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Jürgen Meier: „Amokläufe zum Ich...“. Der Kommunismus als Voraussetzung des Individualismus

Cover Jürgen Meier: „Amokläufe zum Ich...“. Der Kommunismus als Voraussetzung des Individualismus. Neue Impulse Verlag (Essen) 2011. 294 Seiten. ISBN 978-3-910080-74-4. 16,80 EUR.
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Konkreter Humanismus

Der allzu reißerisch aufgemachte Titel ist es nicht, der einem aufmerksam macht auf ein Buch, das sich auf die Ich-Suche begibt und dabei den „Kommunismus als Voraussetzung des Individualismus“ propagiert. Denn die Suche nach dem humanen Ego ist in den Zeiten der sich immer interdependenter, entgrenzender und öffnender Welt, die wir gerne allzu euphorisch als EINE WELT bezeichnen, durchaus angesagt. Vom „Individualisierungsschub“ (Markus Quandt) ist die Rede, wenn es um die individuelle und gesellschaftliche Entwicklung geht, das Individuum in den Mittelpunkt des Denkens und Handelns zu rücken; eine „Individualisierungs-Falle“ wird diagnostiziert, angesichts des Nachdenkens darüber, wie wir in Freiheit zu mehr sozialem Empfinden gelangen können (Wolfgang Kiener / Johannes Weise); um „methodologischen Individualismus“ geht es bei den Sozialwissenschaften, wenn soziale Vorgänge beschrieben und erklärt werden sollen.

Es ist vielmehr die Neugierde darauf, wie der uns bekannte, innovativ denkende und unkonventionell argumentierende Autor den Zusammenhang von Individualismus und Kommunismus herstellt: Der Hildesheimer Jürgen Meier, freier Journalist, Verfasser von Rundfunk-, Film-, Zeitungs- und Zeitschriftenbeiträgen, ist bekannt als „Querdenker“ und einer, der seine „produktive Aufgeregtheit“ in Worte und Bilder fassen kann. Er ist ein „Einmischer“, vor allem wenn es darum geht, auf gesellschaftliche Entwicklungen aufmerksam zu machen, die seiner Meinung nach schief laufen und die uns auffordern, den lokalen und globalen Kapitalismus zu zivilisieren ( vgl. dazu: Jürgen Meier, „Eiszeit“ in Deutschland, Münster 2005, in: www.socialnet.de/rezensionen/2405.php). Es ist die Kapitalismus- und Neoliberalismus-Kritik, die den „Wutbürger“ auf die Straße bringt, ohne freilich vielfach den Ursachen auf die Spur zu kommen.

Aufbau und Inhalt

Dass unsere, aus der Antike überkommenen Vorstellungen von „Humanismus“ als Weltanschauung und Gradmesser für ein humanes Denken und Handeln einer ergänzenden Betrachtung bedürfen, wird immer wieder als Anliegen und Herausforderung gedacht; nicht zuletzt deshalb, weil die Werte, die dem Humanismus eigen sind – Toleranz, Gewalt- und Gewissensfreiheit und die Würde des Menschen als Mitglied der einen Menschheitsfamilie – angesichts der Frage nach der Gerechtigkeit in der Welt allzu oft auf der Strecke bleiben ( vgl. dazu auch: Jeremy Rifkin: Die empathische Zivilisation. Wege zu einem globalen Bewusstsein, Frankfurt/M., 2010, in: www.socialnet.de/rezensionen/9048.php). Die zahlreichen, hilfsversprechenden wie hilflosen Versuche, das „Ich“ zu definieren, entweder als Ego oder als Exitus, münden ja überwiegend in Abhängigkeiten, ob spiritueller oder materieller Art. Da klingt die Gedichtstrophe „Lass mich Ich sein, damit du Du sein kannst“ beinahe wie ein Hilfeschrei; und das Paradigma „Ohne Wir gibt es kein Ich“ wie ein humanes Programm. Der Sozialist, auch der Kommunist formulierten das so: „Es ist das gesellschaftliche Sein, das unser Bewusstsein bestimmt". Da drängt sich zwangsläufig die Frage nach den Kausalitäten auf, die den Sinn menschlichen Lebens teleologisch bestimmen – sinnhaft oder sinnlos. Damit sind wir natürlich bei der hochpolitischen wie ideologischen Frage nach dem gesellschaftlichen und politischen Ich, das ja bereits Aristoteles als zôon politikon, als politisches Lebewesen definiert hat, das nicht ohne seinesgleichen leben kann (vgl. dazu: Otfried Höffe, Aristoteles-Lexikon, Stuttgart 2005, S. 620f), und das Karl Marx als „individuelles Gemeinwesen“ zeigt, „das denkt und empfindet in Einheit mit dem gesellschaftlichen Sein“.

