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Horst Afheldt: Wirtschaft, die arm macht [...]

Cover Horst Afheldt: Wirtschaft, die arm macht : vom Sozialstaat zur gespaltenen Gesellschaft. Verlag Antje Kunstmann GmbH (München) 2004. 3. Auflage. 240 Seiten. ISBN 978-3-88897-344-4. 19,90 EUR.
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Zur Thematik und Vorgeschichte des Buches

Deutschland befindet sich seit einigen Jahren in einem umwälzenden Wandlungsprozess, der durch die globalen ökonomischen Wirkkräfte des Kapitals verursacht wird. Deregulierung, Flexibilisierung, Entstaatlichung bzw. Privatisierung von öffentlichen Dienstleistungen sind nur einige Phänomene. Abbau der Flächentarifverträge, Eingrenzung und Entmachtung der Gewerkschaften einschließlich des Streikrechtes sind weitere Indizien für den Umstand, dass die bisherige Sozialpartnerschaft zwischen Arbeit und Kapital - der so genannte "rheinische Kapitalismus" - sich in völliger Auflösung befindet. In der Politik wird dieser Umstand durch diverse Reformbemühungen wie Sozialagenda 2010, Hartz-Konzept, Rürup-Kommission etc. manifest. Die strukturelle Arbeitslosigkeit, die Probleme des Gesundheitswesens und der Rentenfinanzierung, der finanzielle Kollaps der Kommunen und Gemeinden und vieles mehr sind konkrete Auswirkungen dieses Wandlungsprozesses.

Das vorliegende Buch befasst sich mit diesem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandel sowohl in Deutschland als auch im globalen Maßstab.

Der Autor hat sich seit Jahrzehnten eingehend mit diesen Themenstellungen u. a. im Rahmen von Studienprojekten am "Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt" auseinander gesetzt. In diesem Zusammenhang kann auf seine Publikation "Wohlstand für niemand? Die Marktwirtschaft entlässt ihre Kinder" (München 1994) verwiesen werden.

Inhalt

Das Buch ist in zwei Teile untergliedert. Teil I Wohlstand ade? enthält folgende drei Kapitel:

Die große Illusion: Neues Wirtschaftswachstum schafft neue Arbeitsplätze und "Wohlstand für alle": In diesem Kapitel weist der Autor anhand volkswirtschaftlicher Daten nach, dass seit 1950 das Wachstum der Wirtschaft in der Bundesrepublik (Bruttoinlandsprodukt - BIP) mit geringfügigen Abweichungen linear verlief. Das bedeutet jährlich abnehmende Wachstumsraten mit einem in baldiger Zukunft absehbarem Nullwachstum. Des weiteren wird in diesem Kapitel der Sachverhalt belegt, dass ca. seit 1970 eine Spaltung der Gesellschaft in der Bundesrepublik hinsichtlich der Verteilung des erwirtschafteten Vermögens festzustellen ist. Bis 1970 stiegen das Brutto- und Nettorealeinkommen der abhängig Beschäftigten mit dem BIP, doch seitdem ist eine scherenartige Veränderung zu konstatieren: Während die Einkünfte aus Unternehmen und Vermögen überproportional bezogen auf das BIP zunahmen, stagnierten die Einkünfte der Arbeitnehmer und koppelten sich damit vom Wachstum des BIP ab.

Kapitel 2 Wer trägt die Lasten: Kapital oder Arbeit? zeigt, dass in der neoliberalistischen Phase eine Verschiebung der Steuerlast auf den Faktor Arbeit festzustellen ist. Während sich der Anteil der Lohnsteuer am Bruttosozialprodukt seit 1970 mehr als verdoppelte, reduzierte sich der Anteil der Einkommens- und Körperschaftssteuer ca. um die Hälfte.

Kapitel 3 Politische Auswege und ihre Tücken befasst sich sehr ausführlich mit den vielen Lösungsmöglichkeiten, die gegenwärtig im gesellschaftlichen und politischen Rahmen erörtert werden: Arbeitszeitverkürzungen, Kürzung der Sozialleistungen, Entlastung des Arbeitslohnes von den sozialen Kosten, Steuerfinanzierung der Sozialleistungen u. a.. Der Autor kommt hierbei zu der Einschätzung, dass diese Reformkonzepte die grundlegenden Strukturprobleme einschließlich der ständig zunehmenden Benachteiligung der Arbeitnehmer nicht beheben werden. Der Staat hingegen wird in diesem Prozess der zunehmenden Dominanz des Kapitals regelrecht aufgerieben im Sinne eines Substanzverlustes ("öffentlicher Lebensstandard"): Auf der einen Seite muss er der Wirtschaft gemäß der Maxime "Wirtschaftsstandort Deutschland fördern" in vieler Hinsicht entgegenkommen - Infrastrukturen schaffen bzw. modernisieren, Deregulierungen, Steuervergünstigungen, direkte und indirekte Subventionen und vieles mehr - ohne hierfür durch erhöhte Abgaben der Wirtschaft honoriert zu werden. Auf der anderen Seite muss er alle Lasten dieses Strukturwandels (zunehmende Arbeitslosigkeit, Anstieg der Sozialhilfeleistungen u. a.) bei zunehmend sinkenden Steuereinnahmen der abhängig Beschäftigten tragen. Dass dies schier unmöglich ist, zeigt die Finanzierung des gegenwärtigen Bundeshaushaltes.

Teil II Unwirtschaftliche Weltwirtschaft: Brauchen wir eine andere Weltwirtschaftsordnung? beinhaltet in drei Kapiteln eine Reihe von Fakten und Überlegungen und Perspektiven.

