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Maritza Le Breton: Sexarbeit als transnationale Zone der Prekarität

Cover Maritza Le Breton: Sexarbeit als transnationale Zone der Prekarität. Migrierende Sexarbeiterinnen im Spannungsfeld von Gewalterfahrungen und Handlungsoptionen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. 220 Seiten. ISBN 978-3-531-18330-5. 39,95 EUR.
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Aufbau

Die Arbeit ist in 5 Teile und insgesamt 10 Kapitel gegliedert.

  1. Im ersten Teil die Problemstellung kurz skizziert.
  2. Im zweiten Teil wird das Phänomen Sexarbeit nationalstaatlich übergreifend theoretisch entfaltet.
  3. Im dritten Teil folgt eine kurze Darstellung zum Kontext von Ungleichheitsdiskursen im fünften Kapitel und zur epistemologischen Transformation im sechsten Kapitel.
  4. Teil 4 beschreibt in den Kapitel 7 bis 9 den empirischen Teil der Arbeit: eine Untersuchung an Sexarbeiterinnen in der Schweiz zu Gewalt und prekären Einkommensverhältnissen.
  5. Teil 5 enthält eine die gesamte Arbeit zusammenfassende Schlussbetrachtung.

Inhalt

Im ersten Teil entfaltet die Autorin das Phänomen Sexarbeit vor dem Hintergrund legal (meist mit Schweizer Staatsbürgerschaft, Niederlassungs-, Jahresaufenthaltsbewilligung) und illegal in der Schweiz lebende Migrantinnen (Touristenvisum etc, illegal anwesend) und dem Kontext von Prostitutionsforschung und den Gewalterfahrungen betroffener Frauen. Dazu wird der Zusammenhang transnationaler Migration und Gender im Kontext der Ungleichheitsforschung eröffnet. Die Themen werden in ihrer Relevanz für die soziale Arbeit erörtert; dieser widmet die Autorin ein eigenes Unterkapitel, in dem sie differenziert die heterogenen Arbeitszusammenhänge sozialer Arbeit aufzeigt.

Im zweiten Teil werden theoretische und empirische Grundlagen zu Migration, Sexarbeit und Gewalt dargestellt. Neben Einschränkungen und Polarisierungen stellt die Autorin gravierende Forschungslücken im Diskurs zur Prostitution heraus, die dringend einer Bearbeitung bedürfen. Dazu zählen notwendige Forschungsarbeiten zu Hetero- und homosexueller Prostitution genauso wie feministische, funktionalistische, marxistische Positionen, die trotz Einschränkungen und Polarisierungen offener und zugänglicher für historische Bewegungen auf individueller und institutioneller Ebene werden. Die Autorin erörtert Prostitutionspolitik in der Schweiz als widersprüchlich in der Rechtsprechung und geht detailliert auf die rechtlichen Bedingungen legaler und illegaler Sexarbeit in der Schweiz und im Kanton Basel-Stadt ein. Bundesrechtlich ist Prostitution demnach nicht verboten, sondern im Ermessen der Kantone begrenzt (in Anlehnung an den Orientierungsrahmen des StGB). In Basel, einer Stadt ohne eigenes Prostitutionsgesetz, führt die Autorin weiter aus, wird in Teilen das Sexgewerbe legalisiert, jedoch mit Ausnahme der Migrantinnen im Sexgewerbe mit stark einschränkenden Repressalien, was im Falle erlebter sexueller Gewalt an migrierten Sexarbeiterinnen zu erheblichen Problemen führt: das Recht wird (zugespitzt formuliert) als Kontrahent der Opfer wahrgenommen.

Im dritten Teil verortet die Autorin theoretische Diskurse der Ungleichheitsforschung und der Intersektionalitätsdebatte mit Bezug auf Interdependenzen sozialer Strukturkategorien. Sie merkt an, dass der vorliegende Abriss keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt und gibt in mehreren Teilabschnitten einen Überblick über Narrative sozialer Ungleichheit mit Betonung auf Exklusionsprozessen. Nicht verständlich bleibt, warum das Konzept Diversity an dieser Stelle ausgeblendet wird, zumal die Autorin verschiedene Differenzlinien nachzeichnet (Nationalstaat und Bürger, Geschlecht, Ethnizität (in ihren Worten Rassisierung, Ethnisierung) und Kulturalisierung und diese Strukturkategorien im Unterpunkt Ethnisierung von Geschlecht relational betrachtet. Die Autorin verweist in ihrem Zwischenfazit damit auf In- und Exklusionsprozesse und damit auf Zuschreibungsprozesse, von denen insbesondere Migrantinnen als Sexarbeiterinnen betroffen, gar bedroht sind: als exotisierte Andere dienen sie einem Markt, von dem sie nur bedingt (wegen ihres legalen Status) profitieren. Zugleich nimmt sie Agency-Prozesse (Handlungsfähigkeit) näher in den Blick, um festzuhalten, dass diese interaktional ausgehandelt werden. Ergänzend hätte die Autorin noch auf Sens Konzept des Capability-Ansatzes in der Erweiterung hin zu Menschenrechten verweisen und argumentieren können.