Jürgen Meier formuliert mit der ihm eigenen sarkastischen bis programmatischen Sprache die verschiedenen Zusammenhänge, wie sie sich in den Zeiten des zweckrationalen Denkens und Handelns scheinbar alternativlos darstellen: „Wenn der andere Mensch Mittel zum Zweck wird und dessen sexuelle, geistige, körperliche Ausnutzung für eigene partikulare Interessen als ganz `normal` empfunden wird, zeigt sich, wie intensiv sich das partikulare Ich an die Zweckrationalität des technischen und ökonomischen Systems der Gesellschaft gewöhnt hat“. Die Argumentation beginnt mit der „Anatomie“ des Ichs, in der Jürgen Meier die Widersprüche zwischen Zweckrationalität und Wertrationalität aufzeigt, die zur gesellschaftlichen, staatlichen und ausbeuterischen Einschränkung des partikularen Ichs führen.

Im zweiten Kapitel diskutiert der Autor, wie ein sinnvolles, sinnliches Ich zur Quelle der Erkenntnis werden kann, etwa, indem der Mensch seine „Signalfähigkeit“ sensibilisiert, seine vernunftgemäße Kompetenz nämlich, politische, wirtschaftliche und konsumtive Manipulationen zu erkennen und die vielfältigen Irrationalismen abzuwehren: „Der spätbürgerliche Irrationalismus degradiert Verstand und Vernunft zur kritiklosen Verherrlichung der Intuition“. Wenn das Gehirn des Menschen, wie der Göttinger Gehirnforscher Gerald Hüther feststellt, ein „Sozialorgan“ ist, bedarf es humaner Anstrengungen, um tatsächlich den Sinn des Lebens zu ergründen und die „lähmenden und charakterverändernden Wirkungen auf das Ich, die von der Manipulationsmaschinerie mittels Philosophie, Werbung, Politik, den Medien und Kommunikationstechniken ( ) ausgelöst werden“, zu erkennen und wirkungs- und machtlos werden zu lassen; soweit der Aufruf zur menschlichen Veränderung und einer Reform des Ich-Bewusstseins im dritten Kapitel.

Mit der Frage, woher wir (eigentlich) kommen, thematisiert Jürgen Meier die Kontroverse zwischen bürgerlichen Mentalitäten und proletarischen Aufbruchstimmungen, indem er an die Hegelsche Aussage erinnert: „Die Wahrheit des Seins ist das Wesen“. Mit dem Beispiel des Auto-Ichs greift er in die Fließband- und Mehrwert-Fetischisierung des „Immer-weiter-immer-schneller-immer-höher-immer-mehr“ – Denkens und Antreibens der imperialistischen, hochtechnisierten Massenproduktionsweise ein: „Das Auto ist mehr als ein Auto. Es ist der Dreh- und Angelpunkt imperialistischer Macht- und Profitbestrebungen“; da ist der Schritt hin zur Schöpfung und zur Mehrwerterringung des Geld- und Industriekapitals ganz kurz.