Kapitel 4 Die Bundesrepublik im offenen Welthandel beschäftigt sich mit den Auswirkungen der neuen neoliberalen Wirtschaftsordnung. Besonders interessant ist der Sachverhalt, dass durch die Liberalisierung des Welthandels zwar der Welthandel seit 1970 fast explosionsartig zugenommen hat, das Weltsozialprodukt hingegen nur linear gestiegen ist. Dies bedeutet für die Weltwirtschaft kontinuierlich abnehmende Zuwachsraten. Der Freihandel entwertet ständig den Faktor Arbeit gemäß der Devise, dass das Kapital in so genannte Billiglohnländer ausweicht. So sind allein in Deutschland im produzierenden Gewerbe zwischen 1991 und 2001 um 2,8 Millionen Arbeitsplätze abgebaut worden.

Im Kapitel 5 Wie müsste ein Wirtschaftssystem aussehen, das "Wohlstand für alle überall" produziert? erörtert der Autor die verschiedenen Lösungsmöglichkeiten, um die Schieflage des augenblicklichen Wirtschaftssystems zu beheben. Im Mittelpunkt stehen dabei Überlegungen, wie der Staat wieder als Ordnungsmacht der Wirtschaft fungieren kann. Schutzzölle, Ein- und Ausfuhrbeschränkungen von Waren und Kapital sind u. a. Elemente, um nationale Wirtschaften und damit auch die Binnennachfrage zu stärken und zu stabilisieren.

Im abschließenden resümierenden Kapitel 6 Wohin führt der Weg? wird das Modell eines Weltwirtschaftssystems erläutert, bestehend aus einer Reihe von großregionalen Teilwirtschaften, "die einzeln politisch noch steuerbar sind, um die Regeln des Wirtschaftsspiels auf die Verfolgung der Wohlstandsinteressen ihrer Mitglieder zu dirigieren."

Ein Anhang enthält 16 Grafiken über die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland und der Welt.

Kritische Würdigung

Besonders hervorzuheben ist der Umstand, dass der Autor volkswirtschaftliche Sachverhalte äußerst allgemeinverständlich zu erklären versteht. Durch praktische Beispiele und auch durch die Verwendung graphischer Darstellungen werden somit sonst recht abstrakte Zusammenhänge sehr plastisch und damit nachvollziehbar. Positiv für die Vermittlung des Stoffes ist auch die Vorgehensweise, international anerkannte Ökonomen zu einzelnen Aspekten ausführlich zu zitieren.

Kritisch sieht der Rezensent die Perspektive des Autors, durch die Bildung von Wirtschaftsblöcken (EU, Nordamerika, China u. a.) mit Außengrenzen die Globalisierung der Kapitalbewegungen zähmen zu können, um eine Binnen-Stabilität innerhalb der Wirtschaftsblöcke mit positiven Auswirkungen für den Staat und den Faktor Arbeit herstellen zu können. Der Autor erhofft sich hiervon u. a. auch eine Restituierung des "rheinischen Kapitalismus", also der Sozialpartnerschaft von Arbeit und Kapital und dem Staat als verbindlichen Ordnungsrahmen. Ohne eigene Konzepte anbieten zu können, sieht der Rezensent hingegen die gegenwärtige globale Lage (Überbevölkerung, Umweltbelastung, Klimakatastrophe, staatenlose Bürgerkriegsregionen u. a.) so dramatisch, dass wirtschaftliche Korrekturen hierbei allein nicht ausreichen werden. Kapital, egal ob "rheinisch" oder neoliberal ausgerichtet, ist immer Ausdruck eines Partialinteresses - des Kapitalbesitzers, diese Ressource zu optimieren, ohne hierbei nach den Allgemeinkosten zu fragen.

Erforderlich hingegen sind jedoch nach Ansicht des Rezensenten angesichts der desolaten Lage unseres Planeten universale Werte und Handlungsorientierungen, die sowohl auf der Mikroebene des alltäglichen Lebens als auch auf der Ebene der Staaten und supranationalen Verbände (UN u. a.) Wirkkraft besitzen müssen. Ob hierbei erstmal global verbindliche ökonomische, ökologische und soziale Standards mit teils regionalen Austarierungen ein Instrument darstellen können, sollte vielleicht eingehend öffentlich erörtert werden.

Fazit

Trotz dieser kritischen Einwände kann das Fazit gezogen werden, dass hier ein äußerst wichtiges Buch erschienen ist. Es entfaltet allen Interessierten, die über kein wirtschaftliches Fachwissen verfügen, die gesamtgesellschaftlichen und damit auch wirtschaftlichen Zusammenhänge der gegenwärtigen Krise in unserem Lande. Damit dieses Buch weite Verbreitung außerhalb der Expertenkreise findet, sollte es u. a. auch als Lektüre im Fach Sozialkunde der gymnasialen Oberstufe Verwendung finden.

Anmerkung der Redaktion: Die Rezension basiert auf der 1. Auflage 2003.


Rezensent
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
Homepage www.gerontologische-beratung-haan.de
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Zitiervorschlag
Sven Lind. Rezension vom 04.11.2003 zu: Horst Afheldt: Wirtschaft, die arm macht : vom Sozialstaat zur gespaltenen Gesellschaft. Verlag Antje Kunstmann GmbH (München) 2004. 3. Auflage. ISBN 978-3-88897-344-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1180.php, Datum des Zugriffs 20.02.2019.


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