Wie die Autorin im empirischen Teil darlegt, reicht die Altersspanne der befragten Frauen vom jüngeren Erwachsenenalter bis zum mittleren Erwachsenenalter (27-56 Jahre), so dass an dieser Stelle unverständlich bleibt, warum die Differenzkategorie Alter nicht inkludiert wird.

Trotz dieser kleineren Einschränkungen ist der theoretische Teil informativ und ausführlich dargestellt worden und eignet sich insbesondere gut, um schnell einen fundierten Überblick zu gewinnen über die (inhärent) verschränkten Themen von Gender, Klasse, Ethnizität und weiteren Differenzkategorien sozialer Ungleichheiten, denen insbesondere im Sexgewerbe arbeitende Migrantinnen unterliegen.

Im vierten Teil stellt die Autorin ihre empirische Untersuchung vor. Als qualitative Untersuchung angelegt, wird in Kapitel 7 zuerst das methodische Vorgehen der Untersuchung begründet und das Auswertungsverfahren kurz vorgestellt. Fallportraits im 8. Kapitel nehmen die Verschränkung von Sexarbeit, Migration und Gender in den empirischen Blick und zeigen individuelle Handlungsoptionen und biographische Aspekte der Sexarbeiterinnen auf. Einen eher systemisch-strukturellen Blick nimmt das 9. Kapitel ein, in dem explizit Gewalt- und Abhängigkeitsverhältnisse von Sexarbeiterinnen dargestellt werden.

Die Untersuchung fand in enger Kooperation mit der Aidshilfe Basel und der Beratungsstelle „Alina“ statt, um Feldzugang zu gewährleisten. Durch die Verzahnung von Sozialarbeiterinnen und Mediatorinnen (mit intensiver Vorbereitung) konnten die migrantischen Sexarbeiterinnen auch in ihrer Muttersprache befragt werden. In 21 problemzentrierten Interviews in einem Triade-Setting mit Frauen aus Afrika, Asien, Osteuropa, Lateinamerika. Die Altersspanne der Frauen reichte von 27 bis 56 Jahren, die in unterschiedlichen Strukturen im Sexgewerbe tätig sind (Studios, Salons, Kontaktbars). Die Autorin selbst kennzeichnet die Auswahl der Interviewpartnerinnen als teilweise unausgewogen, was sie auf die schwierigen Zugangsmöglichkeiten zurückführt. In Anbetracht eines so heterogenen Feldes wie legaler und illegaler Sexarbeit wird dieser Mangel nicht als schwerwiegend erachtet, insbesondere, da es sich bei diesem Projekt um eine (aus sozialarbeiterischer Sicht) Komm-Struktur auf freiwilliger Basis handelt. Als Auswertungsverfahren wurde der Ansatz der Grounded-theory mit der Auswertungsmethode des theoretischen Kodierens ausgewählt. Von den 21 Interviews wurden vier Interviews zu Fallportraits herangezogen.

Fallübergeifend stellt die Autorin fest, dass es sich bei allen Arbeitsverhältnissen um prekäre, d.h. unsichere, ungeschützte und instabile Arbeitsverhältnisse mit zum Teil großer Abhängigkeit handelt. Obwohl die interviewten Frauen regelmäßig auf eine mehr als 50 Wochenstunden umfassende Arbeitszeit kommen, sind die Frauen nicht offiziell anerkannt. Dies zusätzlich mit der Paradoxie, auf die Tätigkeit im Sexgewerbe Steuern zu zahlen. In einigen der Fallportraits wird deutlich, dass neben den berufsbedingten Krankheitsrisiken wie

sexuell übertragbaren Krankheiten und Verletzungen (durch z.B. gewalttätige Freier) weitere Risiken präsentiert werden mit möglicherweise erheblichen Langzeitschäden. Verwiesen sei hier insbesondere auf die Aussage, „… es gebe Tage, an denen sie drei bis fünf Champagner-Flaschen trinke…“ (S. 134). Auch wenn es sich hierbei (vermutlich) nur um Piccolo-Flaschen handelt, ist das Gesundheitsrisiko beträchtlich. In anderen Fallportraits wird auf drohenden Burn-out verwiesen.

Zudem werden Verbindungen von Gewalt und Alkohol nachgezeichnet im Hinblick auf als abnorm empfundene Sexualpraktiken und Demütigungen. Als extrem problematisch werde der psychische Druck von Seiten der Freier erlebt. Zudem klagen viele Sexarbeiterinnen latenten Rassismus sowie Diskriminierungs- und Exklusionsprozesse an: weil du schwarz bist, ist klar, dass du nur Nutte sein kannst.