Mit dem Kapitel „Aktive Fluchtversuche des vereinsamten Ich(s)“ kommt Meier schließlich zu der Auseinandersetzung mit der Frage, wie in der Gesellschaft Vorstellungen vom partikularisierten Leben vermittelt werden, etwa in der Schule, in der Freizeit und in den offiziellen, politischen und öffentlichen Kampagnen. Die Abarbeitung an den Phänomenen, Ursachen und Auswirkungen von „Amokläufern“ in den Schulen hat wohl das Verlagslektorat dazu gebracht, den irritierenden Buchtitel auszuwählen. Die „ideologischen Fluchtversuche“, die der moderne Irrationalismus anbietet, von Schamanentänzen bis zu den Scientologen, sind gepflastert mit den Bemühungen, „das Gutgefühl des partikularen Ich in den Vordergrund“ zu rücken.

Denn „der Weg vom öden, vereinsamten, ehrgeizigen, auf sich selbst fixierten Ich zum Individuum gelingt nur, wenn das Ich menschliche Vorbilder entdeckt, die seine Sinnesorgane zu einer menschlichen Sinnlichkeit und Vernunft entwickeln können“. Mit so unterschiedlichen Vorbildern wie Hegel, Mozart, Schostakowitsch, Schiller, Lukács, Fromm und Albert Schweizer verdeutlicht Jürgen Meier, wie es möglich sein könnte, zu einer Renaissance des Humanismus oder des Marxismus als eine Lebens- und Weltanschauung zu erreichen.

Fazit

Es ist eine Rundumschau über die Widersprüche, die der Zweckrationalismus in Ökonomie, Politik, Erziehung, Wirtschaft und Kunst diktiert und die Menschen in den ideologischen Gefängnissen der „Sach- und Faktenlage“ einsperrt und ihn davon abhält, sich „als Subjekt und Schöpfer seiner eigenen Geschichte (zu) begreifen“. Es sind die von den kapitalistischen Ideologien geschaffenen und sorgsam gepflegten Pragmatismen, die den Menschen daran hindern, seine eigene „Freiheit des Selbstbewusstseins“ zu entdecken, „in dem das Subjekt sich selbst in seiner Widersprüchlichkeit erkennt und entsprechend der historischen Notwendigkeit handelt“. Meiers Empfehlung: „Auf die Frage, wie das Ich als echtes Individuum denken solle, um nicht den vielen Manipulationen und Irrationalismen des Spätkapitalismus in unserem heutigen Alltag zu unterliegen, kann eigentlich nur (be)antwortet werden: dialektisch-materialistisch!“.

Für das Denk- und Konstruktionsgebäude „Individualismus“ hat Jürgen Meier mit seinen Reflexionen, Argumentationen und Quellenverweisen gegen Zweck- und für Wertrationalismen seine eindeutige Antwort formuliert: „Der Kommunismus als Voraussetzung des Individualismus“. Mit seiner Kritik und seinen Differenzierungen zum klassischen „Kommunismus“ (sprich Bolschewismus) reiht sich der Autor ein in die mittlerweile (doch!) zunehmende Kapitalismuskritik (vgl. z. B. dazu auch: John Holloway: Kapitalismus aufbrechen, Münster 2010, in: www.socialnet.de/rezensionen/10534.php; Christian Stenner, Hrsg.: Kritik des Kapitalismus, Wien 2010, in: http://www.socialnet.de/rezensionen/9013.php). Indem sich Meier darauf beruft, dass das Individuum nur als Gemein(schafts)wesen human existieren und sich weiter entwickeln kann, schließt er an auf den Gemeingüter- und Allmende-Diskurs, wie er insbesondere von der US-amerikanischen Wirtschaftswissenschaftlerin und Nobelpreisträgerin von 1999, Elinor Ostrom, propagiert wird (Elinor Ostrom, Was mehr wird, wenn wir teilen. Vom gesellschaftlichen Wert der Gemeingüter, München 2011, in: http://www.socialnet.de/rezensionen/11224.php).


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 11.08.2011 zu: Jürgen Meier: „Amokläufe zum Ich...“. Der Kommunismus als Voraussetzung des Individualismus. Neue Impulse Verlag (Essen) 2011. ISBN 978-3-910080-74-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11802.php, Datum des Zugriffs 20.10.2019.


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