondern weil anhand von Geschichten und Gedichten, Klängen und Rhythmen, Bildern und Skulpturen diese Werte aufgezeigt werden“.

Fazit

Die aus den Reflexionen, Nachweisen und Schlüssen sich ergebende Auffassung, „dass es Wahrheit nicht gibt, sondern dass sie gemacht wird“, soll ja zum Ausdruck bringen, dass „Wahrheit für den einzelnen wie auch für die Gesellschaft immer wieder neu erschaffen“ wird. Diese Erkenntnis verdeutlicht der Autor in seinen Forschungen über die Bedeutung der afro-amerikanischen Musik für die schwarze Bürgerrechtsbewegung. Dabei ist die Frage obsolet, was „gute“ oder „schlechte“ Kunst ist; denn gerade am Beispiel der afro-amerikanischen Musik, die zeitweise als „Teufelsmusik“ apostrophiert, abgelehnt und zensiert wurde, lässt sich aufzeigen, dass Kunst Freiheit bedarf, um gewünschte Wirkungen wie Toleranz und Achtung zu ermöglichen.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 21.07.2011 zu: Jürg Martin Meili: Kunst als Brücke zwischen den Kulturen. Afro-amerikanische Musik im Licht der schwarzen Bürgerrechtsbewegung. transcript (Bielefeld) 2011. ISBN 978-3-8376-1732-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11790.php, Datum des Zugriffs 24.06.2021.


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