In einem der Fallportraits wird explizit auf die Paradoxie der Differenzkategorien Normalität (i.S.d. bürgerlichen Lebens) und Autonomie verwiesen: als selbstbestimmte Frau den selbstgewählten Beruf ergreifen, der jedoch ausdrücklich als nicht-normal gilt. Dieses Doppelleben, oft als zentrales Anliegen in Kontexten der Sexarbeit formuliert, beinhaltet zusätzlich die Differenzkategorie sozialer Position. Insofern lässt sich Sexarbeit als Zentrum des Aufeinandertreffens zentraler Ungleichheitsachsen charakterisieren. In einem anderen Fallportrait wird auf die Inkompatibilität von Familie und Beruf verwiesen: einerseits ökonomischen Zwängen ausgesetzt, um die Familie zu erhalten; andererseits in einem tabuisierten Arbeitsbereich mit der subjektiv empfundenen Unvereinbarkeit von Mutter-sein und Sexarbeit. In den meisten der Fallportraits wird auf Deeskalation (Nachgeben) und Prävention gesetzt.

Neben den strukturell bedingten Einschränkungen (Einreisepolitik etc.) werden jedoch auch positive Erfahrungen berichtet: so wird in einem Interview die Polizei als hilfreiche Ressource angegeben.

Im Zwischenfazit (Kap. 8.2.5) werden vorrangig transversale Aspekte behandelt, insbesondere Formen von Machtkonstellationen und Gewaltverhältnissen, denen migrantische Sexarbeiterinnen unterliegen, gleichzeitig jedoch sich Handlungsoptionen schaffen bzw. freihalten (vorrangig in Bezug auf Gelderwerb). Im Kapitel 9 wird auf Freier als die strukturalen und interaktionalen Akteure von Gewalt verwiesen. Neben der Zahlungsverweigerung werden vor allem ungeschützter Geschlechtsverkehr, Drohungen mit der Polizei (und dadurch Einschüchterungsversuche in bezug auf illegal arbeitende Sexarbeiterinnen) als auch Diebstahl erwähnt. Psychischer Druck in vielfältigen Erscheinungsformen bestätigen die z.T. als extrem belastend empfundenen Arbeitsbedingungen. Ähnliches gilt für die BetreiberInnen der Kontaktbars etc. Jedoch stellen sich die befragten Akteurinnen auch mit Handlungspotential dar: neben klassischen Selbstverteidigungsmitteln gehören Ablehnungen von Kontaktwünschen, Überwachungskameras, gegenseitige Vereinbarungen etc. dazu, aber auch individuelle Vorsichtsmaßnahmen.

Im 10. Kapitel (fünfter Teil) wird in der Schlussbetrachtung auf die mehrdimensionalen Gewaltmechanismen, denen Sexarbeiterinnen in der Schweiz unterliegen, zusammenfassend eingegangen.

Diskussion

Die in dieser Arbeit vorgelegte empirische Untersuchung verknüpft die Themenbereiche der Prostitutionsforschung mit Bereichen der Migrations- und Gewaltforschung. Insbesondere in dieser synoptischen Betrachtungsweise ist das Buch hervorragend für PraktikerInnen der Sozialen Arbeit geeignet, die sich schnell und gründlich in diese Themen einarbeiten möchten. Gerade die Interviews ermöglichen einen tiefergehenden Einblick in die Selbstwahrnehmung von Gewalt und Bewältigungsmechanismen, welche die in der Schweiz lebenden Sexarbeiterinnen aufweisen. Neben den bekannten Gewaltformen werden hier auch verdeckte Gewaltzusammenhänge (z.B. Zwang zu Alkoholge- und -missbrauch) thematisiert. Wünschenswert wäre eine stärkere Berücksichtigung des Konzepts Diversity gewesen; dies umso mehr, als die Autorin selbst mehrere Ungleichheitsachsen und ihre interaktionale Verwobenheit skizziert.

Für Studierende ohne große Vorkenntnisse ist das Buch als Einstieg in die Thematik legaler und illegaler migrantischer Sexarbeiterinnen geeignet.

Fazit

Maritza Le Breton legt mit ihrer Arbeit zu Arbeitsbedingungen migrantischer Sexarbeiterinnen eine qualitative Studie vor, die als Lektüre in keinem Seminar zu Gender und struktureller Gewalt fehlen sollte.


Rezension von
Dr. Miriam Damrow
Hochschule Magdeburg-Stendal
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Zitiervorschlag
Miriam Damrow. Rezension vom 22.02.2012 zu: Maritza Le Breton: Sexarbeit als transnationale Zone der Prekarität. Migrierende Sexarbeiterinnen im Spannungsfeld von Gewalterfahrungen und Handlungsoptionen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. ISBN 978-3-531-18330-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11792.php, Datum des Zugriffs 28.11.2021.


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